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ÖGB-Kongress 2003

 

Menschen sind unsere Stärke ...

Nicht weniger als 14 UG-lerInnen haben im Zuge der Diskussionen am ÖGB-Kongress das Wort ergriffen. Hier Auszüge aus den Debattenbeiträgen.

 

... Ein Beispiel ist das Gesundheitswesen. Die Kommunen ziehen sich aus den Krankenanstalten zurück und Private beginnen zu übernehmen. Geiz ist geil, Sparsamkeit immer gut - dieser Trugschluss von der Effizienz der Privaten kann ein böses Erwachen hervorrufen. Denn wo kann schon gespart werden im Gesundheitswesen wenn nicht beim Personal und in Folge bei den PatientInnen? Wenn wir da nicht sehr aufmerksam bleiben, dann gibt es gute Betreuung und Zugang zur Medizin bald nur mehr für Wohlhabende.
Gerade jetzt sollen in Wien - im sozialdemokratischen Wien - zwei Magistratsabteilungen aufgelöst werden und zum grossen Teil in den Fonds Soziales Wien ausgegliedert werden. Die Magistratsabteilungen sind die MA 12 (Soziales) und die MA 47 (Betreuung zu Hause). Der Fonds Soziales Wien ist ein Verein im Besitz der Stadt. Er existiert schon seit einigen Jahres und bis jetzt ist es nicht gelungen dort für die neu eingetretenen KollegInnen (inzwischen die Mehrheit) eine Betriebsvereinbarung über die Gehaltserhöhungen zu erreichen. Dieser Fonds soll die soziale Arbeit in Wien effizienter gestalten. Verlasst euch drauf, er wird es tun.

Von Lisa Langbein. >> Info zur Autorin 

 

... Apropos Streik. Vor vier Jahren habe ich am ÖGB-Kongress über die Identitätsprobleme vieler GewerkschafterInnen gesprochen. Über Selbst- und Fremdbild und darüber, wie die Gewerkschaftspolitik aussehen müsste, dass man sich nicht dafür genieren muss.
Kurz hat es so ausgesehen, als gingen meine Träume in Erfüllung. Der ÖGB wurde kämpferischer, konsequenter. Die große Demo war dafür ein Beispiel. Und natürlich der erste ÖGB-weit ausgerufene Streik. Die Freude währte nur kurz. Unser Präsident umschrieb es vornehm: "Wir haben unsere Ziele nicht hundertprozentig erreicht." Euphemismus nennt man das. Beschönigende Darstellung. Ich meine: Wir haben eine schwere Niederlage einstecken müssen. Das ist noch nicht das Schlimmste, propagierte doch sogar die Gewerkschaftsführung unseren alten Slogan "Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren!"
Das Schlimmste ist, dass wir sang- und klanglos untergegangen sind. Dass es keine Aufarbeitung gegeben hat. Und dass auch hier am ÖGB-Kongress weder eine Manöverkritik noch eine überfällige Strategie-Diskussion stattfindet.

Von Alfred Bastecky. >> Info zum Autor 

 

Ich gehöre zu jener Gruppe Menschen, welche die massivsten Einschnitte in ihre Pensionen zu befürchten hat. Unter vierzig, Akademiker. Bis zu vierzig Prozent wird unser Pensionsverlust betragen. Einerseits freut es mich, dass der ÖGB sich nun mit einem eigenen Entwurf in die Pensionsdiskussion einbringt. Allerdings ist die vom ÖGB unterbreitete "Österreichpension" sicher nicht das, was wir uns als UG unter einer zukunftsträchtigen Pension vorstellen und schon gar nicht das, was ich mir als Junger erwarte. Die "Österreichpension" verspricht den Jungen, ihre Pensionsansprüche zu sichern. Wie sieht’s jedoch tatsächlich aus? Achtzig Prozent der vierzigjährigen Durchrechnung als Pensionsanspruch nach fünfundvierzig Jahren Versicherung, wenn frau/mann mit fünfundsechzig in Pension geht. Das entspricht nicht den Ansprüchen einer modernen Bildungsgesellschaft - und das, obwohl im ÖGB immer so viel von Bildung geredet wird und die Wichtigkeit von Bildung so hervorgehoben wird. Wie schauen die Erwerbsverläufe von Jungen, die einen höheren Bildungsweg beschritten haben aus? Studium oder Fachhochschule bis mindestens fünfundzwanzig, dann oft atypische Beschäftigungsverhältnisse. Wie sollen da fünfundvierzig Versicherungsjahre bis fünfundsechzig zustandekommen, wenn es keine anrechenbaren Ersatzzeiten für Bildung und Ausbildung gibt? Das sind fulminante Pensionseinbußen im Alter, das ist keine Pensionsreform, die Pensionen für die Jugend, die ja angeblich unsere Zukunft ist, sichert, das ist kein Angebot des ÖGB an die Jungen ....

Von Markus Koza.

 

... Realität ist vielmehr: die Anzahl der SchülerInnen in unseren Klassen ist immer größer geworden. Heute haben wir (vor allem in der AHS Unterstufe) Klassen mit 30-36 SchülerInnen. Denn heute haben wir eine Frau BM, deren oberster Leitsatz zu sein scheint: "Ich hab ein Budget zu sanieren, und damit basta". ...
... Für viele meiner KollegInnen hat die Gewerkschaft den Biss verloren. Sie hat es in den vergangenen Jahren nicht geschafft, sich erfolgreich für die Interessen der Mitglieder einzusetzen und die Perspektiven in die Realität umzusetzen (an der Entwicklung der Gehälter im öffentlichen Dienst wird das allen Gewerkschaftsmitgliedern klar).
Damit wird es aber immer schwieriger, Kolleginnen und Kollegen zum Beitritt zur Gewerkschaft zu motivieren (beziehungsweise sie vom Austritt abzuhalten). Daher wünsche ich mir vom ÖGB, dass er (beziehungsweise die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst) in den kommenden Jahren die Ideen der hier vorliegenden Anträge auch in die Realität umzusetzen vermag ...

Toni Hofer.

 

Ich stehe hier, stellvertretend für viele Tausend KollegInnen und sage, in unserem Unternehmen wird Mobbing betrieben und unsere Gewerkschaft schaut zu. Es hat auch schon Selbstmorde gegeben, ich weiss schon, den Zusammenhang kann man nicht beweisen. Ich stehe auch für meine Kollegin da, die zusammengebrochen ist, im Krankenhaus war und jetzt noch immer im Krankenstand darniederliegt.
Stille Austritte sind auch die Antwort auf das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Unternehmen. Wenn wir stärker werden wollen müssen wir stark sein, keine Streichelweichlinge. Wir müssen kämpfen.

Gerhard Urban.

 

... Es ist für mich erschreckend, wie viele Menschen auf die Regierungspropaganda hineinfallen und nachplappern, was so manches Medium verbreitet. Waren es vorgestern die Beamten im Allgemeinen, gestern die Lehrer im Speziellen, so sind es heute wir EisenbahnerInnen, die ihr "Fett" abbekommen. Und morgen? Morgen sind es dann die, die sich heute noch still und heimlich, oder auch offen, freuen ...
... Solidarität darf nicht nur der Name unserer Zeitung sein. Solidarität soll wieder zum Leben gehören wie die Luft zum Atmen. Wenn es uns gelingt, dass wir die Menschen zum Nachdenken anregen, dann wird auch Solidarität wieder zum festen Bestandteil in unserer Gesellschaft und nicht nur ein viel strapaziertes Schlagwort sein.
Um dies aber zu erreichen, muss sich auch die Politik des ÖGBs verändern. Der ÖGB muss in Zeiten wie diesen wieder eine eherne Kampforganisation werden. Um dies zu erreichen, muss Schluss sein mit geheimen Verhandlungen. Und, was mir ganz wichtig erscheint, die FSG muss endlich erkennen, dass der ÖGB nicht in ihrem Privatbesitz steht. Er muss demokratischer werden, wenn es darum geht, die Strukturen und die Organisation weiter zu entwickeln.

Von Herbert Orsolits.

 

Skandalöse Zustände in der Pflege und die Auswirkungen unseres Gesundheitssparsystems gehören unmittelbar zusammen. Politisch angeordnete Mindeststandards und Personalsparmaßnahmen (Herabsetzung der Pflegeminuten auf unter 110 von 133 pro PatientIn) begünstigen das Ausbrennen des Personals. Das sehr weit verbreitete Helfersyndrom, ein rechtliches Grauzonenlabyrinth und auch eine gewisse wirtschaftliche Abhängigkeit des Pflegepersonals bieten geschulten Dienstgebern eine breite Spielwiese. Oft noch starre hierarchische Strukturen verhindern kreative Lösungsmöglichkeiten genau so wie sinnvolle Sparmaßnahmen. Und so wird die Verantwortung für das Funktionieren des Gesundheitssystems auf die Leistungserbringer (mehrheitlich Pflegepersonal) abgewälzt. Die Patienten wie auch das betroffene Personal sind die Leidtragenden ...
... Es muss daher dieser asozialen Wirtschaftssparpolitik endlich ein Riegel vorgeschoben werden und ein für alle Mal klargestellt werden, dass wir für Kinder, Jugendliche, kranke und alte Menschen in unserer Gesellschaft auch die finanzielle Verantwortung, neben der moralischen, tragen müssen. Dies in Österreich, einem der reichsten Länder dieser Erde.

Von Kurt Gratzer. >> Info zum Autor 

 

... Ich selber komme aus einem Bereich der Stadt Wien, der traditionell Frauen Arbeitsplätze bietet - den Wiener Kindertagesheimen.
Sicher waren viele von euch in einem Kindergarten oder Hort. Wer erinnert sich nicht gerne zurück - Nestwärme, Zuneigung, gemeinsame Erlebnisse, ....
Jetzt neoliberaler Sparkurs: weniger Personal für mehr Kinder, weniger Standorte und nicht zuletzt Vernichtung von Frauenarbeitsplätzen - in einem roten Wien. Die geringen Bezüge in der Aktivzeit des Personals der Kindertagesheime bieten eine Zukunftsperspektive der relativen Armut für den Ruhestand - dank der Pensionsreform.
Der Protest gegen die Zerstörung sozialer Lebensbedingungen muss weiterhin unterstützt werden. Nichts kann die materielle Schlechterstellung lohnabhängiger Menschen zugunsten einer Gesamtwirtschaft rechtfertigen, die nicht im allgemeinen Interesse geführt wird. Das Pfeifen für den Widerstand und der gemeinsame Protest dürfen keine Eintagsfliegen gewesen sein ...
... Der Neoliberalismus ist nicht die Lösung, sondern selbst Verursacher und Teil der Krise. Die Politik der Gewerkschaft muss dazu beitragen, endlich eine wirkliche Alternative aufzubauen, die den Grundproblemen der Zeit gerecht wird.
Arbeitszeitverkürzung, Ausbau der öffentlichen Beschäftigung, Förderung existenzsichernder Erwerbsformen, Grundsicherung, ein sozial gerechtes Pensionssystem - das bleiben die Kernpunkte gegen Arbeitslosigkeit und für die soziale Zukunft. Glück auf!

Von Martina Petzl-Bastecky. >> Info zur Autorin