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Löhne zum Politikum machen
Hunderttausende von "working poor" in der Schweiz.
Eine Strategie dagegen: der Mindestlohn.
Von Andreas Rieger.
Tiefe Löhne waren in der Diskussion der letzten
Jahrzehnte in der Schweiz kein politisches Thema. Kein Parlament
hat sich darüber aufgehalten - die Löhne (ausser diejenigen
des öffentlichen Personals) waren Privatsache oder bestenfalls
Objekt der Verhandlungen der sogenannten "Sozialpartner". Selbst
die Opposition hat sich an diese ungeschriebenen Regeln gehalten,
eine Volksinitiative zur Bekämpfung tiefer Löhne gab es
nicht einmal im Entwurf.
Auch die in letzter Zeit stark belebte sozialpolitische Diskussion
ist lange weitgehend am direkten Lohn vorbeigegangen. Als Ursachen
neuer Armut wurden vor allem der Wegfall von Lohn durch Arbeitslosigkeit,
Mutter- und Elternschaft und ein lückenhaftes Netz sozialer
Sicherheit diagnostiziert. Als neue "Arme" wurden vor allem Ausgesteuerte,
alleinstehende Mütter, Marginalisierte betrachtet. Die Therapie
dagegen wurde in verschiedenen Formen von arbeitsunabhängigen
garantierten Einkommen gesucht, während die Gewerkschaften
mit ihren Forderungen nach Mindestlöhnen als antiquiert galten.
Umso grösser die Überraschung, als die magere Schweizer
Sozialstatistik ans Tageslicht brachte, dass ein beachtlicher Teil
der Fürsorgeabhängigen im erwerbsfähigen Alter durchaus
erwerbstätig ist: Offensichtlich gibt es auch in der Schweiz
Hunderdtausende von "working poor". Dabei handelt es sich keineswegs
nur um Personen mit einem persönlichen "Einkommens-Handicap",
also Ausländerlnnen, alleinerziehende Mütter, Ungelernte
oder Ausgesteuerte. Vielmehr sind unter den "working poor" auch
betriebstreue Schweizerlnnen, auch Personen mit Abschluss einer
Berufslehre (z. B. Verkäuferinnen ) anzutreffen. während
Ungelernte beispielweise im Bausektor weit mehr verdienen. Deutlich
wurde also, dass sehr oft die Quelle der Armut im zu tiefen Lohn
liegt und dieser nicht in Merkmalen der Person begründet ist,
sondern in einem sozialen Kräfteverhältnis. Damit wurde
der Lohn potenziell zum politischen Thema - vorausgesetzt, es wird
aufgegriffen.
Wende in der gewerkschaftlichen Lohnpolitik
Dies war der Hintergrund der Diskussion, welche im letzten Jahr
in der GBI und im SGB stattgefunden hat und die eine nicht unbedeutende
Wende in der Lohnpolitik der helvetischen Gewerkschaften bringen
konnte. Seit Jahrzehnten wurde die Lohnauseinandersetzung in der
Schweiz von den Gewerkschaften rein branchenmässig oder betrieblich
geführt. Staatliche Mindestlöhne, wie wir sie aus vielen
Staaten kennen, standen nicht zur Diskussion.
Die Gewerkschaften kämpften für Gesamtarbeitsverträge,
welche Mindestlöhne definierten oder zumindest via betriebliche
Lohnaushandlungsmechanismen beeinflussten. In den Zeiten der Hochkonjunktur
schien dieses System gut zu funktionieren: In Branchen mit grösserer
gewerkschaftlicher Stärke konnten grössere Lohnfortschritte
erkämpft werden, in anderen Branchen konnte, unter anderem
dank ausgetrocknetem Arbeitsmarkt, nachgezogen werden. Ganz ohne
staatliche Lohnpolitik funktionierte dieses System allerdings nicht:
Die "industrielle Reservearmee" der ImmigrantInnen bekam die Arbeitsbewilligung
erst, nachdem der Arbeitsvertrag jeweils auf die Orts- und Branchenüblichkeit
des Lohns kontrolliert war. Die krisenhaften Jahrzehnte seit 1974
haben dieses System der Lohnbildung über den Haufen geworten.
Nun konstatierten die Gewerkschaften, dass sie nur etwa fünfzig
Prozent der Arbeitsverhältnisse via GAV beeinflussten und ein
Teil dieser GAVs keine Lohnbestimmungen enthielten. Die Deregulierungsoffensive
der Arbeitgeber überrannte die Automatismen des Teuerungsausgleichs
und verlagerte die Lohndiskussion in weiten Sektoren von der Branche
zum Betrieb und vom Betrieb zum individuellen Arbeitsverhältnis.
In dieser Situation konnten die Gewerkschaften nicht mehr hoffen,
allein durch eine Fortsetzung der bisherigen sektoralisierten Lohnpolitik
die Entstehung von tausendfacher Armut unter den Lohnabhängigen
zu bekämpfen. Die unteren Löhne waren soweit abgeglitten,
dass sie zum gesellschaftlichen Problem wurden. Die Löhne müssen
zum politischen Thema gemacht werden, wie dies die frauenbewegten
Gewerkschafterinnen bereits unter dem Gleichstellungsaspekt begonnen
hatten.
Keine Löhne unter 3000 Franken!
Ein klarer Betrag soll genannt werden, um nicht in der Unverbindlichkeit
von "Tieflohn" zu verharren. Die Höhe des Betrages liegt zum
einen über den verschiedenen als Armutsgrenzen zirkulierenden
Ansätzen und betrifft heute mehrere Hunderttausende Beschäftigte.
Zum andern ist der Betrag so tief, dass er in den Augen der grösseren
Mehrheit der Lohnabhängigen evidenterweise zum Leben nicht
reicht. Eine Theorie sollte um den Betrag der 3000 Franken allerdings
nicht gemacht werden. Es handelt um ein politisch formuliertes Limit,
unter dem ein "anständiges" Leben nicht möglich ist. Noch
ist auch keineswegs gesagt, dass der SGB einen einheitlichen, nationalen
gesetzlichen Mindestlohn in der Grössenordnung von 3000 Franken
fordern will. Denkbar sind auch andere Strategien, z. B. über
allgemeinverbindlich erklärte Gesamtarbeitsverträge, über
zwingend einzuhaltende kantonale Mindestlöhne für bestimmte
Branchen, u. a.
Unangenehme Fragen stellen
In der nächsten Zeit geht es darum, Löhne unter dem politisch
gesetzten Limit von 3000 Franken öffentlich zu ächten.
Die Gesellschaft soll von den Patrons und PolitikerInnen Antwort
auf die Frage bekommen, wovon denn die TiefstlohnempfängerInnen
leben sollten. Brauchen sie zusätzlich zum Volljob einen Zweitjob?
Oder erwarten die Unternehmer, dass der Staat, d. h. die Steuerzahlerlnnen,
still und bedingungslos für den Rest der Kosten aufkommt? Die
Frage hat offensichtlich eingeschlagen. Bundesrat Couchepin sieht
sich immer wieder peinlich bedrängt von ihr und er windet sich
mit allen möglichen Politikerfloskeln ("Auch ich bin bedrückt;
aber besser einen Job mit wenig Lohn als gar keinen Job", "Die Sozialpartner
müssen gangbare Lösungen finden" usw.) In der nächsten
Zeit werden Wirte und Hoteliers die Frage zu beantworten haben,
da Lohnverhandlungen im Gesamtarbeitsvertrag für das Gastgewerbe
(Mindestlohn: 2350) anstehen und diese Branche sehr produktiv im
Hervorbringen von "working poor" ist.
Aber Antwort geben müssen auch die Besitzer der Warenhäuser,
von Schweri bis Migros und Coop (Mindestlohn im Wallis: 2200).
Originell, aber verheerend: Lohnzuschüsse
Ein anderer Ansatz einer Antwort liegt ebenfalls schon bereit:
Lohnzuschüsse, mit denen der Staat die tiefen Löhne bis
zu einem bestimmten Betrag ergänzt. Dieses lnstrument wird
oft in die Diskussion gebracht. Damit würden vielleicht einige
zusätzliche Arbeitsplätze für Dienstboten in Haushaltungen
oder Hilfsjobs im Gewerbe und Dienstleistungen geschaffen, gleichzeitig
aber eine verheerende Entwicklung eingeleitet: Heutige Tieflohnsektoren
würden weiter abrutschen, indem Arbeitgeber wie Palmers, Wirte,
Malermeister, bis zu den Detailhändlern Hunderttausenden von
Beschäftigten mit gutem Gewissen die direkten Löhne senken
könnten, da der Staat ja die Differenz aufstockt. Die in der
Schweiz von der staatlich geregelten Billigarbeiter-Zufuhr (Saisonnierstatut)
bekannten negativen Struktureffekte würden wieder Urstände
feiern. Am schlimmsten wäre aber die Tatsache, dass die Arbeitgeber
damit vom Staat aus der - bisher zumindest moralisch unbestrittenen
- Pflicht entlassen werden, existenzsichernde Löhne zu bezahlen.
Dies würde einen Dammbruch einleiten, welcher den Sozialstaat
effektiv vor Finanzierungsprobleme stellen würde.
Den Lohn politisieren: kein Selbstzweck
Man und frau darf also gespannt sein, was passiert, wenn die Gewerkschaften
den Lohn politisieren. Natürlich genügt es nicht, wenn
die Dinge dabei klarer auf den Tisch kommen. Dies alleine erhöht
die tiefen Löhne noch nicht. Die zum Teil miserablen staatlichen
Mindestlöhne in anderen Ländern sind dafür Zeugnis
genug.
Aber die Klarheit kann dazu beitragen, besser für die Löhne
zu mobilisieren, d. h. ein besseres soziales Kräfteverhältnis
zu schaffen. Und dieses entscheidet über die konkreten Lohnhöhen
mindestens genauso wie der Markt.
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Corinne Schäfer von der Schweizer Dienstleistungsgewerkschaft
UNIA hat beim Forum Jägermayhof die Schweizer Lohnkampagne
begrüsst. Allerdings hatte sie auch kritische Anmerkungen:
Die Höhe der Löhne war immer eine Art Tabuthema
für die Gewerkschaften. Verbesserungen wurden vor allem
für die höheren Lohnkategorien erzielt, die Kluft
ist gestiegen, nicht gesunken.
Wenig Lohn ist untrennbar verknüpft mit unsicheren Arbeitsverhältnissen
und dem gesellschaftlichen Wert von Arbeit. Die beiden Themen
- Sicherheit der Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbewertung
- wurden bei der Lohnkampagne aber ausgespart, und das, obwohl
in der Schweiz etwa zwölf Prozent aller arbeitenden Menschen
mit dem Lohn ihrer Arbeit nicht leben können ("working
poor"). Immer noch ein Zeichen, dass die Männer in den
Gewerkschaften das Sagen haben.
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