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14. ÖGB-Bundeskongress
Was beschlossen werden musste, wurde beschlossen
Atmosphärisch wohltuend ging es uns am Bundeskongress.
Das ÖGB-Kongressritual lief umso geschmierter entlang der Richtlinien
ab, die die ÖGB-Spitze wahrscheinlich schon vor Monaten beschlossen
hatte.
Von Karl Fischbacher.
Kollege GPA-Vorsitzender Salmutter teilte
mir vor rund zwei Jahren einmal (auf einer Veranstaltung des bfi)
seine Mitgefühle über das undemokratische Verhalten der
GÖD-Führung gegenüber uns Unabhängigen GewerkschafterInnen
mit. Er verstehe die GÖD-Führung nicht, wo doch die UG
in der GPA (AUGE) schon seit vielen Jahren in allen Gremien dabeisitzen
könne ... Da provoziert also auf der einen Seite die bockige
"schwarze" GÖD völlig unnötig immer wieder Unruhe
in den Gewerkschafterreihen (wie auch auf dem 14. ÖGB-Kongress,
wo unsere RednerInnen nach jedem Beitrag in einem Schlusssatz von
der GÖD die UG-Anerkennung einforderten). Und in der GPA? Ja,
so kam Salmutters Mitgefühl damals im bfi bei mir an: Lassen
wir sie doch bei uns dabeisitzen, um so demokratischer schaut's
dann aus, wenn die sozialdemokratische (Spitzen-) Gewerkschafter
bestenfalls in Absprache mit den "Christlichen" ihre ÖGB-Politik
durchziehen ...
Sozialpartnerschaftsbettelei statt Kampfbereitschaft
2)
Der erste Tag eines ÖGB-Kongresses ist gerade in Österreich
traditionell von tiefen Glaubensbekenntnissen zur Sozialpartnerschaft
geprägt. Der Dienstag mit den Häupl, Hostasch und Klima
samt Verzetnitsch war indes schon ein richtiggehendes Hochamt. Wie
nicht anders zu erwarten, zogen sich die sozialpartnerschaftlichen
Liturgien bereits durch alle Leitanträge des Bundesvorstandes,
die mit Ziffer 1 (muss der Bundesvorstand vorrangig durchsetzen)
vorgeschlagen und rituell auch so abgestimmt wurden. Die gewerkschaftlichen
Bekenntnisse haben jedoch 1999 einen besonders starken Touch des
eindringlichen bis bettelnden Einforderns gehabt: Ihr Strohsäcke
und globalen Finanzmagnaten, verdammt noch einmal, setzt euch doch
weiter mit uns an einen Tisch! Strohsack (Stronach) war nicht anwesend,
aber auf dem 14. ÖGB-Kongress allgegenwärtig. Dass
sie international schon längst von den Conti oder Michelin
links liegen gelassen werden, sind die ÖGB/EGB irgendwie schon
gewöhnt. Dass 45 Prozent der ArbeiterInnen (einschließlich
der FacharbeiterInnen) bei den Nationalratswahlen die gewerkschaftsfeindliche
FPÖ gewählt hatten, war auf dem ÖGB-Kongress ein
nicht-verbalisierter Schock. Dass aber nun auch schon in Herzbetrieben
der österreichischen Industrie das ÖGB-Monopol gestürzt
wird, erregte den Saal fast die ganze Kongresswoche. In diesen Erregungen
über Strohsack kam letztlich trotz aller bunten, schönen
Videoclips zum Ausdruck, dass sich eine große Anzahl der ÖGB-KongressdelegiertInnen
sehr wohl darüber bewusst ist: Der ÖGB steht heute in
der lohnarbeitenden Klasse und in den Betrieben mit dem Rücken
zur Wand!
Wieder eine Chance vertan ...
Angesichts dieser Einschätzung der gewerkschaftlichen Tristesse
war die Botschaft, die der ÖGB (besser: die ÖGB-Führung)
auf diesem 14. Bundeskongress in die Welt hinaustrug, ... mickrig!
"35-Stundenwoche", "Aktion Fairness" und "1000 Euro Mindestlohn"
sind bekanntlich die 3 Hauptachsen des ÖGB, die für die
nächsten Jahre beschlossen waren und beschlossen wurden. Selbst
Verzetnitsch musste in seiner Eröffnungsrede eingestehen, dass
die Forderung der 35-Stundenwoche ein Kalauer sei. Doch jetzt, gleich
im Jänner, würde man eine eigene Konferenz zur Umsetzung
der 35-Stundenwoche einberufen ... Dem GLB war es vorbehalten, sich
darüber zu begeistern und er werde seine ganze Kampfkraft in
diese Konferenz hinein tragen ... Natürlich werden auch wir
von der UG dort sein. Aber was soll das - nach rund 20 Jahren 35-Stundenwochenforderungen
des ÖGB? Gefordert wurde genug! Eine klare Botschaft des 14.
Bundeskongresses fehlte wieder einmal, wie es sich eigentlich für
eine Hauptachse gehören würde: Seine ganze Macht einzusetzen,
in der nächsten Zeit (zumindest) die 35-Stundenwoche bei vollem
Lohn (in einem Kollektivvertrag) zu erzwingen. Rundherum hätten
die Bürger und Unternehmer verstehen müssen: Der ÖGB
meint's ernst! Nichts von all dem!
Was es so mit den Ziffern auf sich hat
Die Ziffer 1 war also den Leitanträgen vorbehalten - und allen
Gewerkschaftsanträgen, die erstens nicht Edlingers Budget anknabberten
und zweitens kein gesellschaftlicher "Sprengsatz" waren. So erlebte
ich die Antragsprüfungskommission (APK) schon vor dem Kongress.
Gewerkschaftsanträge über Ausweitung von Notstandshilfe-
oder Arbeitslosengeldzahlungen u. ä. erhielten somit die "Ziffer
3". Nein, nicht Ablehnung! Ziffer 3 hieß Zuweisung an den
Vorstand. Abgelehnt wurde auf dem 14. Bundeskongress nämlich
kein einziger Antrag! Die fast schon penetrante Betonung durch APK-Vorsitzenden
Hundstorfer, dass die Ziffer 3 kein "Begräbnis 1., 2. oder
3. Klasse" bedeute, legte es allerdings nahe, dass es dann eben
eines vierter Klasse sei. Denn warum lehnte die ÖGB-Spitze
dann z.B. nicht den Antrag der GKMfB für das "Kommunale Wahlrecht
für Zuwanderer" ab? Das sei "ein Sprengsatz", darauf könne
sich der ÖGB nicht einlassen, teilte mir Koll. Hundstorfer
mit und gab dem Antrag ... Ziffer 3!
Das Ziffernsystem des ÖGB-Kongresses regelte jedenfalls konsequent
die Hierarchie der Leitanträge des Bundesvorstands absolut
über den Gewerkschaftsanträgen. Die kleine GKMfB kam da
natürlich nicht dagegen an (die Vorsitzende [!] der Journalistensektion,
Astrid Zimmermann, bekam auf dem Bundeskongress nicht einmal ein
Delegiertenmandat). Aber die Gewerkschaft Handel Transport Verkehr
hätte da schon viel mehr Gewicht gehabt, ihrem vorzüglichen
Antrag gegen Arbeitszeitflexibilisierung die Ziffer 1 anstatt Ziffer
2 zu geben (Ziffer 2: der Antrag sei bereits in einem Leitantrag
enthalten). Denn in den Leitanträgen ist teilweise das gerade
Gegenteil des HTV-Antrags enthalten, wenn etwa in den "Wirtschaft
statt Herrschaft"- und "Einkommen statt Almosen"-Leitanträgen
"vorübergehenden Veränderungen der wöchentlichen
Normalarbeitszeit" bzw. "höherer Flexibilität" das Wort
gesprochen wird. Die Metaller unter Nürnberger haben sodann
auch gleich bei den Kollektivvertragsverhandlungen die Flexibilisierung
und die Ausdehnung des Durchrechnungszeitraums der letzten KV-Runde
für "unbefristet" erklärt. Und eines ist klar, die Sozis
der GHTV wollen natürlich jenen der GMBE nicht irgendwas am
Zeug flicken. Fraktionsdisziplin ist das, wo offenbar dringende
Wünsche aus den Betriebsrätereihen der Gewerkschaften
und von Belegschaften, dass endlich Schluss gemacht werden soll
mit 9 bis 10-stündigen "Normalarbeitstagen" (wie's halt gerade
der Unternehmer wünscht), fraktionell nieder gebügelt
werden.
Und wieder hatte der ÖGB eine zentrale Botschaft an die Lohnarbeitenden
versäumt. Mehr als 8 Stunden Lohnarbeit gilt als gesundheitsschädlich.
Natürlich kann heute nicht sofort die stringente Arbeitswoche
eingeführt werden. Aber konsequente Gewerkschaftspolitik müsste
zumindest den Durchrechnungszeitraum der Arbeitszeit wieder zu verkleinern
versuchen. Wir Unabhängige GewerkschafterInnen treten schon
längst für die 30 bis 32-Stundenwoche ein. Doch der ÖGB
dürfte auf der 35-Stundenwoche-Konferenz im Jänner - bestenfalls
- die 35-Stundenwoche mit alten und neuen Flexibilisierungen angehen.
Wenn der 14. Bundeskongress überhaupt eine Botschaft an die
ArbeiterInnenschaft abgegeben hat, dann war es diese demotivierende:
Dass Arbeitszeitverkürzung nur noch mehr Arbeitsstress bedeutet!
"Die werden erst begreifen, wenn das letzte Mitglied
davongelaufen ist" (Gewerkschafteraussage an
der stets voll besetzen Bar vor dem Konferenzsaal)
Bei den Leitanträgen übernahmen wir in der Frage des
Mindestlohns die Frauenforderung von 15.000 S. In den Bundesvorstandsanträgen
standen jedoch "1000 Euro" (13.800S) - "eine schöne runde Summe"
und 15.000 wären "visionär" (Leutner). 15.000 seien jedoch
der Frauenantrag und zweifelsohne eine noch schönere runde
Summe, war meine Meinung in der APK. Selbstverständlich wurden
dann die 1000 Euro angenommen ... Viel Visionäres war somit
vom ÖGB erst recht nicht beim Internationalen zu erwarten.
In einem Redebeitrag stellte ich fest, dass der ÖGB und EGB
seit dem EU-Gipfel in Amsterdam 1997 in Europa nicht mehr als Kraft
präsent war. Die großen sozialen, finanziellen und ökologischen
Fragen könnten indes nur mehr international gelöst werden.
Vor Amsterdam wurde bekanntlich - auch vom ÖGB beschickt -
z.B. in Brüssel international demonstriert. Nur ihren kleinen
Finger haben da die Gewerkschaften sozusagen bewegt und damit immerhin
verstärkte EU- und nationale budgetäre Anstrengungen für
die Beschäftigungssituation mitbewirkt (NAP). Doch seitdem
konzentrieren sich EGB und ICFTU (Internationaler Verband Freier
Gewerkschaften) auf eine "Reform" der EU und wollen IWF und Weltbank
dazu bewegen, "ihre Politik zu überdenken" (ICFTU, Ende Jänner
1999 in Davos). Was soll jedoch am "Turbokapitalismus" reformiert
werden, fragte ich die DelegiertenInnen. Was sollen Politiker und
Institutionen, die diesem Turbokapital die Freiheiten gesetzlich
zurecht gezimmert haben, überdenken? So logisch es auch ist,
dass nur eine Gewerkschaftsbewegung den Turbokapitalismus einbremsen
könnte, die allen klar macht, gegebenenfalls auch die Lean-Production-
und Bankenverbindungen international zu blockieren, so utopisch
klingt das heute. Gerade nach diesem 14. ÖGB-Bundeskongress!
1) Gemäß Stimmenanzahl
bei den letzten PV-Wahlen und dem ÖGB-Statut wären uns
in der GÖD drei ordentliche DelegierteInnen zugestanden. Wir
erhielten letztlich nicht einmal einen Gastdelegiertensitz zugestanden,
womit Kurt Muck nicht reden durfte
2) Einen solchen Titel halte ich sozusagen für
einen Nachbereitungs-Arbeitskreis des ÖGB-Kongresses für
zutreffender als die Vorbereitungs-Arbeitskreise mit sinnigen Titeln
wie "Wirtschaft statt Herrschaft", "Gemeinschaft statt Egoismus"
etc.
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