Dezember 2006

Der Wind brachte uns Trost
In der Bläue spüren wir
Assyrische Libellenflügel

(Ossip Mandelstam) 

 

November 2006

Heute ist Reigen und Reigen und Reigen.
Licht ist Strahlen und Strahlen und Strahlen.
Dieser Liebe wird gehorcht, gehorcht, gehorcht.
Vom Verstand nimmt man Abschied und Abschied und Abschied.
Heut ist Reigen, Tanz ist, Tanz ist, Tanz!

Rubai von Dschalaluddîn Rûmi <1207-1273>

 

Oktober 2006

Ein kleines Lied, wie geht's nur an,
dass ich so lieb es haben kann,
was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang
und eine ganze Seele.

Wer die Dichterin kennt, schreibe mir – beate.neunteufel-zechner@onb.ac.at – ihren Namen und bekommt dann ein noch viel schöneres Gedicht dafür!

 

September 2006

KARDINALFEHLER

Sich messen an Päpsten
und Gläubigen, selber
zum Papst und zum Gläubigen
nicht bestellt, ein ungläubig
erhobener zu sein, dem auch Lumpen
scharlachrot werden, dem Mützen
wegfliegen und kein Hut steht
satanische Existenz

(Aus: INGEBORG BACHMANN: Ich weiß keine bessere Welt. Unveröffentlichte Gedichte. - München, Piper 2000)

August 2006

Kunst und Natur

Da sitzt der berühmte Mann.
Er schaut der unbekannten Frau nach.
Der berühmte Mann muss seufzen,
als die unbekannte Frau lacht.

Die macht ja alles zunichte,
was er je geschrieben:
Sein Werk mag man schätzen, aber
ihr Lachen muss man lieben.

Robert Gernhardt - aus: Reim und Zeit & Co. - Stuttgart: Reclam 2000

 

Juli 2006

Gemeinsame Gegenwart

I

Aufklärer wie spät erscheinst du
Der Baum hat Blatt um Blatt seine Krone gezüchtigt
Die hasenschartige Erde hat das ergebene Lächeln geschlürft
Ich hörte dich bei Morgengraun das Fenster erklimmen
Wo sich zerkrümelt über gleichgültigen Hunden
Das makellose Versuchsbild des Verbrechens das schon Fossil wird
Wer leiht dem Wohlwollenden das Raunen des Widersachers
Dem Unüberlegten das Schicksal des Meuterers?
Das Unmenschliche hat sich nicht sklavisch bekehrt
Zum Ladentisch der entzückenden Worte
Unkenntlich umschleicht es den Umriss der Pfützen
Und herrscht kraft seines Bluts
Wachend über seine Vernunft seine Liebe seine Beute sein
Vergessen seine Auflehnung seine Gewissheit

Übersterntes Gebälk
Sind sie derart verliebt in ihren eigenen Tod
Dass sie bei Lebzeiten, tödlich selber, sich nie
Ihm entreißen können, hinweg über seine Ufer....

II

Es drängt dich zu schreiben
Als ob du mit dem Leben im Rückstand wärst
Wenn es so ist dann geh deinen Quellen nach
Eile dich
Eile dich weiterzugeben
Was dein ist an Wunder Wohltun und Rebellion
Wirklich du bist mit dem Leben im Rückstand
Dem unsäglichen Leben
Dem einzigen schließlich dem du dich vereinen magst
Das dir von Menschen und Dingen täglich verweigert wird
Von dem du mühsam hier und da ein paar magere Bruchstücke findest
Nach unerbittlichen Kämpfen
Sonst aber ist alles nur unterwürfige Agonie grober Zweck
Triffst du den Tod indes du dein Feld bestellst
So empfang ihn wie der feuchte Nacken das trockene Schweißtuch begrüßt
Willig dich beugend
Möchtest du lachen
So biete deine Ergebenheit an
Nie deine Waffen
Du bist für ungewöhnliche Augenblicke geschaffen
Wandle dich zieh dich klaglos zurück
Wie immer die sanfte Härte dich leitet
Weiter geht Stück für Stück der Totalausverkauf der Welt
Ununterbrochen
Unbeirrt

Streue den Staub nur aus
Keiner je enträtselt dass ihr eins seid.

AUS: René Char: Und der Schatten der Sanduhr begräbt die Nacht (Berlin: Volk und Welt, 1988, zweisprachige Ausgabe, aus dem Französischen nachgedichtet von Paul Celan, Peter Handke, Gerd Henniger, Johannes Hübner, Lothar Klünner, Klaus Möckel, Jean-Pierre Wilhelm)

 

Juni 2006

Ende der Handschrift

Neuerdings wenn ich etwas aufschreiben will
Einen Satz ein Gedicht eine Weisheit
Sträubt meine Hand sich gegen den Schreibzwang
Dem mein Kopf sie unterwerfen will
Die Schrift wird unlesbar
Nur die Schreibmaschine
Hält mich noch aus dem Abgrund dem Schweigen
Das der Protagonist meiner Zukunft ist

Heiner Müller, 1995

 

Mai 2006

Lied von der Käuflichkeit des Menschen

Ins Himmelblau die Rohstoffpreise steigen
Als holde Boten junger Konjunktur.
Der Markt belebt sich schon, und schamhaft zeigen
Sich zarte Triebe börslicher Natur.
Und bleibt die billigste in jedem Land:
Das ist die Ausschussware „Mensch“ genannt.

Der Mensch kommt heutzutag im Durchschnittspreise
Auf zehn Pfund Sterling nur pro Exemplar,
Die Liefrungskosten spart er klugerweise,
Er liefert selbst sich aus mit Haut und Haar.
Ja, er verkauft sich fertig appretiert,
Mit seiner Menschenwürde ausstaffiert,
Und bist du, Käufer mit den Mitteln knapp,
So kauf sie auf Kredit und stottre ab.

Und kannst du weder heut noch morgen zahlen,
Kauf ruhig weiter, kauf sie massenweis.
Zahl statt mit Geld mit faulen Idealen,
Der Mensch verschleudert sich um jeden Preis.
Denn seinesgleichen gibt es viel zu viele,
Er weiß es selbst und handelt auch danach
Und kennt den Kurs im großen Börsenspiele;
Der Geist ist billig, und das Fleisch ist schwach.

Die Rechnung stimmt nicht ganz, du Mann vom Fach,
Du überschätzt des Gläubigers Geduld.
Hast du kein Brot für uns, hast du kein Dach,
Stehn fordernd wir vor deinem Rechenpult.
Der Schuldner löst den Wechsel niemals ein,
Die Ware Mensch will nicht mehr Ware sein.

Aus: ASTORIA von Jura Soyfer, 1937

 

April 2006

Ich.

Die Ehre hat mich nie gesucht;
Die hätte mich auch nie gefunden.
Wählt man in zugezählten Stunden
Ein prächtig Feierkleid zur Flucht?

Auch Schätze hab' ich nie begehrt.
Was hilft es, sie auf kurzen Wegen
Für Diebe mehr als sich zu hegen,
Wo man das Wenigste verzehrt?

Wie lange währt's, so bin ich hin
Und einer Nachwelt untern Füßen;
Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?
Weiß ich nur, wer ich bin.

Gotthold Ephraim Lessing

 

März 2006

Das Schneeglöckchen

Vom Schnee bedeckt sind alle Wiesen,
eisiger Wind darüberfegt.
Noch können Schneeglöckchen nicht sprießen,
ich aber such eins, unentwegt.

Und immer glaub' ich, es wär' möglich,
entfern ich nur die eis'ge Schicht,
die Blume mir zu hol'n unsäglich
vorsichtig an des Tages Licht.

Und diese Hoffnung, die ich hege,
das Wunder bliebe doch nicht aus,
sie treibt mich täglich ab vom Wege
ins tief verschneite Feld hinaus.

Ich glaub' daran, dass unterm Eise,
wenn auch noch mit gesenkter Stirn,
der Frühlingswiese Triebe leise
den Kampf mit Schnee und Winter führ'n.

Dies Wunder lass' ich mir nicht rauben,
auch wenn ich selber es ersann,
ich muss ganz einfach daran glauben,
damit ich
           hoffen,
                     träumen,
                               aufrecht leben kann.

Von Rimma Kasakowa
(aus dem Russischen von Ruth Scheurer)

 

Februar 2006

Easygoing Chick

I don't care if you won't hug me
'Cause I won't feel too much anyway
And I don't care if you think of someone else,
when you try to make love to me
Oh, I don't mind if you're hurting me – you see I'm not too sensitive
And don't you bother dare to caress me while you use me
It don't give me such a thrill

See, I'm smiling!
I'm not complaining!
I'm an easygoing chick!
I need some entertainement tonight,
anything will do,
the rest is up to
my fantasy
It never let's me down

Baby, baby, baby, don't you shave your face,
it feels like a sanding to my skin
And of course you don't have to wrap a rubber ‘round your big dick
leave all those fuckin' troubles to me,
I'll handle that, I'll take care of that
it's my problem, I know that it's my problem,
but thanks for telling me!

I'll be the empty shell,
that you can take and fill up to the top
The rest is up to me
Don't bother to caress me while you use me
Don't caress me
It don't give me such a thrill

See, I'm smiling!
I'm not complaining!
I'm an easygoing chick!
I need some entertainment tonight,
anything will do,
the rest is up to
my fantasy
It never let's me down
Don't let me down, don't let me down, never let me down

I'm an Easygoing Chick
Easygoing chick
Easygoing chick

Text und Musik von Agnes Heginger, aufgenommen auf ihrer ersten CD „tanzen“, Vertrieb: www.hoanzl.at

 

Jänner 2006

ENGEL SAH ICH GESTERN NACHT IM TRAUM

Engel sah ich gestern Nacht im Traum
Schenkentüren schlagen, und aus Ton
formten sie den Erdensohn,
tranken danach auf sein Wohl.
Und des Himmels Bürger zechten mit
mir, dem Bettler, der am Wege sitzt.
Dem Himmel wurde die anvertraute Last zu schwer,
ich, der Närrische, bin ausersehen, sie zu tragen.
Jenen, die um Lehren Kriege führ'n, vergib!
Sähen sie die Wahrheit,
schlügen sie wohl nicht den Irrweg ein.
Lob sei Gott, dass er sich mir versöhnt!
Sufis haben tanzend ihm dafür gedankt.
Das ist Feuer nicht, in dem die Kerzenflamme
sich als Lächeln zeigt;
jene Glut ist wahre Glut erst,
deren Sein den Schmetterling verbrennt.
So wie Hafis weiß es keiner,
heimlichste Gedanken bloß zu legen,
seit die Feder der Rede Scheitel kämmt!