Der NAP ist da - wo bleiben die Jobs?
Eine erste Einschätzung des österreichischen
Nationalen Aktionsplan für Beschäftigung, vorgenommen
vom BEIGEWUM (Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische
Alternativen).
Dazu zwei Vorbemerkungen: Verglichen mit anderen
Mitgliedstaaten der EU stellt sich erstens die österreichische
Arbeitsmarktlage in Hinblick auf viele Indikatoren (Arbeitslosenquote,
Beschäftigtenquoten, etc) vergleichsweise günstig dar.
Daher ist sicherlich der Handlungsdruck, verglichen etwa mit Spanien
oder Italien, hierzulande geringer. Für die Bewertung aller
NAPs gilt zweitens aber auch, daß das "arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitische
Rad" nicht jedes Jahr neu erfunden werden muß: d. h. aber,
daß es naheliegend ist, wenn die Mitgliedstaaten u. a. auch
ihre bisherigen Maßnahmen unter den neuen Überschriften
(also den 19 EU-Leitlinien zur Beschäftigungspolitik) zu "verkaufen"
suchen.
Am Beginn unserer kritischen Einschätzung soll aber auf vier
positive Aspekte hingewiesen werden:
- Es finden sich zwei globale Zielsetzungen - die Beschäftigung
soll um etwa 100.000 Personen bis zum Jahr 2002 zunehmen und die
Arbeitslosigkeit sollte auf 3,5 Prozent reduziert werden können -,
die doch als deutliche Vorgaben verstanden werden müssen. Die
Politik wird sich zukünftig daran messen lassen müssen.
- Im Bereich der Jugendausbildung und
- bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik werden Schwerpunkte gesetzt,
die auch in Form von budgetären Auswirkungen zum Ausdruck kommen.
Der österreichische NAP geht
- auf alle Leitlinien ein; damit ist die Liste an positiven Bemerkungen
aber auch schon wieder beinahe zu Ende.
Von einem Aktionsplan wird gemeinhin erwartet, daß er Auskunft
gibt, was wann wer zu welchem Zweck und mit welchen Mitteln tun
soll. Es geht also um Zielsetzungen, Verantwortlichkeiten, Budgets,
Maßnahmen und Zeitpläne. Wird der NAP als handlungsleitender
Aktionsplan betrachtet, lassen sich folgende kritische Thesen begründen:
Keine Strategie
Dem NAP fehlt eine konsistente Strategie für die Bekämpfung
von Arbeitsmarktproblemen.
Die österreichische Regierung rühmt sich, im NAP eine
umfassende und koordinierte Beschäftigungspolitische Gesamtstrategie
entwickelt zu haben. Und tatsächlich reichen im NAP die Vorschläge
von traditioneller Arbeitsmarktpolitik über das duale Ausbildungssystem
bis zu Unternehmensansiedlung, Schul-, Familien- und Technologiepolitik.
Es ist allerdings nicht gelungen, die Vorschläge zu Aktivitäten
in eine Gesamtstrategie zu fassen, die Wirkungsmechanismen und Prioritäten
aufzeigt.
Vielmehr dominieren den NAP unter den Überschriftsthemen
der 19 Leitlinien eine erstaunliche Mischung aus längst
umgesetzten Maßnahmen, Allgemeinplätzen vagen Wünschen
und Ideen. Es fehlen dabei fast durchgängig Festlegungen bezüglich
der Art und des Ausmaßes der Wirkung, insbesondere auch hinsichtlich
von Beschäftigungseffekten.
Keine Erfolgsindikatoren
Der NAP vermeidet weitgehend Festlegungen von Erfolgsindikatoren.
Selbst in jenen Bereichen, in denen der NAP konkrete Maßnahmenvorschläge
bietet, fehlen Einschätzungen erwarteter Wirkungen. Dabei bestehen
innerhalb der Arbeitsmarktpolitik - wie auch in anderen Politikfeldern
- Erfahrungen bezüglich der Wirksamkeit von Maßnahmen,
die in vielen Evaluationen und Forschungsprojekten untersucht wurden.
All dieses vorhandene Wissen hat keinen Eingang in den NAP gefunden.
Als quantitative Zielsetzungen bleiben die Festlegungen, daß:
- bis 2002 "... die Beschäftigung um etwa 100.000 zunehmen
wird und sich die Arbeitslosigkeit auf einen Wert von nahe 3,5 reduzieren
dürfte" (NAP, S.15);
- bis 2002 "20 Prozent der Arbeitslosen in Maßnahmen zur (Wieder-)Eingliederung
in den Arbeitsmarkt einbezogen werden." (NAP, S.15);
- bis 2002 "der Übergang von Jugendlichen bis 25 Jahren und
von Erwachsenen in Langzeitarbeitslosigkeit halbiert wird." (NAP
S.15);
- bis 1999 weitere 18.000 Kinderbetreuungsplätze geschaffen
werden sollen. (NAP, S.40);
- mittelfristig ein Anteil von weniger als 15 Prozent, langfristig von
unter 10 Prozent der 20- bis 24-jährigen ohne weiterführende
Ausbildung sein soll (NAP, S.23);
- bis 2000 Schaffung eines Freibetrags und 4000 zusätzlicher
Ausbildungsplätze für Lehstellensuchende.
Besonders stolz zeigt sich die Regierung auf die Punkte 1 bis
3. Bei näherer Betrachtung relativieren sich aber die hier
versprochene Leistungen: Die 100.000 zusätzlichen Beschäftigten
werden, so sagen es die Wirtschaftprognosen voraus, weitgehend vom
Konjunkturaufschwung beigesteuert. Die Verringerung der Übertrittsquoten
in Langzeitarbeitslosigkeit wird in der Praxis hauptsächlich
nicht durch eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt geleistet
werden können, sondern durch Integration in Maßnahmen.
Damit werden arbeitsmarktpolitische Maßnahmen leicht zu einem
Verwaltungsakt der "Bemaßnahmung" umfunktioniert, mit dem
Ziel der kosmetischen Veränderung von Statistiken. Ungeklärt
bleibt gegenwärtig die Frage, wieweit die Einbeziehung in arbeitsmarktpolitische
Maßnahmen die Beschäftigung wirklich erhöhen wird
können.
Keine Verantwortlichkeiten
Das Problem bei der Umsetzung von umfassenden und koordinierten
Strategien - wie der NAP eine sein möchte - ist die geeignete
Festlegung von Verantwortlichkeiten, Akteuren und deren Kooperationsmechanismen.
Eine Planung müßte das Zusammenwirken verschiedener Maßnahmen
und Akteure spezifizieren, die zu einer koordinierten Verfolgung
einer Strategie nötig ist. Diese Spezifizierung ist im NAP
selbst nicht vorgenommen. Die notwendigen Strukturen - eine interministerielle
Steuergruppe mit Unterarbeitsgruppen, Einzeiverantwortlichen für
die einzelnen Maßnahmen, Evaluationen etc. - wurden inzwischen
zwar aufgebaut, sind aber für die Öffentlichkeit nicht
mehr sicht- und kontrollierbar.
Nur in jenen Bereichen, in denen Institutionen der Sozialpartner
für die Umsetzung von Maßnahmen in Frage kommen, wurde
im NAP nicht vergessen, für diese eine führende Rolle
in der Umsetzung festzuschreiben.
Finanzielle Abdeckung ungeklärt
Wenn der NAP schon nicht in der Lage ist, neue Strategien zu konkretisieren,
so könnte er wenigstens klare Aussagen zu einem deutlich stärkeren
finanziellen Engagement enthalten. Dies würde zumindest einen
Ausbau der derzeit durchgeführten Maßnahmen erlauben.
Zumindest das sollte eine Initiative leisten, die sich "Aktionsplan"
nennt.
Kaum evaluierbar
Die Bewertung der Zielerreichung des NAP ist aus den genannten
Mängeln in der Festlegung von Erfolgsindikatoren, Verantwortlichkeiten,
Zeitplänen und Prioritätensetzung nicht umfassend möglich.
Trotzdem wird der NAP wohl als Erfolg verkauft werden. Das kann
auf der einen Seite dadurch gelingen, daß die wenigen quantifizierten
Ziele annähernd erreicht werden (siehe oben) und andererseits
können gute Projekte und Initiativen ausgewählt werden,
die als Beispiele der erfolgreichen Umsetzung des NAP präsentabel
sind. Dies ist schon alleine deshalb möglich, weil fast alles,
was in Österreich an Maßnahmen existiert, im NAP Erwähnung
findet. Durch die Vermischung von bereits existierenden Maßnahmen
mit neuen Initiativen ist der ".extra value" des NAP an vielen Stellen
schwer einzuschätzen.
Resümee
Aus der sozialpartnerschaftlichen Entstehungsgeschichte des österreichischen
NAP ist erklärbar, warum er an so vielen Stellen vage und unklar
bleibt. Es zeigt sich auch, daß man zwar brav zu den 19 Leitlinien
allgemein gehaltene Texte formulierte, aber sich eben nicht die
zentrale Frage gestellt hat: Was sind die Hauptprobleme der Arbeitsmarktlage
in Österreich und auf welche Art und Weise kann in dem Rahmen,
den die 19 Leitlinien vorgeben sinnvoll darauf reagiert werden?
Auch die Europäische Kommission bemängelte am österreichischen
NAP den zu geringen Konkretisierungsgrad, die fehlende Klarheit
über Budgets und die mangelnde Kohärenz der Maßnahmenpakete.
Zur Ehrenrettung des österreichischen Planes sei aber festgehalten,
daß die NAPs anderer EU-Mitgliedstaaten ähnliche und
oftmals gravierendere Schwächen aufweisen.
Insgesamt entsteht der Eindruck, daß mit dem NAP zwar ein
Bekenntnis zu offensiveren Strategien gegen Arbeitslosigkeit erfolgt
ist, diesem aber wenig konkrete Aktivität folgt.
Zudem werden wichtige Ansätze zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit
ausgeblendet:
- Es finden sich in den EU-Leitlinien keine klaren Stellungnahmen
zum Einsatz der Geld- und Fiskalpolitik auf nationaler und europäischer
Ebene;
- Arbeitszeitverkürzung, sei es Wochen-, Jahres- oder Lebensarbeitszeit
finden keine systematische Berücksichtigung;
- Experimentelle (innovative) Arbeitsmarktpolitik findet zu wenig
Erwähnung;
- Konzepte zur Koordinierung von Politikbereichen werden nicht entwickelt.
Es bleibt bei der Feststellung von Koordinationsbedarf und einer
Aneinanderreihung von unterschiedlichsten Maßnahmen, ohne
erkennbare übergeordnete Strategien.
Wenn auch der österreichische NAP den Problemen nicht gerecht
wird, bleibt als wichtigstes positives Element, daß die Diskussionen
um beschäftigungspolitische Fragen ganz allgemein durch den
NAP belebt wurden. Aufgrund der erhöhten öffentlichen
Aufmerksamkeit ist ein gewisser Handlungdruck entstanden. Die Chance
auf eine Verbesserung des NAP und damit auch der Maßnahmen
im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ist schon bald gegeben: spätestens
bei der Überarbeitung der EU-Leitlinien zur Beschäftigungspolitik
im Frühjahr 1999.
Dieser Beitrag ist der gleichnamigen Broschüre
des BEIGEWUM - Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und
umweltpolitische Alternativen entnommen. Zu beziehen um öS
120,- beim BEIGEWUM, Postfach 162, 1015 Wien.
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