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Neue Arbeitsplätze durch umweltverträglichen Verkehr
Mehr Arbeitsplätze und deutliche Rückgänge
bei den klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen aus dem Verkehrssektor
sind mit einer Wende zu einer umweltschonenderen Mobilität
zu erreichen.
Von Regine Gwinner und Michael Adler.
Zu diesem Ergebnis kommen der Verkehrsclub Deutschland
VCD, und das Öko-Institut Freiburg in einer Studie.
Jeder siebente Arbeitsplatz hängt vom Auto ab, heißt
es in Deutschland. Auch in Österreich, wo die Autoindustrie
bei weitem nicht die zentrale Rolle spielt wie in Deutschland, kolportiert
etwa der ÖAMTC gebetsmühlenartig, daß jeder achte
Arbeitsplatz (12 Prozent) am Auto hänge. Mit dem Killerargument Arbeitsplatz
wird von der Autolobby gerne gegen eine Förderung des umweltfreundlichen
Verkehrs argumentiert und versucht, der Diskussion und dem Nachdenken
über die Chancen einer ökologischen Verkehrspolitik ein
Ende zu setzen. Nicht selten erfolgreich. So einfach ist das nun
nicht mehr.
Umweltfreundlicher Verkehr schafft Arbeit
Die Studie "Hauptgewinn Zukunft: Neue Arbeitsplätze durch
umweltverträglichen Verkehr", zeigt, daß eine umweltfreundliche
Verkehrspolitik so viele neue Arbeitsplätze schaffen würde,
daß sie die Jobs, die rund ums Automobil wegfallen, auffangen
kann und darüber hinaus noch mehr als 200.000 neue anbietet.
Weiters belegt die Studie, daß die Bedeutung der Automobilindustrie
für den deutschen Arbeitsmarkt erheblich überschätzt
wird. Auch wenn die Studienergebnisse nicht einfach eins zu eins
(oder um den üblichen Faktor 10 verringert) auf österreichische
Verhältnisse übertragen werden können, gilt das deutsche
Rechenmodell tendenziell auch für Österreich. Die Studie
errechnet neben einem Mehr an Arbeitsplätzen auch deutlich
positive Effekte für Mensch und Umwelt. Eine ökologisch
ausgerichtete Verkehrspolitik - wie von VCD und Öko-Institut
zugrunde gelegt - würde den verkehrsbedingten CO2-Ausstoß
um mehr als 30 Prozent senken und - ganz nebenbei - die Lebensqualität
extrem verbessern. Das Verkehrswende-Szenario "MOVE"; das die Studie
einer schlichten Fortschreibung des Trends entgegenhält, umfasst
alle Meilensteine der umweltfreundlichen Verkehrspolitik: Einfache
Tarife, abgestimmte Fahrpläne, moderne Fahrzeuge und ein flächendeckendes
Angebot machen den Öffentlichen Verkehr attraktiv. Stadt- und
Raumplanung sorgen für kurze, ansprechende Wege, regionale
und überregionale Rad- und Fußwegenetze bieten Alternativen
zum motorisierten Verkehr, Mobilitätszentralen ermitteln für
jede Gelegenheit das passende Verkehrsmittel und so weiter.
Kleine Änderungen mit großer Wirkung
Das klingt nach Ökotopia. Aber MOVE verblüfft durch
moderate Zielvorgaben: Die Deutschen müssen nicht aufs Auto
verzichten und auch ihr Verkehrsverhalten nicht komplett umkrempeln.
Die Zahl der zurückgelegten Wege bleibt unverändert, doch
ändert sich die Länge der Wege und die Wahl der Verkehrswege
gegenüber dem heutigen Trend. Mobilität wird nicht eingeschränkt,
sondern intelligenter organisiert. Statt um Verzicht geht es um
Effizienz. Bei allen Verkehrsmitteln setzen sich außerdem
energieeffizientere Fahrzeuge durch. Für den Autoverkehr geht
das MOVE-Szenario davon aus, daß Neuwagen in zwölf Jahren
durchschnittlich nur noch drei Liter verbrauchen sowie kleiner und
leichter sind. Im MOVE-Szenario der Studie bleibt die Anzahl der
Kraftfahrzeuge in Deutschland bis zum Jahr 2010 etwa auf dem heutigen
Stand. Die Bundesbürger legen auch dann noch 42 Prozent aller
Wege mit dem Auto zurück. Nur zwei bis drei Autofahrten weniger
pro Woche als heute macht jeder Deutsche laut MOVE im Jahr 2010.
Auch die Veränderungen beim Radfahren, Bahnfahren oder Zufußgehen
sind für die einzelne Person kaum spürbar: achtmal mehr
fährt sie jährlich mit der Bahn, zweimal mehr steigt sie
im Monat in Bus oder Straßenbahn, sechsmal mehr läßt
sie alle Fahrzeuge stehen und geht zu Fuß. Wer vorher ein
Radmuffel war, wird auch im Öko-Szenario der VCD-Studie kein
Jan Ullrich. Knapp zwei Kilometer fährt der/die Durchschnittsdeutsche
laut MOVE im Jahr 2010 täglich mit dem Rad - 625 im ganzen
Jahr. Die Niederländer sind heute schon 850 Kilometer pro Jahr
abgasfrei und pedalgetrieben unterwegs.
Intelligenter Maßnahmenmix
Um die Verkehrswende einzuleiten, wird ein intelligenter Maßnahmenmix
umgesetzt. Dazu gehören Investitionen in neue Busse und Bahnen,
Attraktivitätssteigerung durch verbessertes Service, moderne
Bahnhöfe, optimale Verknüpfung und flächendeckend
höhere Taktfrequenz. Der Bau von Radverkehrsanlagen steht ebenso
auf dem Programm wie Investitionen in die Schieneninfrastruktur,
die Förderung gemeinschaftlicher Autonutzung und Fortschritte
im Fahrzeugbau.
Mit MOVE haben VCD und ÖkoInstitut bewußt ein ambitioniertes,
aber durch und durch realistisches und kurzfristig umsetzbares Szenario
gewählt. Da Politiker nichts so sehr fürchten wie einen
nationalen Alleingang, finden sich hier nur Ziele, die europäische
Nachbarn bereits umgesetzt haben: Beim Bahnfahren beispielsweise
waren die Schweizer Vorbild, beim Radfahren standen die Niederländer
Pate.
Die Realität kann also der Verwirklichung von MOVE kaum im
Wege stehen. Allein der Beweis der Machbarkeit reicht allerdings
nicht aus. Auch MOVE kommt nicht von selbst. Ein starker politischer
Wille und ein breiter Konsens in Politik und Öffentlichkeit
müssen dafür sorgen, daß Bund, Länder und Gemeinden
die Weichen richtig stellen. Das sollte der Politik mit Studien
wie der vorliegenden jetzt leichter fallen, denn diese kann belegen,
daß sie mit einer Verkehrswende mehr Arbeitsplätze schafft,
als wenn sie allein auf die Automobilindustrie setzt und beim einfallslosen
"Weiter so" bleibt. Wer Bus fährt, statt zuhause zu bleiben
oder aufs Rad statt ins Auto steigt, verändert die Nachfrage.
Mehr Fahrgäste in Bussen und Bahnen führen mittelfristig
zu einem Aufschwung bei den Autoherstellern. Laut MOVE-Szenario
müssen die Verkehrsunternehmen in den kommenden zwölf
Jahren fast 40.000 neue Busse und rund 5.000 neue Bahnen bereitstellen,
um die steigenden Fahrgastzahlen aufzunehmen. Außerdem stellen
sie Planer, Busfahrer, Kontrolleure und Mechaniker ein. Radfahren
belebt Fahrradfabriken, Radläden und Werkstätten. Ein
Bedarf nach neuen Informationen und Serviceleistungen entsteht.
Werbeagenturen, Verlage, Mobilitätszentralen und Hot-Lines
haben Hochkonjunktur.
Arbeitsplatzverluste werden ausgeglichen
Auf der anderen Seite sinkt dagegen die Nachfrage: Insgesamt werden
bis zum Jahr 2010 in Deutschland zehn Millionen Autos weniger gekauft.
Autos, die weniger gefahren werden, verschleißen langsamer.
Das merkt die Autoindustrie. Weniger Autofahrten verursachen weniger
Pannen und Unfälle. Das kostet Jobs in Kfz-Werkstätten,
Versicherungsunternehmen und Krankenhäusern. Die Ölindustrie
setzt weniger Kraftstoffe ab und so weiter. Allerdings errechnete
das Öko-Institut im Auftrag des VCD, daß bereits geringe
verkehrspolitische Tendenzänderungen mehr Arbeitsplätze
bringen als sie nehmen. Die Arbeitsplätze, die rund ums Auto
wegfallen, werden durch neue Arbeitsplätze in anderen Verkehrsbereichen
ersetzt. Rund 74.000 Menschen weniger werden in den kommenden zwölf
Jahren Straßenfahrzeuge produzieren. Dieser Rückgang
wird allein durch das Plus von 122.000 Jobs bei der Eisenbahn mehr
als ausgeglichen.
Nachfrage schaffen
Weitere Arbeitsplätze entstehen, weil der Staat nach dem
MOVE-Szenario viel Geld, das sonst in den personalarmen Straßenbau
fließen würde, in den arbeitsintensiven Bau von Bahn-,
Rad- und Fußgängerinfrastruktur investiert. Ein weiterer
arbeitsplatzschaffender Faktor: Der Staat hat insgesamt mehr Geld
übrig, da die Kilometerpauschale bis zum Jahr 2010 Schritt
für Schritt wegfällt (knapp 7 Milliarden DM). Dagegen
steigt die Mineralölsteuer und die Flugbenzinsteuer kommt.
Mehreinnahmen für den Staat von rund 20 Milliarden DM. Den
entstehenden Überschuß kann der Staat nun durch Sozialzahlungen
oder steuerliche Entlastungen an die Haushalte zurückgeben
und so den privaten Konsum ankurbeln. Wird das Geld, wie derzeit
fast ausschließlich diskutiert, zu 100 Prozent zur Senkung
der Lohnnebenkosten verwendet, erhöht dies noch einmal deutlich
den Beschäftigungseffekt. Vorsichtig geschätzt würde
sich dann der Arbeitsplatzsaldo auf 400.000 gewonnene Jobs verdoppeln.
Mythos Automobilindustrie
Während die Autoindustrie vor allem durch Rationalisierung,
Kündigungen oder Produktionsverlagerungen ins Ausland von sich
reden macht, sind ein Großteil der Aufgaben, die rund um den
Umweltverbund anfallen, nicht von Maschinen leistbar und regional
gebunden. Ein Münsteraner Busfahrer bleibt ein Münsteraner
Busfahrer, trotz Globalisierung, wie die Studie formuliert. Arbeitsplätze
im Umweltverbund sind mittel- und langfristig sicherer als die Jobs
in der Automobilindustrie.
Wachstumsmarkt Öffentlicher Verkehr
Der Öffentliche Verkehr wird hingegen im MOVE-Szenario der
Studie zum Wachstumsmarkt in Sachen Arbeitsplätze. Wie schon
gesagt, mehr als 120.000 neue Arbeitsplätze entstehen dadurch
in Deutschland im Sektor Eisenbahn, rund 100.000 neue Jobs bieten
der öffentliche Nahverkehr und der Reisebusverkehr. Auch die
Baubrauche profitiert von der Verkehrswende mit mehr als 30.000
neuen Jobs.
Jeder wievielte Arbeitsplatz in Deutschland wie auch in Österreich
wovon abhängt, ist eine offene Frage. Sicher ist: Eine ökologische
Verkehrswende schafft in Deutschland mehrere 100.000 neue Arbeitsplätze
- in Österreich sicher mehrere 10.000. Läuft alles weiter
wie bisher, gehen nicht nur diese Jobs, sondern auch die Perspektive
auf eine effiziente, menschen- und umweltfreundliche Mobilität
verloren.
Dieser Beitrag ist der VCÖ-Zeitung 7/98
entnommen. Die Studie "Hauptgewinn Zukunft: Neue Arbeitsplätze
durch umweltverträglichen Verkehr" (125 Seiten) ist beim
VCÖ um öS 250,- (für VCÖ-Mitglieder und Abonnenten
der VCÖ-Zeitung um öS 200,-), eine Kurzfassung (18 Seiten)
um öS 50,- erhältlich. Bestellungen unter (01) 893 26 97.
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