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Vietnam 1997: "Thank You!"

Auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung besuchte eine Delegation österreichischer Parlamentarier gemeinsam mit schweizer und finnischen Kollegen im April Vietnam, um dort die Arbeit der UN-Behörden (UNFPA, UNDP und UNAIDS) und ihre Kooperation mit vietnamesischen Institutionen zu studieren. Mit dabei Karl Öllinger, Sozialsprecher der Grünen und vormals GE-Sekretär.

Von Karl Öllinger.
 

Am 30. April 1975, vor 22 Jahren also, setzte der erste Soldat der Vietnamesischen Befreiungsarmee seinen Fuß in den Saigoner Präsidentenpalast. Dieser Schritt, fotografisch dokumentiert, war ein historischer, denn mit ihm ging ein sinnloser und brutaler Krieg zu Ende, der nicht nur 58.000 US-Soldaten und 3 Millionen Vietnamesen das Leben gekostet hatte, sondern weltweit die Jugend aufgewühlt hat. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre gingen weltweit Millionen Menschen gegen den Krieg in Indochina auf die Straße, mit dem die USA ihre politische, militärische und ökonomische Hegemonie in Süd-ostasien zu sichern versuchte.

1972, als der damalige US-Präsident Nixon Österreich besuchte, waren sogar in der Festspielstadt Zehntausende auf dem Flugfeld, um dem Präsidenten einen unfreundlichen Empfang zu bereiten. Als Sprecher der Sozialistischen Studenten (VSStÖ) in Salzburg war ich einer der lokalen Organisatoren dieser Demonstration.

Als ich 22 Jahre später den vietnamesischen Gastgebern in Da Nang die Anekdote mit der verzögerten Landung, der prügelnden Polizei und den Bürgerwehren, die gegen die Demonstration von US-treuen Deutschnationalen aufgestellt worden waren, übersetzen lasse, springen die beiden Männer auf und schütteln mir die Hand: "Thank You!". Die Gesten dazu bedeuten, daß ich den Dank mit nach Hause nehmen und verbreiten soll. Einer der beiden, ein Funktionär des Ausschusses für Familienplanung, nimmt meine Hand und führt sie an sein Knie, damit ich die Narben einer US-Gewehrkugel fühlen kann.

Madame Thi, Abgeordnete der Nationalversammlung, die unsere Delegation betreut, trägt ihren Titel "Kriegsheldin" mit Bescheidenheit. Erst nach mehrmaliger Befragung erklärt sie sich bereit, uns zu erzählen, wie es dazu gekommen ist. Sie liebt diesen Titel nicht sehr, meint sie. Der Friede wäre ihr damals wichtiger gewesen. Schließlich sei sie eine Frau, habe damals schon Kinder und alles andere im Sinn gehabt, als in den Krieg zu ziehen. Ihre Ehrung deutet Madame Thi mit Gesten an. Sie imitiert das Rattern von Maschinengewehrfeuer und läßt mit ihrer Hand ein imaginäres Flugzeug zu Boden stürzen. Dann zeigt sie uns sechs Finger, kichert und macht eine abwertende Geste. Sechs Flugzeuge hat sie also abgeschossen, aber das ist für sie nicht wichtig.

Madame Thi's Heimat liegt um den 17. Breitengrad. Das ist jene Grenze, die Nordvietnam im Krieg vom Süden getrennt hat. Hier, gleich in der Nähe von wunderschönen, einsam weißen Sandstränden, haben die Piloten der US-Air Force nicht nur ganze Dörfer und Städte in Schutt und Asche gelegt, sondern auch die von Tropenwald bewachsenen Hügel mit "Agent Orange" entlaubt.

Die abwertende Geste von Madame Thi hat ihre Berechtigung. Das Vietnam von heute hat andere Probleme als über den Krieg von gestern zu reden. Die Hälfte der 75 Millionen Bevölkerung ist nach dem Kriegsende geboren, also unter 20 Jahre alt. Den Krieg bewußt erlebt hat nur mehr eine kleine Minderheit. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Vietnamesen liegt bei 65 Jahren, die Bevölkerungsentwicklung verläuft rasant und trotz etlicher Anstrengungen dramatisch. Um 1900 betrug die Einwohnerzahl 20 Millionen, 1995 74 Millionen und im Jahr 2010 wohl an die 100 Millionen, wenn es nicht gelingt, einschneidende Maßnahmen zu setzen.

Apropos einschneidend. Verhütung ist auch in Vietnam die Angelegenheit der Frauen. Die Sterilisation der Männer wird zwar angeboten, aber nur von einem verschwindenden Prozentsatz (0,19  Prozent) akzeptiert. Die weibliche Sterilisation hat eine Verbreitung von 4 Prozent, das gebräuchlichste Verhütungsmittel ist das Pessar (33  Prozent), das Kondom hat in den letzten Jahren zwar bedeutend zugelegt, liegt aber trotzdem erst bei knapp 5 Prozent. Die katholische Minderheit sorgt wahrscheinlich dafür, daß die sogenannten "natürlichen" Verhütungsmethoden wie coitus interruptus (11,2  Prozent) und Knaus Ogino (10  Prozent) sogar an Popularität zugelegt haben. Die Regierung fördert alles, was irgendwie Aussicht auf Erfolg zeitigen könnte: im Fernsehen wird für Kondome offen Werbung gemacht, in den Gesundheitsstationen wird auf Plakaten auch Knaus Ogino erklärt. Auf unserer Tour besuchen wir auch eine Kondom-Fabrik. Die Anlage ist, gemessen an europäischen Standards, veraltet, doch wer Wert darauf legt, daß sein Kondom von mehreren Frauen schon vor Gebrauch händisch bearbeitet wurde, der sollte in Zukunft zu vietnamesischen Kondomen greifen. Sicher sind sie auch, erklärt uns der Direktor stolz, sogar internationale Standards würden erreicht.

Am Fließband sitzen überwiegend, aber nicht nur Frauen. Der Direktor ist auch ein solcher, auf der mittleren Managementebene gibt es dann schon mehr Frauen. Bei der Frage nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit lächeln unsere Gesprächspartner. Das ist doch sowieso selbstverständlich, wird uns bedeutet. Regierung und Behörden unternehmen tatsächlich große Anstrengungen, um in den wichtigen infrastrukturellen Bereichen Bildung und Gesundheit eine gleichmäßige Verteilung zu erreichen. Der Alphabetisierungsgrad ist für ein Land mit diesem Entwicklungsstand sehr hoch: rund 90 Prozent der Bevölkerung können lesen und schreiben, der Unterschied zwischen Männern und Frauen sehr gering. Im Gesundheitssektor gibt es keine ersichtlichen Diskriminierungen von Frauen. Auch in der Gebärmedizin kann ich keine offene Benachteiligung der Frauen erkennen. Anders als in China oder Indien wird der weibliche Nachwuchs nicht diskriminiert. Probleme gibt es nur mit dem buddhistischen Ahnenkult, der nur den männlichen Nachkommen erlaubt ist, was unter Umständen Auswirkungen auf die Zahl der Kinder hat. Hebammen arbeiten gleichberechtigt neben Ärzten, die Politik der Regierung in der Abtreibungsfrage läuft darauf hinaus, Abtreibung sicher zu machen. Die Abtreibungsrate ist sehr hoch, die Behörden wollen zwar Empfängnisverhütungsmethoden bevorzugen, doch fehlt ihnen dafür schlicht und einfach das Geld. Drei Dollar werden pro Person und Jahr für alle gesundheitlichen Belange von der Regierung ausgegeben. Die medizinischen Apparate und Ausrüstungen sind dementsprechend völlig überaltert, die medizinische Versorgung, die über Gesundheitsstationen läuft, ist am Land und hier vor allem in den entlegenen Gebieten sehr lückenhaft. Die Unterstützung der UN-Behörden ist sehr effizient, doch im wesentlichen auf einige Problemzonen konzentriert.

Im Norden des Landes, fast an der chinesischen Grenze, liegt die wildromantische Halong Bay. Rund 3000 grün überwachsene Felseninseln auf einigen tausend Quadratkilometern, eine fast völlig unberührte Landschaft, die erst neuerdings an den Rändern von einer aufkeimenden Tourismus-Industrie angeknabbert wird. In den Bergen von Halong versteckt liegt eine große Kohlenmine, die im Tagbau betrieben wird. Schon bei der Anfahrt sehen wir, daß Männer und Frauen weitgehend ohne mechanische Hilfen die Kohle abbauen, in Tragkörbe laden und mit ihnen die LKWs befüllen. Der Verdienst ist hier ziemlich hoch, 80 Dollar im Durchschnitt - auch ein Arzt verdient nicht mehr. Die Kohle wird von hier bis nach Großbritannien, Frankreich und Schweiz exportiert - jetzt weiß ich, warum dort die Kohlenminen geschlossen wurden: Globalisierung, sinnlich erfahrbar. Die Arbeit ist unter den subtropischen Temperaturen extrem hart, aber das ist fast jede Arbeit hier. Der Reis, wichtigstes Grundnahrungsmittel, verlangt intensive Bewirtschaftung, man sieht immer Leute auf den Feldern. Noch vor wenigen Jahren mußte Vietnam Reis importieren, jetzt - wird uns stolz erzählt - ist Vietnam Reisexporteur.

Die Politik des "doi moi", der wirtschaftlichen Erneuerung oder weniger euphemistisch, der Einführung marktwirtschaftlicher Methoden, hat dem Land tatsächlich wirtschaftlichen Aufschwung, aber auch eine Verschärfung sozialer und ökologischer Probleme gebracht. Nicht nur die Spritzmittel in der Landwirtschaft, eine unkontrollierte Stadtentwicklung, die Gegensätze zwischen alter planwirtschaftlicher Bürokratie und marktwirtschaftlicher Anarchie, sondern vor allem die altbekannten, aber neu wachsenden Gegensätze zwischen Arm und Reich, Stadt und Land, zwischen Tradition und Moderne stellen das Land vor große Zerreißproben.

Was mich optimistisch stimmt, ist die Bereitschaft der Vietnamesen, sich offen diesen Herausforderungen zu stellen. Die Vertreter der UN-Behörden versichern uns glaubhaft, daß die Kritikfähigkeit der Medien, ja sogar der Nationalversammlung, die noch bis vor kurzem ein braves Instrument der Regierung gewesen ist, sich positiv unterscheide von den Zuständen in "westlichen" Nachbarländern wie Thailand, Malaysia oder Singapur. Was dem Land fehlt, ist schlicht und einfach das Geld, um sich eine den Verhältnissen angepaßte Modernisierung und Demokratisierung leisten zu können. Zwei Beispiele aus der englischsprachigen "Vietnam News". Die Nationalversammlung diskutiert darüber, warum ein wichtiges Gesetz, das "Trade Law" in einigen Provinzen de facto nicht vollzogen wird. Es stellt sich in der Debatte heraus, daß die Exekutive zu wenig Geld hatte, um die Gesetzesblätter für alle Provinzen in ausreichender Zahl zur Verfügung zu stellen.

Ein anderes Beispiel: in Saigon - Ho Chi Minh-City ist der Stromverbrauch in den letzten Wochen wegen der für diese Jahreszeit hohen Temperaturen um über 15 Prozent angestiegen. In der ganzen Stadt laufen Klimaanlagen und Ventilatoren auf Hochtouren, weil alte, aber vor allem neue Häuser nicht nach klimatischen Gesichtspunkten konzipiert wurden, aber vor allem, weil die meinem laienhaften Verständnis nach sinnvollste Energiequelle, die Solarenergie nicht verfügbar und zu teuer sein dürfte.

Von meiner Vietnam-Reise nehme ich mir jedenfalls den Auftrag mit, dieses Land nicht zu vergessen. In Da Nang sind Funktionäre und Mitarbeiter des "Population and Family Planning Committee" an mich mit der Bitte herangetreten, die Ausstattung der Gesundheitsstationen mit PCs zu ermöglichen. Ich hoffe, die "alternative"-LeserInnen unterstützen mich dabei!