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Teil 1 | Teil 2
Globalisierung für Alle - Oder: was ist zu tun?
Die Rolle der Politik in der Globalisierung,
die Lösungsansätze von Dan Gallin.
Im Endeffekt bedeutet der Neoliberalismus die Abschaffung
der Politik und somit die Abschaffung der Demokratie. Vor dieser
Katastrophe ist Flucht, etwa in Asterix-Dörfer, kein Ausweg.
Im Gegenteil: unsere Losung sollte sein, alles zu globalisieren:
nicht nur das Kapital, sondern auch die Menschenrechte und darunter
die Gewerkschaftsrechte, den Umweltschutz, den Sozialschutz, die
Demokratie, die Gerechtigkeit, die Freiheit.
Die ideologische Auseinandersetzung ist unerlässlich um den
Bannkreis des neoliberalen Dogmas zu brechen, nicht zuletzt innerhalb
der sozial-demokratischen Parteien selbst. Es wäre eine vordringliche
Aufgabe der sozial-demokratischen Parteien und der Gewerkschaftsbewegung
den Neoliberalismus als Ideologie zu bekämpfen und ihm andere
Gesellschaftsentwürfe entgegenzustellen. Das muss nicht im
Rahmen einer sozialistischen Utopie geschehen: das Gemeinwohl und
die Vertiefung der Demokratie genügen als Ausgangspunkt.
Man muss sich allerdings fragen, ob die Sozialdemokratie "light"
in ihrem derzeitigen Zustand dazu im Stand ist, bzw. ob dieser ideologische
und politische Kampf nicht zuerst intern ausgetragen werden muss.
Wenn die britische Labour Regierung es als Prinzip erhebt als "business-friendly"
zu gelten, und damit die Privatisierungen fortsetzt und die Beschränkung
der Gewerkschaftsrechte im Wesentlichen beibehält, die schwedische
sozial-demokratische Regierung sich mit den Gewerkschaften wegen
Abbau des Sozialstaates anlegt und die SPD in ihrem Wahlkampf ähnliche
Signale setzt, während die, einst mächtige, japanische
Sozialdemokratie in einer neoliberalen Partei aufgegangen ist und
die Neuseeländische Labour Party den Neoliberalismus in ihrem
Lande als erste zur Regierungspolitik gemacht hat, muss man feststellen,
dass diese Ideologie schon tief in unsere Reihen eingedrungen ist.
Über fünfzig Jahre wurden hunderte Millionen USD von
der amerikanischen und britischen Rechten gezielt eingesetzt um
ein Netzwerk von Stiftungen, Zeitschriften, akademischen Institutionen,
usw. aufzubauen das entscheidend zur öffentlichen Meinungsbildung
beigetragen hat. Dass sich die Ideologie des transnationalen Kapitals
in den 1980er Jahren in den USA und Grossbritannien durchsetzten
konnte, und nach 1989 zu einem weltweit wirksamen Modell werden
konnte, hat der Rechten viel Arbeit und viel Geld gekostet.
In denselben fünfzig Jahren haben viele Arbeiterorganisationen
ihre Bibliotheken aufgelöst, ihre Schulungs- und Bildungstätigkeiten
eingeschränkt, ihre Zeitungen und Zeitschriften eingehen lassen,
ihre Nebenorganisationen in bureaukratischer Routine erstarren lassen,
den Kontakt zur Zivilgesellschaft verloren, Entwicklungshilfe und
politisches Theater statt internationaler Organisationsarbeit gepflegt.
Es ist immer noch das Vorrecht der nationalen Regierungen internationale
Abkommen wie das MAI, das sie zugunsten der TNKs entrechtet, zu
unterzeichnen oder nicht. Es mag sein, dass eine Regierung die hier
den Gehorsam verweigert, dafür bestraft werden könnte.
Aber solche Sanktionen wirken um so weniger als die Zahl der Gehorsamverweigerer
wächst. Wenn die SPD die Wahlen in Deutschland gewinnt, wird
die Sozialdemokratie zur führenden politischen Kraft in der
EU. Wenn die EU dann noch das MAI Abkommen durchlässt, dann
sind wir selber schuld. Aber es bleibt in diesem Fall nur noch die
extreme Rechte um die Auflehnung der Völker gegen die Folgen
der neoliberalen Globalisierung in politische Kraft umzumünzen.
Unsere gegenwärtige Ohnmacht hat zwei Gründe: erstens,
weil die Mehrzahl der Arbeiter der Welt unorganisiert sind; zweitens,
weil die internationale Gewerkschaftsbewegung in ihrer jetzigen
Form nicht im Stand ist einen globalen Machtkampf erfolgreich auszutragen.
Die Lösung des ersten Problems hängt von der Lösung
des zweiten ab.
Es sind also organisatorische und politische Probleme zu lösen,
die selbstverständlich zusammenhängen und folglich nicht
nach der Reihe sondern gleichzeitig in Angriff genommen werden müssen.
Dazu gehören, u. a. (ich erhebe keinen Anspruch darauf
einen vollständigen Katalog aufzustellen, zumal manche Aufgaben
erst im Laufe der Arbeit an anderen sichtbar werden):
- Ausbau der gewerkschaftlichen Organisationen in transnationalen
Konzernen, mit dem Ziel mindestens die 2000 wichtigsten gewerkschaftlich
flächendeckend zu organisieren. Das ist die Aufgabe der IBS,
welche die wirksamsten internationalen Gewerkschaftsorganisationen
sind die es zum jetzigen Zeitpunkt gibt, und die bei dieser Aufgabe
die Unterstützung aller Organisationen der Arbeiterbewegung
brauchen. Auf europäischer Ebene wäre der geeignete Ansatzpunkt
die Europäischen Betriebsräte (EBR). Soweit sich die Kollegen
nicht auf die politischen Vorgaben der EU Richtlinie beschränken,
sondern die EBRs territorial auf den gesamten Wirkungsbereich der
TNKs ausdehnen, auch ausserhalb Europas, und die Zusammensetzung
der EBRs deckungsgleich mit den zuständigen Gewerkschaftsorganisationen
machen, damit die EBRs nicht als von Konzernleitungen manipulierte
gelben "Arbeitnehmervetretungen" missbraucht werden können.
- Damit der unseligen Rivalität zwischen IBFG und IBS endlich
ein Ende gemacht werden kann, und die Unterstützung der Organisationsarbeit
der IBS durch die nationalen Bünde einfacher und zielgerechter
gestaltet werden kann, sollten die IBS dem IBFG als Mitglieder beitreten
(wohlgemerkt: als Mitglieder, nicht als Abteilungen), mit gleichen
Rechten und Pflichten wie die Bünde die jetzt Mitglieder des
IBFG sind. Unter günstigen Umständen könnte das desweiteren
dazu führen, dass der IBFG zu einer Gewerkschaftsinternationale
umfunktioniert wird.
- Die Kräfte nationalstaatlicher Gewerkschaftsorganisationen
müssen gebündelt werden in dem ein grösserer Teil
ihrer Autorität und Befugnisse auf ihre internationalen Organisationen
übertragen wird. Man könnte sich auch Gewerkschaftsfusionen
über Landesgrenzen hinweg vorstellen. Wie lange noch soll bei
uns als utopisch gelten was bei den Konzernen schon längst
Routine ist?
- Die internationale Politik muss in der Gewerkschaftsbewegung selbst
demokratisiert werden, damit sie den nötigen Rückhalt
bei den Mitgliedern bekommt und nicht als ausschliessliche Verantwortung
oder sogar Privileg der leitenden Funktionäre missverstanden
wird. Das setzt eine umfassende Schulungs- und Bildungsarbeit voraus
die im übrigen als ein Teil der Organisationsarbeit verstanden
sein sollte. Um Missverständnissen vorzubeugen: es handelt
sich hier nicht darum, Entwicklungshilfe und "Projekte" zu erläutern,
sondern Bereitschaft zum solidarischen Einsatz auch in anderen Industriestaaten
zu stärken. Das Hauptproblem der Gewerkschaften ist zur Zeit
ihre eigene Kapazität und die Zusammenarbeit innerhalb ihrer
internationalen Organisationen zu verstärken, also mehr Mittel
im "Norden" einzusetzen und eben vom Projektdenken loszukommen.
Die Priorität einer sinnvollen Gewerkschaftspolitik im Rahmen
der weltwirtschaftlichen Globalisierung kann nicht mehr "Hilfeleistung"
an Organisationen sein von denen angenommen wird, dass sie noch
schwächer als die unseren sind, sondern Aufbau einer gewerkschaftlichen
Schlagkraft im "Norden" welche dann natürlich auch dem "Süden"
und "Osten" zugute kommen würde.
- Die Verteidigung der Menschenrechte und der demokratischen Rechte
muss ein Schwerpunkt internationaler Arbeit werden. Demokratie weltweit,
und ihre Verteidigung wo sie gefährdet oder unterdrückt
wird, ist für die Gewerkschaftsbewegung nicht nur ein moralisches
Imperativ sondern im höchsten Grad eine Frage des grundsätzlichen
Klasseninteresses aller arbeitenden Menschen, u. a. weil sie
die Voraussetzung einer wirksamen Interessenverteidigung ist. Aufgabe
aller freien Gewerkschaften ist am Sturz der bestehenden Diktaturen
zu arbeiten damit sich die Arbeiter dieser Länder auch frei
organisieren können.
- Die politischen Zielsetzungen der Gewerkschaften müssen auf
Grund des Verständnisses der neuen Lage neu formuliert werden
und die Gewerkschaftsbewegung muss zum Träger eines neuen Gesellschaftsentwurf
werden der ihren Werten und ihren Interessen entspricht. Damit wird
sozialdemokratischen Parteien ihre Rolle als Vertreter der Politik
nicht streitig gemacht, sondern es wird die Verantwortung der Gewerkschafter
als Staatsbürger ("citoyens" und "citoyennes") ihrer Arbeiterbewegung,
und selbstverständlich auch ihres Staates, wahrgenommen. Auf
Grund dieser politischen Arbeit können dann Bündnisse
mit anderen Organisationen der Zivilgesellschaft, den neuen sozialen
Bewegungen, aufgebaut, und die weltweite soziale Bewegung des 21.
Jahrhunderts vorbereitet werden.
zum Autor Dan Gallin vom "Global Labour Institute"
(GLI) war beim Franz Senghofer Symposium des Österreichischen
Gewerkschaftsbundes und der Arbeiterkammer Wien auch Gesprächspartner
von Ferdinand Lacina.
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