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Zappenduster, aber profitabel

Durch das Abschalten von Atomkraftwerken gehen keine Lichter aus. Aber womöglich in Folge der umfassenden Liberalisierung des Strommarkts.

Von Reinhard Wolff.

 

Steuert ein durchgängig liberalisierter Strommarkt in Europa auf eine Versorgungskrise zu? Drohen an extrem kalten Wintertagen ausgeschaltete Strassenbeleuchtungen, stillstehende Fabriken und dunkle, ausgekühlte Wohnungen? Solche Szenarien haben bisher die BefürworterInnen der Atomenergie an die Wand gemalt. Doch anders als in den Zeiten, da Politiker mitunter das Licht ausschalteten, um einer widerspenstigen Bevölkerung die Folgen einer Zukunft ohne AKWs vorzuführen, könnte die Liberalisierung der Strommärkte tatsächlich diese Konsequenz haben. Das befürchten jedenfalls viele in den Ländern, die neben dem Inselsonderfall Britannien - die bislang längsten Erfahrungen damit gemacht haben: Norwegen und Schweden.

Beide Länder haben sich früher durchwegs selbst mit Elektrizität versorgt. Inzwischen aber müssen sie aus anderen Ländern Strom beziehen, um die Bedarfsspitzen zu decken, sie sind also von Vollversorgern zu Importländern geworden. Der Grund ist einfach: Es ist billiger, Strom in Spitzenzeiten aus dem Ausland zuzukaufen, als teure Reservekraftwerke bereitzuhalten. Die Vorsorgerolle der ehemaligen öffentlichen Träger ist weggefallen, und der Markt hat weder Lust noch die Verpflichtung, die Lieferung zu garantieren. Anstelle der Behörden regiert jetzt nämlich der Rechenstift.

Während seit Monaten in Schweden auf juristischer und politischer Ebene darum gestritten wird, ob Regierung und Parlament wirklich das Recht hatten, der Betreiberfirma des Atomkraftwerkes Barsebäck gesetzlich ein Abschalten der Reaktoren zu verordnen (und ob in der Zwischenzeit das umstrittene Werk ungehindert weiterläuft), haben der Barsebäck-Betreiber Sydkraft und die anderen Stromkonzerne seit der Liberalisierung des Strommarkts 1996 freiwillig Kraftwerke stillgelegt, die in ihrer Gesamtleistung drei Barsebäck-Atomkraftwerken entsprechen. Die Generatoren wurden nicht etwa abgestellt, weil Haushalte und Industrie plötzlich so sparsam mit Strom umgehen würden, sondern weil mit der Liberalisierung auch die Verpflichtung fiel, Reservekraft bereitzuhalten, und weil es sich auch nicht mehr rechnete. Warum ein Kraftwerk betreiben, das vielleicht nur einige Stunden am Tag oder einige Wochen im Jahr Strom produziert, wenn man diesen billiger aus dem Ausland beziehen kann? Da kümmert es die Konzerne auch wenig, dass in diesen Spitzenlast-Kraftwerken die Elektrizität umweltfreundlicher produziert wurde als der nun aus Dänemark und bald aus Polen importierte Strom aus Kohlekraftwerken.

Die Liberalisierung hat diese Entwicklung nicht nur ermöglicht, sondern geradezu herausgefordert. Den einzelnen Privathaushalten hat sie zwar bislang so gut wie keine Ersparnis gebracht - aber die industriellen GrossabnehmerInnen zahlen nun tatsächlich weniger. In diesem Segment hat der Wettbewerb zu niedrigeren Preisen geführt. Die meisten Stromkonzerne haben dadurch eine Gewinneinbusse von zwischen zehn und zwanzig Prozent erfahren. Dies hat zur Folge, dass beispielsweise der Barsebäck-Betreiber Sydkraft nach Angaben der Konzernleitung die Produktion um zwischen 1,2 und 1,6 Milliarden Franken "effizienter" gestalten will, um den Rückgang wieder wettzumachen.

Am meisten lässt sich sparen, wenn man Kraftwerke einfach stilllegt. So bei Sydkraft geschehen mit Teilen eines hochmodernen Ölkondenskraftwerks in Karlshamn; Konkurrent Vattenfall hat ein ähnliches Werk zugemacht. Deren Strom fehlt jetzt an kalten Wintertagen. Doch noch muss niemand frieren, da man im europäischen Ausland Elektrizität dazukaufen kann.

Fragt sich nur, wie lange noch. Denn die Stromproduzenten dort dürften bald ähnlich rechnen wie Sydkraft, Vattenfall und die anderen. "Die Politiker haben nicht begriffen, was sie da eigentlich tun", glaubt Ake Pettersson, Vizechef des Stockholmer Stromlieferanten Birka-Kraft: "Sie wollten eine unbeschränkte Herrschaft für die Marktkräfte und sahen nicht, zu welchen Konsequenzen das führt." Vom früheren Versorgungsmonopol und der ehemaligen Lieferungspflicht ist nämlich allein die Verantwortung der Netzbetreiber für die Funktionsfähigkeit der Leitungen übrig geblieben: Sie müssen dafür sorgen, dass der Strom fliessen kann. Aber es gibt keine Pflicht, sicherzustellen, dass auch wirklich Strom vorhanden ist. Sture Larsson vom Unternehmen Svenska Kraftnät, das die grossen Überlandleitungen betreibt und die lokalen Stromverteiler beliefert: "Wir haben nur eine Verantwortung, dass die Stromversorgung auf kurze Sicht funktioniert, also die Leitungen und Transformatorstationen in Ordnung sind. Legen die Stromproduzenten Kraftwerke still, sind wir machtlos. Wir können sie weder zur Produktion noch zum Import von Strom zwingen."

Man sei zu weit gegangen, meint Ake Pettersson, "Strom ist zu wichtig für eine Gesellschaft, als dass man ihn als eine Handelsware wie jede andere betrachten darf. Der Staat muss dafür sorgen können, dass nicht nur die Leitungen funktionieren, sondern das gesamte Versorgungssystem. "Denn auch wenn die Kraftwerke nicht gleich abgerissen, sondern nur stillgelegt werden, besteht laut Pettersson die Gefahr, dass sie als Ersatzteillager missbraucht werden: "Hier eine Pumpe, dort ein Ventil - bald sind die ausgeschlachtet." Die Konzerne rechnen selbst damit, dass es schon jetzt, kurze Zeit nach der Stilllegung, zwischen einem halben und einem Jahr dauert, ein stillgelegtes Werk wieder anzufahren. Steht ein Kraftwerk länger still, kann dies ganz unmöglich werden.

Pettersson spricht natürlich in eigener Sache: Die Stromproduzenten hätten nichts dagegen, ihre jetzigen Reservekraftwerke betriebsbereit zu halten. Da dies jedoch kostet und Wettbewerbsnachteile bringt, wollen sie dafür bezahlt werden - zumindest aber sollte die Bereithaltungspflicht von Reservekapazität für alle gelten. Da mittlerweile die Konkurrenz nicht mehr national beschränkt ist, müsste eine solche Regel europaweit durchgesetzt werden.

Erst langsam beginnen die skandinavischen Politikerlnnen, dieses Problem zu erkennen. Es gibt zwar zahlreiche Statistiken aus allen skandinavischen Ländern, aus denen sich mehr oder weniger präzise die notwendige Entwicklung der Produktionskapazitäten errechnen lässt - doch die Zahlen sagen nichts darüber aus, ob man aus einem der Nachbarländer überschüssigen Strom beziehen kann, wenn etwa im Feber des übernächsten Jahres ein Russlandhoch mit Temperaturen um zwanzig Grad minus halb Europa im Griff hat. Und die Statistiken liefern so gut wie keine verlässlichen Zahlen darüber, wie sich Exportfähigkeit und Importbedarf entwickeln, wenn immer mehr Länder ebenfalls liberalisieren und sich bei der Versorgung ganz auf den Markt verlassen.

Margarete Bergström, die gerade im Auftrag der Stockholmer Regierung erste Fakten zum Thema sammelt, um dieser in einigen Monaten eine Problembeschreibung abzuliefern, sagt: "Selbst wenn wir nur von Schweden ausgehen, wird schnell klar, dass eine isolierte Betrachtungsweise unmöglich ist. Wir müssen sehen, dass auch Norwegen keine Überschussenergie mehr hat und dass auch in Finnland und Dänemark Kohlekraftwerke stillgelegt werden sollen. Irgendwie scheinen sich alle auf die anderen zu verlassen. Aber tatsächlich kann kein Land damit rechnen, von einem anderen versorgt zu werden." Es könne also gut sein, sagt sie, dass erst die skandinavische, dann die westeuropäische und schliesslich die gesamteuropäische Stromrechnung plötzlich nicht mehr aufgeht.

Unlösbar müsse das Problem nicht sein, meint Margarete Bergström, es sei zunächst wichtig, überhaupt ein Bewusstsein von dessen Existenz zu schaffen. So könne eine Lösung darin bestehen, die vollständige Liberalisierung zurückzunehmen und eine Pflicht zur Bereitstellung von Reservekapazitäten einzuführen. Eine andere Möglichkeit böte wenn man sich schon auf den Markt verlasse - ein Ausbau der jetzigen Strombörsen. Dort wird derzeit nur mit Elektrizität gehandelt, denkbar sei aber auch ein zusätzlicher Handel mit Produktionskapazitäten. Stromanbieter könnten so das Kostenrisiko untereinander aufteilen, sich entsprechend absichern und damit auch an kalten Wintertagen oder bei zweiwöchiger Windstille eine Lieferung garantieren. Eine noch weiter gehende Idee wäre der Aufbau einer "negativen" Strombörse: Grossverbraucher könnten ihren vertraglich garantierten Anspruch auf Lieferung verkaufen und so zusätzlichen Gewinn abschöpfen - allerdings auf die Gefahr hin, dass irgendwann Drehbänke, Montagebänder, Mischmaschinen stehen bleiben.

Da derzeit aber die Marktkräfte keinerlei Veranlassung sehen, solche Purzelbäume zu schlagen, spricht einiges dafür, dass die Regierungen in Stockholm, Oslo und anderswo sich bald veranlasst sehen könnten, einen Teil der unbeschränkten Liberalisierung rückgängig zu machen und nachträglich zumindest eine Notbremse einzubauen. Spätestens wohl dann, wenn ein kräftiges winterliches Russlandhoch tatsächlich bewiesen hat, dass da jemand zu kurz gedacht hat.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitung, Zürich.