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Het Eurocircus in Amsterdam
Politiker, Polizisten und EU-Gegner gaben sich
in Holland ein Stelldichein - oder besser: einen Showdown.
Von Bernhard Redl.
Amsterdam. Dagegen ist Wien das reinste Chicago. A'dam,
wie es gerne von Autostoppern auf ihren Pappschildern abgekürzt
wird, dieses Venedig des Nordens, wo der Gestank der Grachten durch
den lieblichen Geruch der Joints überdeckt wird, wo der Autoverkehr
verzweifelt versucht, sich durchzusetzen gegen die Übermacht
der Radfahrer und die äußerst rigoros ihren Vorrang behauptenden
Straßenbahnen und wo sich niemand darüber aufregt, wenn
die Huren in ihren Schaukästen gleich vis-a-vis der Kirchenmauer
ihre Ware feilbieten: Diese Stadt, die eigentlich nie wirklich schläft,
ist immer ein bisserl verrückter als der Rest der Welt. Welch
ein Irrsinn also, wenn der "Eurozirkus" in diese Stadt kommt mit
seinem ganzen Politiker- und Beamten-Troß und einige Zehntausende
Gegendemonstranten aus ganz West- und Mitteleuropa ebenfalls! Neben
dem Spektakel, daß die Herren Eurogipfler - von Damen war
nicht viel zu sehen - aufführten und das aus Funk und Presse
zur Genüge übermittelt wurde, sorgten auch die EU-Nörgler
für mannigfache Aktivitäten, die in der Zeit vom 12. bis
zum 17.Juni sich über die ganze Stadt zogen.
Ausländerflut am Dam
Der Höhepunkt der Gegenaktivitäten war die Demonstration
am 14. Juni. Laut offiziellen Verlautbarungen der Veranstalter
sollen es 50.000 Leute gewesen sein, die sich da am Dam, dem Platz
vor dem Königspalast, getroffen haben: Belgische Renault-Arbeiter
trafen da auf Liverpooler Docker, spanische Anarchosyndikalisten
auf griechische Lehrergewerkschafter, Autonome und Punks von überallher
auf trotzkistische Gruppen von ebendort. Binnen 5 Minuten konnte
man 20 verschiedene Flugblätter aus einem knappen Dutzend Länder
in die Hand gedrückt bekommen. Die französische CNT präsentierte
gar ein achtsprachiges Flugblatt - in Französisch, Holländisch,
Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Rumänisch und Tschechisch.
Rund 600 Demonstranten hatten es sich besonders schwer gemacht:
Sie waren wirklich marschiert von ihren Heimatorten hierher nach
Amsterdam, um den Menschen unterwegs zu sagen, daß Armut und
Arbeitslosigkeit nicht gottgegebenes Schicksal sind. Wobei die Strapazen
mancher Marschierer wohl allein durch das Beispiel einiger Finnen
klargemacht werden kann: Im April waren sie bereits aus nördlichen
Regionen aufgebrochen, zu einer Zeit also, wo es noch sehr sinnvoll
war, sich der Langlaufschier zu bedienen. Ein paar Deutsche machten
es sich hingegen leichter und kamen als Fahrraddemo in die niederländische
Hauptstadt.
Aus Österreich war niemand aus eigener Kraft hierhergelangt.
Bei der großen Demo waren jedoch neben Delegationen der UG,
GE und KIV auch die GPA, die KPÖ, eine SPÖ-Initiative,
die Grünen Frauen, die SOV, der ArbeiterInnenstandpunkt und
die Vereinigten Arbeitsloseninitiativen mit Transparenten vertreten.
Bei dieser Mischung war die Demo klarerweise auch ein wenig von
Mißverständnissen geprägt: Manche Redner begrüßten
die Teilnehmer als Arbeiter, manche sprachen von der größten
Arbeitslosenkundgebung, die Europa je gesehen hat. Auch die mitgetragenen
Transparente machten nichts klarer: Manche wollten ihren Vollzeit-Job
behalten, manche wollten irgendeinen Job (ein finnisches Transparent:
"Give us work, we have rested enough"), so manches Spruchband forderte
Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich und leider nur
eine kleine Minderheit forderte: "Don't get a job, get a life".
Doch diese ging ziemlich unter und so entstand dann doch wieder
der Eindruck, daß zigtausend Menschen hauptsächlich nach
Amsterdam gepilgert waren, um dem Fetisch Lohnarbeit zu huldigen.
Und wenn der Schreiber dieser Zeilen dann gegenüber Mitdemonstranten
anmerkte, daß das österreichische "Arbeitsmarktservice"
diese Losungen durchaus auch zu den seinigen macht, indem es hochqualifizierte
Fachkräfte unter Androhung der Unterstützungssperre als
Regalbetreuer zum Billa schickt, so bekam er nur Reaktionen zwischen
betretenem Schweigen und "Ja, aber viele Menschen brauchen auch
die Befriedigung der Lohnarbeit!" zu hören. Naja, stimmt schon,
aber trotzdem wird das Recht auf Lohnarbeit leicht zur Pflicht umgedeutet,
wenn man dem nicht ständig auch auf den Transparenten widerspricht.
Dafür waren wir wenigstens viele Leute in der Amsterdamer Innenstadt.
Ganz ohne Probleme ging jedoch auch das nicht ab. Auf der Demonstration
kam es dazu, daß einige an den Brücken offiziell aufgepflanzte
EU-Fahnen filmreif in den Grachten versenkt, ein leerer Polizeibus
umgeworfen und etliche Demonstranten festgenommen wurden.
Mitglieder der Menschheit
Zu weiteren Auseinandersetzungen kam es zwischen der Staatsmacht
mit einer Riesendelegation italienischer Autonomer. Glaubt man unwidersprochen
kolporierten Zahlen, so hatten 3000 Menschen in Milano ohne Pässe
("wir sind staatenlos, aber Mitglieder der Menschheit") und mit
selbstgemachten Fahrscheinen ("wir wollen als Betroffene gegen Arbeitslosigkeit
demonstrieren und können uns daher die Reise nicht leisten")
Züge besetzt und verlangten nach Amsterdam transportiert zu
werden. Nachdem die italienische KP erklärt hatte, sie stünde
für den Fahrpreis gerade, gelang es dem Trupp dann doch noch
bis nach A'dam zu gelangen. Die Polizei hielt an der Centraal
Station zuerst alle anreisenden Italiener an, ließ jedoch
auf Druck einer größeren Demo, die von der Hauptkundgebung
gekommen war, den Großteil der Autonomen schließlich
den Bahnhof verlassen.
Vorsorglich weggesperrt
Zurück nach Amsterdam: Denn nach der Großdemo benahm
sich die Polizei erst wirklich übertrieben schlecht. In der
Nacht von Sonntag auf Montag - der Gipfel war voll im Gange, die
meisten Demonstranten jedoch schon abgereist - erschienen die Beamten
bei einem seit langem besetzten Haus und nahmen jeden fest, der
dort das öffentliche Beisel verließ, es betreten wollte
oder sich nur davor aufhielt. Rund 200 Menschen wurden dort binnen
kürzester Zeit verhaftet, 150 andere, die irgendwie nach Demonstranten
aussahen, an anderen Orten. Die Staatsanwaltschaft begründete
diese "vorsorglichen Festnahmen" damit, daß sie der Polizei
beim EU-Gipfel "viel Ärger ersparen" wollte.
100 weitere Demonstranten wurden in der Nacht von Montag auf Dienstag
verhaftet, weil sie den französischen Präsidenten vor
seinem Hotel in den Schlaf singen wollten.
Getriebene Politiker
Doch die Regierungschefs hatte allen Grund sich streng bewachen
zu lassen. Schließlich sind deren Entscheidungen wirklich
zum Fürchten. Schon im Vorfeld des Gipfels hatten 331 Ökonomen
aus allen 15 Ländern der EU in einem Offenen Brief die Gipfelteilnehmer
davor gewarnt, die Wirtschafts- und Währungsunion wie geplant
zu verwirklichen. Man habe nichts gegen eine europäische Einheitswährung,
so die Experten, im Gegenteil, sie "könnte sehr nützlich
sein und helfen, den Weg zu Vollbeschäftigung mit guten Jobs
und sozialer Sicherheit gewährleisten". Aber wie sich die Herren
der EU das so vorstellen, ginge es wohl nicht. Die Ökonomen
erinnern daran, daß der heutige niederländische Finanzminister
noch 1992 in seiner damaligen Funktion als Direktor des Niederländischen
Zentralen Planungsbüros erklärt hatte: "Die Normen für
die Regierungsfinanzen im WWU-Vertrag haben keine solide ökonomische
Grundlage". Vor allem das sklavische Festhalten am Kriterium der
jährlich maximal 3 Prozent Neuverschuldung/BIP nehme den Nationalökonomien
jeden Spielraum. Um Investitionen anzuziehen, trieben die EU-Staaten
soziales und ökologisches Dumping. Dazu komme, daß in
Maastricht und Dublin die Möglichkeiten nationaler Steuerpolitik
drastisch eingeschränkt worden wären. So würde den
Regierungen Wirtschaftssteuerung fast gänzlich verunmöglicht:
Denn wenn es durch den Euro keine veränderlichen Wechselkurse
mehr gibt, bliebe nur mehr staatliches Investment als Förderungsinstrument;
und genau das wird durch die Konvergenzkriterien verhindert.
Doch in der Öffentlichkeit wird das Bild der Unausweichlichkeit
zelebriert. "Zeit im Bild"-Reporter Günter Schmidt sieht die
EU-Gipfelpolitiker als Getriebene: "Sie können gar nicht mehr
anders" meinte er über diese und die Einführung des Euro.
Denn "die Märkte" hätten sich bereits auf die Währungsunion
eingestellt und auch nur eine Verzögerung würde schlimme
Folgen nach sich ziehen. Also wurde der "Fahrplan" eingehalten genauso
wie der beinharte Stabilitätspakt beschlossen wurde. Daran
ändert auch das eingefügte Kapitel zum Thema Beschäftigungsförderung
nichts mehr: Die EU darf Klein- und Mittelbetriebe fördern.
Wie das geschehen soll, weiß man nicht recht, irgendwie soll
das halt die neue Europäische Zentralbank mitübernehmen.
Geld soll es allerdings möglichst keines kosten, das würde
die Beiträge zur Bank erhöhen und damit die Einhaltung
der Konvergenzkriterien gefährden. Fazit: Ein paar Sozialdemokraten
wie der neue französische Shooting Star Lionel Jospin können
sich feiern lassen, wie links sie doch seien und die Monetaristen
mit Helmut Kohl an der Spitze mimen die "guten Verlierer", damit
niemand merkt, daß sie genau das durchgesetzt haben, was sie
eigentlich wollten.
Gegengipfel
Von der (Ver-)öffentlichkeit weitgehend unbemerkt fand in
Amsterdam auch ein "Gegengipfel" statt, auf dem sich einige hundert
fortschrittliche Oppositionelle aus ganz Europa trafen. Wenn auch
so manche Veranstaltung recht chaotisch ablief und sinnvolle Diskussionen
oft nur schwer möglich waren, machte allein die Themenwahl
klar, daß hier ganz andere Sichtweisen dominierten: Frauen-,
Verkehrs- und Sozialpolitik, Fragen der Gentechnik und der Ökologie
waren zentrale Anliegen. Auch über Ökonomie wurde etwas
"globaler" nachgedacht: Am Podium saßen neben europäischen
Referenten auch Gewerkschaftsmitglieder aus Lateinamerika und Südostasien.
Kein Wunder daher, daß die Schlußerklärungen des
Gegengipfels auch etwas anders ausfielen: "Die BefürworterInnen
dieser Europäischen Union argumetieren, es gäbe keine
ander Option. Jede Opposition zu dieser EU gilt als reaktionärer
Nationalismus. Nichts ist weniger wahr, denn es gibt eine dritte
Option: Kooperation für ein anderes, ein demokratisches, soziales,
friedliches, ökologisches und feministisches Europa." Der Vertrag
von Amsterdam habe zwar der EU mehr Befugnisse gegeben, aber keinen
Fortschritt in ihrer Demokratisierung. Die Teilnehmer des Gegengipfels
fordern daher die nationalen Parlamente auf, diesen Vertrag nicht
zu ratifizieren.
Neben diesen verbalen Aktivitäten gab es noch eine Reihe
anderer Events. Allein sie aufzuzählen, würde den Rahmen
dieses Artikels sprengen. Von Demonstrationen gegen das rigide Asylrecht
und den Rassismus in der EU sowie für die europaweite Legalisierung
von Cannabis-Produkten über "Chaos-Tage" der Punks und Aktionen
der "Motorradfahrer für ein demokratisches Europa" bis hin
zu einer Kundgebung gegen die Kriminalisierung des einvernehmlichen
SM-Sex in Großbritannien reichte der Bogen.
Reinternationalisierung
Doch was haben all die Bemühungen - Euromarsch, Gegengipfel,
Großdemo - gebracht? Eine Beeinflußung des Gipfels wohl
kaum, da steht zuviel Macht und Geld auf dem Spiel, als daß
50.000 Menschen den hohen Herren mehr als nur ein innerstädtisches
Verkehrshindernis bedeuten würden. Auf der letzten Demonstration,
die am Gipfeldienstag stattfand, zeigten die Teilnehmer symbolisch
"gelbe Karten" den Spitzenpolitikern. Eigentlich haben diese ja
die "rote Karte" verdient, aber leider reicht das demokratische
Instrumentarium in der EU eben nicht für einen "Platzverweis"
aus und so begnügte man sich in richtiger Einschätzung
der eigenen Macht mit einer folgenlosen "Verwarnung".
Aber uns selbst, jenen leider noch ziemlich wenigen Menschen aus
ganz Europa - EU oder nicht -, denen es nicht ganz wurscht ist,
wer diesen Kontinent regiert, und die noch dazu der Meinung sind,
daß die Geschichte noch nicht ihr Ende gefunden hat, uns Spinnern
also, hat die Sache sicher etwas gebracht. Kontakte wurden geknüpft,
Informationen und Adressen ausgetauscht und vor allem kam zu dem
Wissen, daß der Kampf gegen den alles verschlingen wollenden
Kapitalismus nur international geführt werden kann, bei vielen
wohl auch das Gefühl dafür, was grenzenlose, globale Zusammenarbeit
bedeuten kann und muß. Den Reinternationalisierungsprozeß
der Linken vorangetrieben zu haben, war sicher das wichtigste Verdienst
von Amsterdam. Und daß so mancher auch gesetztere Gewerkschafter
erstmals in einen Coffeeshop gefunden hat, ist auch keine schlechte
Entwicklung.
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