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Warum überhaupt "Deregulierung"?
Bei der Auseinandersetzung um die Einführung
von flexiblen Arbeitszeiten geht es um handfeste finanzielle Interessen.
Ein Diskussionsbeitrag von Thomas Kerschbaum.
Die Kapitalseite versucht, über die Flexibilisierung
eine Reduzierung der Lohnkosten zu erreichen. Die Ware Arbeitskraft
soll billiger werden. Die Industrie hat auch noch die bessere Auslastung
ihrer Maschinen und Anlagen zum Ziel. Die Öffnungs- bzw. Betriebslaufzeiten
sollen von der individuellen Arbeitszeit völlig entkoppelt
werden. Investiertes Kapital muß nicht nur Profit abwerfen,
sondern eine bestimmte Höhe. Die österreichische bzw.
europäische Wirtschaft hat strukturelle Probleme - die "Kosten"
sind zu hoch. Es gibt kein oder nur ein sehr geringes Wirtschaftswachstum,
also müssen die "Kosten" gesenkt werden, was aber auch die
Kaufkraft der Bevölkerung reduziert, was wiederum die Konkurrenz
anheizt, daher müssen die "Kosten" runter usw. usw.
Diese Sicht der Dinge läßt zwar andere wirtschaftliche
(z. B. Reduzierung der Kaufkraft, Realisierung der Profite)
und soziale Aspekte (z. B. Massenarbeitslosigkeit und -armut)
außer Acht, läßt sich aber aus den eigenen Interessen
jedes einzelnen Kapitalisten, jedes einzelnen Konzerns usw. erklären.
Der Begriff "Shareholder Value" soll diese Unternehmenskultur zusammenfassen.
Obwohl dieser Begriff etwas irreführend ist - denn es sind
stets in dieser Wirtschaftsordnung die Interessen der Aktienbesitzer,
Kapitalisten und Konzerne maßgebend - deutet er an, daß
die Verteilungsspielräume im System geringer werden, die Profitraten
unter Druck geraten sind. Jedenfalls hat der "Wettlauf" um die Konkurrenzfähigkeit
weitreichende negative Auswirkungen auf die Arbeiterschaft, die
nicht nur die Löhne und die Arbeitsbedingungen, sondern auch
die Lebenssituation der arbeitenden Bevölkerung und ihrer Familien
nachhaltig verändern werden.
Das "Kapital" - repräsentiert durch Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung,
politische Parteien und so mancher Zeitung - vollzieht schon seit
Jahren eine sozio-ökonomische und politische Offensive, um
die sozialen und wirtschaftlichen Konstellationen zu kippen und
neu zu ordnen. Dieser Prozeß - politisch als "Neoliberalismus"
bezeichnet - ist auch in Europa bereits weit fortgeschritten. Die
österreichische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, diese
politische Entwicklung nicht nur mitzutragen, sondern sie aktiv
voranzutreiben.
Das neue Gesetzeswerk zur Flexibilisierung der Arbeitszeit ist
ein Baustein dieser Politik. Die Gewerkschaften befinden sich offensichtlich
in der Defensive, da auch die Lohnabhängigen Gefangene der
marktwirtschaftlichen Logik sind. Haben also die Gewerkschaften
nur die Aufgabe, die Auswirkungen ökonomischer Prozesse sozialgestaffelt
abzuschwächen?
Wirtschaftliche Konkurrenz
"Flexibilisierung ist ein notwendiger Schritt, um unsere Wirtschaft
wettbewerbsfähig zu erhalten und Arbeitsplätze zu sichern.
Die Betriebe müssen Schwankungen in der Auslastung und kurzfristige
Aufträge bewältigen können. Ohne ständig Personal
ab- und aufzubauen. Zudem müssen Entlastungen bei den Arbeitskosten
unsere Lohnstück-Kosten gegenüber Konkurrenzländern
verbessern. Somit ist flexiblere Arbeitszeit eine Voraussetzung,
daß unsere Wirtschaftskraft gestärkt wird und der Industriestandort
Österreich attraktiv bleibt" (Zitat aus der GMBE-Mitgliedszeitung,
März 1997). Auch die ÖGB-Führung huldigt der Wettbewerbsideologie
des Kapitalismus und geht den politischen Weg der Flexibilisierung.
Nur nicht so offensichtlich, so radikal, so schnell, sondern mit
Sozialplänen, mit Beschwichtigung, mit kleinen Protesten usw.
Auch wenn so mancher Gewerkschaftsführer sich verbal über
die Deregulierung, die Flexibilisierung und den Sozialabbau aufregt
- im Parlament stimmen die ÖGB-Spitzenfunktionäre für
die Gesetze der Regierung.
Wer aber Konkurrenzfähigkeit zum eigenen Ziel erklärt
untergräbt alles, wofür die Gewerkschaftsbewegung an sich
steht: Solidarität, Einheit und soziale Sicherheit. Der Begriff
"Konkurrenzfähigkeit" ist zudem eine relative Größe:
Egal wie gut und schnell die Beschäftigten (eines Landes oder
eines Standortes) arbeiten, andere sind immer schneller, billiger
und besser. Wenn die Gewerkschaften die Zwänge der "Konkurrenzfähigkeit"
akzeptieren, dann heißt das: Zugeständnisse heute und
noch mehr Zugeständnisse morgen, weil die Beschäftigten
anderer Unternehmen oder Konzernniederlassungen in eine Spirale
nach unten gezwungen werden. Die Politik der "Globalisierung" der
Unternehmen ist eine Waffe, mit der die Gewerkschaften weltweit
gezwungen werden sollen, zu akzeptierten, daß zum Beispiel
für weniger mehr gearbeitet werden muß und daß
Unsicherheit und Ungleichheit zunehmen.
Nachteile von Flexzeiten
Die Liste der Verschlechterungen ist sicherlich ausbaufähig:
- Verlängerung der täglichen Arbeitsdauer
- Wegfall von Überstunden-Zuschlägen
- keine oder weniger planbare und gemeinsame Freizeit
- "normale" Arbeitszeit zu jeder Zeit möglich (Tag und Nacht,
Wochenende, Feiertage)
- Wegfall von Zuschläge
- kapazitätsorientierte Arbeitszeit, Abbau von vollwertigen
Arbeitsplätzen
- Ausbau der Teilzeit-Arbeit mit all ihren Nachteilen besonders
für Frauen (siehe GPA-Frauen Programm zur Teilzeit-Arbeit)
- längere "Freizeit" zwischen Arbeitszeit-Blöcken während
des Tages (im Dienstleistungsbereich, vor allem im Gastgewerbe)
- Verlust an Mitbestimmung über die "Konsumierung" von Freizeit-Blöcken,
u. s. w.
Die Vorteile der Flexibilisierung - Arbeitszeitverkürzung,
längere Freizeit-Blöcke, mehr Zeitsouveränität
- kommen nur einem kleinen Teil der Beschäftigten zugute.
Wenn von Sicherung oder gar Schaffung von Arbeitsplätzen
die Rede ist, dann heißt das oft Teilung von Arbeitsplätzen
und Teilung des Einkommens, also eine versteckte Reduzierung des
Lebensstandards. Durch die Teilzeit-Arbeit werden "normale" Arbeitsverhältnisse
Stück für Stück beseitigt. Arbeitszeitverkürzung
ist notwendig, aber im Interesse der Lohnabhängigen wäre
eine Verkürzung der Arbeitszeit mit vollem Lohn - also eine
Umschichtung zugunsten der Arbeitenden, damit man/frau von diesen
Arbeitsplätzen noch leben kann.
Deregulierung fördert grössere Unterschiede
Es ist ein Differenzierungsprozeß innerhalb der ArbeitnehmerInnen
in Gange, der immer größere Unterschiede in Bezahlung,
sozialer Sicherheit, Ausbildung und Arbeitsbedingungen schafft.
Die Flexibilisierung fördert diesen Prozeß, der mit einer
Verschlechterung der allgemeinen Bedingungen verknüpft ist.
In der Diskussion um Deregulierung werden auch verschiedene Gruppen
von ArbeitnehmerInnen gegeneinander ausgespielt. Was haben zum Beispiel
pragmatisierte BeamtInnen und Beschäftigte mit "freien Dienstverträgen"
gemeinsam? Konkrete rechtliche und soziale Unterschiede haben verschiedene
(Einzel-)Interessen zur Folge - genauso wie Unterschiede zwischen
den Branchen, Größe der Unternehmen, Art der Produktion
und Dienstleistung, Grad der Ausbildung und individueller Stellung
in der Hierarchie.
Durch die Flexibilisierung der Arbeitszeit (auch durch die Teilzeit-Arbeit)
wird die Rationalisierung - besonders in der Industrie - weiter
vorangetrieben. Deregulierung und Flexibilisierung führen eben
nicht zu mehr oder zu sicheren Arbeitsplätzen, sondern zu Arbeitsplatz-Abbau
durch Rationalisierung, durch Intensivierung der Arbeit. Durch neue
Methoden der Arbeitsorganisation kann die Flexibilisierung der Arbeitszeit
optimal zur Kostenreduzierung eingesetzt werden. Dazu benötigt
die Kapitalseite allerdings eine weitergehende Deregulierung der
Arbeitswelt und eine Reduzierung der Sozialstandards - vor allem
bei der Arbeitslosenversicherung und der Sozialhilfe. Unter Flexibilisierung
verstehen die Unternehmer ja nicht nur die Arbeitszeit, sondern
Produktionsabläufe, rechtliche Rahmenbestimmungen, soziale
Sicherheit, Arbeitnehmerschutz. Zum Beispiel beklagen Unternehmen
oft den Kündigungsschutz, weil sich dieser angeblich hemmend
auf die Beschäftigung auswirken soll.
Der ÖGB hat keine Perspektive des Kampfes, aber die Unternehmer-Vertreter
wie Fachverbände und Industriellenvereinigung schon. Der Fachverband
vertraut darauf, daß die Beschäftigten auch dies "akzeptieren"
- aus Angst vor Arbeitsplatzverlust. Was bringen da schon die Bekenntnisse
des ÖGB zur sogenannten "Solidarität", wenn doch eh keine
Aktion - schon gar nicht der Solidarität - erfolgt. Wie die
laufenden KV-Verhandlungen aber zeigen, sind selbst gewerkschaftliche
Minimal-Forderungen wie geringe Zeitgutschriften für Flexzeiten
oder Nachtarbeit oder nur die Abgeltung der Inflationsrate nur mehr
durchsetzbar, wenn die Gewerkschaften eine Mobilisierung ihrer Mitglieder
oder von Beschäftigten erreichen. Dieser Mobilisierung müßte
aber eine kritische Information und der politische Wille vorausgehen.
Ansonsten wird so manche Protestveranstaltung - auch zum Thema Flexzeiten
- zum Dampfablassen, zur Kanalisierung von Wut und Frust benützt
und verpufft.
Wenn wir keine politischen Alternativen anbieten, bleibt unser
Protest - so wichtig dieser ist und zu Verbesserungen führen
kann - immer beschränkt auf die Frage "Wie wird die Deregulierung
durchgeführt?", aber nicht: "Warum überhaupt?". Jedenfalls
sind die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegungen der Industriestaaten
wieder bei grundlegenden Forderungen angelangt: Für den 8-Stunden-Tag!
Für Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohn! Für Arbeitsverhältnisse
mit garantiertem Schutz!
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