GEDICHT Dezember 2007

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried,

am 6. Mai 1921 in Wien geboren
und am 22. November 1988
in Baden-Baden gestorben,
ist einer der bekanntesten
Lyriker des 20. Jahrhundert.

 

GEDICHT November 2007

Ich bin bekannt für meine Ironie.
Aber auf den Gedanken,
im Hafen von New York
eine Freiheitsstatue zu errichten,
wäre selbst ich nicht gekommen.

George Bernhard Shaw wird am 26. Juli 1856 in Dublin geboren und
ist erst 1950 gestorben.
Schon als 15-jähriger muss er die Schule verlassen, weil seinen
Eltern das Geld für weitere Bildung fehlt. Er findet eine Anstellung
bei der Edison Telephone Company. In seiner Freizeit besucht er
politische, philosophische und Gewerkschaftsveranstaltungen und
lernt als Redner seine Schüchternheit überwinden und selbständig
denken.

Eines seiner weniger bekannten Werke:

Wegweiser für die intelligente Frau zum Sozialismus und Kapitalismus.
Politische Schrift, erschienen 1928.

Shaw zeigt deutlich seine politische Ideen. Seine ganze
Argumentation basiert auf der Annahme, dass der Kapitalismus
verderbt und unfähig sei, während der Sozialismus vernünftige
und siegesreiche Auswirkungen zeitigen werde. U. a. agitiert der
Autor munter gegen freies Unternehmertum, kapitalistischen Wucher,
Verschwendung menschlicher Arbeitskraft im wirtschaftlichen
Konkurrenzkampf und ungerechte Verteilung des Besitzes, und
plädiert für die Gleichheit aller Einkommen, für staatliche
Wirtschaftsplanung, die Verstaatlichung der Eisenbahnen und
ganz allgemein für eine rationale und zentrale Regulierung
gesellschaftlicher Vorgänge.


 

 

GEDICHT Oktober 2007

I.
Muss jetzt einen Singsang finden
für das bisschen Haut und Knochen,
und den gelben Schierling kochen
und das Seilchen richtig winden.

Jahr war voller Schlangenschlingen,
jeder Tag ein Löwenzähnchen –.
Finger zupft das rote Hähnchen,
bald wird es im Feuer singen.

Jemand hat das aufgetragen,
kam auf schwarzem Wolf geritten,
jemand hat das Seil beschritten
u nd ein Zelt ist aufgeschlagen.

„Sklavin!“ sagt der Augenlose,
mein Gesicht muss vor ihm knieen.
Schierling, Seil und Hähnchen fliehen,
Löwenzahn und Samenrose.

„Jede Stunde ist die erste“ –,
sagt wer mundlos, sät im Winde
taubes Korn für eine Blinde,
blühen wird das Allerschwerste.

II.
Wie gut, dass ich verborgen bin
und niemals wieder sichtbar werde.
Mein Kern – im Widerspruch zur Erde –
begab sich selbst zum Monde hin,
jetzt kannst du ruhig schlafen.
Der Ort, wo wir uns trafen,
war niemals wirklich in der Zeit.
Verzeih mir dies – aus Einsamkeit
herausgeschälte – Wissen.
Vielleicht fühlt sich dein Kissen
trotzdem auch manchmal tauig an,
vielleicht verkündet dir der Hahn
vom Hühnerbaum her oft zu grell,
dass jetzt der Morgen wieder hell
gläsern über deinem Dach
heraufsteigt, während du ganz schwach
und übernächtig bist?
Ich bin es nicht, die dich dann quält,
ich bin die Magd, die Äpfel schält
im Mond und keinen isst.

III.
Wer nimmt den wilden Salbei ins Gemüt
und lebt dann sanfter fort von seiner Farbe?
Vielleicht ein Kind, vielleicht ein stummer Narr,
dem Grün und Blau ein innres Wort ersetzen?

Klar hinterm Staunen fände man den Sinn
der frommen Zahl im schlichten Wiesenklee –.
Was knie ich da und such' das vierte Blatt
und lass' des Staunens Schwelle unbetreten?

So gehen Kind und Törin aus mir fort.
Für sie liegt Glück nicht in gesuchten Dingen –;
ein Stein, ein Halm und einer Rosenkugel
halbblindes Glänzen helfen ihnen lächeln.

Wir waren drei .... Jetzt bin ich eins im Raum,
wo hohle Spiegel alle Bilder brechen:
Da steht der wilde Salbei wie ein Tier,
auf dem die Schwermut durch den Mittag reitet.

IV.
Schwermütig geht mein Herz zur Ruh,
ich tröste es auch nimmer,
der Südwind schlägt die Türe zu und steht
bewegt im Zimmer.

Mit meinen Haaren spielt er zart,
fragt flüchtig, ob ich weine,
und ist schon wieder auf der Fahrt,
bevor ich noch verneine.

Auf einmal glänzt im Apfelbaum
ein Schlüssel, ganz ein gelber,
mein Herz verwendet ihn im Traum
und kommt dann zu sich selber.

Am Dachrand taut das letzte Eis,
das klingt so abgeschieden,
als bete jemand tropfenweis
um seinen Seelenfrieden.

Der Föhn kommt aufgebracht zurück,
verbirgt den Mondesschlüssel,
einschichtig gräbt mein Herz nach Glück
und füllt die Tränenschüssel.

V.
Mir ist es oft, als ob die Erde sich
jetzt atemleise meinem Blick entzöge,
und eine fremde Landschaft tritt für sie,
wie eine Bilderschrift, um alles Schauen.
Wohl weiß ich noch die Namen mancher Dinge
und sage: Wolke, Tauwind, Birnbaum, Mond! –,
doch haftet jedem solche Sanftmut an,
wie früher nur dem Bild der toten Mutter.
Und auch die neue Gegend ist verschlossen,
gleich einem Garten, den ein Herr bewohnt,
der mich erwartet für viel spätre Zeit.
Das lässt mich nun in allem so allein,
dass ich mich manchmal aus mir selber hebe,
um was Vertrautes in den Raum zu tun,
aus dem die Erde atemleise flieht.

 

 

Christine Lavant, 1956

 

GEDICHT September 2007

Ich kann den Blick nicht von dir wenden.
Denn über deinem Mann vom Dienst
hängst du mit sanft verschränkten Händen
und grinst.

Du bist berühmt wie jener Turm von Pisa,
dein Lächeln gilt für Ironie.
Ja ... warum lacht die Mona Lisa?
Lacht sie über uns, wegen uns, trotz uns, mit uns, gegen uns –
oder wie – ?

Du lehrst uns still, was zu geschehn hat.
Weil uns dein Bildnis, Lieschen, zeigt:
Wer viel von dieser Welt gesehn hat –
der lächelt, legt die Hände auf den Bauch und schweigt.

Theobald Tiger 1928

 

 


 

GEDICHT August 2007

Du willst mit mir ein Reich der Sonne stiften
Darinnen uns allein die Freude ziere –
Sie heilige die Haine und die Triften
Eh unsre Pracht und ihre sich verliere.

Dass dieses süsse Leben uns genüge –
Dass wir hier wohnen dankbereite Gäste!
Und Wort und Lied ersinnst du dass gefüge
Die Klagen flattern in die höchsten Äste!

Du singst das Lied der summenden Gemarken –
Das sanfte Lied vor einer Tür am Abend
Und lehrest dulden wie die einfach Starken –
In Lächeln jede Träne schon begrabend:

Die Vögel fliehen vor den herben Schlehen –
Die Falter bergen sich in Sturmes-Toben
Sie funkeln wieder auf so er verstoben –
Und wer hat jemals Blumen weinen sehen?

Aus: Das Jahr der Seele von Stefan George

1868 als Sohn eines Weinhändlers in Bingen am Rhein geboren,
1933 in Minusio bei Locarno gestorben.

George dachte von Jugend an, daß er Dichter werden muß.
Er reiste durch ganz Europa und machte sich mit den modernen
Dichtern, besonders mit den symbolistischen Dichtern Frankreichs,
bekannt. 1892 begann George die Zeitschrift Blätter für die Kunst
und viele junge Menschen sammelten sich um George wie Jünger,
die ihn kultisch verehrten.

Er schrieb nicht sehr viel und fast nur Gedichte. In seiner ersten
Phase waren seine Werke vom Prinzip "l'art pour l'art" (die Kunst
um der Kunst willen) bestimmt, in seiner nächsten Phase wollte
er in seinen Gedichten zeigen, daß der, der Dichter, ein Seher
war, der die Gesellschaft eine antimoderne Ordnung aufzeigt.
Wie viele um diese Zeit war George gegen das Moderne, aber
er wollte nicht zurück zu einer mytischen Heimat, sondern eine
dauernde Herrschaft des Geistes bauen.

Nach dem 1. Weltkrieg schrieb George nur noch wenige Gedichte,
ab 1919 erschienen Blätter für die Kunst nicht mehr. Am Ende seines
Lebens zog sich George in die Schweiz zurück und sagte nichts zu
den Ehrungen, die die Nazis ihm verliehen.


 

 

GEDICHT Juli 2007

Sommer

Am Abend schweigt die Klage
des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht
über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub
der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze
im dunklen Zimmer;
eine silberne Hand
löschet sie aus.

Georg Trakl

Georg Trakl wurde am 3.2.1887 als Sohn
eines Eisenhändlers in Salzburg geboren.
Während seines Pharmaziestudiums in
Wien begann er Gedichte zu publizieren
und schloß 1910 die akademische
Ausbildung ab; anschließend lebte er in
Innsbruck. Im 1. Weltkrieg diente Trakl
als Sanitätsfähnrich. Zerbrochen am
Leiden seiner Zeit, wählte er Anfang
November 1914 im Lazarett von Krakau
den Freitod durch eine Überdosis Kokain.

Trakl gilt als einer der bedeutendsten
Vertreter des österreichischen
Expressionismus. Sein Gesamtwerk ist
geprägt von Schwermut, Trauer und der
Suche nach Gott. Tod, Verfall und der
Untergang des Abendlandes sind
zentrale Aussagen seiner tiefen Lyrik
voller Symbole und Metaphern. Herbst
und Nacht bilden die Leitmotive
seiner Dichtung.

Trakl starb am 3.11.1914 in Krakau.


 

GEDICHT Juni 2007

Der Mensch ist nichts als ein Bündel von Beziehungen.
Die Beziehungen allein zählen für die Menschen.

Antoine de Saint-Éxupéry

 

GEDICHT Mai 2007

Zwei Sprüche des Confucius

I

Dreifach ist der Schritt der Zeit,
zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
ewig still steht die Vergangenheit.

Keine Ungeduld beflügelt
ihren Schritt, wenn sie verweilt.
Keine Furcht, kein Zweifeln zügelt
ihren Lauf, wenn sie enteilt.
Keine Reu, kein Zaubersegen
kann die Stehende bewegen.

Möchtest du beglückt und weise
endigen des Lebens Reise,
nimm die Zögernde zum Rat,
nicht zum Werkzeug deiner Tat.
Wähle nicht die Fliehende zum Freund,
nicht die Bleibende zum Feind.

II

Dreifach ist des Raumes Maß.
....Rastlos fort ohn' Unterlass
....strebt die Länge, fort ins Weite
....endlos gießet sich die Breite,
....grundlos senkt die Tiefe sich.

Dir ein Bild sind sie gegeben,
....rastlos vorwärts musst du streben,
....nie ermüdet stille stehn,
....willst du die Vollendung sehn,
....musst ins Breite dich entfalten,
....soll sich dir die Welt gestalten,
....in die Tiefe musst du steigen,
....soll sich dir das Wesen zeigen,

Nur Beharrung führt zum Ziel,
nur die Fülle führt zur Klarheit
und im Abgrund wohnt die Wahrheit.


Friedrich Schiller


 

GEDICHT April 2007

Frühling

Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen,
Wir wollen wie zwei Kinder sein.
Du hüllst mich in dein Leben ein
Und lehrst mich so wie du zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb
Und Vaterwort und Frühlingsspielen,
Den Fluch, der mich durchs Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen Feind zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein
Und Liebe duft et von den Zweigen.
Du musst mir Mutter und Vater sein
Und Frühlingsspiel und Schätzelein
Und ganz mein eigen.

Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler, eine jüdische Schriftstellerin, lebt in einer Zeit in Berlin, in der ihr die Stadt kein zu Hause bietet. Den Freiraum, den sie zum Leben und Arbeiten braucht, war in einer Hauptstadt der endenden Monarchie, der Weimarer Republik und des aufstrebenden Dritten Reiches nicht zu finden. Die Verneinung der Mutterrolle als ausschliesslicher gesellschaftlicher Platz der Frau und die Ehe als alleinig akzeptierter Lebensraum, politische und religiöse Unterordnung - diese Zwänge waren ihr fremd und unverständlich. In ihren Gedichten leuchten ihre Gegenwelten und nicht gelebten Möglichkeiten auf, ihre Phantasiewelt hat eine Bitternis, die trotzdem in ihrer sprachlichen Schönheit und der Kraft ihrer Bilder atemberaubend ist.

[letzte Bearbeitung:04.2007]

März 2007 RÄTSEL (statt GEDICHT)

Wer reiste denn vor 244 Jahren von einem zum andern durch die EU?

„Zum goldenen Stern“
„Zum goldenen Hirschen“
„Zu den drei Mohren“
„Zum goldenen Rad“
„Zum goldenen Waldhorn“
„Zum Riesen“
„Zum roten Haus“
„Zu den drei Königen“
„Zum Prinzen Friedrich“
„Zum Schwan“
„Zum König von England“
„Zu den drei Sauköpfen“
„Zum goldenen Löwen“
„Zum weißen Ross“
„Zur Lilie“
„Zu den drei Reichskronen“
„Zum goldenen Karpfen“
„Zum englischen Gruß“
„Zum heiligen Geist“
„Zum goldenen Drachen“
„Zum schwarzen Adler“
„Zum wilden Mann“
„Hôtel d'Angleterre“
„Hôtel de Beauvais“
„Au Cormier“
„The white Bear“
„Hôtel à St. Catherine“
„Hôtel St. Sebastian“
„Nieuwe Stadsherberg“
„Hôtel La Ville de Paris“
„Zum goldenen Vlies“
„Hôtel Plaets Royal“
„Zum Falken“
„Zum Schwert“
„Zur Krone“
„Zum goldenen Stern“
„Zum goldenen Hirschen“

Auflösung:

Der Schlingel W.A.M. ist auf seiner Reise
durch Westeuropa 1763 in allen diesen
Wirtshäusern mit den erstaunlich
ähnlichen Namen abgestiegen.

Aufgelistet von Kurt Palm - der auch
einen Sinn für Unsinn hat...

 

 

 

Februar 2007, Fasching

Indisches

Im Gebüsch gestreckt
Ruhet Hindu faul,
Gift'ge Schlange leckt
Gierig sich das Maul.

Nimmt erst Anlauf dann
Springt auf Hindu ein,
Schlägt dem armen Mann
Giftzahn ins Gebein.

Hindu fliehen will -
Glieder sind verkrampft -
Bet't zu Buddha still
Und verscheidet sanft.

Friederike Kempner

Friederike Kempner (1829-1904), der "schlesische Schwan".

Die Gutsherrentochter dichtete unentwegt und unverdrossen, angeblich kaufte die Familie aus Schamgefühl die Auflagen ihrer Gedichtbände auf. Sie war eine große Kämpferin für Menschenrechte, arbeitete als Krankenpflegerin und Sozialarbeiterin. Sie setzte allein die Abschaffung der lebenslänglichen Einzelhaft durch.

 

Jänner 2007

Kommt einer

Kommt einer
von ferne
mit einer Sprache
die vielleicht die Laute
verschließt
mit dem Wiehern der Stute
oder
dem Piepen
junger Schwarzamseln
oder
auch wie eine knirschende Säge
die alle Nähte zerschneidet

Kommt einer
von ferne
mit Bewegungen des Hundes
oder
vielleicht der Ratte
und es ist Winter
so kleide ihn warm
kann auch sein
er hat Feuer unter den Sohlen
(vielleicht ritt er auf einem Meteor)
so schilt ihn nicht
falls dein Teppich durchlöchert schreit –

Ein Fremder hat immer
seine Heimat im Arm
wie eine Waise
für die er vielleicht nichts
als ein Grab sucht.

Nelly Sachs

Nelly Sachs

Am 10.12.1891 in Berlin geboren
Gestorben am 12.5.1970 in Stockholm

Einziges Kind des jüdischen Fabrikanten William Sachs und seiner Frau Margarete hatte sie seit ihrem 15. Lebensjahr brieflichen Kontakt mit Hermann Hesse und Selma Lagerlöf, der sie 1921 ihr erstes Buch „Legenden und Erzählungen“ widmete. Selma Lagerlöf verhalf ihr und ihrer Mutter 1940 zur Ausreise ins Exil nach Stockholm. Hier schrieb sie ihre Gedichte, 1947 erschien der erste Band: In den Wohnungen des Todes. Sie übersetzte schwedische Lyrik ins Deutsche und pflegte ihre Mutter bis zum Tod 1950. Nelly Sachs schrieb ihr lyrisches Werk, um angesichts der Tragödie des jüdischen Volkes das sprachlose Entsetzen zu überwinden. Zusammen mit dem isralischen Dichter Agnon erhielt sie 1966 den Nobelpreis für Literatur.