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Handel:

Es war einmal, vor fast hundert Jahren ...

Die soeben abgeschlossenen Vereinbarungen über die neuen Ladenschlußzeiten können die Handelsangestellten nur mehr nostalgisch in die Vergangenheit blicken lassen, in eine Zeit, in der zwar nicht "alles besser war", aber die Gewerkschaft wenigstens noch auf Seiten ihrer Mitglieder.

Von Ilse Grusch.

 

Während in Österreich am Ende des 19. Jahrhunderts für die Arbeiterschaft im allgemeinen das vollständige Verbot der Sonntagsarbeit galt, waren die Handelsangestellten schlechter dran, nur für die Wiener wurde die Sonntagsarbeit auf die Zeit bis 12 Uhr beschränkt. Der Lebensmittelhandel und der Handel außerhalb von Wien unterlag praktisch keinen zeitlichen Beschränkungen. Auch die in der Gewerbeordnung vorgesehene Arbeitszeit von 11 Stunden wurde immer überschritten. "Manche Geschäfte blieben in der Regel bis kurz vor 10 Uhr offen, in der sogenannten Saison, das waren die Zeiten im Fasching, vor Ostern und Pfingsten und etwa 6 Wochen vor Weihnachten, war die Arbeitszeit bis in die späten Abendstunden üblich." (Julius Bermann, 1931).

Erst 1891, als der Einfluß der Organisationen der Arbeiterschaft bereits groß war und weit über den eigentlichen Mitgliederstand hinausging, gründeten die Handelsangestellten eine Gewerkschaft der kaufmännischen Angestellten. Die überlangen Arbeitszeiten mußten die Handelsangestellten unter oft katastrophalen räumlichen Bedingungen zubringen.

"... daß wir durch die uns aufgezwungene bis in die späte Nacht dauernde Arbeitszeit in dumpfen, im Sommer schwülen und im Winter kühlen Lokalen geistig und körperlich verelenden, frühzeitig zu siechen Greisen werden und absterben. Nach dem Ausweis der Gremialkrankenkasse beträgt das Durchschnittsalter der Angestellten 37 Jahre und 60 Prozent der sterbenden Gehilfen sterben an Tuberkulose ..." (Flugblatt 1895).

Der Kampf für die Sonntagsruhe war eines der ersten Ziele der jungen Handelsangestelltengewerkschaft. 1897 gab es mehrmals Versammlungen mit mehr als 5000 TeilnehmerInnen, aber das Ergebnis war enttäuschend. Der daraufhin einsetzende Kampf wurde mit allen klassischen Mitteln geführt: Flugblätter, Plakate, Streuzettel, Demonstrationen forderten die EinkäuferInnen auf, die Geschäfte an Sonntagen und in den späten Abendstunden nicht aufzusuchen und diese Maßnahmen brachten die Geschäftsinhaber ganzer Straßenzüge dazu, die Sonntagsruhe freiwillig einzuführen. 1903 wurde schließlich in Wien die volle Sonntagsruhe verordnet.

Ein besonders wirkungsvolles Mittel im Kampf um die Arbeitszeitverkürzung war ein Flugblatt, das von den organisierten Handelsangestellten in die Warenverpackung eingeschmuggelt wurde, mit der Aufforderung, nicht nach 19 Uhr einzukaufen. Um den KonsumentInnen die Folgen der überlangen Arbeitszeit drastisch vor Augen zu führen, enthielten die Flugschriften seitenlange Listen der Krankenkasse mit den Namen von an Tuberkulose verstorbenen Handelsangestellten. Die KäuferInnen wurden auf die Anstekkungsgefahr hingewiesen.

Diese Aktivitäten mobilisierten immer mehr Handelsangestellte und auch die organisierten ArbeiterInnen solidarisierten sich. Sie beteiligten sich an Massenpromenaden vor den Geschäftsfronten der Warenhäuser, die um 19 Uhr einsetzten und die Eingänge der Läden blockierten. Einzeln wurden die Geschäftsinhaber bearbeitet und unsicher gemacht, über Widerstrebende ein Einkaufsboykott verhängt, der von den organisierten ArbeiterInnen mitgetragen wurde. Als Folge dieser Aktionen verpflichteten sich die Warenhäuser und Geschäfte der Einkaufszentren Wiens zur 7-Uhr-Sperre. 1916, als die Regierung mit sozialpolitischen Maßnahmen auf die Stimmung der arbeitenden Bevölkerung eingehen mußte, wurde die 7-Uhr-Sperre allgemein vorgeschrieben.

Von einer derartigen Solidarisierung können die heutigen Handelsangestellten nur träumen. Im Gegenteil, derzeit gilt es geradezu als unsozial, wenn wir die Geschäfte nicht offen halten wollen: Angeblich gefährdet das Arbeitsplätze und vermindert die Lebensqualität. Offensichtlich besteht Lebensqualität darin, einkaufen zu gehen. Macht shopping wirklich happy, Herr Chorherr?