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Kriminalisierte Armut
In den USA wird die Armut bekämpft, indem
man sie kriminalisiert. Selbst das Apartheidregime in Südafrika
brachte weniger Menschen hinter Gitter als die Vereinigten Staaten
heute.
Von Loic Wacquant.
Die Gefängnisse in jenem Land, das sich als "freie
Welt" versteht, sind überfüllt, und die Verherrlichung
von Recht und Ordnung führt zu immer härteren Gerichtsurteilen.
Überproportional viele der Menschen, die in die Mühlen
der Justiz geraten, sind sozial Ausgegrenzte, die den "amerikanischen
Traum" nie mitträumen konnten. Im Zuge der Einsparungen im
Sozialsektor sinken die Ausgaben für Bildung und Gesundheit,
immer mehr Menschen sind ohne Wohnung und Einkommen. "Überwachen
und Strafen" scheint die Devise: Der Ruf nach "weniger Staat" macht
Schule, und private Investoren machen den Profit.
Wie in den besten Tagen der Nachkriegszeit schauen
die europäischen Regierungen, Unternehmer und Meinungsmacher
heutzutage wieder mit großen, ein wenig neidischen Augen auf
die USA, insbesondere auf den derzeit stattfindenden wirtschaftlichen
Umbau. Die Zauberformel des amerikanischen Wirtschaftswachstums
und der sinkenden Arbeitslosigkeit lautet angeblich: weniger Staat.
Tatsächlich haben die Vereinigten Staaten - ebenso wie Neuseeland
und Großbritannien - ihre Sozialausgaben drastisch gekürzt,
vorhandene Einstellungs- und Kündigungsregeln rigide abgebaut
und somit eine "Flexibilisierung" der Arbeit zur neuen Arbeitsnorm,
um nicht zu sagen zur staatsbürgerlichen Norm erhoben. Wie
lautstark die Vertreter dieser Richtung die dem Wohlfahrtsstaat
das Totenlied singen - den neuen Reichtum und die neu geschaffenen
Arbeitsplätze auch lobpreisen mögen, so zögern sie
doch immer noch, über die Folgen dieser Lohndumping-Politik
auch nur ein Wort zu verlieren: über die zunehmend allgemeine
soziale und physische Verunsicherung sowie ein schwindelerregendes
Anwachsen der Ungleichheit, die Ausgrenzung, Kriminalisierung und
Verwaisung der öffentlichen Institutionen mit sich bringt.
Dem gezielten Schwund des Sozialstaats entspricht das zunehmende
Engagement des strafenden Staats: Elend und Verfall des ersteren
hat unwillkürlich und unmittelbar Größe und Blüte
des zweiteren zur Folge.
Vier Punkte sind bemerkenswert, die die Entwicklung des Justizapparates
in den Vereinigten Staaten seit dem sozial- und rassenpolitischen
Umbruch der siebziger Jahre charakterisieren: die zunehmende Zahl
der inhaftierten Personen; die "Überwachung" einer immer größeren
Gruppe von Menschen an den Rändern des Strafvollzugssystems;
die enorm aufgeblähten Abteilungen der Justizbehörden
auf lokaler und Bundesebene; sowie ein fortwährendes "Schwärzerwerden"
der Inhaftierten.
Noch in den sechziger Jahren wies die Statistik im Strafvollzug
nach unten, und bis 1975 war die Zahl der Inhaftierten um jährlich
etwa 1 Prozent auf 380.000 gesunken. Damals drehte sich die Debatte
um Resozialisierung, um Ersatzstrafen und darum, nurmehr die Täter
von "gefährlichen Raubüberfällen" einzusperren (das
heißt 10 bis 15 Prozent der Kriminellen); einige verkündeten
sogar mutig das Ende des Strafvollzugssystems. Doch die Statistik
sollte entgegengesetzte Höhen erklimmen: Zehn Jahre später
(1985) war die Zahl der Gefangenen sprunghaft auf 740.000 angestiegen,
1995 war sie bei über 1,6 Millionen angelangt. Seither stieg
sie weiter kontinuierlich um jährlich 8 Prozent.
Diese Verdreifachung der Zahl inhaftierter Personen innerhalb
von nur fünfzehn Jahren ist beispiellos für eine demokratische
Gesellschaft. Damit liegen die Vereinigten Staaten weit vor den
anderen Industrieländern: die Zahl inhaftierter Personen -
über 600 Häftlinge auf 100.000 Einwohner im Jahr 1997,
das ist fünfmal soviel wie noch 1973 - liegt sechs bis zehn
Mal höher als in den Ländern der EU. Selbst das Apartheidregime
in Südafrika brachte weniger Menschen hinter Gitter als die
Vereinigten Staaten heute.
Kalifornien, bis vor kurzem nationales Vorbild im Bildungs- und
Gesundheitsbereich, hat sich mittlerweile ganz dem Strafsystem verschrieben;
hier ist die Gefangenenzahl allein in den staatlichen Gefängnissen
von 17.300 im Jahr 1975 auf 48.300 im Jahr 1985 gestiegen; und zehn
Jahre später waren es schon mehr als 130.000. Wenn man die
Zahl der inhaftierten Personen in den lokalen jails hinzurechnet
(allein die des Los Angeles County beherbergen über 20.000
Gefangene), erreicht man die phänomenale Zahl von 200.000 Menschen.
Aber das Phänomen des "großen Wegschließens"
am Ende dieses ausgehenden Jahrhunderts gibt nicht wirklich Aufschluß
über das reale Ausmaß des amerikanischen Strafimperiums.
Einerseits bleiben die Personen unberücksichtigt, denen bedingte
Strafaussetzung gewährt wurde - sei es auf Bewährung (on
probation), oder auf Ehrenwort (on parole). Da es aber unmöglich
ist, in so kurzer Zeit ausreichend viele Gefängnisse zu bauen,
um den Zustrom von Verurteilten aufnehmen zu können, ist die
Zahl derer, die in der Bannmeile des Gefängnisses leben, schneller
gewachsen als die Anzahl der Menschen, die innerhalb der Gefängnismauern
dahinvegetieren. Innerhalb von sechzehn Jahren hat sich die Zahl
beinahe vervierfacht und im Jahr 1995 fast die Viermillionengrenze
erreicht: 3,1 Millionen Verurteilte, die auf Ehrenwort (parole),
und 700.000 Verurteilte, die auf Bewährung (probation) in Freiheit
sind. Somit standen 1995 insgesamt 5,4 Millionen Amerikaner unter
justitieller Aufsicht, das sind knapp 5 Prozent aller Männer
über achtzehn Jahren, und das ist jeder fünfte männliche
Schwarze.
Andererseits hat sich der Zugriff des Justizsystems über
die sogenannten Übergangsstrafen wie Hausarrest oder das Einsitzen
in einem boot camp (Drill-Lager für jugendliche Straftäter),
intensive Bewährungsprobe und telefonische oder elektronische
Überwachung (mit Hilfe von Armbändern und anderem technischen
Schnickschnack) - erheblich ausgeweitet. Möglich wurde das
durch die zunehmende Verbreitung kriminalistischer Datenbanken und
der damit einhergehenden Vervielfachung der Mittel und Zentren zur
Fernüberwachung. In den siebziger und achtziger Jahren wurden
zentrale Datenbanken eingerichtet. Dies geschah auf Veranlassung
der obersten Bundesbehörde, die mit der Verbrechensbekämpfung
betraut ist.
Es existieren heute über 50 Millionen Kriminalakten (vor
zehn Jahren waren es noch 35 Millionen), in denen etwa 30 Millionen
Einzelpersonen erfaßt sind. Das ist fast ein Drittel der erwachsenen
männlichen Bevölkerung des Landes! Zugang zu diesen Datenbanken
(rap sheets) haben nicht nur staatliche Behörden wie das FBI
oder der INS (dem die Fremdenpolizei untersteht) und die sozialen
Dienste, sondern auch Privatpersonen und -organisationen. Diese
Dateien werden von den Arbeitgebern benutzt, um vorbestrafte Bewerber
aussortieren zu können. Und wen kümmert es, wenn sie häufig
ungenau, veraltet, harmlos, wenn nicht sogar illegal sind? Die Verfügbarkeit
dieser Akten und Daten rückt nicht nur die Kriminellen und
bloßen Tatverdächtigen, sondern auch ihre Familien, ihre
Freunde, ihre Nachbarn und ihre Wohnviertel ins Blickfeld des Polizei-
und Justizapparates.
Der dritte Punkt ist die gefräßige Gefängnisapparatur,
die enorme Summen verschlingt. Diese Tendenz ist um so bemerkenswerter,
als sie in einer Zeit zutage tritt, in der im öffentlichen
Dienst allenthalben die Gürtel enger geschnallt werden. Zwischen
1979 und 1990 sind die Ausgaben der Bundesstaaten im Gefängniswesen
für den Unterhalt (Betriebskosten) der Gefängnisse um
325 Prozent und für den Bau neuer Gefängnisse um 612 Prozent
gestiegen, das heißt dreimal schneller als die Militärausgaben
des Landes, obschon die Verteidigung während der Amtszeiten
von Ronald Reagan und George Bush außergewöhnlich hoch
im Kurs stand.
Diese Politik der Ausweitung des Strafsektors ist jedoch keineswegs
nur den Republikanern vorbehalten. Während Präsident Clinton
im ganzen Land stolz verkündete, er habe der Ära des "big
government" ein Ende bereitet - und während die Reformkommission
der Regierung unter der Ägide des Vizepräsidenten Al Gore
damit befaßt war, Programme und Stellen im öffentlichen
Dienst zusammenzustreichen -, sind in den vergangenen fünf
Jahren 213 neue Gefängnisse gebaut worden. Diese Zahl läßt
die privaten Einrichtungen unberücksichtigt, von denen es immer
mehr gibt, seitdem Privatgefängnisse ein lukrativer Markt geworden
sind.
In Zeiten knapper Staatskassen war die Aufstockung
der Budgets und der Personalkontingente im Strafjustizbereich nur
möglich, indem die vorgesehenen Summen für den Sozial-,
Gesundheits- und Bildungsbereich zusammengestrichen wurden. Die
Vereinigten Staaten haben sich also de facto entschieden, für
ihre Armen anstelle von Einrichtungen der Gesundheitsversorgung,
Kindergärten und Schulen lieber Haft- und Strafanstalten zu
bauen. So liegt der Jahreshaushalt des California Department of
Correction (einer Dienststelle der staatlichen Gefängnisse,
wo Verurteilte mit mehr als einjährigen Strafen eingesperrt
werden) über dem der University of California.
Das ist die vierte große Tendenz in der Entwicklung rund
um die amerikanischen Gefängnisse: Der schwarze Anteil der
Insassen steigt kontinuierlich, denn seit 1989 bilden die Afroamerikaner
(erstmals in der Geschichte des Landes) in den Haftanstalten die
Mehrheit, obwohl sie nur 12 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.
Die 22 Millionen erwachsenen Schwarzen stellten 1995 ein Kontingent
von 767.000 Häftlingen sowie 999.000 Menschen mit bedingter
Strafaussetzung und 325.000 weitere Verurteilte, die auf Bewährung
in Freiheit lebten. Das entspricht einer Gesamtquote von 9,4 Prozent,
die unter Justizaufsicht stehen. Für die Weißen (163
Millionen Erwachsene) ergibt eine großzügige Schätzung
eine Quote von 1,9 Prozent. In Wahrscheinlichkeiten auf ein ganzes
Leben hochgerechnet, liegen die Chancen für einen schwarzen
Mann, mindestens ein Jahr in seinem Leben im Gefängnis zu verbringen,
bei 1 zu 3, für einen Hispanic bei 1 zu 6, wohingegen ein Weißer
eine Chance von 1 zu 23 hat. Dieses "rassische Mißverhältnis",
wie die Kriminologen diese Tatsache verschämt nennen, ist bei
jungen Leuten, die als erste ins Visier der staatlichen Politik
zur Kriminalisierung der Armut geraten, noch viel deutlicher ausgeprägt.
Denn über ein Drittel der Schwarzen zwischen 20 und 29 Jahren
sind entweder hinter Gittern oder unterstehen der Aufsicht eines
Strafvollzugsrichters, oder sie warten auf ihr Verfahren.
So machen die Schwarzen 13 Prozent der Drogenkonsumenten aus (was
in etwa ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht),
aber sie stellen ein Drittel derjenigen, die wegen Verstoßes
gegen das Betäubungsmittelgesetz verhaftet, und drei Viertel
derjenigen, die dafür hinter Gitter gebracht werden.
Die zunehmende Bedeutung der amerikanischen Strafjustiz
widerspricht in keiner Weise dem von den Neoliberalen betriebenen
Niedergang und Verschwinden des öffentlichen Sektors - er stellt
vielmehr dessen Negativ dar, er enthüllt seine Kehrseite. Es
handelt sich um eine Politik der Kriminalisierung des Elends, die
begleitet ist von einer Erhöhung der Steuerabgaben für
unsichere und schlechtbezahlte Arbeitsverhältnisse sowie von
einer Umstrukturierung der Sozialprogramme, die zunehmend auf Restriktion
und Strafe angelegt sind. Als Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts
die Gefängnisstrafe institutionalisierte, galt sie "zuallererst
als ein Mittel zur Kontrolle der sozial abweichenden und abhängigen
Bevölkerung", und die Sträflinge waren hauptsächlich
arme Leute und europäische Einwanderer, die kurz zuvor in die
Neue Welt gekommen waren.
Heutzutage erfüllt der amerikanische Gefängnisapparat
eine ähnliche Aufgabe gegenüber den verelendenden Arbeitern
und den Schwarzen. Dadurch kommt dem Strafvollzug innerhalb des
staatlichen Instrumentariums zur Armutsverwaltung eine zentrale
Stellung zu: am Schnittpunkt zwischen Billiglohn, städtischem
Ghetto und umgebautem Sozialsektor, der in Zukunft die flexibilisierten
Lohnarbeiter besser disziplinieren soll.
In erster Linie trägt das Strafsystem unmittelbar
dazu bei, die unteren Bereiche des Arbeitsmarktes zu regulieren
und zwar mit erheblich größerem Nachdruck als alle Sozialabzüge
und Verwaltungsvorschriften. Es bewirkt eine künstliche Senkung
der Arbeitslosenstatistik, indem es der arbeitsuchenden Bevölkerung
gewaltsam Millionen Männer entzieht und nebenbei noch das Stellenangebot
in der Gefängnisbranche und dem entsprechenden Dienstleistungssektor
erhöht. Man geht davon aus, daß dank der Gefängnisse
im Verlauf der neunziger Jahre die Arbeitslosenstatistik um zwei
Prozentpunkte gesenkt wurde.
Anders als bislang angenommen, ergibt eine vergleichende Untersuchung
von Bruce Western und Katherine Beckett, daß die Arbeitslosenquote
der USA in achtzehn der vergangenen zwanzig Jahre höher lag
als die der Europäischen Union - zumindest, wenn man die unterschiedliche
Entwicklung der Inhaftierungsquote auf den beiden Kontinenten mitberücksichtigt.
Zahlreiche Staaten, wie Texas oder Tennessee, sperren bereits
jetzt einen Großteil ihrer Häftlinge in private Gefängnisse
und nehmen für die Verwaltung künftiger Sozialhilfeempfänger
Spezialfirmen unter Vertrag. Eine Methode, die Armen und Kriminellen
sowohl in ideologischer als auch in ökonomischer Hinsicht rentabel
zu machen. So erleben wir die Herausbildung eines neuen Wirtschaftszweigs,
der von den Gefängnissen, ihren Insassen und der Sozialarbeit
lebt.
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