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Wa(h)re Gesundheit
Soll der Krankenanstaltenverbund an die Börse?
Betrachtungen von Martha Kallaus.
Den Milliarden verschlingenden Moloch der Gemeinwirtschaft
und der öffentlichen Dienstleistungen geht's an den
Kragen! Nach jahrzehntelangem Kampf gegen die sentimentalen rötlichen
und roten Geldverschwender von Hammerbrot bis zum Konsum, von der
Verstaatlichten bis zur Wiener Holding und der Zentralsparkasse
wanken die letzten Bastionen. Die Befreiung der Wiener Stadtwerke
aus den Fängen der Politik (offizielle Sprachregelung: "Ausgliederung")
ist kaum abgeschlossen, wankt nun endlich auch der Krankenanstaltenverbund.
Während aus dem so wenig christlichen wie sozialen Eck schon
der Ruf ertönt:"Stadtwerke an die Börse!", sind im Gesundheitsbereich
die Schlachter noch beim Filetieren - schließlich kann man
dem freien Unternehmertum nicht jede dienstrechtliche Sentimentalität
zumuten. Die Spitzen unserer gewerkschaftlichen Vertretung sind
sich in der verbalen Ablehnung weiterer Ausgliederungen wieder einmal
einig, aber grundsätzlich scheint sich die Einmütigkeit
durch alle Fraktionen zu ziehen:
Die Sorge um unsere Gesundheit ist in der privaten Wirtschaft
vertrauenswürdiger aufgehoben, als in der öffentlichen
Hand. Dabei sucht man in Publikationen über Gemeinwirtschaft
zumindest bis Ende der Siebzigerjahre vergeblich nach Begriffen,
wie "Gesundheitsvorsorge" oder "Krankenanstaltenwesen" - Gesundheitswesen
war damals selbstverständlich außerhalb jeder (privat-)wirtschaftlicher
Betrachtung.
Natürlich ist die Kostenexplosion im Gesundheitswesen auch
durch Privatisierung nicht wirklich zu stoppen. Sonst könnte
das amerikanische Gesundheitswesen Lehrbeispiel für die ganze
Welt sein. Aber keine Sorge, erfahrungsgemäß werden ohnedies
nur die Gewinne privatisiert.Die jährlichen Verluste werden
zweifellos auch weiterhin von der öffentlichen Hand zu tragen
sein - für entsprechenden politischen Druck werden die Aktieneigentümer
schon sorgen. Der politische Geldgeber wiederum wird seinen Aufwand
gerne mit privaten Versicherern teilen, deren uneigennützige
Leistungen der - künftige - Patient eben durch private Versicherungsprämien
rechtzeitig sicherstellen muß. Aber ein wenig Eigenverantwortung
darf man dem mündigen Staatsbürger schon zumuten. Sollte
dann wider Erwarten doch nicht für jeden leichtsinnigerweise
Mittellosen ein Spitalsbett, ein bestimmtes Medikament, eine Spenderniere
zur Verfügung stehen, dann hat das eine gerechte Vorsehung
eben so gewollt.
Eigenartig, was dem privaten Eigenutz für wundertätige
Eigenschaften zugeschrieben werden. Da wird von einer Gesellschaft
privater Anteilseigentümer erwartet, daß ihnen unsere
Gesundheit mehr am Herzen liegt, als den Vertretern des vorherigen
öffentlichen Eigentümers, also den mehrheitlich gewählten
Volksvertretern. Da wird allen Ernstes geglaubt (oder wenigstens
so getan), daß private Profitjäger auf einen Teil ihrer
Beute verzichten werden, um den öffentlichen Gesundheitsaufwand
reduzieren zu helfen. Da will man uns wirlich einreden, Wettbewerb
werde bessere Qualität zu wirtschaftlicherem Preis bewirken.
Noch merkwürdiger, von welchem Eigenstumsbegriff die Privatisierer
ausgehen. Gemeineigentum, also etwas, das der Gemeinschaft ungeteilt
gehört, wird in einem ersten Schritt zum Sondervermögen
ebendieser Gemeinschaft. Als Sondervermögen unterliegen die
Verwalter des - immer noch gemeinwirtschaftlichen - Eigentums zwar
einer wesentlich gelockerten Kontrolle (weshalb das besseres Wirtschaften
ermöglichen soll, bleibt zunächst ein Rätsel), dafür
müssen sie sich mit ihren Dienstleistungen aber dem freien
Wettbewerb stellen. Wir werden also alle Zeugen sein, wie ein zweites
und drittes AKH in einem ruinösen Wettbewerb um Patienten die
Preise für Gesundheitsleistungen nach unten treiben - die Leserinnen
und Leser dürfen raten, wer den Konkurs des unterliegenden
Wettbewerbers auffangen wird.
Aber soweit ist es ja noch nicht, denn zunächst besteht ja
"nur" die Absicht, den KAV zur Unternehmung umzuwandeln
(wie das bis vor kurzem die Stadtwerke waren). Diese Unternehmung
wird allerdings nicht mehr als Magistratsabteilung geführt,
sondern nach einem noch zu schaffenden Unternehmensstatut nach privatwirtschaftlichen
Grundsätzen. Nichts deutet darauf hin, daß die Privatisierung
danach weiter getrieben wird - nur eben die Erfahrung mit den Stadtwerken.
Folgt man allerdings dieser Erfahrung, dann wird der KAV sehr bald
(und werden natürlich auch seine Konkurrenten) gedrängt
werden, "zur unbedingt notwendigen Stärkung der Konkurrenzfähigkeit"
an die Börse zu gehen und damit die "Kapitalbasis" zu verbessern.
Sobald das Kapital einmal eine tragfähige Basis im Krankenanstaltenbereich
hat, wird es trachten, diese ständig weiter zu verbessern.
Die Sorgfalt des redlichen Kaufmannes wird sicherstellen, daß
bestmöglich gewirtschaftet wird. Daß das bestmögliche
Betriebsergebnis aus der Sicht der Aktionäre auch das bestmögliche
aus der Sicht des Patienten ist und optimal die Interessen des Steuerzahlers
im Sinn hat, davon wird uns ein großzügiger Werbeaufwand
überzeugen, den sich die Gemeinwirtschaft in ihrer Kleinkariertheit
nie geleistet hätte. Und wenn sie nicht gestorben sind, werden
alle glücklich sein - bis zum bösen Erwachen.
Sollte nämlich der Konkurs dennoch nicht aufzuhalten sein,
dann muß eben verkauft werden. Es wird sich schon irgendwo
in der Welt eine uneigennützige Kapitalgruppe finden, die die
Konkursmasse des AKH zum Kilopreis kauft und - selbstverständlich
mit großzügigen Steuerbegünstigungen und Regierungssubventionen
- wenigstens einige Zeit einen Teil der Arbeitsplätze rettet,
bis die endgültige Liquidierung des lästigen Konkurrenten
abgeschlossen ist.
Aber natürlich sind solche Geschichten frei erfunden. Selbstverständlich
gibt es in der Geschichte der "entstaatlichten" Schwerindustrie
keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß Mißwirtschaft
ab und zu auch in der Privatwirtschaft vorkommt.
Für moderne Turboliberale aller Spielarten, für gelb-
bis blau und braunrosa Berufs-Yuppies, gehört zu einer ordentlichen
Beschäftigungspolitik auch eine andere Gesundheitspolitik.
In der modernen Leistungsgesellschaft ist ebenso kein Platz für
Sozialschmarotzer, wie im modernen (Gesunden- und) Krankenhaus kein
Platz sein soll für eingebildete Kranke und überflüssige
Gehaltsschnorrer. Sollen doch gefälligst die Fürsorgeverbände
schauen, wie sie den von der Gesellschaft nicht abgedeckten Bedarf
an medizinischer Grundversorgung sicherstellen, soll doch gefälligst
der Staat schauen, wie er für den Lebensunterhalt der arbeitslosen
Ärzte, Krankenschwestern, MTDs aufkommt. Vielleicht gibt's
bis dahin eine EU-Förderung zum Wiederaufbau eines geordneten
Gesundheitswesens, mit der alle die negativen Folgen der sogenannten
neoliberalen Verbesserungen beseitigt und - wenigstens - der heutige
Zustand wieder hergestellt werden kann.
Nur für den unverbesserlichen Pessimisten, KIVler und andere
Rotseher bleibt die alte Travnicek-Frage unbeantwortet im Raum:
"Wos brauch i des?" Oder im nachhinein, wie der Wiener so treffend
zu sagen pflegt:: "Fia wos homma de Krot g'fressen?"
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