OFFENER BRIEF EINES LEHRERS AN WILHELM MOLTERER

Wien 12.11.2007

Sehr geehrter Herr Vizekanzler!
Sehr geehrter Herr Finanzminister!

Ich bin einer der Lehrer, denen Sie dieses Wochenende in aller Öffentlichkeit einen fürsorglich moralisierenden Brief geschrieben haben, damit wir auch weiterhin „den jungen Menschen, die uns anvertraut sind, eine gute Schulzeit und vor allem beste Chancen im weiteren Leben ermöglichen … mit großem fachlichen und pädagogischen Wissen, oft mit Humor, manchmal mit Strenge. Und immer mit Herz“.

Sie haben als ÖVP-Politiker jahrelang die Stundenkürzungen und den Personalabbau von Schüssel-Gehrer mitgetragen. Heute führen Sie Gesprächen mit LehrerInnen und Lehrern und wissen nun, „dass der Schulalltag nicht immer einfach ist“ und „die Lebensumstände sich geändert haben“ . LehrerInnen und SchülerInnen haben die Folgen der Einsparungen zu spüren bekommen. PISA und andere Studien zeigen, wohin diese Politik geführt hat. Wo bleibt Ihre Einsicht in bildungspolitische Notwendigkeiten, wo Ihr christlich-soziales Gewissen angesichts einer Schul -„Organisationsform“, die soziale Auslese bewirkt?

Sie schreiben, dass Sie „hart arbeiten “ an Ihrer „Bereitschaft, das Bildungssystem weiterzuentwickeln“ . Eine „Organisationsform“, die den geänderten Lebensbedingungen von SchülerInnen und Eltern Rechnung trägt, blockiert die von Ihnen geführte ÖVP immer noch.

Von Ihnen als Vizekanzler und Finanzminister brauchen Lehrerinnen und Lehrer keine Belobigungen und keine Appelle, sondern die Bereitstellung der erforderlichen Budgetmittel für die Schule und für Schulreformen, die auf qualitative Verbesserungen für alle Kinder abzielen, auf individuelle Förderung und soziale Integration.

Wenn Sie tatsächlich wollen, dass wir LehrerInnen für den „wichtigsten Dienst an der Gesellschaft “ die „entsprechende Anerkennung in der Öffentlichkeit und vor allem von der Politik erfahren“ , dann schreiben Sie keine Briefe, sondern sorgen Sie für ein Budget, in dem Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst vorgesehen sind, mit denen geleistete Arbeit, Inflation und Wirtschaftswachstum abgegolten werden. Sorgen Sie dafür, dass die 10-semestrige Universitätsausbildung aller LehrerInnen nicht daran scheitert, dass Sie und Ihre Regierungs-kollegInnen für eine bessere Entlohnung der Volks- und HauptschullehrerInnen nichts übrig haben.

 

Sehr geehrter Herr Finanzminister,

sogen Sie dafür, dass dem Bildungsbereich endlich die Budgetmittel zukommen, die eine menschenfreundliche, weltoffene Schule braucht. Bildung kostet, aber: Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt.

 

Glück auf, trotz alledem!

Reinhart Sellner, Lehrer und Mitglied der ARGE LehrerInnen in der GÖD – Unabhängige GewerkschafterInnen-ÖLI/UG – reinhart.sellner@blackbox.net

 

ps: Kopie geht an Ministerin Bures, die grad in Gehaltsverhandlungen mit dem öffentlichen Dienst und damit auch mit den LehrerInnen steht.