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ÖGB-Kongress 2003
Vorschau
ÖGB - was nun?
Es war ein historisches Ereignis: erstmals in
seiner Nachkriegsgeschichte rief der ÖGB zu flächendeckenden
Streiks auf. Zehntausende folgten. Ein großer Augenblick -
und was davon blieb.
Von Klaudia Paiha.
Es war schon beeindruckend: tausende von Menschen sprangen
über ihre Schatten und befanden sich plötzlich auf der
Seite jener, über die sie doch schon so oft geschimpft hatten:
auf Seiten der DemonstrantInnen, der Protestierenden, der Widerständigen.
Ja, zweifelsohne: das Thema Pensionen hat die Menschen bewegt -
im wahrsten Sinn des Wortes. Unübersehbar war die Bereitschaft
der Betroffenen, für ihre Interessen aktiv zu werden. Selbst
wenns unbequem - mensch denke nur an die eingeschränkten
öffentlichen Verkehrsmittel - oder sogar bedrohlich - etwa
in Form von Kündigungsandrohungen - wurde.
Ja, und dann? Dann kam ein Nationalratsbeschluss - und alles fiel
in sich zusammen. Einerseits aus Erschöpfung, andererseits
aus Frust. Wobei die Enttäuschung nicht nur aus dem Umfaller
des BeamtInnen-Gewerkschaftschefs und ÖVP-Abgeordneten Neugebauer
herrührte, sondern auch aus dem "Rückfall" des ÖGB
in seine alten Muster: der Fäuste waren nun anscheinend genug
geballt, jetzt ging es wieder ans Reden - als ob das eine
das andere ausschließen würde ...
Und dort sind wir jetzt wieder. Nun wird über die "Harmonisierung"
der Pensionssysteme verhandelt - und schon herrscht wieder Schweigen
seitens der Gewerkschaft. Zwei Gesprächsrunden gab es bisher
- und das ist auch schon alles, was die Betroffenen dazu erfahren.
Niemand erfährt, worüber eigentlich die Vertreter der
ArbeitnehmerInnen verhandeln, keineR wird gefragt, wie er/sie sich
das Pensionssystem vorstellt, was er/sie von diesen oder jenen Vorschlägen
hält, welche Ideen er/sie zur Durchsetzung hätte. Wenn
nur die "Chefs" mit am Tisch sitzen dürfen ...
Doch etwas hat sich geändert: die Beschäftigten haben
gemerkt, dass es geht. Sie haben erfahren, dass es möglich
ist, aufzustehen und zu kämpfen und was das heißt. Sie
haben zwar zum Teil Einschüchterung, Verunsicherung und - letzten
Endes - Niederlage erlebt, aber auch Solidarität und Stärke.
Und bei vielen hat das den Mut zu und den Bedarf an Aktionismus
geweckt bzw. verstärkt. Mensch ist nicht mehr bereit, alles
hin zu nehmen: weder von Seiten der Bundesregierung oder Unternehmensleitung,
noch seitens der Entscheidungstragenden in den Gewerkschaften. Eine
schärfere Gangart, pointiertere Positionen werden eingefordert
- kurzum: harte Konflikte und Streik sind keine Tabus mehr. Etwa
derzeit bei den VOEST-MitarbeiterInnen oder den EisenbahnerInnen.
Was der Gewerkschaftsbewegung allerdings noch fehlt, ist eine
grundsätzliche politische und strategische Auseinandersetzung.
Das Erkennen und Formulieren der eigenen - gemeinsamen - Interessen
im Unterschied zu jenen von anderen Interessensgruppen bleibt immer
noch einer Minderheit vorbehalten. Und strategische Überlegungen
scheint es gar keine zu geben. Immer noch sind die Antworten die
alten - veränderte Rahmenbedingungen hin oder her.
Noch haben ÖGB und die Einzelgewerkschaften viel zu lernen:
dass das (potentielle) Mitglied nicht Objekt, sondern mündiges
Subjekt sein will; dass Transparenz und Mitsprache nicht nur gefordert,
sondern auch in den eigenen Organisationen gelebt werden müssen;
dass "die anderen" nicht unbedingt eine Konkurrenz, sondern auch
eine Bereicherung sein können; dass die Perspektive einer menschenwürdigen
Gesellschaft auch den Mut zur Utopie einschließt.
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