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Teil 1 | Teil 2
Auf dem Weg in die "postfordistische Stadt"
Global City
Dieser Beitrag handelt von der Veränderung
der Wirtschaftsfunktionen der großen Städte, die mit den Begriffen
"global city" und "world city" erfaßt
werden.
Von Siegfried Mattl.
Es geht um die Veränderungen der Produktions- und Marktstrukturen
seit den 70er Jahren, also um Digitalisierung, flexible Produktion,
neue regionale Märkte u.a. Dieser Text ist ein Versuch, die
Rückwirkungen dieser beiden Prozesse auf die Verwaltungsstrukturen
des öffentlichen Dienstes abzuschätzen, d. h. er geht der
Frage nach, warum heute Reformprogramme im öffentlichen Dienst
bei der Kostenrechnung ansetzen, und nicht beim politischen
Auftrag wie noch zu Beginn der 70er Jahre.
Eine Neue Theorie: Die "Global City"
Die meisten Menschen haben wohl, wenn sie von "Stadt"
sprechen, die Vorstellung von einer Metropole des 19. Jahrhunderts.
Das Ideal dafür bietet sicherlich Paris. Der hohe Zentralismus
Frankreichs begünstigte die Entwicklung von Paris als Handels-,
Wirtschafts-, Kultur- und Verwaltungszentrum für einen nationalen
Markt. Ich möchte hier schon anmerken, daß Paris etwa im Vergleich
zu London oder Amsterdam keine herausragende Rolle für die
Weltwirtschaft, etwa im Bereich der Versicherungen und der
Banken, gespielt hat. Wien war und ist in dieser Hinsicht
Paris sehr ähnlich, und wir werden sehen, daß gerade dieser
Umstand, d.h. die vorrangige Bedeutung als internationaler
Finanzmarkt oder als nationales Verwaltungszentrum, heute
als Kardinalfrage gilt bei der Beurteilung der Aufstiegschancen
oder der Abstiegsrisiken innerhalb einer Rangliste von Weltstädten.
So gut wie alle neueren Stadttheorien beziehen sich auf die
amerikanische Soziologin Saskia Sassen, die 1991 das Buch
"The global city" veröffentlicht hat. Thema dieser
Studie ist die neue ökonomische Grundlage der Großstädte.
Während früher die Bedeutung einer Stadt von Zahl und Größe
der Verwaltungszentralen weltweit agierender Konzerne bestimmt
war, der Begriff dafür war "Headquater-Stadt", so
wurde in den 80er Jahren die Rolle als Finanzmarkt ausschlaggebend.
Wenn ich Saskia Sassen sehr pointiert auslege, dann kann ich
sagen: Seit den 80er Jahre konkurrieren die Großstädte darum,
bevorzugter Umschlagplatz von Kapitalströmen zu sein. Diese
Kapitalströme sind nicht mehr Bewegungen zwischen zwei Ländern,
sondern sie zirkulieren, vermittelt durch die elektronischen
Börsen, in weltweitem Ausmaß, 24 Stunden am Tag. Ich möchte
ihnen zwischendurch ein anschauliches Beispiel für die Gestalt
der neuen globalen Finanzmärkte geben. Auf den Devisenmärkten
beträgt das Volumen der täglichen, wohlgemerkt der täglichen
Transaktionen rund 900 Milliarden Dollar - das entspricht
dem jährlichen Bruttoinlandsprodukt Frankreichs. Zum Vergleich:
die gesamten Reserven der Zentralbanken betragen nur etwa
700 Milliarden Dollar. Es ist damit augenscheinlich, daß nationale
Regierungen und Zentralbanken nur äußerst geringe Mittel und
noch weniger Zeit haben, um Spekulationen auf ihre Währung
abzufangen. Als in den späten 80er Jahren der derzeit wohl
berühmteste Währungsspekulant George Soros auf die DM spekulierte,
mußte die deutsche Zentralbank binnen weniger Stunden in Absprache
mit Frankreich und England gewaltige Stützungskäufe durchführen,
um diesen Angriff abzuwehren. Nebenbei gesagt: Frankreich
wie andere europäische Staaten auch hat naturgemäß durch das
europäische Währungssystem mit den Verpflichtungen zum floaten
innerhalb fester Grenzen starkes Eigeninteresse an der Stabilität
der Mark oder anderer europäischer Währungen.
In den 80er Jahren hat sich mit den neuen Formen der Kapitalbewegung
auch die politische Geographie radikal gewandelt. An die Stelle
der Konkurrenz von nationalen Volkswirtschaften ist der Wettbewerb
zwischen den Weltstädten getreten, die alte imperialistische
Ordnung mit wirtschaftlichen Supermächten und multinational
operierenden Konzernen an der Spitze, die Länder der 3. Welt
an ihrem Ende, existiert so nicht mehr. Statt dessen stehen
wir einem Netzwerk von Städten gegenüber, die sich aus ihren
Regionen politisch und wirtschaftlich herauszulösen beginnen
und eine eigene Hierarchie aufbauen. An der Spitze dieser
Hierarchie stehen New York, London und Tokio. Eine Zahl: In
den 80ern wurden über 80 Prozent der Kapitalmobilisierung
der Welt über New York, London und Tokio abgewickelt, wobei
Tokio quantitativ Ende der 80er New York überholt hat.
Neue Ökonomie: Globaler Finanzmarkt und "producers
services"
Ich möchte noch mit ein paar Worten auf die Ursache dieses
Wandels eingehen, wie er seit den 70er Jahren stattgefunden
hat. Das sogenannte "Wirtschaftswunder" nach dem
2. Weltkrieg basierte auf der Stabilität des Dollars, der
- ein ganz bewußter handels- und wirtschaftspolitischer Entscheid
der US-Regierung - 1944, also noch während des Krieges, im
kleinen Ort Bretton-Woods von allen damaligen Alliierten als
internationale Währung mit Goldstandard akzeptiert worden
ist. Die Führungsrolle des Dollars beruhte selbstverständlich
auf der Industriemacht der USA und auf den Kapitalexporten.
Ende der 60er aber war die industrielle Führungsposition schon
durch einige europäische Länder und insbesondere durch Japan
untergraben. Die USA schlitterten nun in ein Handels- und
Zahlungsbilanzdefizit. Um dies zu korrigieren gab man 1971
die Golddeckung des Dollar auf. Die Freigabe des internationalen
Geld- und Devisenverkehrs traf zusammen mit einem Überschuß
an Kapitalmitteln, den sogenannten Euro- und den Petro-Dollars.
Die Kombination von Dollarschwäche und überschüssigem Kapital
führte zur Umstrukturierung der Finanzmärkte. Die USA verwandelten
sich aus einem Kapitalexport- in ein Kapitalimport-Land, neue
handelfähige Papiere von großen Kapitaleignern wie Versicherungen
(insbesondere Pensionsfonds u. ä.) kamen auf den Markt; es
erfolgte die Mobilisierung von neuen Finanzwerten wie beispielsweise
von Staatsschulden, um sie handelsfähig zu machen; neue Papiere
wie future bonds, also völlig spekulative Werte auf den erwarteten
künftigen Ertrag von Aktien und anderen Finanzierungsmittel.
In diesem Zusammenhang ist folgendes wichtig: Der Finanzplatz
selbst, und nicht mehr die Banken, haben eine steuernde Funktion
für die Kapitalmärkte übernommen. Während die Banken eher
traditionelle Kreditgeschäfte für Großkunden abwickeln, sind
diesen Finanzmärkte, an denen Anlageberater, Spekulanten,
Firmenvertreter, Währungspolitiker usw. tätig sind, komplex,
stark wettbewerbsorientiert und hoch riskant. Sie verlangen
nach einer breiten Infrastruktur von spezialisierten Dienstleistungen.
Das "global city"-Konzept ist das bislang tauglichste
Unternehmen, die Wege der politische Ökonomie nach der Krise
'72/'73 zu beschreiben. Es berücksichtigt drei ineinandergreifende
Transformationen:
- die der Produktion
- der Technologie
- der Deregulierung der Finanzmärkte.
Von Produktionsseite her wäre zu sagen: '67/'73 kam es zur
ersten tiefen Krise der Nachkriegswirtschaft. Wir bezeichnen
die Form dieser Wirtschaft heute als Zeitalter der "fordistischen
Produktion", fordistisch deshalb, weil die von Henry
Ford in seinen Automobilfabriken angewandten Methoden der
Arbeitsteilung, der Serienproduktion und Berechnung auf den
Massenkonsum hin auf die ganze Gesellschaft erweitert worden
ist. Kernstück dieser Wirtschaftsform war die Fließbandarbeit,
die vom ungelernten Massenarbeiter bedient wurde. Kontinuierliche
und planbare Produktivitätsfortschritte konnten teilweise
zur Erhöhung der Löhne verwendet werden, was wiederum den
Markt für die massenhaft hergestellten genormten Konsumgüter
schuf. Soziale Defizite und Risiken wurden durch den sogenannten
Wohlfahrtsstaat abgedeckt. Ende der 60er Jahre war dieses
Akkumulationsmodell aber nun in seinen Entwicklungsmöglichen
ausgereizt. Der Rationalisierungsdruck suchte und fand eine
neue Technologie: die Digitalisierung der Produktion und des
Marktes. Der Einsatz von elektronischen Datenverarbeitungssystemen
ermöglicht die Miniaturisierung der Produkte, die Automatisierung
der Produktion, aber auch die Flexibilisierung. Flexibilisierung
heißt, daß durch die Zusammenführung von Marktbeobachtung
und Umrüstung des computergestützten Maschinenparks kleine
Serien produziert werden können um hochspezialisierte Märkte
beliefern zu können. Das berühmteste Beispiel dafür wurden
relativ schnell die oberitalienischen Stahlwerke, die die
Massenstahlerzeugung von sich aus aufgaben und auf kundenspezifisch
ausgerichtet Spezialstähle überstiegen. Die Digitalisierung
ermöglichte aber auch die örtliche Trennung von Produktion,
Kontrolle und Steuerung und die Trennung von Produktion und
Verwaltung. Auch hier ist es wieder ein italienischer Konzern,
der ein berühmtes Beispiel geliefert hat, nämlich Benetton:
Benetton produziert heute T-shirts arbeitsteilig auf 3 Kontinenten.
Unter der telematischen Kontrolle durch die italienische Zentrale
fertigen Firmenniederlassungen in Indien die Stoffe, während
die kurzfristig festgelegten Farben und Muster in Südafrika
verarbeitet werden, während in italienischen Fabriken Schnitt
und Endfertigung erfolgt.
Die Digitalisierung hat nicht nur die Produktion verändert,
sondern die gesamte Wirtschaftskultur. Deshalb sprechen wir
auch vom "Postfordismus", um anzudeuten, daß die
Auswirkungen die ganze Gesellschaft erfassen. Um näher an
unser Thema zu kommen, möchte ich ein Beispiel dafür bringen,
daß auch die Dienstleistungen, die bisher nicht als mechanisierbar
gegolten haben und Angestellte wie Beamte mit mehr Job-Sicherheit
versorgt haben, von diesen Veränderungen erfaßt sind.
Das neue Zauberwort für die Rationalisierung der Angestelltentätigkeit
heißt reengineering. Dabei geht es darum, den gesamten Arbeitsauflauf,
so wie er sich aus Erfahrung herausgebildet hat, neu zu konzipieren
und herkömmliche Arbeitsteilung wie Qualifikationsstruktur
in einem Betrieb radikal neu zu designen. Zwei amerikanische
Autoren liefern einige sehr eindrucksvolle Beispiele dafür.
Die Versicherungsgesellschaft Liberty Mutual etwa mit 20.000
Mitarbeitern und einem Wert von 25 Milliarden Dollar, kämpfte
vor allem im Verkauf gewerblicher Versicherungen mit großen
Absatz- und Rentabilitätsproblemen. Als Schwachstelle wurde
erkannte, daß mit der herkömmlichen Bearbeitung in einer Kette
von Kundenaquirierung, Buchhaltung, Rechnungsstelle, Rechtsabteilung
und zurück viel zu viel Zeit verstrich, nämlich 62 Tage im
Vergleich zu 24 Stunden realer Bearbeitung einer Polizze.
Dazu kam, daß jede Abteilung ihre eigenen Computersysteme
benutzte und die Daten gesondert eingab. Im Zuge einer reengineering-Kampagne
wurde nun in diesem Marktsegment die Arbeit zu einem Team
umorganisiert, das alle Arbeiten in einem durchführte und
sich auf ein integriertes Computersystem stützt. Damit wurde
die berufsspezifische Kompetenz der Außendienstmitarbeiter
ebenso wie der rechtskundigen Angestellten oder der Buchhalter
weitgehend entwertet, aber die Leistung und Effizienz der
Gesamtabteilung erhöht. Insbesondere wurde dem ständigen Konflikt
zwischen den Kundenbetreuern und der Prämienabteilung um Rabatte
ein Ende bereitet. Mehr Abschlüsse, geringeres Risiko und
rasche Bearbeitungszeit waren die Habenseite. Die Konsequenz
aus dem reengineering ist im Regelfall eine soziale Neuordnung
des Betriebes. Das höhere Management wird in seiner hierarchischen
Macht geschwächt und eine Kernbelegschaft, die im Regelfall
gut 1/3 der Beschäftigten umfaßt, wird durch Teamarbeit direkt
in die Entscheidungsprozesse eingebunden. Ein weiteres Drittel
der Beschäftigten wird in zeitweisen Tätigkeiten mit Hilfscharakter
verbleiben und wenig Sicherheit haben. Ein weiteres Drittel
kann überhaupt an Subunternehmen oder neue Selbständige ausgegliedert
werden (beispielsweise die Lohnbuchhaltung).
Der Verkauf der Städte: "heisse" und "kalte"
Zonen
Im Mittelpunkt von Saskia Sassens Studie steht aber nicht
die Neue Ökonomie schlechthin, sondern eine neue räumliche
Ordnung. Es ist v.a. eine Theorie der zeitgenössischen Stadt.
Die "global city" hat nicht mehr allzuviel mit unserer
Vorstellung von Stadt als einheitliches politisches Verwaltungsgebiet
zu tun. Sie zerfällt vielmehr in Zonen wirtschaftlicher und
sozialer Bedeutung, die - wenn wir bei den Beispielen der
"Großen Städte" bleiben - einer sogenannten "Gentryfizierung"
unterliegen. Die Vokabel Gentryfizierung soll andeuten, daß
so wie in der strengen Seperation des landbesitzenden Adels
in England vom Rest der Gesellschaft auch die hochwertigen
städtischen Zonen den Arbeits- und Wohnstätten der neuen Finanzaristokratie
vorbehalten sind. Das Substrat dieser neuen Aristokratie sind
die Producers Services, also Dienstleistungen für Unternehmen
bzw. Organisationen und Firmen, die in der einen oder anderen
Weise mit den Finanzmärkten zusammenhängen. Es sind keine
Dienstleistungen im herkömmlichen Sinn. Die externen Dienstleistungen
ersetzen teils (aus Rationalisierungsgründen) unternehmensinterne
Managementfunktionen. Ein solches Beispiel für sogenanntes
"out-sourcing" ist die Buchhaltung. Teils handelt
es sich aber auch um ganz neue Dienste, die aus dem höheren
Internationalisierungsgrad der Wirtschaft selbst hervorgehen,
insbesondere Rechtsberatung und -vertretung, Marktbeobachtung
oder Anlage- und Steuerberatung. Dazu kommen noch Werbung
und Public Relations für einen internationalen Markt. Die
weltstädtische Wirtschaft funktioniert inzwischen nicht mehr
so, daß Großkonzerne ihre Repräsentanzen so wie Sperrforts
in die City setzen. Die "headquarters", also die
Führungszentralen von Konzernen mit ihren hunderten Angestellten,
siedeln sich wegen steigender Grundstückspreise und schwieriger
Verkehrssituationen immer öfter außerhalb der Agglomerationsgebiete
an. Sie belassen nur strategische Unternehmensdivisionen in
den Zentren, die sich in sogenannten "intelligenten Gebäuden"
einmieten. Das sind Bürobauten mit zentralen Kommunikationseinrichtungen
am letzten Stand, und sozusagen als Relais zu den producers
services dienen. Das hat, um wieder an unser zentrales Thema
zu erinnern, erhebliche Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen
Stadt bzw. Stadtverwaltung und Unternehmungen. Die Konzerne
mit ausgelagerter headquarter-Struktur fühlen sich naturgemäß
weniger verantwortlich für die Stadt als ganzes, für ihre
soziale Integration oder den politischen Gemeinwillen. Umgekehrt
erhöht sich der Druck auf die Stadtverwaltungen, den Standort
mit Blick auf die aktuellen Infrastrukturerfordernisse einer
vernetzten Weltwirtschaft zu modernisieren. Ein Beispiel scheint
mir dafür ungemein aufschlußreich zu sein: Die US-amerikanische
City-Bank hat ihr Abrechnungswesen nach Holland ausgelagert,
weil dort die Postgebühren biller sind. Und - auch das gilt
es im Auge zu behalten - weil dort Sonntagsarbeit erlaubt
ist.
Wien ist seit langem bestrebt, als Kongreß- und Tagungsstadt
eine Weltfunktion zu erreichen und auszubauen. Tatsächlich
liegt Wien hier auch nicht schlecht - und zwar nach einem
Ranking mit Bezug auf die Präsenz internationaler Organisationen
sogar am 9. Platz weltweit, noch vor Konkurrenten wie Zürich,
Amsterdam oder Madrid. Nun wird die Kongreßstadt Wien aber
immer mehr infrage gestellt durch im internationalen Vergleich
weit überhöhte Gebühren für Telekommunikation und der geringen
Dichte der Kommunikationsnetze. Die Verdichtung der Netze
ist übrigens eines der ehrgeizigeren Projekte, an denen die
Stadt gemeinsam mit dem Verbund-Konzern und den Kabelbetreibern
arbeitet; es ist weiters eines der Projekte, die von den E-Werken
bereits auf privatwirtschaftlicher Grundlage betrieben werden
sollen. Doch zurück zum Normalfall: Insbesondere die Zuschläge
der Hotelerie zu den Gebühren der Post verursacht immer wieder
Proteste des Kongreßpublikums, dessen Telekommunikations-Ausgaben
in Wien oft die Aufenthaltskosten übersteigen. Fallweise war
die Bundesregierung gezwungen, die Telefongebühren von Teilnehmern
internationaler Konferenzen mit ihren Zentralen zu übernehmen,
um weitere Tagungen in Wien abzusichern. Vergleichen wir Wien
in dieser Hinsicht nicht mit New York oder London, das wäre
in den Dimensionen verfehlt. Vergleichen wir es lieber mit
Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysiens, einem der kleinen
asiatischen Tigerstaaten. Kuala Lumpur befindet sich in einem
enorm dynamischen Aufholprozeß, der von der Regierung gelenkt
wird. Wie viele andere neu industrialisierte Regionen steht
einem gewaltigen Bevölkerungswachstum von 10-20 Prozent eine
ärmliche Infrastruktur gegenüber. Kuala Lumpur ist wahrscheinlich
die einzige Hauptstadt der Welt ohne öffentliche Verkehrsmittel.
Es gibt zwar ein paar private Busunternehmer, die jedoch nur
die lukrativsten Strecken fahren. Der tägliche Stau bewirkt,
wie Ökonomen vorrechnen, den Ausfall von Millionen Dollars
aufgrund verspäteter Lieferung, verpaßter Termine, verlorener
Arbeitsstunden - von den ökologischen Folgen nicht zu reden.
Dennoch entsteht in Kuala Lumpur das derzeit ambitionierteste
Infrastrukturprojekt der Welt. Es handelt sich dabei um ein
15 mal 50 Kilometer großes Band an Büro-Bauten, die mit allen
Facetten neuester Telekommunikation ausgerüstet werden. Diese
Bandstadt wird Multimedia Super Corridor genannt und soll
die erste elektronische Stadt der Welt werden. Der Corridor
wird am Schnittpunkt zweier Autobahnen liegen und soll alles
versammeln, was heute an fortgeschrittener Telekommunikationstechnik
vorhanden ist. Einen Vorgeschmack auf die neue öffentliche
Infrastruktur gibt heute schon die Börse von Kuala Lumpur,
die vor wenigen Wochen wegen der Attacken des malayischen
Präsidenten auf den Währungsspekulanten Soros in die Nachrichten
gekommen ist. Das traditionelle Bild einer Börse sucht man
hier vergebens. Es gibt keinen Börsensaal voll telefonierender,
schreiender, gestikulierender Makler. Sie sitzen alle online
verkabelt in irgendeinem Büro oder in den eigenen vier Wänden.
Für ausländische Delegierte ist alles vorgesorgt. Die Betreiber
des Hauses nehmen online Bestellungen aus Paris, Tokio oder
New York entgegen, reservieren Mietwagen und Hotelzimmer,
gestalten individuell die gewünschte Ausstattung der Büroräume
mit Telefon, Fax, Modem und Bildschirmen, schieben die Wände
nach Bedarf zu Büros zusammen. Am Ende eines Arbeitsaufenthaltes
werden die Kosten online per Kreditkarte beglichen. Was vielleicht
noch zusätzlich zu erwähnen ist, ist die Intelligenz des Börse-Gebäudes
selbst. Die gesamte Haustechnik ist computergesteuert. So
wird zum Beispiel das tägliche Regenwasser nach der ersten
halben Stunde Niederschlag auf dem Dach gesammelt und in der
heißen Tageszeit auf das an der Fassade befestigte auf- und
abfahrende Edelstahlgewebe gespritzt, wo er verdampft und
das Gebäude kühlt.
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