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Teil 1 | Teil 2
Auf dem Weg in die "postfordistische Stadt"
Global City
Industrie & Moderne: Aufstieg der "fordistischen Stadt".
Von Siegfried Mattl.
Das neue Weltwirtschaftssystem hat sich aus den
industriellen Großbetrieben in die hochkonzentrierten Gebiete von
Finanzkapital, Intelligenz und Kommunikation verlagert. Das Kapital
ist enorm mobil geworden, traditionelle politische Zugriffe, beispielsweise
über das Steuersystem, werden immer schwieriger, schon aus dem Umstand,
weil die Wertschöpfung bei grenzüberschreitenden Dienstleistungen
nicht eindeutig zugeordnet werden kann. Die Stadtwirtschaft wird
damit immer mehr abhängig von kleineren Unternehmensgruppen von
ca. 25 bis 50 Mitarbeitern, die als Subkontraktsfirmen und Dienstleister
für die Großkonzerne tätig sind. Dies bildet den Hintergrund für
die aktuelle Form von Standortkonkurrenz. Und die Standortkonkurrenz
wiederum wirkt als Triebkraft hinter einer Reihe von Reformprojekten,
mit denen die großen Städte an privatwirtschaftliche Kriterien anzuschließen
versuchen. Die Städte stehen also in einem globalem Wettbewerb -
das heißt aber, die Stadtregierungen beginnen, die öffentlichen
Verwaltungen als Betrieb oder als Firma zu betrachten. Das exakt
macht den Kern des Übergangs von der fordistischen zur postfordistischen
Stadt aus. Gehen wir hier einmal in die Geschichte zurück. Die modernen
Städte haben sich erst gegen Ende des 19. Jahrhundert herausgebildet.
Die Grundlage dafür war zunächst eine Reihe technischer Innovationen.
Am einfachsten können wir dies am Wiener Beispiel nachvollziehen:
- 1895 wurde das Telefonnetz verstaatlicht, die ersten Bezirke
mit Hochquellwasser aus der kommunalen Wasserleitung versorgt
- Ab 1897 wurden die Gaswerke in die Regie der Stadt übernommen,
im selben Jahr werden Straßenbahnen, großteils noch im Pferdebetrieb,
und Dampfstadtbahn ins Gemeindeeigentum übernommen
- 1902 nimmt das erste städtische E-Werk in Simmering den Betrieb
auf
- 1903 beginnt die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf Elektrizität.
Ein paar Zahlen sollen das rapide Wachstum der städtischen Dienstleistungen
um 1900 verdeutlichen. So stieg die Zahl der Fahrgäste von 54 Millionen
im Jahre 1894 auf 170 Millionen 1904 an; die Zahl der elektrischen
Lichtquellen in Privathäusern stieg von 9.000 anfang der 1890er
Jahre auf 140.000 nur sieben Jahre später. Die Zahl der jährlichen
Telefongespräche stieg von 1900 auf 1913 von 44 auf 185 Millionen.
Die Dynamik der Großstadt konnte nur durch öffentliche Intervention
in geordnete Wege geleitet werden, dazu gehörte eine Einheitlichkeit
der Straßentechnik, von Fahrbahngestaltung bis zur Signaltechnik,
die Ausstattung und Normierung des öffentlichen Raums mit Bänken,
Ankündern, Uhren und so weiter, aber auch die Anlage von Bedürfnisanstalten.
Ab 1885 wurden Pissoirs nach einem System von der Gemeinde konzessioniert,
1910 wurden sie generell in Gemeindeeigentum übernommen. Das ist
sicherlich eine würdige Anekdote, aber es zeigt doch drastisch das
politische Gebot zur Regulierung der Entwicklungstrends der Großstadt.
Der plötzlichen Erweiterung der kommunalen Dienste entsprach ein
erster kräftiger Wachstumsschub bei den städtischen Bediensteten.
1895, also bei Amtsantritt des christlichsozialen Bürgermeisters
Lueger, gab es in Wien 2000 Beamte und ein paar hundert Arbeiter
in Gemeindebetrieben. 12 Jahre später waren es 30.000. Die Stadt
war nach dem Staat zum größten Arbeitgeber in der Monarchie aufgestiegen.
In diesen Jahrzehnten kam es auch zur Professionalisierung des Beamtentums.
Das heißt, es wurde eine Dienstordnung erlassen, die im Grunde heute
noch die Gehaltsklassen, die Aufstiegsmöglichkeiten, die Zulagensysteme
und die Pflichten einschließlich des sogenannten standesgemäßen
Verhaltens regelt. Das war ein ganz wesentlicher Schritt aus der
abhängigen, man möchte sagen Dienstbotenstellung hin zum Berufsbeamtentum,
auch wenn die Christlichsozialen deshalb so vehement dafür waren,
weil sie sich in den Beamten ein wichtiges Wählerreservoire heranzogen.
Nach dem 1. Weltkrieg erfolgte ein weiterer Ausbau der kommunalen
Dienste, jetzt aber nicht mehr konzentriert auf die technischen
Netze, sondern auf die Sozialpolitik. Unter sozialdemokratischer
Führung kam es zur Kommunalisierung der Fürsorge, zur Erweiterung
der kommunalen Gesundheitspolitik und natürlich zum legendären kommunalen
Wohnbau, der gleichfalls die Verwaltungstätigkeiten beträchtlich
erweiterte. Zur Fürsorgepolitik ist noch anzumerken, daß unter der
christlichsozialen Stadtregierung 2000 freiwillige Armenräte, faktisch
Parteigänger der Christlichsozialen, die Unterstützungsgelder der
Gemeinde verwalteten und damit einen politischen Druck auf ihre
Schutzbefohlenen ausübten.
Die öffentlichen Netze waren in ihrer ersten Entwicklungsphase
zumeist private Unternehmungen. In London etwa blieben viele Versorgungseinrichtungen,
wie etwa die Wasserwerke, bis anfang der 1840er Jahre privat, nicht
zuletzt aus der weit zurückreichenden liberalen Tradition und weil
der Vorsprung der englischen Industrie und Ingenieurskunst auch
in den städtischen Netzen automatisch die optimale Versorgung zu
garantieren schien. In Kontinentaleuropa gingen die Uhren anders.
Hier wurde schon in den 1870er Jahren die Regulierung des städtischen
Dienstleistungs-Marktes zur offiziell vertretenen Theorie. Im Grunde
wurde auf zwei Ebenen argumentiert. Zum einen gingen Ökonomen wie
der Finanzminister Schäffle davon aus, daß eine Reihe von Gütern
nicht marktfähig sei, sondern daß ein Anspruch der gesamten Bevölkerung,
unabhängig von ihrer Kaufkraft, auf die Versorgung mit Gütern des
täglichen Bedarfs bestand. Zweitens, und das wird nun heute in einer
umgekehrten Bewegung wieder interessant, argumentierte Schäffle
mit der Chancengleichheit. Unternehmer, die an verschiedenen Standorten
unterschiedliche Kosten für Infrastruktur zu tragen hätten, könnten
nie in einen fairen Wettbewerb treten. Deshalb sei es Aufgabe des
Staates und der Gemeinden, solche Güter öffentlich zu bewirtschaften
und eine Tarifpolitik zu betreiben, die faktisch eine Kompensation
der Kostennachteile herbeiführte. Ein drittes Argument kam später
noch dazu: Erst die öffentlichen Monopole bei Gas, Wasser, Elektrizität
und Telekommunikation schufen die Grundlage für die Standardisierung
der industriell hergestellten Produkte - denken sie nur an die Spannung
bei Elektrogeräten - und schufen die Voraussetzungen für die Massenproduktion
und die Konsumgesellschaft. In gewissem Sinn bildeten die öffentlichen
Netze aber auch die Voraussetzung für den sozialen Zusammenhalt
der Stadt, sofern selbst die entlegensten Teile einen garantierten
Anspruch auf die Versorgung zu einheitlichen Tarifen hatten.
Technologie & Wettbewerb:
Anfänge der "postfordistischen Stadt"
Diese fordistische Ära der Stadt - fordistisch deshalb genannt,
weil es eine regelmäßige, massenhafte, planbare, in gewisser Hinsicht
auch egalitäre Struktur der Stadt vorspiegelte - ging Ende der 70er
Jahre zuende. Ich habe anfangs versucht, die übergeordneten wirtschaftlichen
Gründe dafür darzulegen, warum es heute mehr auf die Städte als
auf die nationalen Regierungen anzukommen scheint. Ich will mich
jetzt aber noch einem anderen Aspekt geänderter Produktions- und
Marktbedingungen widmen, nämlich den Rückwirkungen der Digitalisierung
und der Kommunikationsrevolution auf die kommunalen Dienstleistungen.
Drei Dinge sind dabei zu unterscheiden:
- Das Aufkommen neuer öffentlicher Dienste, insbesondere im Bereich
der kabelgestützten Kommunikation
Gerade, wie wir gesehen haben, der Telekommunikation kommt im Zeitalter
der Globalisierung eine erstrangige wirtschaftliche Bedeutung zu.
In England beispielsweise sind die Ausgaben für Telematische Dienste
in den 80er Jahren um 147 Prozent gestiegen, das war 5mal soviel
wie für andere Dienstleistungen. Diese Dienste sind nicht mehr kommunal
abschließbar, sondern erfordern internationale Kooperation. Sie
müssen global kompatibel sein und sie stehen in einem permanenten
internationalen Preisvergleich. Solche Netze sind nicht mehr einfach
als öffentliches Monopol zu bewirtschaften, da beispielsweise die
politische Entscheidung darüber, welches Stadtgebiet als erstes
die modernste Infrastruktur erhält, in den Konsequenzen kaum mehr
kalkulierbar ist. Von hierher kommt ein enormer Druck auf die städtischen
Administrationen zu, zu marktwirtschaftlichen Strategien überzugehen
und Kooperationen mit Privatanbietern einzugehen oder diese Netze
überhaupt freizugeben (Letzteres wiederum bedeutet dann natürlich
auch eine neue Prioritätensetzung innerhalb der Verwaltung beispielsweise
bei den Serviceleistungen für bauliche Maßnahmen, bei Umwidmungen,
bei der Digitalisierung der Straßen- und Häuserkataster etc.) Was
sind die Konsequenzen? In London, und London hat hier durch die
Privatisierungspolitik Margaret Thatchers jedenfalls erhöhte Beispielswirkung,
in der Londoner City genauer gesagt konkurrieren 12 Telecom-Anbieter
um die hier konzentrierte Business-Welt. Das bringt in der City
eine enorme technische Kommunikations-Dichte zu sehr günstigen Tarifen.
Dafür aber sieht es am Stadtrand ganz anders aus; für London erschwerend,
da es sich ja bei den Wohnvierteln um eine Siedlungsstadt mit geringer
Dichte handelt. Dort also werden Anschlußgebühren und Tarife nunmehr
individuell kalkuliert und verteuern sich, je weiter man vom Zentrum
weg kommt. Das spielt natürlich wenig Rolle, wenn man bloß an Telefongespräche
denkt. Sobald man aber in Betracht zieht, daß künftig ein erheblicher
Teil der Arbeit und der täglichen Besorgung über Internet oder sonstwie
online besorgt wird, sieht die Sache anders aus. Da die Tele-Infrastruktur
wiederum kommerzielle Effekte hat gerade mit Blick auf die Kapitalströme,
so spaltet sich die Stadt fortschreitend in sogenannte "hot
spots", in profitable Zonen, und in "cold spots"
auf, ohne daß die städtische Administration klar gegensteuern könnte
oder würde.
- Der Umbau alter Versorgungsnetze mit Hilfe elektronischer Systeme
Durch die Digitalisierung ist es möglich geworden, bei den öffentlichen
Netzwerken wesentlich effektivere Feinabstimmung sowohl bei der
Zulieferung als auch im Rechnungssystem einzuführen. Das bildete
auch eine der Voraussetzungen für die Reprivatisierung der Londoner
Wasserversorgung, da mit Hilfe telematischer Kontrollmechanismen
sowohl profitable Zonen leicht auszumachen als auch säumige Kunden
sofort auszuschließen sind. Noch in den Anfängen befindet sich die
telematische Aufschließung des öffentlichen Transportwesens durch
road-pricing, nachfrageorientierte Ruf-Bus-Systeme, elektronische
Verkehrsleitsysteme u. a. Gegenüber der kameralistischen Tarifpolitik
können nun marktwirtschaftliche Preisbildungsprozesse ins Transportwesen
vordringen und entweder zu parallelen privaten Fahrdiensten oder
wiederum zur Zonenbildung nach absteigenden Profit-Centers führen.
Am wahrscheinlichsten ist aber auch hier eine strategische Kooperation
von Stadtverwaltung und Privatunternehmen oder auch non-profit-Organisationen,
wie dies beispielsweise schon bei der Abfallentsorgung betrieben
wird. Sowohl die Kooperation wie auch die Konkurrenz wird Rückwirkungen
auf die Arbeitsplatzbewertung im öffentlichen Dienst haben. Einen
diskussionswürdigen Punkt kann ich hier nur benennen, aber nicht
ausführen. Ich meine damit die Selbstorganisation der Bevölkerung,
die Bürger- und Mieterinitiativen, aber auch die alternativen Betriebe
und Unternehmen, die aus einer politischen Skepsis gegen den Staat
heraus private Modelle, etwa in der Kinderbetreuungs- und Schulpolitik,
suchen und dabei neue Kooperationsformen mit der Verwaltung benötigen.
- Die Marktfähigkeit und die Nachfrage nach kommunalen Netzwerk-Systemen
Die Dynamik der Städte hat sich heute auf den außereuropäischen
Bereich verlagert. Hier entstehen die Megastädte mit 30, 40 Millionen
Einwohnern, wie Mexiko City, oder high-tech Zentralen wie Kuala
Lumpur. Chinesische Städte in der free-enterprise-Zone haben in
den letzten zwei Jahrzehnten ein Bevölkerungswachstum von 20-30
Prozent erlebt und setzen diese Richtung fort. In diesen Städten
entsteht eine neue Art von Nachfrage, nämlich die Nachfrage nach
großtechnologischen kommunalen Netzwerken. Ich habe vorhin Kuala
Lumpur nicht nur zufällig gewählt. Malaysien ist im Augenblick auch
ein potentieller Kunde Wiens bzw. der Wiener Elektrizitätswerke.
Im Konkreten geht es um Umspannwerks-Automatisierungstechniken und
andere technische Funktionen aus diesem Bereich, die bei Wienstrom
entwickelt wurden. Ein anderes Beispiel für die neue unternehmerische
Tätigkeit liefern die Wiener E-Werke mit der Planung, Abwicklung
und Finanzierung eines Erdgaswerkes mit Kraft-Wärme-Kopplungsanlage
für Semperit, das in Partnerschaft mit der Firma Elin errichtet
wird.
Beide Beispiele stehen in einem internationalen Trend zur betriebs-
und marktwirtschaftlichen Umrüstung kommunaler Unternehmer. Dabei
geht es nicht mehr allein um das Zur-Verfügung-Stellen von Energie
oder Transportmittel oder Leitungen, sondern um komplexe Leistungen
im Bereich Wasserversorgung und -aufbereitung, Verkehrsleitsysteme,
Abfallentsorgung und anderes mehr. Auf diesen Märkten, die höchst
wettbewerbsorientiert sind, ist die Umstellung von traditionellen,
oder sagen wir nochmals: von fordistischen Zielsetzungen auf profit-center-Denken
notwendig. Statt politisch zu verantwortender Gebühren und Tarife,
statt eines allgemeinen Versorgungsanspruchs, der über budgetäre
Umverteilungsmaßnahmen finanziert wird, geht es hier um exakte Kalkulation
unter Weltmarktbedingungen, die zur Bewertung auch der einzelnen
Arbeitsplätze führen.
Wenn wir an dieser Stelle ein abschließendes Resümee ziehen können,
dann wird es wohl dahingehend formulierbar sein: Die städtischen
Dienstleistungen in der postfordistischen Gesellschaft unterliegen
durch technologische, politische und wirtschaftliche Veränderungen
im globalen Ausmaß dem Druck zur Flexibilisierung und Mobilität
der Arbeitsplätze im kommunalen Sektor. Im Augenblick befinden sich
die Angestellten und Beamten des kommunalen Sektors in der Defensive
gegenüber Reformprojekten, die entweder auf die Privatisierung oder
auf die Ausgliederung sowie auf die betriebswirtschaftliche Effizienzsteigerung
durch Auflösung der besonderen Arbeitsverträge im öffentlichen Dienst
abzielen. Es käme darauf an, klar zu machen, daß damit auch der
Versorgungsanspruch für die ganze politische Gemeinde unter Druck
gerät und der Zerfall der Städte in Profit-Centers, in Hot und Cold
Spots eingeleitet wird. Es käme aber ebensogut darauf an, eine andere
Reformperspektive von unten her zu entwickeln, die eine politisch
zeitgemäße, stärker service-orientierte kommunale Dienstleistung
in Aussicht stellt.
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