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Warum Armut weiblich ist ...
In Österreich sind Frauen besonders arm
oder armutsgefährdet. Eine Analyse der Ursachen.
Von Marion Breiter.
Wie nationale Berichte der Wohlfahrtsverbände und
Sozialprojekte, aber auch europäische Dokumentationen
belegen, stellen Frauen in allen armutsgefährdeten Risikogruppen
die Mehrheit der Betroffenen dar: Erwerbslose, Behinderte, die Gruppe
der "working poor", Alleinerziehende, Jugendliche, Menschen in der
Lebensmitte, Migrantinnen, Flüchtlinge, alte Menschen.
Obdachlose und bettelnde Menschen sind nur die Spitze des Eisbergs.
Die neue Armut ist still und verschämt und weiblich. Nach außen
hin wird meist der Anschein "ordentlicher" Lebensführung gewahrt,
real aber sind Arme in unserer Gesellschaft vom sozialen Leben (Weiterbildung,
kulturelle Veranstaltungen, Kino, Besuch öffentlicher Lokale,
Einladungen, Urlaub, ... ) weitgehend ausgeschlossen,
isoliert, verzweifelt und kaum in der Lage, sich aus dieser Situation
zu befreien. Die übermäßigen Risiken von Frauen,
zu verarmen und arm zu bleiben, entspringen nicht einem einzigen
eindeutigen Einflußfaktor, sondern einer Vielzahl bzw. der
Kumulation von Gefährdungen:
Arbeitsmarkt
Frauen werden arm, weil sie am Arbeitsmarkt benachteiligt werden:
Frauendiskriminierende betriebliche Einstellungs- und Personalpolitik,
Unterbezahlung und Lohndiskriminierung, Abdrängung in (unfreiwillige)
Teilzeitarbeit und schlechter gestellte Beschäftigungsverhältnisse,
die "gläserne Decke", an die Frauen beim beruflichen Aufstieg
stoßen - all dies ist längst nicht überwunden, sondern
auch heute noch bittere Realität. Die Branchen, in denen hauptsächlich
Frauen beschäftigt sind, sind meist Niedriglohnbranchen. Arbeiterinnen
in der Textil-, Leder- und Nahrungsmittelindustrie, Friseurinnen
und Floristinnen gehören zu den "working poor". Sozial schlecht
abgesicherte Werkverträge und freie Dienstnehmerinnen-Verträge
werden immer stärker an Frauen vergeben.
Frauen über 40 - oft Berufswiedereinsteigerinnen nach der Familienphase
- haben es besonders schwer, einen Erwerbsarbeitsplatz zu finden.
Aber auch junge Frauen sind immer noch benachteiligt. Obwohl sie
gleich gute und bessere Schulabschlüsse als Buben haben, sind
zwei Drittel aller Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz Mädchen.
Biografie
Frauen werden arm, weil sie keine "normale", d.h. männliche
Erwerbsbiografie haben. Frauen werden durch die lohn- und beitragsorientierten
Sicherungssysteme diskriminiert, da diese auf sogenannte "normale",
das heißt männliche Arbeitsverhältnisse zugeschnitten
sind. Eine ausreichende Absicherung im Alter, bei Krankheit und
Erwerbslosigkeit ist nur bei durchgehender Vollzeiterwerbstätigkeit
und durchschnittlichem Einkommen gewährleistet. Die von Frauen
erbrachten Erziehungs- und Pflegeleistungen werden überhaupt
nicht oder nur unzureichend angerechnet. Die Folge davon ist, daß
alte Frauen häufig in Armut leben:
ca. 80 Prozent der über 65jährigen SozialhilfeempfängerInnen
sind weiblich. Die mittlere Alterspension einer Österreicherin
betrug 1997 öS 7900. Mit der Anzahl der Kinder sinkt die Höhe
der durchschnittlichen Eigenpension von Frauen.
Beziehungen
Frauen werden arm, weil sie die Hauptlast der Haushalts-, Beziehungs-,
Pflege- und Familienarbeit tragen.
Einer der Faktoren der Armutsübertragung und -gefährdung
ist die unfaire Aufteilung der unbezahlten Arbeit innerhalb der
Familie und der Mangel an staatlichen Rahmenbedingungen, um Frauen
Erwerbsarbeit zu ermöglichen. Vielen Frauen - besonders am
Land - bleibt aufgrund fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten,
eines schlechten öffentlichen Verkehrsnetzes und mangelnder
Weiterbildungsmöglichkeiten gar nichts anderes übrig,
als zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Alleinerzieherinnen und
Mütter mehrerer Kinder gehören zu den am stärksten
armutsgefährdeten Gruppen in Österreich. Gründe dafür:
das gekürzte Karenzgeld, Altersabsicherung, der Mangel an guten
Kindergärten - in Österreich fehlen 140.000 Kinderbetreuungsplätze!
1997 galten doppelt so viele erwerbslose Frauen wie Männer
für das AMS als schwervermittelbar. Der Grund: "Mobilitätseinschränkungen",
d. h. fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten.
Einkommen
Frauen werden arm, weil sie weniger verdienen als Männer.
In Österreich verdienen Frauen im Durchschnitt um 44 Prozent weniger
als Männer, rechnet man alle Einkommensarten zusammen, verdienen
sie sogar um 75 Prozent weniger. Jüngste Daten des Hauptverbandes
der Sozialversicherungsträger haben ergeben, daß im letzten
Jahr bei Männern die real verfügbaren Einkommen um 0,1 Prozent
gesunken sind, bei Frauen aber um das Zehnfache, nämlich um
1 Prozent! Entsprechend niedriger ist auch ihr Einkommen im Form von Arbeitslosenunterstützung,
Notstandshilfe (bemessen nach dem Einkommen des Mannes!), Krankengeld,
Pension ... . Nach Angaben der Europäischen Kommission
erhalten 33 Prozent aller vollerwerbstätigen Frauen Löhne unterhalb
der Schwelle dessen, was als "gerechter Lohn" gilt. Gerecht im Sinne
der Europäischen Kommission sind Löhne, die oberhalb der
68 Prozent-Marge des nationalen Durchschnittslohnes liegen.
Staatliche Benachteiligung
Frauen werden arm aufgrund der Sparpolitik der Regierung. Aufgrund
der Sparpakte entstehen Sicherungslücken im sozialen Netz,
die Frauen überproportional betreffen: z. B. unzureichendes
Berufsbildungsangebot, Einschränkung der realen aktiven Arbeitsmarktpolitik,
Mangel an Kinderbetreuungsplätzen, Einsparung von kommunalen
Pflegediensten, Schließung von Krankenhäusern, Verschlechterung
des öffentlichen Nahverkehrsnetzes, Kürzungen bei frauenspezifischen
Sozialprojekten, etc. Sozialleistungen wurden gekürzt bzw.
abgeschafft - Karenzgeld für Alleinerzieherinnen, Kinderbetreuungsbeihilfe,
Geburtenbeihilfe - oder nicht an die Inflation angepaßt (Karenzgeld).
Marktwirtschaft
Frauen werden arm aufgrund der Deregulierung des Arbeitsmarktes.
Der öffentliche Dienst hat zwar dafür gesorgt, daß
Frauen hier weniger Einkommensdiskriminierung erfahren als am Privatsektor
- aber gerade hier herrscht Aufnahmestopp. Die Liberalisierung der
Ladenöffnungszeiten hat zur zunehmenden Abdrängung von
Frauen in unfreiwillige, keineswegs familienfreundliche Teilzeitbeschäftigungen
am Abend und am Samstag geführt. 27 Prozent der Frauen arbeiten inzwischen
in Teilzeitjobs, die nicht existenzsichernd sind.
Gewalt
Frauen werden arm, weil sie mit gewalttätigen Lebenspartnern
zusammenleben. Oft hängen Armut und Gewalterfahrungen zusammen.
So geht aus einer Untersuchung des Vereins "Frauen beraten Frauen"
(1997) hervor, daß 82,5 Prozent der Klientinnen der Wiener Frauenberatungsstelle,
die an einem Projekt gegen Armut und soziale Ausgrenzung teilnahmen,
in ihrem Leben Gewalt erfahren haben. Die massiven Erhöhungen
der Wohnungskosten in den letzten Jahren, zunehmende Erwerbslosigkeit
und Kürzungen von Sozialleistungen sind dafür verantwortlich,
daß Frauen sich aus finanziellen Gründen immer weniger
in der Lage sehen, sich von gewalttätigen Lebenspartnern zu
trennen. Andererseits trägt die Gewalterfahrung zu gesundheitlichen
Belastungen, Depression, sozialer Isolation und damit wiederum zur
Arbeitsplatzgefährdung und zur Zementierung der Situation bei
- ein Teufelskreis.
Staatsbürgerschaft
Frauen werden arm, wenn sie als Migrantinnen in Österreich
leben. Da Migrantinnen meist keine eigenständige Aufenthalts-
und Arbeitsbewilligung haben, sind sie in noch höherem Ausmaß
als Inländerinnen von ihren Ehemännern abhängig.
Im sozialen Sicherungssystem haben sie kaum eine Chance, da Bedürftigkeit
als Ausweisungsgrund gilt.
Die Armutsquote ...
... von Familien sieht folgendermaßen aus (Schmidleithner
1997):
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wenn Frauen
erwerbstätig sind
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wenn Frauen
nicht erwerbstätig sind
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1 Kind
2 Kinder
3 Kinder
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2 Prozent
5 Prozent
20 Prozent
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l0 Prozent
27 Prozent
46 Prozent
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