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UG-Brief | Ministerium-Antwort | "Stopp-GATS"-Kommentar

 

Stopp GATS (2kb)

Antwort der "STOPP GATS"-Kampagne

... auf den Brief von Sektionschef Mag. Josef Mayer, BMWA, an die GATS-KritikerInnen; 23. März 2003.

"Der internationale Handel mit Dienstleistungen ist eine wichtige Quelle für Wirtschaftswachstum und Wohlstand."

- Die Argumentation geht davon aus, dass die Preise für die Dienstleistungen durch Liberalisierung sinken, wodurch freiwerdendes Konsumgeld für neue Produkte und Dienstleistungen ausgegeben werden könnte, wodurch wiederum das Wirtschaftswachstum angekurbelt wird. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass z.B. die Wasserrechnungen oder Posttarife durch Liberalisierung nicht billiger werden, sondern steigen, oft um 100 Prozent. Wenn jedoch meine Wasserrechnung steigt, kann ich kein eingespartes Geld anderswo ausgeben und die Wirtschaft ankurbeln.
- Wenn damit das höhere Wirtschaftswachstum gemeint ist, dann führt das nicht zu höherem Massenwohlstand, sondern zu höheren Gewinnen von wenigen multinationalen Konzernen. Es werden Konzerninteressen mit Allgemeininteressen verwechselt. Die Gewinner (in diesem Fall: Aktionäre der Wasserkonzerne) kurbeln mit ihren zusätzlichen Einnahmen erfahrungsgemäß nicht die Wirtschaft an, sondern legen ihr Geld lieber auf den Finanzmärkten an - wo es mehr Arbeitsplätze zerstört, als es schafft.
- Dass steigender Umsatz und Gewinn einiger Großkonzerne nicht mit steigendem Massenwohlstand gleichzusetzen ist, beweist die jüngere Geschichte: In den letzten 20 Jahren war Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Verarmung von breiten Bevölkerungsschichten ein weltweites Phänomen, weil eine kleine Schicht überproportional reicher wurde. Die multinationalen Konzerne konzentrieren einen hohen Anteil der Gewinne und Vermögen und beschäftigen aber nur einen geringen Anteil der Arbeitskräfte. Sie zahlen immer weniger Steuern und lassen sich für Betriebsansiedelungen sogar noch subventionieren. Von den Multis ist nicht steigender, sondern insgesamt sinkender Wohlstand zu erwarten.

"Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen den globalen Wohlstand stärkt und Wohlstandsgewinne von bis zu 130 Milliarden US-Dollar/Euro bringen wird."

Siehe oben. Die Argumentation der WTO bezieht sich nur auf Vorteile des GATS für das Bruttosozialprodukt (BSP). Welche Auswirkungen GATS auf Beschäftigungszahlen und Einkommen hat, wird nicht bekannt gegeben, ebenso wenig die Auswirkungen auf ArbeitnehmerInnenrechte, soziale Sicherheit, KonsumentInnenschutz, Preise, Umwelt oder regionale Wirtschaftsstrukturen.

"Das GATS stellt keine Zwangsbeglückung in Sachen Liberalisierung dar."

Wie dürfen wir das verstehen? Gerade wurde noch argumentiert, dass die Liberalisierung eine "wichtige Quelle für Wirtschaftswachstum und Wohlstand" sei. Wieso soll dann nicht schnellstmöglich und weitestgehend liberalisiert werden? Wo ist der Haken? Wo sind die Gefahren? Wurde da etwas verschwiegen?

"Jeder Staat kann selbst entscheiden, welche Dienstleistungsbereiche er für den internationalen Wettbewerb öffnet und welche nicht."

- Nicht alle haben die Wahl. Die Mehrheit hat die Wahl nicht. Die "Entwicklungsländer" - das sind vier Fünftel aller Staaten - wollten das GATS von Anbeginn nicht. Sie mussten es "schlucken" weil sie von den Industrieländern in vielfältiger Weise abhängig sind: Kredite, Entwicklungshilfe, Wirtschaftshilfe, Militärhilfe. Die Industrieländer drängen sie via Weltbank, Internationalem Währungsfonds (IWF) und WTO zur Handelsliberalisierung. Z. B. hat der IWF im Jahr 2000 die Kreditvergabe bei 12 Staaten von der Privatisierung der Wasserversorgung abhängig gemacht. Südkorea durfte nur dem reichen Club der OECD beitreten, weil es den Kapitalverkehr liberalisierte. Und als sich die Türkei jüngst weigerte, US-Truppen für den Angriff auf den Irak ins Land zu lassen, wurde sie sofort mit der Streichung der Wirtschaftshilfe und einem "Überdenken" des Kredits des Internationalen Währungsfonds konfrontiert.
- Der Satz des Ministeriums gilt OHNE das GATS: Ohne GATS kann jedes Land jeden Sektor in jedem beliebigen Maße liberalisieren, wenn es das für vorteilhaft hielte. Dazu braucht es das GATS nicht. Das GATS braucht es, um Widerstände gegen die - nachteilige - Liberalisierung zu brechen.
- Wenn die Angebotslisten geheim erstellt werden - von einer Handvoll Spitzenbeamter -, dann kann es sehr leicht "passieren", dass diese nicht im Interesse eines Landes, sprich seiner Bevölkerungsmehrheit liegen. Die betroffene Bevölkerung - der Souverän - kann nicht selbst entscheiden, wenn sie nicht gefragt wird.
- Das GATS erlaubt zwar ein individuelles Tempo bei der Liberalisierung, doch das Endziel steht fest: die vollständige Liberalisierung aller Bereiche. Dann ist nach GATS-Logik der Wachstums- und Wohltandsgewinn am höchsten. Entsprechend verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten in Artikel XIX dazu, den Grad der Liberalisierung in allen Sektoren permanent zu erhöhen. Außerdem ist das GATS kein einmaliger Vertrag, sondern ein fortlaufender Prozess in aufeinander folgenden Runden. Was bei dieser Runde noch verschont bleibt, gerät das nächste Mal umso stärker unter Druck. Das GATS gibt erst eine Ruh, wenn alles vollständig liberalisiert ist.

"Alle staatlichen Vorschriften, die z. B. auf die Qualität einer Dienstleistung, auf den Schutz der Konsumenten, der Umwelt oder der sozialen Sicherheit abzielen, können trotz freiwillig eingegangener Verpflichtungen zur Liberalisierung aufrecht erhalten werden."

- Das GATS erlaubt seinen Mitgliedern tatsächlich, in den liberalisierten Bereichen weiterhin politisch gestalterisch tätig zu sein. Allerdings nur dann, wenn die gestaltenden Maßnahmen "objektiv und transparent" sind und den freien Dienstleistungshandel "nicht mehr als notwendig" einschränken. Kommt ein privater Anbieter zur Auffassung, dass der Freihandel mit einer staatlichen Maßnahmen "mehr als notwendig" eingeschränkt wurde, kann seine Regierung das Umweltschutzgesetz, den Qualitätsstandard, die Vorschrift zum Schutz der KonsumentInnen klagen. Dann wird das WTO-Tribunal den "Notwendigkeitstest" anwenden, und wenn dieser negativ ausfällt, muss die Maßnahme angepasst oder zurückgenommen werden oder das betroffene Land schmerzhafte Kompensationen bis hin zu Geldstrafen in Kauf nehmen. Bisher wurde der Notwendigkeitstest in elf WTO-Gerichtsverfahren schlagend. Zehnmal befanden die Richter, dass der Handel "mehr als nötig" eingeschränkt wurde: Die Gesetzte mussten zurück genommen werden.
- Das Problem an diesem Rechtsbestand ist, dass multinationale Konzerne oft schon mächtiger sind als viele Nationalstaaten. Unter den 100 größten Wirtschaftseinheiten befinden sich 52 Konzerne und nur noch 48 Staaten. Für transnationale Konzerne sind Regulierungen aller Art generell "Handelshindernisse". Folglich werden sie keine Möglichkeit ungenützt lassen, diese aus dem Weg zu räumen. Und viele Staaten werden, um sich keine Klagen einzuhandeln, auf gestalterische Maßnahmen zugunsten der Qualität, der KonsumentInnen, der ArbeitnehmerInnen oder zum Schutz der Umwelt verzichten.
- Dass sich Nationalstaaten von ihren Konzernen instrumentalisieren lassen, um sinnvolle Gesetze in anderen Ländern als "Handelshemmnisse" zu attackieren, hat die EU meisterhaft bewiesen. In den - durchgesickerten - Forderungen der EU werden 109 Handelspartner zur Beseitigung zahlreicher Gesetze gedrängt. Ein paar Beispiele:
+  Malaysia beschränkt den Handel mit seiner Landeswährung Ringgit, um einer Wiederholung der fatalen Währungskrise von 1997 vorzubeugen. Die EU fordert: Weg damit.
+  In Mexiko und Chile können ausländische Hotelketten nicht beliebig Küstenland aufkaufen. Die EU sagt: Weg damit.
+  Ägypten überprüft den Bedarf, bevor es ausländische Tourismus-Unternehmen (Hotels) ins Land lässt. Die EU sagt: Weg damit.
+  Kamerun verpflichtet ausländische Investoren, für alle 10.000 investierten US-Dollar zumindest 1 Arbeitsplatz zu schaffen. Die EU fordert: Abschaffen.
Wie vertragen sich diese Forderungen mit der "Aufrechterhaltung aller staatlichen Vorschriften"? (Wir dürften diese Forderungen eigentlich gar nicht kennen, weil sie seitens des Wirtschaftsministeriums nach wie vor geheim sind.)

"Die Entwicklungsländer werden von der Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen überproportional profitieren. Wer für Fair Trade mit den Entwicklungsländern ist, kann nicht gegen das GATS sein."

- Preisfrage: Wo sind die Gewinner des GATS - die Finanz-, Computer-, und Energiekonzerne, die Wasserversorger, Gesundheits- und Bildungsdienstleister - "zu Hause": In Bangla-Desh, in Kamerun und auf Haiti? Oder in den USA und in der EU? Eben.
- Wer lieber Zahlen hat. Bis dato (Ende Februar 2003) haben nur 16 Entwicklungs- und Schwellenländer Forderungen an die EU gestellt, von den 30 ärmsten WTO-Mitgliedern gar nur eines (Mali). Im Gegenzug hat die EU weitreichende Forderungen an 94 Entwicklungs- und Schwellenländer gestellt. Und jetzt würde uns sehr interessieren, wie die armen Länder "überproportional" profitieren sollen.
- In den armen Ländern leben 3 Milliarden Menschen von weniger als 2 Dollar pro Tag. Davon kann sich niemand eine Privatschule und einen privaten Arzt oder eine Privatklinik leisten, ebenso wenig eine Privatpension geschweige denn Wasser, Energie, Postdienste oder Bahntickets von privaten Konzernen. Die Umwandlung gemeinnütziger Versorgungsbereiche in Profitgeschäfte würde die Mehrheit der Menschheit von der lebenswichtigen Grundversorgung ausschließen. Aus diesem Grund hat die Menschenrechts-Kommission bereits mehrmals vor dem GATS gewarnt und darauf hingewiesen, dass Wasser, Bildung und Gesundheit Menschenrechte seien und keine Handelswaren.
- Konzerne kommen nicht mit karitativer Absicht, sondern um Profit zu machen. Sie werden sich nur die Rosinen herauspicken: Einerseits kaufkräftige Oberschichten und andererseits Ballungsräume, die Versorgung der Armen und dünn besiedelter Regionen sind für sie nicht profitabel.

"Für die Konsumenten bringt die Liberalisierung erfahrungsgemäß größere Wahlmöglichkeiten

- Wie soeben beschrieben: Die Mehrheit der Menschen kann sich die Grundversorgung durch profitorientierte Konzerne nicht leisten und hat daher KEINE Wahl. Durch Liberalisierung und Privatisierung werden Menschenrechte zum KundInnenprivileg.
- Umgekehrt wählen ab sofort die Konzerne die KundInnen: Nur wer zahlen kann, wird genommen. (Öffentliche Dienstleistungen sind für alle zugänglich.)
- Die Globalisierung von Märkten führt erfahrungsgemäß zu Oligopolen und Monopolen und damit zu einer Einschränkung von Wahlmöglichkeiten, Beispiel Microsoft. Solange nur die Handelsliberalisierung vorangetrieben wird, ohne dass gleichzeitig eine effektive Fusionskontrolle eingerichtet wird - und die wird nicht eingerichtet -, nehmen die Wahlmöglichkeiten nicht zu, sondern ab.
- Auch wenn z. B. in der Wasserversorgung ein öffentliches Monopol direkt durch ein privates Monopol abgelöst wird, steigt nicht meine Wahlmöglichkeit, sondern meine Abhängigkeit, weil die Möglichkeit meiner demokratischen Einflussnahme verloren geht.

... und bessere Qualität zu niedrigeren Preisen."

- Stimmt für Oligopole und Monopole nicht. Und stimmt für die ehemals öffentlichen Dienstleistungen, die im Zuge der Liberalisierung von Privaten übernommen werden, ebenso wenig. In denjenigen Ländern, wo die Wasserversorgung liberalisiert wurde, hat die Wasserqualität abgenommen, während die Preise stiegen. In den USA haben die Leistungen der SchülerInnen in privat gemanagten Schulen abgenommen, während die Schulen teurer wurden. Die Qualität der privaten Pensionsvorsorge ist niedriger (unsicherer) als die der öffentlichen, dafür um ein Vielfaches teurer.
- Bisher einzige Ausnahme: Telekom. Hier sind durch die Liberlisierung tatsächlich die Preise gesunken, und die Wartezeiten auf einen Telefonanschluss haben sich verkürzt. Doch auch im Telekomsektor wird eine massive "Marktbereinigung" der hochverschuldeten Unternehmen vorhergesagt, Telekom-Chef Heinz Sundt rechnet damit, dass in 10 Jahren noch zwei bis drei Anbieter in der EU übrig sein werden. Dann ist es wieder aus mit der Wahlfreiheit, und die Preise werden auf das Vor-Liberalisierungsniveau zurückkehren oder darüber hinaus.
- Das Ziel privater Konzerne ist weder hohe Qualität noch niedrige Preise, sondern Profit. Unter dem Primat des maximalen Profits gibt es nur noch so viel Qualität wie unbedingt nötig und Preise, die gerade noch akzeptabel sind.

"Dienstleistungen sind eine wichtige Quelle für Arbeitsplätze."

Solange sie lokal erbracht werden, ja. Wird ihr Handel liberalisiert und von multinationalen Konzernen kontrolliert, beginnt die große Rationalisierung, und Arbeitsplätze werden zerstört. Multinationale Konzerne zerstören seit Jahren Arbeitsplätze. Obwohl sie 25 Prozent der globalen Wertschöpfung erzielen, beschäftigen sie weniger als 1 Prozent der Arbeitskräfte weltweit. Die Arbeitslosigkeit explodiert in Europa nur deshalb nicht, weil die Klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) dieselbe Anzahl von Arbeitsplätzen schaffen, die die Multis zerstören. KMU zählen mehrheitlich zu den VerliererInnen des GATS.

"Österreich profitiert überproportional vom Außenhandel."

- Vorhin war zu lesen: "Die Entwicklungsländer profitieren überproportional vom GATS." Jetzt heißt es, "Österreich profitiert überproportional". Logische Schlussfolgerung: Ist Österreich ein Entwicklungsland? Oder liegt hier ein Widerspruch vor, und das Wirtschaftsministerium möchte alle zu GATS-Gewinnern stilisieren ("win-win-Situation")? Das BMWA träumt den Traum vom internationalen Standortwettbewerb ohne VerliererInnen. Doch haben Sie schon einmal von einem Wettbewerb ohne VerliererInnen gehört?
- Nicht "Österreich" profitiert vom GATS, sondern eine Handvoll Exportunternehmen. Die Bevölkerung verliert, wenn die öffentlichen Güter der Daseinsvorsorge (Pensionen, Gesundheit, Bildung, Wasser, Energie, Post, Verkehr) privatisiert werden. Die Vorteile für einige wenige stehen in keinem Verhältnis zu den negativen Auswirkungen für alle. Auch hier werden private Minderheitsinteressen mit nationalen Gesamtinteressen gleichgesetzt.

"Schon heute liegt der EU-Anteil an den weltweiten Exporten von kommerziellen Dienstleistungen bei 25 Prozent."

Und morgen? Bei 30 Prozent? Genau das ist zu befürchten. Dann wird nämlich der Anteil der armen Länder weiter schrumpfen. Siehe oben. Wenn also die EU und die USA gewinnen - und das ist tatsächlich anzunehmen -, dann werden die armen Länder verlieren. Und das wollen wir nicht. Alle zu den Gewinnern des GATS zu erklären, ist etwas zu einfach.

"Globalisierungsgegner (z.B. ATTAC) und Gewerkschaften mobilisieren massiv gegen das Abkommen."

Wir sind keine Globalisierungsgegner. Wir sind gegen die Dienstleistungsliberalisierung im Interesse transnationaler Konzerne und gegen die Liberalisierung öffentlicher Dienstleistungen. Das ist nicht die einzig denkbare Form von Globalisierung. Wir schlagen als Alternative zum GATS ein globales Abkommen vor, das die Versorgung aller Menschen mit Wasser, Bildung, Gesundheit, Pension, Energie, öffentlichem Verkehr und Kommunikation sicher stellt. Von diesem Projekt, das ganz im Sinne der Vereinten Nationen und ihrer Millenniumsziele liegt, wollen allerdings die GATS-Verhandler nichts wissen, weil sie nur das Wohl der Konzerne vor Augen haben. Wer sind hier die echten "Globalisierungsgegner"?

"Sie behaupten z. B., dass es zu einem Ausverkauf von Gesundheit, Bildung und Wasser kommen werde ...

Ist das nicht das Ziel des GATS? Will nicht das GATS langfristig alle Dienstleistungen vollständig liberalisieren, weil das doch die Wirtschaft wachsen lässt und den Wohlstand erhöht? Hat nicht der Chefverhandler der EU, Pascal Lamy, gesagt, dass wir bereit sein müssten über "alle" Sektoren zu verhandeln, um zu einem "Big Deal" zu gelangen?

... und dass steigende Preise, schlechtere Qualität, weniger Umweltschutz und weniger Arbeitnehmerschutz bei öffentlichen Dienstleistungen Folgen des Abkommens seien."

Diese Befürchtungen haben leider ihre - betriebswirtschaftliche - Logik. Private müssen maximalen Gewinn machen und Kosten senken, wo es nur geht. Das heißt aber, dass sie die Preise anheben, dass sie bei Qualität und Umweltschutz sparen und vor allem bei den Beschäftigten: Im Zuge von Liberalisierungen kommt es in der Regel zu Entlassungen, "natürlichem Abbau" sowie Streichung von Sozialleistungen und Lohnkürzungen. Eine lange Liste von internationalen Erfahrungen bestätigen diese Befürchtungen. In Österreich werden gerade Post, Bahn und Telekom auf die Privatisierung vorbereitet bzw. sind schon privatisiert. Und werden hier etwa nicht Arbeitsplätze in Tausenderpaketen gestrichen?

"Abgesehen davon, dass viele Behauptungen der Anti-GATS-Kampagne mit dem Abkommen gar nichts zu tun haben (z. B. erfolglose Privatisierungen), ...

Es gibt kein einziges Beispiel, wo nicht (GATS-)Liberalisierung und Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen Hand in Hand gingen. Es wird ja nicht liberalisiert (= ein Markt hergestellt), um öffentliche Anbieter im freien Wettbewerb gegeneinander antreten zu lassen. Liberalisiert wird, um erst öffentliche mit privaten in freien Wettbewerb zu setzen, bis längerfristig die privaten alle lukrativen Marktsegmente übernommen haben oder üblicherweise Monopole bilden. Und dass Privatisierungen im Bereich öffentlicher Dienstleistungen "erfolglos" sind, liegt in der Natur der Sache (s. oben): Öffentliche sind hier einfach besser, weil sie andere Ziele verfolgen als Private: Universale Versorgung, günstige Tarife, hohe Qualität und Versorgungssicherheit, akzeptable Beschäftigungsbedingungen - anstelle von Profitmaximierung.

"Was bedeutet das GATS für unser Wasser?"

- Infolge der europaweiten GATS-Kampagne hat die EU die Wasserversorgung aus ihrem ersten Angebot herausgenommen. Allerdings ist die Forderung an 72 Länder, die Wasserversorgung zu liberalisieren, unverändert aufrecht. Das ist gelinde gesagt paradox: Die Kommission, die der EU-Bevölkerung nicht zumuten will, die Wasserversorgung für multinationale Konzerne zu öffnen, fordert im Namen derselben EU-Bevölkerung 72 Länder auf, das zu tun. Demokratisch astrein, oder? (Wären die geheimen Forderungslisten nicht durchgesickert, dann wüssten wir gar nicht, dass die EU von über 70 Ländern die Privatisierung der Wasserversorgung fordert. Das Ministerium hat uns das nicht verraten.)
- Wie "frei" es den meisten WTO-Mitgliedern steht, bestimmte Sektoren zu liberalisieren oder nicht, wurde vorhin beschrieben. Arme Länder sind so vielfältig abhängig von den reichen, dass sie wenig Wahlfreiheit haben.
- Die Konzerne wollen eins nach dem anderen: Erst das Saatgut, dann Patente auf Leben. Erst die Stromversorgung, dann die Wasserversorgung, und als nächstes die Verfügung über die Wasserressourcen. Sie sehen Wasser als Ware, und sie werden versuchen, mit dieser Ware zu handeln und vollkommene Verfügungsgewalt darüber zu bekommen. Das GATS verschafft ihnen Zugang zur Wasserversorgung, der nächste Schritt sind die Quellen.

"Was bedeutet das GATS für Soziales, Gesundheit und Bildung?"

Soziale und medizinische Dienstleistungen sind eine der 12 Hauptkategorien des GATS. Die letzten Jahre waren von einem zunehmenden Auftreten privater Anbieter gekennzeichnet. Die privaten wollen in die öffentlichen Bereiche eindringen, um die profitablen Segmente zu übernehmen. Der Chef des US-Krankenhauskonzerns, Rick Scott, hat verkündet, er wolle "jedes öffentliche Krankenhaus in Nordamerika zerstören". Die privaten US-Gesundheitsdienstleister beschweren sich bereits lautstark über den "schwierigen Marktzugang" in Europa. Österreich hat sich im Gesundheitsbereich bereits weitgehende verpflichtet, z. B. zur Gleichbehandlung von in- und ausländischen Krankenhausanbietern. Schon bald könnte ein privater Krankenhausbetreiber beim WTO-Schiedsgericht diese Gleichbehandlung - via Regierung - einklagen lassen. (Der Umstand, dass im Gesundheitsbereich vorläufig keine weiteren Angebote gemacht werden, nützt daher herzlich wenig.)

"In Österreich wird es weiterhin ein staatliches Bildungs- und Gesundheitswesen geben."

Im Regierungsprogramm 2000 steht, dass die Pflichtversicherung in der Kranken- und Pensionsversicherung abgeschafft werden soll. Das heißt de facto Privatisierung. Im Bericht der Raschauer-Kommission "Schlanker Staat" wird empfohlen, öffentliche Schulen wie private zu organisieren, die SchülerInenn als KundInnen zu betrachten und die LehrerInnen nach privatrechtlichen Dienstverträgen zu beschäftigen. Gleiches sieht das UG 2002 mit den Universitäten vor, die Bildungsministerin Elisabeth Gehrer "in den Wettbewerb schicken" will. In der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung steht, dass die österreichische Steuer- und Abgabenquote - derzeit bei 45 Prozent - "zu den niedrigsten in der OECD" gehören soll. Das würde eine Absenkung auf unter 25 Prozent bedeuten und somit eine Halbierung des Staates. Wenn sich der Staat so massiv zurückzieht, kann es in Österreich langfristig kein öffentliches Bildungs- und Gesundheitswesen geben.

"Wie sind Öffentlichkeit und Bürger in das GATS eingebunden?"

- Die genauen Angebots- und Forderungslisten sind seitens der EU-Kommission und des Wirtschaftsministeriums nach wie vor streng geheim. (Auf der Stopp-GATS-Homepage findet mensch sie inzwischen.) Zwar findet sich auf der Homepage des Wirtschaftsministeriums eine kurze Zusammenfassung der Angebote, diese ist allerdings inhaltlich unbefriedigend und noch dazu auf Englisch.
- Die Sozialpartner sind zwar eingebunden, dürfen aber nicht mitentscheiden. Der ÖGB ist gegen das GATS. Das hat auf die österreichische Verhandlungsposition keinerlei Einfluss. Außerdem tun sich die Sozialpartner schwer, die "streng vertraulichen" Dokumente der Öffentlichkeit mitzuteilen. Da die Sozialpartnerschaft eine österreichische Besonderheit ist, sind die Gewerkschaften übrigens in den anderen Ländern von den Verhandlungen ausgeschlossen.
- Regionen, Länder, Städte und Gemeinden sind von den Verhandlungen ausgeschlossen. Die Regionen Europas warnen vor dem GATS, konkret vor der Verhandlung der Bereiche Bildung, Kultur und Medien. Der oberösterreichische Landtag hat in einer Vier-Parteien-Resolution die Einbindung in die Verhandlungen gefordert. Linz, St. Pölten, Wien und weitere 40 Gemeinden Österreichs haben Mitte März 2003 bereits Resolutionen für einen Stopp der GATS-Verhandlungen verabschiedet.
- Die Parlamente sind so schlecht informiert, dass die allermeisten ParlamentarierInenn bis zum Start der STOPP GATS-Kampagne keine Ahnung vom GATS hatten. Klubomann Karl Schweitzer hatte noch im November 2002 keine Ahnung, was das GATS ist, obwohl die FPÖ in der Regierung war.
- Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werden zweimal jährlich zu unergiebigen und unbefriedigenden Informationsgesprächen geladen, wo versucht wird, die Sorgen der NGOs zu zerstreuen. Von Mitbestimmung keine Spur. ATTAC hat den Eindruck, dass diese "Informationsgespräche" vorrangig dazu dienen, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, dass die NGOs voll in den Verhandlungsprozess eingebunden seien.