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Traumberuf Krankenschwester?

Fiktion und Wirklichkeit. Eine Geschichte von Birgit Fuczik und Gottfried Weigl.

 

1. 1. 1980

Eines schönen Morgens, Irmi sitzt gerade beim Frühstück, beschließt sie, Krankenschwester zu werden. Warum? Weil sie schon immer gerne ihre Puppen gepflegt hat, wenn ihnen ein Arm abgefallen war oder ihren Teddy verbunden hat, wenn seine Holzspäne durch das Fell durchkamen, aber auch weil sie 10 Folgen Schwarzwaldklinik gesehen hat und dort alle Schwestern und Ärzte so fesch sind.

Nach einem kurzen Gespräch mit ihrer Mutter, die sie auf mögliche unangenehme Seiten dieses Berufes (Launen der PatientInnen, Feiertagsdienste, Nachtdienste, Schüssel tragen, usw......) aufmerksam macht, beschließt sie, sich in einer Krankenpflegeschule der Hauptstadt zu erkundigen. Nach einem freundlichen Beratungsgespräch, wo man ihr "alles" erklärt, meldet sie sich mit Freuden an. Ohne Probleme wird sie aufgenommen - es herrscht gerade akuter Schwesternmangel.

22. 12. 1982

Schwesternschülerin Irma sitzt beim Frühstück auf der 6. Gynäkologischen Abteilung in der Weisswiesenklinik. Sie ist bereits abgekämpft und müde, obwohl sie heute keine einzige Patientin gepflegt hatte. Ihre ganze Tätigkeit besteht bis jetzt aus Bettenputzen und Nachtkästchen wischen, da ja alle wegen der bevorstehenden Feiertage nach Hause gehen wollen. Braungebrannt kommt der Halbgott in Weiß, Herr Prof. Holfrau, bei der Tür herein und schnippt mit den Fingern nach seinem Kipferl und Kaffee. Nachdem sie ihm sofort das Gewünschte serviert, beendet sie sofort ihre Pause, da sie ja mit so hohen Herrschaften nicht an einem Tisch sitzen darf.

Frustriert wünscht sie sich wieder einmal sehnlichst endlich Patientinnen zu pflegen und zu betreuen, so wie sich das immer vorgestellt hat.

29. 9. 1983

Endlich fertig! - Diplomfeier!

Die Worte des Bürgermeisters, der Generaloberin und die Worte des Gesundheitsstadtrates klingen ihr noch im Ohr. Sie weiß, sie hat einen schweren, verantwortungsvollen Beruf ergriffen, ihre Illusionen darüber ist sie aber schon lange los.

Jetzt arbeitet sie auf der 10. Chirurgischen Abteilung der Weisswiesenklinik als Radlschwester. Ihre Dienste für die nächsten Jahre kann sie sich im Voraus ausrechnen, und ihr Privatleben danach richten, denn Diensttausch ist fast nicht möglich. Weil sie 48 Stunden in der Woche arbeiten muß, ist es ihr nicht gelungen ihre Lebensqualität zu verbessern. Wenn sie den Dienst nach 12 1/2 Stunden beendet hat, ist sie manchmal so müde, daß sie hin und wieder in der Straßenbahn einschläft und bis zur Endstation durchfährt. Zu zweit für 40 Patientinnen zu sorgen macht eben müde, und wenn man dann noch das Patientengeschirr selbst abwaschen muß, berühren einen die Gerüchte über heimliche Beurteilungen durch den Vorgesetzten kaum mehr.

27. 6. 1989

In den Medien haben sich die Wogen wieder geglättet. Schön langsam zieht wieder Ruhe und Ordnung ein. Ein Blick auf ihren Gehaltszettel zeigt ihr, daß sie 5000 extra bekommen hat (so viel Geld - was wird sie nur damit machen?). An der Demonstration zu der die Gewerkschaft aufgerufen hat, kann sie leider nicht teilnehmen, da sie gerade heute Dienst hat. Aber Tausende KollegInnen gehen auf die Straße. Der Erfolg läßt nicht lange auf sich warten, denn ab nächstes Jahr gibt es das K-Schema für das Krankenpflegepersonal. Auch werden vermehrt Dienstposten geschaffen, die freilich nicht alle gleich besetzt werden können. Aber sie hat das Gefühl, jetzt wird sich vieles zum Positiven ändern.

13. 3. 1995

Seit 3 Jahren hat Sr. Irma jetzt eine Genossenschaftswohnung mit 87 Quadratmeter und fährt mit ihrem 5 Jahre alten Golf zur Arbeit. Sie kann sich das ja jetzt ohne große Einschränkungen leisten. Die seit Anfang des Jahres eingeführten 2 NSCHG-Stunden pro geleistetem Nachdienst werden ihr in Zukunft mehr Freizeit bringen. Ebenso freut sie sich über die flexible Diensteinteilung - endlich wird sie mehrere freie Tage hintereinander haben.

Es sind zwar jetzt auf der Station zwei KollegInnen und eine Abteilungshelferin mehr, die Arbeit wird aber trotzdem nicht weniger?

23. 12. 1998

Frohe Weihnachten! Maximaler Frust. Desillusionierung! Warum?

Nun, die LKF beginnt zu greifen. Die Aufenthaltsdauer der Patientinnen verkürzt sich, immer mehr werden in immer kürzerer Zeit durchuntersucht, therapiert und eventuell operiert. Daraus ergibt sich für das Pflegepersonal eine zusätzliche quantitative und qualitative Belastung.

Weiters hat sich ein eigenartiges Phänomen ergeben: Quasi über Nacht wurde aus einem Pflegepersonalunterstand ein Pflegepersonalüberstand. Wie ist das möglich? - Rechnerisch auf dem Papier - was sonst.

Auch das neue GuKG - nach langen Jahren endlich erreicht - legalisiert nicht nur Tätigkeiten, die wir immer schon gemacht haben, sondern bringt auch mehr Verantwortung und mehr Aufgaben. Zur Zeit wird bei keiner Personalberechnung darauf Rücksicht genommen, das heißt noch mehr Arbeit für gleichbleibenden Personalstand.

Auf Grund dieser permanenten Überbelastung fühlt sich Sr. Irma immer mehr ausgepowert, das sogenannte "Burn-Out"-Syndrom scheint sie voll erfaßt zu haben. Sie überlegt bereits, ob sie nicht ein Sabbatjahr nehmen soll. Wo aber wird anschließend ihr Arbeitsplatz sein? Am anderen Ende der Hauptstadt?

Oder soll sie sich krank melden und eine Kur beantragen? Lieber nicht. Sonst wird ihre nächste Dienstbeurteilung schlechter ausfallen, ihre Karrierechancen könnten sinken. Ihre KollegInnen wären sicher auch nicht erfreut, denn diese müssen ihre Arbeit mitmachen, einen Ersatz für sie wird es nicht geben. Das Arbeitsklima würde sich noch weiter verschlechtern.

Und immer dieser Ärger mit dem Dienstplan! Flexible Diensteinteilung nennt man das - flexibel aber nur für die Stationsschwester. Ist einmal etwas weniger Arbeit, muß eine KollegIn in der Früh wieder nach Hause gehen, ob sie will oder nicht. Springt man einmal ein, bestimmt die Stationsschwester, welchen Dienst man dafür frei bekommt. Privatleben hintangestellt. Die PV erklärt zwar, daß dies keine korrekte Vorgangsweise ist - aber die eigene Stationsschwester beschuldigen? Wenn das herauskommt! Hat sie noch die Kraft und den Mut sich dieser Konfrontation zu stellen? Oder ist stilles Dulden das kleinere Übel? Die nächste Beurteilung kommt bestimmt.

 

Diese Geschichte ist frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten im KAV sind beabsichtigt.
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