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Demokratie sichert nach unten ab, nicht nach oben
"Wer von Armut spricht, darf von Reichtum
nicht schweigen", ist das Motto eines Sammelbandes über "Reichtum
in Österreich". Wir bringen daraus einen Beitrag von Brigitte
Unger, sozusagen als Leseprobe ....
Wir sind reicher als wir es je waren. Wir haben den höchsten
Lebensstandard. Wir haben zum Beispiel heute ein doppelt so hohes
Pro-Kopf-Einkommen wie vor 15 Jahren. Was ich mich nur frage: Wenn
wir reicher sind, als wir je waren, warum können wir uns plötzlich
den Wohlfahrtsstaat nicht mehr leisten? Es muß also irgendeinen
Grund geben, etwas, was sich verändert hat.
Es ist zu einem Ungleichgewicht der Kräfte gekommen, wie
es seit dem Bürgerkrieg zumindest noch nie da war. Wir sind
ein kleines Land, wir hatten einen Bürgerkrieg und haben uns
zu einer Konsenslösung nach diesem Krieg gefunden, daß
Arbeit und Kapital gemeinsam am Tisch sitzen. Wir hatten also eine
Lösung, daß das Kapital schwach war und Kleinbetriebe
geschwächt und die Arbeiter relativ stark. Das war auch der
Grund, warum sie verhandlungsfähig waren, und das ist auch
der Grund, warum Österreich im internationalen Vergleich immer
noch Nummer eins im Neokooperatismus oder in der Sozialpartnerschaft
ist. Mehr noch als die Holländer, mehr als die Norweger, mehr
als die Schweden. Das ist auch ökonomisch ein Grund, warum
wir in den letzten zwanzig Jahren eine der besten Wirtschaftsdaten
von allen Ländern verzeichnen konnten.
Diese Kräfteverhältnisse haben sich in den letzten 15
Jahren entscheidend zu Gunsten des Kapitals, zu Gunsten der Unternehmer
und zu Lasten der Arbeiter verschoben. Ich möchte nur ein paar
Beispiele setzen: Ich behaupte, das Kapital ist stärker geworden;
nicht nur stärker, es ist auch frecher geworden. Es ist insofern
frecher geworden, als zum Beispiel, wenn wir steigende Arbeitslosigkeit
haben, die Unternehmer plötzlich die Verlängerung der
Wochenarbeitszeit auf 45 Stunden fordern. Das hätte man sich
früher bei steigenden Arbeitslosenzahlen nicht getraut. Es
ist auch frecher geworden, als es seine Steuern nicht mehr bezahlt.
Ich möchte jetzt die Statistik über die steigenden Löhne
ergänzen um die Steigerung der Besitzeinkommen. Die Lohneinkünfte
sind um 560 Prozent gestiegen, aber die Besitzeinkünfte um 1800 Prozent.
Hingegen ist das Lohnsteueraufkommen stärker als das Besitzeinkommenssteueraufkommen
gestiegen. Da muß es ja offensichtlich eine Verschiebung der
Kräfte gegeben haben, zu Lasten der Arbeitnehmenden, zum Vorteil
der Besitzeinkommenden und der Unternehmer. Es gäbe noch viele
Gründe aufzuzählen.
Was ich aber klarstellen möchte, ist auch, daß das österreichische
Steuersystem in den letzten 15 Jahren unheimlich vorauseilend gehorsam
auf die Unternehmerseite geschielt hat, vor lauter Angst, daß
sie ins Ausland abwandert. Wir hatten Steuerreformen, die zum Beispiel
die Vermögenssteuer abgeschafft haben. Das sind immerhin acht
Milliarden Schilling im Jahr, die da an Einkünften entgehen.
Und wir rangieren damit im internationalen Ranking der Vermögenssteuern
hinter der Türkei. Da gab's zum Beispiel die Berechnungen von
Guger: Wenn wir nur den EU-Durchschnitt an Vermögenssteuern
fordern würden, hätten wir 40 Milliarden Schilling mehr
Steueraufkommen pro Jahr. Mit 40 Milliarden läßt sich
schon einiges finanzieren an Armut. Das heißt, wir müßten,
wenn wir unser Modell der sozialen Marktwirtschaft erhalten wollten,
unsere Unternehmer wieder soweit bringen, nicht mit dem internationalen
Kapital zu liebäugeln - sie zahlen drauf, sie schaffen's nicht
-, sondern sich wieder auf die österreichischen Konsenslösungen
zu beschränken, die uns eigentlich lange Zeit als kleines Land
eine ganz einmalige internationale Position gegeben haben und auch
in Zukunft geben könnten.
Wir brauchen ein Steuersystem, das wieder umverteilt. Man kann
zeigen, daß unser Steuersystem insgesamt proportional wirkt.
Wir haben kein progressives Steuersystem, das heißt, wir verteilen
nicht mehr von oben nach unten um. Mit einem nicht progressiven
Steuersystem - Mehrwertsteuer dazugezählt, nicht nur die Einkommenssteuer
- kann ich keine Umverteilung nach unten mehr machen. Wir brauchen
daher eine Politik, die bereit ist, wieder klar Umverteilung von
oben nach unten vorzunehmen, und das bringt mich auch zur Frage
der Reichtumsgrenze. Als ich noch ganz jung war, gab es die Forderung,
eins zu zehn solle das Einkommensverhältnis sein zwischen arm
und reich. Diese Forderung hat sich nie wirklich durchgesetzt. Ich
bin auch heute ein bißchen älter geworden und würde
nicht mehr eine klare Formel fordern. Ich würde nicht sagen:
eins zu zehn. Was man hingegen fordern kann, ist die Absicherung
der Armut nach unten, und das ist üblich in der Demokratie,
daß sie gegen das Schlimmste absichert. Demokratie sichert
normalerweise nicht nach oben ab, sie sichert immer nach unten ab.
Brigitte Unger ist Assistentin am Institut für
Wirtschaftswissenschaften WU-Wien. Das Buch ist vom Netzwerk gegen
Armut und soziale Ausgrenzung, Postfach 318, 1070 Wien, zu beziehen.
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