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"Lauwarm und Handgestrickt?"
Das Forum Jägermayerhof hat sich zu einem
wichtigen gewerkschaftlichen und gesellschaftspolitischen Ereignis
entwickelt. Diesmal ging's um die Kampagnenfähigkeit der Gewerkschaften.
Von Schani Margulies.
Wer geglaubt hat, daß sich auf gewerkschaftstheoretischem
Gebiet nichts rührt, wird eines Besseren belehrt. Mehr als
hundert engagierte GewerkschafterInnen kamen heuer zum IV. Forum
Jägermayerhof. Allein der Titel der dreitägigen Veranstaltung
"Lauwarm und handgestrickt? - Arbeitnehmerverbände im Ringen
um Kampagnenfähigkeit" ließ erahnen, daß es auch
heuer, wie bereits dreimal davor, lebhaft zugehen wird. Der Ablauf
der drei Tage bestätigte meine Erwartungen und mir war trotz
Seminarroutine niemals fad.
Ich muß mich hier auf ein paar Eindrücke beschränken,
wer mehr wissen will hat die Möglichkeit, das gesamte "Seminar"
demnächst in einem Buch nachzulesen.
Mittelalterlicher Mann, grauer Anzug, unpassende
Krawatte und langweilig
Das ist das Bild, das sich Herr und Frau Österreicher von
einem Gewerkschaftsfunktionär machen, zumindest behaupten dies
die anwesenden MedienexpertInnen. Und es werden auch Beweise erbracht,
wie "unprofessionell" die Medienarbeit der Gewerkschaften sei. Obwohl
der ÖGB Österreichs größter Verein ist, sei
er in den Medien kaum wahrnehmbar. Der Eindruck, der Regierungspartei
stets die Mauer zu machen und "staatstragend" in Wort und Tat zu
agieren, macht die Gewerkschaften medial uninteressant. Das Bild
und der Ton, den der männliche Funktionär der Öffentlichkeit
biete, sei für den überwiegenden Teil der AdressatInnen
schlicht und einfach "verstaubt".
Es stelle sich auch die Frage, ob die überaltete Form der
Kommunikation und Information über eigene Printmedien, deren
Langeweile kaum zu überbieten sei, noch zeitgemäß
ist. So richtig diese Kritik in vielen Punkten auch sein mag, so
stellt sich bei mir dennoch ein Unbehagen ein, werden doch ausschließlich
formale Fehler als Ursache für das schlechte Image des ÖGB
ins Treffen geführt. Daß die Art, wie sich der ÖGB
präsentiert, auch Ausdruck seiner inhaltlichen Positionierung
ist, wird kaum erwähnt. Dennoch muß ich schmunzeln, als
als Paradebeispiel für die "Unprofessionalität" des ÖGB
das Motto "Österreich Gemeinsam Bewegen", mit dem niemand etwas
anfangen kann, angeführt wird.
Dr. W. Beutelmayer vom Linzer Market-Institut legt noch ein Schäuferl
nach. Der ÖGB, so seine Analyse, müsse sich neu stylen.
Kundenorientiert mit modernen Management - so müsse der ÖGB
sich verkaufen. Ein neues Marketingkonzept muß her, der ÖGB
müsse sich als modernes Unternehmen verstehen, das seine Dienstleistungen
glaubwürdig an den Mann/Frau bringe. So ist es kein Wunder,
daß Dr. W. Beutelmayer dem ÖGB moderne Marketingmethoden
für kommende Werbekampagnen empfiehlt. Welches Produkt der
ÖGB wem und warum verkaufen soll, erwähnt er leider nicht.
Bereits im Podium regt sich der Protest gegen diese einseitige
Sichtweise und es wird darauf hingewiesen, daß Kampagnen und
Aktivitäten der Gewerkschaften in erster Linie der Durchsetzung
der Interessen der ArbeitnehmerInnen zu dienen haben, und Gewerkschaftsmitglieder
nicht als Kunden zu betrachten sind, sondern als wichtige TrägerInnen
der Kampagnen - sollen diese erfolgreich sein - zu betrachten sind.
Binnen kürzester Zeit stellt sich in der Diskussion die Frage
nach Funktion und Inhalt von Gewerkschaften, die sich durch alle
Arbeitsgruppen zog.
Ami come on
Jahrelang war ich von der Losung "Ami go home" geprägt. Doch
dann kam ein Höhepunkt des diesjährigen Forums. Andy Banks
von der Gewerkschaft der Teamsters, der als Mitarbeiter für
strategische Kampagnen tätig ist und unter anderem an der Organisation
des UPS Streiks 1997 mitgewirkt hat, stellte seine Überlegungen
über Gewerkschaftsarbeit in Theorie und Praxis vor. Bevor er
die Kampagne gegen die VW-Niederlassung in der USA schilderte, bei
der es gelang ein bereits geschlossenes Werk mit 340 Arbeitsplätzen
wieder in Betrieb zu nehmen, stellte er zwei unterschiedliche Gewerkschaftskonzepte
vor.
Bis 1980 hatten die US Gewerkschaften an die 45 Prozent Organisationsgrad,
doch im Zuge der Reagan-Ökonomic ging dieser Organisationsgrad
eklatant zurück. Um diese Entwicklung zu stoppen, kam es zum
Umbau der Gewerkschaftsstrategie. Das eine Modell, dem unserem sehr
ähnlich, geht davon aus, daß die Gewerkschaft in erster
Linie eine "Versicherungsgemeinschaft" ist. Dem entspricht auch
die Erwartung der Mitglieder, die ein distanziertes "Nützlichkeitsverhältnis"
zur Gewerkschaft haben und sich anschauen, bei wem schaut am meisten
heraus. Die Unternehmer haben dies schnell begriffen, sie diskriminierten
GewerkschafterInnen und boten daher vielen ArbeiterInnen "bessere
Versicherungsbedingungen" an. Dies führte zu einer radikalen
Reduzierung der Mitgliederzahlen bei den Gewerkschaften. Der Gewerkschaftsapparat
betrachtete die Mitglieder als Kunden und betreute sie dementsprechend.
Diese Konzeption war zum Scheitern verurteilt. Heute verstehen sie
sich als "Organisationsgewerkschaft" in der sich alle Entscheidungen
und Auseinandersetzungen auf die Mitgestaltung und Einbeziehung
der Mitglieder orientiert. Die Gewerkschaftsfunktionäre haben
in erster Linie Beratungs- und Kommunikationsfunktionen zu erfüllen.
Damit hat sich aber auch das Verhältnis zum "Arbeitgeber" geändert
es wird nicht mehr an das Wohlwollen und gemeinsame Interesse von
Arbeit und Kapitel appelliert, sondern sie orientieren sich auf
gewerkschaftlichen Kampf und wollen durch ihre Aktivitäten
konfliktfähig werden. "Das einzige, was die Unternehmer verstehen
ist, wenn ihnen Schmerz zugefügt wird. Und Schmerzen haben
sie, wenn sie Schaden erleiden. "Die Neuorientierung der Gewerkschaften
besteht in der Entwicklung einer "Antikonzessionspolitik" Die betroffenen
ArbeiterInnen sind in diesen Auseinandersetzungen die Hauptträger
und gewinnen nicht nur dadurch neue Erfahrungen über ihren
Status in der Arbeitswelt, sie sind auch diejenigen die auf die
Nichtorganisierten durch ihre Aktivitäten Einfluß nehmen.
Dutzende Beispiele belegen, daß diese Politik erfolgversprechend
ist.
Mit Wolfgang Nafroth und Ulrich Wohland wurden in Arbeitsgruppen
konkrete Kampagnenüberlegungen durchgespielt, die der Fantasie
für neue Aktionsformen Tür und Tor öffnen. Übrigens
planen wir Mitte November ein "Kampagnenseminar der AUGE" in Velm
zu dem Interessierte (leider gibt es eine TeilnehmerInnenbegrenzung)
eingeladen sind.
Es wäre noch viel Interessantes zu berichten, beispielsweise
die Ergebnisse der eindrucksvollen "Bittere Orangen-Kampagne" der
Lebens- und Genußmittelarbeiter und EZA. Es lohnt sich daher,
das Buch zu bestellen.
Touring-Club für ArbeitnehmerInnen oder Bewegungsgewerkschaft
Von Ulrich Wohland
Es ist angesagt, sich heute zur Verteidigung und für
den Ausbau bestehender Sicherungssyteme Widerstandsmöglichkeiten
anzudenken, vorzubereiten und umzusetzen.
Probleme bestehen dabei auch innerhalb der Gewerkschaften.
Die vielen Jahre der, wenn nicht einvernehmlichen, so doch
hochformalisierten Konfliktregelung zwischen Kapital und Arbeit
haben dazu geführt, daß in zugespitzten Situationen
Konflikte eher sozialpartnerschaftlich geregelt und nicht
als sozialer Kampf ausgetragen werden. Kommt es heute, was
ja nicht selten ist, zu Betriebsschließungen, reagieren
viele GewerkschafterInnen deshalb mit zwei eingespielten Reflexen.
Der erste ist - wir kämpfen nicht, da kann man rechtlich
nichts machen. Der zweite ist - wir machen einen Sozialplan.
Das heißt, wir nutzen die uns rechtlich vorgegebenen
und angebotenen formalen Möglichkeiten, um den noch Beschäftigten,
demnächst "Freigesetzten", die bestmögliche Abfindung
und Vorruhestand zu ermöglichen.
Bislang waren Gewerkschaften auch eine gesellschaftliche
Institution zur Co-Verwaltung des sozialstaatlichen Kompromisses.
Damit sind sie ganz gut gefahren. Doch in dieser Funktion
könnten Gewerkschaften zukünftig überflüssig
werden. Wie reagieren sie darauf?
Eine Form, die praktiziert wird, ist die Dienstleistungsgewerkschaft.
Ich nenne sie einen ADAC für Arbeitnehmerlnnen. Man bietet
Rechtsbeistand, man handelt Tarifverträge aus und versucht
den Lohn der Beschäftigen zu steigern, und falls es zu
massivem Arbeitsplatzabbau oder gar Betriebsschließungen
kommt, werden Sozialpläne ausgehandelt. Gewerkschaften,
so verstanden, sind keine politisch kämpfenden Organisationen,
vielmehr stellen sie Service und Dienstleistungsangebote in
ihren Mittelpunkt.
Ein anderer Weg besteht darin, daß Gewerkschaften
sich verstärkt darauf besinnen, sich auch als Bewegungsgewerkschaften
zu verstehen in Verbindung mit einem gesellschaftspolitischen
Projekt, das sie vertreten, das über die Tarifpolitik
hinausgeht. Diese Position ist innerhalb der Gewerkschaften
in der Minderheit, dennoch existiert sie. Angesichts der Tatsache,
daß sich Gewerkschaften in vielen Bereichen zunehmend
als mit dem Rücken zur Wand stehend empfinden, könnte
es gelingen, für Gewerkschaften auch neue Konzepte der
politischen Arbeit interessant werden zu lassen. Politische
Kampagnen könnten ein solches neues Konzept sein.
Ulrich Wohland arbeitet im Industrie-Pfarramt
Mannheim als Kampagnen-Berater.
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