Dezember 2005

Werbung,

um jeden werb ich
und keinen gewinn ich,
um den Straßenbahnschaffner
der vor mir die Tür einschnappen
lässt, um den Postboten,
der zu laut
läutet, um jeden
werb ich, ich brauch
ein Heer von Menschen
um sie lieben zu können,
es ist gefährlich, die Menschen
zu lieben, ein Verbrechen
sich aufzudrängen

Ingeborg Bachmann, Unveröffentlicht

 

November 2005

Häuser gegen Etuis

Der Neoliberalismus hat alle Sozialverträge aufgekündigt.
Ich kann mich nicht mehr zu dir hinlegen und annehmen,
da gäbe es Verträge und Gesetze für das, was wir miteinander tun.
Wir lieben uns längst an irgendwelchen Gesetzen vorbei.
Wir fließen längst an allen Gesetzen vorbei, grenzenlos wie das Kapital,
aber warum gibt es in uns, anders als beim Geld,
bei dem grenzenlosen Kapital, diese nervliche Anspannung?
Warum sind wir soviel gestresster als Geld,
oder leiden an irgendwelchen Widersprüchen oder Widerständen
und produzieren Stress und diese stressigen Krankheitsbilder?

Lässt sich zeigen, wie wir leben?
Und nicht nur, wie wir leben wollen?
Lässt sich zeigen, wie wir als ein Chaos
Von Selbsttechnologien agieren?
Ich bin eben kein Star mehr
im Sinne des europäischen Individualismus....

Du darfst das nicht tun,
mir die Illusion von einer Liebe,
oder einer bürgerlichen Liebe
oder einer blöden Liebe nehmen.
Das brauch ich hier,
so als Ersatz für Solidarität und so!
Das bringt uns beiden was,
wenn wir hier Solidarität in unsere Sexualität integrieren.
Glaub mir!

von René Pollesch
Das ist natürlich kein Gedicht im eigentlichen Sinn, sondern ein Ausschnitt aus einem Theaterstück, das in der Spielzeit 2004/2005 im Burgtheater im Kasino zu sehen ist. Es spielen die Damen: Stefanie Dvorak, Johanna Eiworth, Sachiko Hara, Libgart Schwarz, Elisa Seydel – und sie spielen poetisch berauschend! Ich war da und empfehle Euch sehr auch hinzugehen und Euch verwirren zu lassen!

 

Oktober 2005

Lascaux von René Char

I – Toter Vogelmensch und sterbender Bison

Schlanker Leib, in dem herrisch Begeisterung wohnte,
nunmehr senkrecht zur verwundeten Bestie.

O fühllos getöteter!
Von ihr getötet, die alles war und, wiederversöhnt, stirbt;
er, Tänzer des Abgrunds, Geist, immer vor der Geburt,
Vogel und perverse Frucht der Magien, grausam gerettet.

II – Die schwarzen Hirsche

Die Wasser sprechen zum Ohre des Himmels.
Hirsche, ihr habt den tausendjährigen Raum übersprungen,
vom Felsendunkel zum Kosen der Luft.

Der Jäger, der euch hetzt, der Genius, der euch sieht,
wie ich ihre Leidenschaft liebe von meinem weiten Gestade!
Und hätte ich ihre Augen im Augenblick, da ich hoffe?

III – Das unnennbare Tier

Das unnennbare Tier beschließt den Zug der graziösen Herde
wie ein grotesker Zyklop.
Acht Späße bilden seinen Schmuck, zerteilen seine Verrücktheit.
Das Tier rülpst andächtig in die ländliche Luft.
Seine vollgestopften und fallenden Flanken sind schmerzvoll,
wollen sich der schwangeren Fülle entleeren.
Von seinem Huf bis zu seinen nichtigen Hörnern ist es
eingehüllt in Gestank.

So erscheint mir auf dem Fries von Lascaux, Mutter,
phantastisch vermummt,
die Weisheit mit Augen voll Tränen.

IV – Junges Pferd mit dampfender Mähne

Schön bist du, Frühling, Pferd,
wie du den Himmel mit deiner Mähne besäst,
das Röhricht mit Schaum bedeckst!
Alle Liebe liegt in deinem Bug:
von der weißen Dame Afrikas
zur Magdalena mit dem Spiegel,
das Idol, das kämpft, die Anmut, die meditiert.

 

September 2005

im delikatessenladen

bitte geben sie mir eine maiwiesenkonserve
etwas höher gelegen aber nicht zu abschüssig
so, daß man darauf noch sitzen kann.

nun, dann vielleicht eine schneehalde, tiefgekühlt
ohne wintersportler. eine fichte schön beschneit
kann dabeisein.

auch nicht. bliebe noch - hasen sehe ich haben sie da hängen.
zwei drei werden genügen. und natürlich einen jäger.
wo hängen denn die jäger?

Ernst Jandl

August 2005

Mit herzlichen Sommergrüßen!

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wisst ihr,
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:

Das raffinier-
te Tier
tats um des Reimes willen.

Christian Morgenstern

 

Juli 2005

Der verschwundene Mond (Sergej Jessenin)

Die Wolke, wie eine langschwänzige Maus,
schnappte zu und wehte vorbei.
Der Mond glitt hinter dem Hügel heraus
wie ein zerschlagenes Ei.

Die Sonne blickt' früh in den Brunnen der Seen –
verdutzt, weil den Mond sie nicht sah.
So blieb sie kurz vor dem Hügel stehn
und rief, doch kein Mond war da.

Der Fischer am Fluss, der den Ruf vernahm,
dachte ein Späßchen sich aus.
Das Spiegelbild, das ihm entgegen kam,
fischte er mit den Händen heraus.

Verschnürte es gut und drückt' noch einmal
mit den Knien die Ohren an
und band es an einen goldenen Strahl
der Sonnenwimpern sodann.

Die Sonne blickte zum Himmel hinauf
„Wie schwer fällt die Arbeit mir!“,
doch plötzlich riss etwas die Lider ihr auf,
da sah sie: der Mond war hier.

Die Freude sprang aus den Augen ihr wild,
doch auf einmal – der Strahl riss ab
und schließlich rutschte das Spiegelbild
vom Hang auf die Wiese hinab.

Die Sonne erschrak, doch der Alte lacht',
dass es dröhnte wie Donner im Rund.
Als blaue Taube das Licht der Nacht
Flog ihm in den offenen Mund.

[1917?] veröffentlicht 1918 (Übersetzt von Annemarie Bostroem)

 

Juni 2005

lichtung
ernst jandl

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!

 

Mai 2005

Schritte
Elfriede Gerstl (1967)


Ich habe Schritte getan
ich habe Schritte unterlassen
ich habe das Unterlassen unterlassen
aus Bequemlichkeit bin ich fort und fort geschritten
wohin soll mich das führen.

Ich könnte mich auch liegenbleibend
was duftes Philosophisches fragen
(woher komm‘ ich / wohin geh‘ ich / warum bin ich ich)
und bei Haschisch und Sauerkohl
mein Leben beschließen.

Kein Fortschritt wenn ich mich gehen lasse
kein Rückschritt wenn ich mich liegen lasse
auf blaue Nebel fehlt mir der Appetit
ferne Ziele liegen mir fern
ich kokettiere nicht mit der Wahrheit
ich bin nicht klein genug für den Größenwahn.

Ich übe mich im Spazierengehen in den vernünftigen Grenzen
mal umsehen
mal Brillen wechseln
meine Schritte bilden ein Muster
mit der Zeit gehe ich genauer.

Elfriede Gerstl, geboren 1932 in Wien, überlebte als jüdisches Kind die Nazizeit in verschiedenen Verstecken. Jahrelang eine Randfigur der Wiener Literaturszene, erhielt sie 1999 für ihr literarisches und essayistisches Werk den Georg Trakl- und den Erich Fried-Preis.

 

April 2005

Wie soll ich mich nennen?

Einmal war ich ein Baum und gebunden,
dann entschlüpft ich als Vogel und war frei,
in einen Graben gefesselt gefunden,
entließ mich berstend ein schmutziges Ei.

Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,
woher ich komme und wohin ich geh,
ich bin von vielen Leibern besessen,
ein harter Dorn und ein flüchtendes Reh.

Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an dem Stamm ....
Wann begann die Schuld ihren Reigen,
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?

Aber in mir singt noch ein Beginnen
- oder ein Enden - und wehrt meiner Flucht,
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.

Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein ....
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.

Ingeborg Bachmann