Sieger: Privatversicherung
Mit der Debatte über die Pensionen ist
eine neue Runde beim Wettsparen der österreichischen Nation
eingeläutet worden. Unter dem Vorwand, die Zukunft der Pensionen
sichern zu wollen, schnürt die Bundesregierung ein neues
Sparpaket im Sozialbereich, das sich gewaschen hat.
Von Karl Öllinger.
Der Sieger steht schon fest. Während Medien,
Regierung und Parteien über die Zukunft des Pensionssystems
und des Generationenvertrags palavern, geht die private Versicherungswirtschaft
mit dem Hut reihum absammeln. Wer die Zukunft des sozialen Sicherungssystems
gefährdet sieht, der denkt zunächst nur ans eigene Wohl.
Doch auch private Pensions- und Lebensversicherungen haben ein
demographisches Problem. Ihre Annahmen über Erträge
und Leistungen beruhen auf heute gültigen Lebenserwartungen,
auf Renditeerwartungen des Jahres 1997 und nicht des Jahres 2030.
Entsprechend hoch streuen auch die Erträge, die dem Versicherten
versprochen werden. Hinter Gewinnanteilen, Zusatzgewinnanteilen
und ähnlichen Begriffen verbirgt sich das Risiko der Mortalität
oder andersherum eine steigende Lebenserwartung, die die Leistungen
der Privatversicherung ebenso beeinflußt wie die der Sozialversicherung.
Die Prognosen streuen ...
Natürlich haben wir ein demographisches Problem bei der
Altersvorsorge. Doch wie groß es ist, darüber sind
sich selbst die Experten nicht einig. Ausgerechnet der Pensionsexperte,
den sich das Sozialministerium zur Bewertung des österreichischen
Sozialversicherungssystems herangezogen hat. Prof. Rürup,
kommt in einer vergleichenden Darstellung der wichtigsten Bevölkerungsprognosen
für die BRD zu dem Ergebnis, daß die Annahmen über
die Wohnbevölkerung im Jahr 2040 zwischen 66,8 und 77,6 Millionen
streuen. Beim Altersquotienten, der das Verhältnis zwischen
erwerbsfähiger Bevölkerung (über 20 bis 60) und
den Alten (über 60) darstellt, ist der Unterschied zwischen
den verschiedenen Studien, die alle um die gleiche Zeit entstanden
sind, noch deutlicher: 65,0 bzw. 83,1 (1993: 35,0).
Die Regierung auch ...
Schon aus dieser Darstellung ist allerdings zu erkennen, daß
eine Pensionsversicherung, die sich so über die Beiträge
der Erwerbstätigen finanziert wie die österreichische,
ein größeres Problem bekommen wird. Je mehr prekäre
Arbeitsverhältnisse, je mehr Arbeitslose, desto schwieriger
wird es bei diesem System in Zukunft werden, erstens eine ausreichende
Pension und zweitens ausreichende Beitragsleistungen zu erhalten.
Die eine besondere Bösartigkeit bei der Verlängerung
des Pensionsbemessungszeitraums auf 20 Jahre (für ASVG-Versicherte)
wäre natürlich, daß alle jene besonders bestraft
werden, die keine kontinuierliche und gutbezahlte Beschäftigung
aufzuweisen haben - und das wären in erster Linie die Frauen.
Die andere Bösartigkeit wäre, daß die Schaffung
eines 15-jährigen Bemessungszeitraums bei den Beamtenpensionen
die kleinen Pensionen gleichermaßen treffen würde wie
die hohen. Mit ihrem Versprechen, das bestehende Pensionssystem
sei sicher und "mit kleinen Anpassungen" gesichert, streut die
Regierung Sand in die Augen. Schon beim ersten Sparpaket hat sie
die Budgetproblematik mit der Pensionsfrage verknüpft und
den Beamten einen höheren Pensionsbeitrag abgeknöpft.
Das Beamtenpensionssystem wurde dadurch nicht sicherer, wie die
Gewerkschaft glauben machte. Zum einen, weil sich die Koalition
auch in den nächsten Jahren in den Sozialtöpfen bedienen
wird, um das Budget "euro"-reif zu gestalten. Zum anderen, weil
die Einsparungen im Bereich der ASVG-Pensionen schon längst
an die Substanz gehen. Über die Nettoanpassungsformel und
andere Maßnahmen wurden in den letzten Jahren schon rund
40 Milliarden eingespart. Die ASVG-Pensionen liegen zu einem Großteil
nur knapp über dem Ausgleichszulagenrichtsatz bzw. den Sozialhilfesätzen.
Der Satz, daß Österreich das teuerste Pensionssystem
der Welt hat, stimmt zwar, beschreibt aber nur einen Teil der
Realität.
Hinter der Gesamtsumme verbergen sich große Disparitäten.
Während für die 300.000 Pensionen der Öffentlichen
Dienste rund 100 Milliarden Schilling aufgewendet werden, verbrauchen
1,5 Millionen ASVG-Pensionen (inkl. Waisen- und Witwenpensionen)
200 Milliarden jährlich.
Das ASVG in die Pension schicken
Unabhängig von der demographischen Entwicklung: wir brauchen
ein neues gemeinsames Pensionssystem für alle. Der Generationenvertrag
kann in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit und steigender Zahl
von prekären Arbeitsverhältnissen nicht länger
allein von der vorausgegangenen Erwerbsarbeit abhängig gemacht
werden. Wer alt (oder ganz jung) ist, hat ein Recht darauf, von
der Gesellschaft versorgt zu werden. Dem gilt es Rechnung zu tragen
durch eine Grundsicherung, die alle im Alter erhalten.
Sind die Pensionen finanzierbar?
Natürlich sind Sozialversicherungspensionen auch in Zukunft
finanzierbar. Die erste Voraussetzung dafür ist ein teilweiser
Ausstieg aus den personenbezogenen Versicherungsbeiträgen.
Der verstorbene Sozialminister Dallinger hat in diese Richtung
gedacht und ist auf die Wertschöpfungsabgabe gestoßen.
Die Grünen haben in diese Richtung gedacht und sind auf die
Öko-Steuer gekommen. Einige Wissenschafter haben erst jüngst
noch weiter gedacht und haben die Bit-Steuer, also eine Abgabe
auf Informationseinheiten, vorgeschlagen. Alle diese Modelle sind
entwicklungsfähig. Auch der Ausbau der Erbschaftssteuern
ist diskussionswürdig.
Die Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums war in den
letzten Jahrzehnten so enorm, daß selbst bei weitaus geringeren
Produktivitätsraten in der Zukunft eine kleinere oder gleichbleibende
Anzahl von Erwerbstätigen selbst stark steigende Pensionistenzahlen
verkraften kann.
Das Pensionsproblem löst sich letztendlich in der allgemeinen
Verteilungsfrage auf. Wenn es der Gesellschaft nicht gelingt,
mit der wachsenden Ungleichheit fertig zu werden, dann wird auch
die Altersversorgung scheitern und zunehmend privatisiert werden.
Die Regierungsparteien, die ihr NATO-, Abfangjäger- und
Euro-Budgetproblem hinter einer kurzfristigen Pensionsfinanzierungsdebatte
verstecken, stehen dieser Lösung nur im Wege.