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Teil 1 | Teil 2
Die Rolle der Politik in der Globalisierung
Der Spielraum der Politik wird durch die weltwirtschaftliche
Entwicklung zunehmend eingeschränkt. So scheint es jedenfalls.
Von Dan Gallin.
Wenn wir uns die Frage stellen warum wir uns hier über
die Rolle der Politik in der Globalisierung unterhalten wollen,
so ist es doch deshalb, weil wir feststellen müssen, dass der
Spielraum der Politik - d. h. das Feld der Freiheit in dem politisches
Handeln möglich ist - durch weltwirtschaftliche Entwicklungen,
die mit der Globalisierung zusammenhängen, zunehmend eingeengt
wird.
Jedenfalls scheint es so. Geht es aber um die "Rolle der Politik"
im allgemeinen? Welcher und wessen Spielraum wird eingeengt? Doch
nicht jener der Neoliberalen, deren Politik - vorläufig - die
öffentliche Debatte hegemonisch beherrscht und welche dabei
- noch - auf geringen Widerstand stösst seitdem massgebliche
sozialdemokratische Parteien und Regierungen den Neoliberalismus
in verschiedenem Ausmasse verinnerlicht haben. Denn die Behauptung,
dass Politik nur legitim ist, wenn sie "dem Markt", mit anderen
Worten den Zielen des transnationalen Kapitals dient, ist auch eine
Politik.
Es stimmt wohl, dass die kapitalistische Weltwirtschaft schon
immer international war, und dass Welthandel und Exportanteile vor
1914 bereits ein ähnliches Niveau aufgewiesen haben. Das Neue
an der Globalisierung, wie sie seit ungefähr zwei Jahrzehnten
stattfindet, ist jedoch die Entwicklung der neuen Informations-
und Kommunikationstechniken deren Träger und hauptsächlichen
Nutzniesser die transnationalen Konzerne (TNKs) sind.
Diese neuen technischen Möglichkeiten, im Zusammenhang mit
der politisch gewollten Deregulierung der Geldmärkte, haben,
zum ersten, die Freisetzung und Globalisierung des Finanzkapitals
zur Folge. Das Verhältnis von Finanztransaktionen zum Bruttoinlandsprodukt
stieg weltweit von 15:1 im Jahre 1971 auf 30:1 in 1980 und 78:1
in 1990. Das Devisenumsatzvolumen betrug 1989 das 20fache des Welthandels
(Exporte und Importe) und es werden täglich zwischen 1400 und
1500 Milliarden USD weltweit transaktioniert. Die wachsende lnstabilität
der weltweiten Geld- und Gütermärkte die dadurch entsteht
wurde uns seit letztem Jahr eindrücklich u. a. durch die
Asienkrise vorgeführt.
Zum zweiten, hat es die Verselbstständigung der transnationalen
Konzerne zur Folge, die immer weniger von nationaler Gesetzgebung
und Wirtschaftspolitik abhängig sind. Die Rolle der TNKs in
dem Integrations- und Globalisierungsprozess der Weltwirtschaft
ist nicht zu unterschätzen. Es sind derer ungefähr 48.000
und mit ihren rund 240.000 Tochtergesellschaften kontrollieren sie
75 Prozent des Welthandels in Rohmaterial, Fertigprodukten und Dienstleistungen
(mehr noch, wenn man Zulieferer, usw. mitrechnet). Ein Drittel dieses
Handels ist intern, d.h. zwischen Tochtergesellschaften desselben
Konzerns, und deshalb von nationalen Behörden oder internationalen
Organisationen schwer durchschaubar. TNKs kontrollieren auch ein
Drittel des produktiven Kapitals. Laut UNCTAD (Kommission der Vereinigten
Nationen für Handel und Entwicklung) ist "internationale Produktion
ein strukturelles Hauptmerkmal der Weltwirtschaft".
Zum dritten, entsteht durch die Globalisierung des Kapitals ein
globalisierter Arbeitsmarkt, in dem den Arbeitern aller Länder
ein Konkurrenzkampf untereinander aufgezwungen wird. Damit wird
eine Abwärtspirale in Bewegung gesetzt die in der ganzen Welt
auf Löhne und Arbeitsbedingungen drückt. Diese Abwärtspirale
hat keine untere Grenze, es sei denn die Sklavenarbeit. Dabei handelt
es sich nicht nur um direkte und indirekte Arbeitskosten, sondern
auch um alle anderen Elemente des Gemeinwohls das vom Kapital als
Kostenfaktor wahrgenommen werden könnten: Besteuerung, soziale
Gesetzgebung, Umweltschutz und schlussendlich Menschenrechte und
demokratische Rechte, insofern sie Möglichkeiten eines wirksamen
gesellschaftlichen Widerstandes bieten, aus dem selbstverständlich
dem Kapital Kosten entstehen.
Die Folge dieser Entwicklung ist der Schwund der Souveränität
des territorial umgrenzten Nationalstaats, wobei dem Sozialstaat,
d. h. sozial-demokratischer Politik, ihr politischer Rahmen und
ihre politischen Voraussetzungen entzogen werden. In einer global
integrierten Weltwirtschaft, in der das Kapital die technischen
und politischen Möglichkeiten hat sich grenzenlos frei zu bewegen,
öffnen sich auch neue Möglichkeiten der Steuerflucht und
der Kapitalflucht, d.h. der Erpressung des Nationalstaates durch
transnationale Konzerne.
Die Privatisierungswelle die jetzt die ganze Welt umfasst, einschliesslich
die restkommunistischen Staaten wie China, Vietnam oder Kuba, bedeutet
eine zusätzliche Schwächung des Nationalstaates weil er
dadurch weitere Möglichkeiten der Beeinflussung der Wirtschaftspolitik
und, in seiner Rolle als Arbeitskäufer, der Sozialpolitik,
verliert, und bedeutet gleichzeitig eine Stärkung der TNKs
welche die wichtigsten Staatseigentümer aufkaufen.
Internationale Handelsabkommen, zum Beispiel im Rahmen der WTO
oder des von der OECD vorbereiteten MAI, entrechten den Nationalstaat
immer mehr zugunsten der TNKs. Staaten welche versuchen die Handlungsfreiheit
der TNKs (z. B. was Investitionen, Schliessungen, Produktionsverlagerungen,
usw., aber auch Umweltschutzmassnahmen oder Arbeitsrecht betrifft)
durch gesetzliche oder politische Massnahmen einzudämmen, werden
bestraft. Dadurch wird die Kontrolle über wirtschaftliche und
soziale Politik von Regierungen, welche ihren Wähler gegenüber
verantwortlich sind, an TNKs übertragen, die sich höchstens
gegenüber ihren Aktionären zu verantworten haben.
Der verminderte Spielraum aller nationalstaatlichen Institutionen
führt bei den Staatsbürgern, oder bei Mitgliedern von
Gewerkschaften und Parteien, zu einem Gefühl der Machtlosigkeit,
zur Politikverdrossenheit - eben, weil keine Politik mehr stattfindet
- und zum Zynismus gegenüber Institutionen und Organisationen
welche ihren Zweck nicht mehr erfüllen können. Die Entmachtung
des Nationalstaates als Verteidiger des Gemeinwohls führt somit
zu einer Krise der Demokratie.
Ich will damit nicht behaupten, dass auf nationalstaatlicher Ebene
überhaupt nichts mehr läuft, und ich will auch nicht damit
sagen, dass der politische Kampf auf nationalstaatlicher Ebene bedeutungslos
geworden ist, ebensowenig wie ich behaupten würde, dass der
politische Kampf auf der Ebene der Gemeinde oder des Bundesstaates
bedeutungslos wäre weil diese Institutionen über eine
beschränkte Souveränität verfügen. Ich will
damit nur sagen, dass wir uns nicht mehr wie früher auf den
Nationalstaat für die Verteidigung unserer Belange verlassen
können, auch dort nicht, wo unsere traditionellen politischen
Verbündeten an der Regierung sind, eben weil er nicht mehr
über die Machtmittel verfügt die ihn früher kennzeichneten.
Was jetzt stattfindet, ist eine Verschiebung der Machtverhältnisse
innerhalb der Gesellschaft zugunsten des Kapitals, das durch den
Globalisierungsprozess in der Lage ist, sich weitgehend zu internationalisieren
und folglich sich vom Druck der Gewerkschaften und der politischen
Linken zu befreien. Das Kapital ist somit nicht mehr an einem sozialen
und politischen Kompromiss interessiert. Es ist deswegen nicht nur
immer weniger bereit den Sozialstaat mitzutragen, sondern stellt
auch die Existenzberechtigung des Staates - d.h. der Politik - überhaupt
in Frage überall wo es sich von ihm behindert fühlt. Im
Gegenteil: die Schwächung der Eigenständigkeit des Staates
gegenüber den TNKs hat zur Folge, dass diese immer mehr zu
seinen Auftraggebern werden.
Überall dort wo der Staat dem transnationalen Kapital dienstbar
sein kann, ist seine Souveränität keineswegs in Frage
gestellt. Das Kapital beansprucht überall die Hilfe des Staates.
Es gibt kein Staatsoberhaupt das bei seinen Staatsbesuchen nicht
von einer Leibwache von führenden Kapitalvertretern begleitet
wird, und alle Regierungsvertreter sind heute Handelsreisende der
Unternehmen ihres Landes. Ob es sich um Investitionsgarantien, Exporthilfe,
Bananenkriege, Agrarsubventionen, Landerechte der Fluglinien, von
öffentlichen Mitteln bezahlte Infrastrukturen, Steuerbefreiung,
usw. handelt, überall wird der Staat vom Kapital in Anspruch
genommen. Dazu gehört auch die Unterdrückung der gesellschaftlichen
Kräfte welche sich der Macht des Kapitals entgegenstellen.
Tatsächlich sind die Länder in denen die grossen Reserven
billiger und billigster Arbeitskraft liegen, und die den stärksten
Sog auf die Abwärtsspirale ausüben, totalitäre Polizeistaaten
oder Militärdiktaturen, z. B. China, Vietnam oder Indonesien,
auch nach dem Sturz von Suharto, oder solche Länder wo die
sozialen Zustände und Arbeitsbedingungen noch nachhaltig von
Diktaturen der jüngsten Vergangenheit geprägt sind, z. B.
Russland, Brasilien oder Zentralamerika, oder noch "Demokraturen",
d. h. Länder in denen formelle Demokratie besteht aber
wo im realen politischen und sozialen Leben ganz anders verfahren
wird (z. B. Mexiko oder Indien), oder Länder die Freihandelszonen
eingerichtet haben, wo das staatliche Gewaltmonopol zum Schutze
des transnationalen Kapitals eingesetzt wird. Der "globale Arbeitsmarkt"
ist somit gar kein "Markt" im herkömmlichen Sinne, wo es sich
um Nachfrage und Angebot handelt, sondern wird von hochpolitischen
Faktoren geprägt, welche den Einsatz der Staatsmacht in ihren
rücksichtslosesten und brutalsten Formen voraussetzen. Hier
könnten wir auch "weniger Staat" fordern.
Dan Gallin vom "Global Labour Institute" (GLI) war
beim Franz Senghofer Symposium des Österreichischen Gewerkschaftsbundes
und der Arbeiterkammer Wien auch Gesprächspartner von Ferdinand
Lacina. Zweiter Teil
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