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Gelbe Gewerkschaften in Österreich
Aus der Geschichte lernen?!
Von Thomas Kerschbaum.
"Die Gelben Gewerkschaften Österreichs in der Zwischenkriegszeit"
- ein neues Buch im Verlag des ÖGB beschreibt die Entstehung" die
Geschichte und Politik der gelben Organisationen. Der Begriff "gelb"
kommt aus Frankreich und Deutschland" wo sich die gelben Verbände
in Konfrontation mit den freien" roten Gewerkschaften bildeten.
"Die Bedeutung gelb für Streikbrecher" Feigling" Falschheit" Verrat
und sich freiwillig den Arbeitgeberinteressen anpassend war allerdings
in beiden Ländern die gleiche" (Seite 12). Wer die offizielle Geschichtsschreibung
des ÖGB" zusammengefasst im Werk von Fritz Klenner" kennt" wird
nur sehr wenig über die "Gelben Gewerkschaften" finden. Dieses Buch
schliesst nun eine Lücke in der Geschichte der österreichischen
Gewerkschaftsbewegung.
Der Autor des Buches" Walter Göhring" Leiter des Instituts zur
Erforschung der Geschichte der Gewerkschaften und Arbeiterkammern"
beschränkt sich allerdings bei der Untersuchung nur auf die Geschichte
der sogenannten "Gelben"; die Geschichte der deutschnationalen und
später NS-"Gewerkschaftsverbände" wird nicht beleuchtet. Auch wird
im Buch die Epoche der "Gelben" genau beschränkt - eben die Zwischenkriegszeit.
Im Vorwort bejubeln Verzetnitsch und Tumpel die 2. Republik und
den ÖGB: "Die Gründung des ÖGB als einheitlicher" überparteilicher
Gewerkschaftsbund und die Wiedererrichtung der Arbeiterkammern unmittelbar
nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft und dem Ende des Zweiten
Weltkriegs schufen die Grundlage für das konsens-" aber auch lösungsorientierte
politische System der Zweiten Republik. Die Zusammenarbeit der grossen
Interessensverbände im Rahmen der Sozialpartnerschaft ermöglichte
für unser Land eine international anerkannte Wirtschaftsentwicklung"
steigenden Wohlstand" den Ausbau zum sozialen Wohlfahrtsstaat und
nicht zuletzt eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung im Kultur-
und Bildungssektor." Und schliesslich - ohne einen Funken Selbstkritik:
"Im Unterschied zu den "Gelben' werden von ÖGB und Arbeiterkammern
keine falschen Versprechungen gemacht" sondern die Anliegen der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter den sich wandelnden wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen immer neu erkämpft." Grosse
Worte" wenn wir zum Beispiel an die Probleme der Gewerkschaften
mit den Auswirkungen "neoliberaler" Politik" den sinkenden Organisationsgrad
oder an die internen Schwierigkeiten beim Organisationsaufbau denken.
Verzetnitsch betonte bei der Präsentation des Buches am 27. April
in der BAWAG-Zentrale" dass dieses Buch überhaupt nichts mit der
Gründung der Freien Gewerkschaft Österreichs (FGÖ) am 1. Mai zu
tun hat. Da aber bereits das Buch in blauer und gelber Farbe gehalten
ist und sich der Sprachgebrauch auf Blau-Gelbe "Gewerkschaften"
erweitert hat" ist wohl klar ersichtlich" gegen wen sich die Öffentlichkeitsarbeit
des ÖGB richtet. Die Freiheitlichen treten allerdings in einer Reihe
von Organisationen auf - als Aktionsgemeinschaft Unabhängiger und
Freiheitlicher (AUF)" als Freiheitliche Arbeitnehmer und ab 1. Mai
auch als FGÖ. Die Freiheitlichen sind nach wie vor eine anerkannte
Gruppe im ÖGB" können als Mitglieder und Funktionäre des ÖGB alle
Rechte wahrnehmen. Da die ÖGB-Spitze die Gründung der FGÖ als rein
formale Spaltungsorganisation betrachtet" werden nur Leute von Ausschlüssen
betroffen sein" die Funktionäre im ÖGB und in der FGÖ sind. Die
ÖGB-Führung macht keine Anstalten" dass Problem der Gelben im und
ausserhalb des ÖGB ernsthaft politisch anzugehen. Ausser ein paar
Artikel in der AK-Zeitschrift gibt es nichts an politischer Analyse
für die tausenden BetriebsrätInnen und Gewerkschaftsmitglieder"
obwohl es höchst an der Zeit wäre" über die Freiheitlichen in den
Betriebsräten und im ÖGB umfassend aufzuklären. Die Sprachlosigkeit
der ÖGB-Führung angesichts der Haider-Kameraden ist im Grunde eine
politische Kapitulation. Aber wen sollte dies wundern" befindet
sich doch die ÖGB-Führung in der ideologischen Zwangsjacke der Sozialpartnerschaft
und ihrer selbstgezimmerten Mythologisierung des ÖGB als Stütze
der 2. Republik.
Sehen wir uns einmal an" was das Buch "Die Gelben Gewerkschaften
Österreichs in der Zwischenkriegszeit" als die charakteristischen
Merkmale einer gelben Gewerkschaft anführt (zu lesen auf Seite 89):
- keine klare Trennung zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberinteressen
- Anstreben und Annahme von finanzieller Unterstützung durch Unternehmer
- populistische Strategien
- "national" bzw. ausländerfeindlich
- Schuldzuweisung an das "alte" demokratische System
- verdeckte Doppelmitgliedschaft bei Gewerkschaften
- "Vorspannstrategie" - Einspannen von anderen Gruppen" ohne deren
Wissen
- keine klaren Mitgliederangaben
- autoritäres Führungsverhalten
- verdeckte Unterstützung von Arbeitgeberinteressen
- Abhängigkeit vom Unternehmer
- Eingeengte Aktionsmöglichkeit
- bewusstes Auseinanderdividieren der Arbeitnehmergruppen
- Infragestellen/Diskriminieren der bestehenden Gewerkschaften
- "Aufweichen" der bestehenden Gewerkschaften
- Unterlaufen und Schwächen von bestehenden Gewerkschaften
- Verdecken der tatsächlichen Stärke bzw. Schwäche
- Verdecken von Widersprüchen im eigenen Organisationsbereich.
Wenn wir jetzt ernsthaft die oben angeführten Merkmale von gelben
Gewerkschaften auf die Einzelgewerkschaften und dem ÖGB anwenden"
welche Antworten werden wir bekommen? Die Geschichte des ÖGB nach
1945 - exemplarisch erwähnt sei nur die Niederschlagung des "Oktober-Streiks"
1950" die Verfolgung der kommunistischen GewerkschafterInnen" die
Person Ohla und sein "Sonderprojekt" oder eben die Sozialpartnerschaft
- birgt eine Menge Ansätze zur Kritik von "gelben" Entwicklungen.
Der ÖGB 1998 als erfolgreiche Entwicklung einer Einheitsgewerkschaft"
die konsequent für Interessen der ArbeitnehmerInnen eintritt? Na
ja" ich wage jetzt die Behauptung" dass der ÖGB" seine Einzelgewerkschaften
wie auch die Fraktionen FSG und FCG mit der Farbe gelb durchsetzt
sind. In wieviel Unternehmen sind nicht die Betriebsräte Prokuristen
und leitende Angestellte? Sind im öffentlichen Dienst nicht viele
PersonalvertreterInnen Abteilungs- und DienststellenleiterInnen?
Gibt es in Österreich nicht immer noch die gesetzliche Diskriminierung
von ausländischen ArbeiterInnen? Wie verhält es sich mit der Standort-Politik
und des Österreich- bzw. EU-Nationalismus des ÖGB? Was ist mit der
"Sozialpartnerschaft" und der Haltung des ÖGB zu gewerkschaftlichen
Kampfmassnahmen? Ist der ÖGB nicht - politisch nicht korrekt ausgedrückt
- eine de facto "Staatsgewerkschaft"" die über die politische Verzahnung
mit SPÖ und ÖVP die Arbeiterschaft in die Entmündigung und Passivität
geführt hat? Wie steht es mit der Kampfbereitschaft und -stärke
des ÖGB? Welche Ideologie vertritt die ÖGB-Führung und welche Ideologie
bräuchten wir? Gerade an der Einstellung von Gewerkschaften zu politischen
Projekten wie der EU" der WTO oder der OECD können wir auch die
Gewerkschaften näher beleuchten. Standort-Politik" Sozialchauvinismus
mit einhergehender Diskriminierung von ArbeiterInnen ausländischer
Herkunft und MigrantInnen versus Internationalismus und Solidarität
- wo würde sich der ÖGB einreihen lassen?
Anhand der Diskussion über die Gelben Gewerkschaften sollten sich
linke Gewerkschaftsgruppen bzw. linke GewerkschafterInnen auch über
ihre eigene Position" über ihr eigenes Verständnis von Gewerkschaften
klar werden. Im Hinblick darauf" dass jetzt eine geschichtliche
Untersuchung über die "Gelben" vom ÖGB herausgegeben wurde" wäre
es notwendig" die "gelben" Entwicklungen im ÖGB anzusehen und schonungslos
aufzudecken. Das Problem "Gelbe Gewerkschaft" kann man nur politisch
angehen. Aber wenn man" so wie die ÖGB-Führung" nur in sozialpartnerschaftlichen
Kriterien denkt" nur im Sinne der Klassenharmonie handelt" dann
kann man dem Thema "Gelbe" nicht gerecht werden. Hier zeigt sich
wieder" wie wichtig eine solide ideologische Grundlage auch in der
Gewerkschaftsbewegung ist" um nicht in die politische Falle von
rechten Demagogen" Kapitalisten und Regierungen zu tappen. Und es
ist verdammt notwendig" über gelbe Gewerkschaften" über die FGÖ
und über die Freiheitlichen im ÖGB zu reden. Die Kopf-in-den-Sand-Politik
der ÖGB-Führung leistet dem Aufmarsch der F-Kameraden in den Betrieben
nur Vorschub. Aber von dieser Führung ist auch nichts anderes zu
erwarten. In vielen Betrieben und vor allem im öffentlichen Sektor
(z. B. Gemeinde Wien) treffen zum Beispiel die PersonalvertreterInnen
der KIV direkt auf die freiheitliche Konkurrenz und müssen Antworten
und Erklärungen finden und bieten können ...
Meine Empfehlung: Das Buch "Die Gelben Gewerkschaften Österreichs
in der Zwischenkriegszeit" (Verlag des ÖGB" ISBN 3-7035-0682-2)
möglichst bald lesen und eine Debatte über die Situation des ÖGB
beginnen. Tatsächlich ist die "Gewerkschaftsfrage" aus der linken
Diskussion in Österreich fast verschwunden. Da die "Linke" im allgemeinen
schwach in Betrieben und Gewerkschaften verankert ist" sollten wir
uns verstärkt mit Gewerkschaftstheorie und -praxis auseinandersetzen.
In der täglichen Praxis stehen klassenkämpferische und linke GewerkschafterInnen
den sozialdemokratischen" christlichen GewerkschafterInnen und jetzt
auch noch offen gelb-blauen Verbänden gegenüber und brauchen "moderne
Waffen"" sprich eine ideologische Diskussion" die sich auf der Höhe
der Zeit befindet.
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