Wendepunkt Frauenvolksbegehren
Die 90iger Jahre werden entscheidend für
die Frauenbewegung sein: entweder es geht einen entscheidenden Schritt
vorwärts oder wir verpassen eine Riesenchance, so lautet die
Motivation vieler Frauen und Frauenorganisationen, sich beim Frauenvolksbegehren
richtig ins Zeug zu legen.
Von Ilse Löwe-Vogl.
Ein aktueller Blick auf die Situation von Frauen angesichts
des heraufziehenden Neoliberalismus verdeutlicht die Notwendigkeit
unserer Anstrengungen. Die Arbeitslosigkeit bei Frauen steigt rapide,
denn im September 96 waren österreichweit 97.214 Frauen arbeitslos,
im Oktober 96 waren es schon 109.443. In der Steiermark stieg die
Arbeitslosigkeit der Frauen sogar entgegengesetzt zum Trend. Im
Jänner 96 betrug die Arbeitslosenzahl insg. 52.407, davon 18.133
Frauen, im Jänner 97 fiel die Arbeitslosenzahl auf insg. 50.868,
die der Frauen stieg jedoch auf 18.741. Die Obersteiermark weist
für Frauen sogar eine Rate von 12 Prozent aus. Nicht eingerechnet
die große Zahl derer, die die Suche bereits aufgegeben haben.
Immer mehr Frauen geraten durch diese Entwicklung in Abhängigkeit
und Armut.
Vom Arbeitslosengeld läßt sich kaum noch existieren.
Die mittlere Höhe lag 1995 bei Frauen um ca. 7400 S. 45 Prozent
der ArbeitslosengeldbezieherInnen erhalten weniger als den Ausgleichszulagenrichtsatz
(7887 S), davon sind 70 Prozent Frauen. Eine neue Schikane für
den Bezug des Arbeitslosengeldes: ein Anspruch besteht nur dann,
wenn schriftlich erklärt wird, jederzeit eine Vollzeitstelle
anzunehmen. Der Verlust droht, wenn aufgrund von Kinderbetreuungspflichten
nur eine Teilzeitstelle angenommen werden kann.
Der Abstieg zur Notstandshilfe ist ein weiterer Schritt in die
Armut: sie betrug 1995 bei Frauen im Mittel 6200 S.
Ein Blick auf die Frauen-Erwerbsquote zeigt, wie wenig Frauen
in Österreich im Vergleich vor allem zu den nordeuropäischen
Ländern in den eigenständigen Erwerb eingegliedert sind.
Die Erwerbsquote bei Frauen lag 1995 bei 49,4 Prozent, die der Männer
bei 70,5 Prozent. Der Vergleich zu den Frauen Nordeuropas: Schweden
58,5 Prozent, Dänemark 57,5 Prozent. Die Geburtenrate ist dort
interessanterweise höher als in Österreich. Das liegt
offenbar an den flächendeckenden Kinderbetreuungssystemen.
Die Erwerbsquote der Männer ist annähernd gleich: sie
liegt in Schweden bei 67,6 Prozent, in Dänemark bei 72,1 Prozent.
Auch die Bildungssituation muß dringend verbessert werden,
denn es besteht lt. Frauenbericht 1995 eine zunehmende Polarisierung
zwischen gut ausgebildeten Mädchen und jungen Frauen auf der
einen Seite und jenen, die über keine über die Pflichtschule
hinausgehende Bildung bzw. keine abgeschlossene Berufsausbildung
verfügen auf der anderen Seite. Im Vergleich zwischen 20 Ländern
nach einem OECD-Index hat Österreich die viertschlechteste
Position bei geschlechtsspezifischen Bildungsunterschieden. Eine
mögliche positive Maßnahme für Mädchen und
Frauen im Bereich des Bildungswesens wäre meines Erachtens
die Einführung einer Bildungskarenz für Frauen. Diese
Forderung wäre im erweiterten Nachgang zum Frauenvolksbegehren
zu stellen, um die immense und vielfältige Ungleichstellung
auf dem Bildungssektor endlich wirksam zu beseitigen.
Ganz arg wird es beim Verdienst der Frauen aus Erwerbsarbeit:
Frauen verdienen trotz der eingetretenen Steigerungen in den letzten
15 Jahren immer noch um 42 Prozent weniger als Männer, arbeitszeitbereinigt
um 25 Prozent. Ein Zahlenvergleich zwischen 1994 und 1995 beweist
sogar einen Rückgang am Prozentsatz im Vergleich zu männlichen
Einkommen.
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1994
|
1995
|
| Bruttoverdienst |
| Frauen |
14.981
|
15.459
|
| Männer |
21.657
|
22.472
|
| Anteil
des Frauenverdienstes am durchschnittl. Männereinkommen: |
| |
69,2 Prozent
|
68,8 Prozent
|
160.000 Frauen erhalten aus ihrer Erwerbsarbeit sogar weniger
als 12.000 S. Grund genug für die Initiatorinnen des Frauenvolksbegehrens
ein Mindesteinkommen von 15.000 S zu fordern.
Enorm angestiegen ist die Zahl der Frauen mit geringfügiger
Beschäftigung. Im Juni 95 waren es noch 100.756 Frauen, im
Oktober 96 bereits 152.801 Frauen mit einer Verdienstgrenze von
derzeit 3740 S brutto. In Erinnerung sei gerufen, daß bei
solcher Art der Beschäftigung keine soziale Absicherung in
der Kranken-, Pensions- und Arbeitslosenversicherung besteht und
folglich auch keine Notstandshilfe oder Karenzgeld gezahlt wird.
Auf die triste Einkommenssituation folgt die bedrückende
Pension. Über eine Million Frauen in Österreich sind über
60 Jahre, von denen 180.000 (fast jede 5. Frau über 60) keine
Pension bezieht. Fast die Hälfte aller Frauen, nämlich
42 Prozent haben keinen eigenständigen Pensionsanspruch (einschließlich
der Berechtigten für eine Witwenpension). Fast 60 Prozent der
Frauen erhalten eine Pension unter dem Ausgleichszulagenrichtsatz.
Jede zweite Frau über 60 Jahre lebt unter der Armutsgrenze.
Die klassische Armutsschleife entsteht aus geringfügiger Beschäftigung,
Teilzeitarbeit, Verlust des Jobs aus Rationalisierungs- oder Altersgründen,
geringen beruflichen Aufstiegschancen (aufgrund notwendiger Kinderbetreuung),
einem minderen Erwerbseinkommen und daraus resultierender geringer
oder keiner Pension.
All diese Gründe haben dazu geführt, daß Frauen
mit Hilfe des Volksbegehrens einen Stop der Endlosschleife herbeiführen
wollen. 52 Prozent der österreichischen Bevölkerung müssen
es im letzten Jahrzehnt schaffen, einen sozialen Reformentwurf zu
konzipieren, der Frauen nicht weiterhin Doppelverliererinnen im
neoliberalen Kapitalismus bleiben läßt.
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