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Globalisierung oder Globalisierungsideologie?
In jüngster Zeit werden mit den Schlagworten
"Internationalisierung" und "Globalisierung" vor allem externe einschneidende
Veränderungen für sozialpartnerschaftliches Handeln betont.
Von Brigitte Unger.
Seit Ende der '70er Jahre traten erhebliche
Veränderungen in den ökonomischen, politischen und sozialen
Rahmenbedingungen sozialpartnerschaftlichen Handelns auf. Zunehmende
Unsicherheiten einer stärker verflochtenen Weltwirtschaft,
das Ende hoher Wachstumsraten, gestiegene Arbeitslosenraten, das
Aufbrechen homogener Interessenslagen usw. nähren die Frage
nach dem Niedergang des Korporatismus nun schon seit geraumer Zeit.
Das Ausbreiten konservativer Ideologie hat nicht nur Österreich
erfaßt, sondern auch viele andere europäische Länder.
In diesem Sinne kann sich kein Land der "Globalisierung" durch Medien
und internationalen Politik entziehen. Trotzdem ist die Art der
Problemwahrnehmung und die einstimmige Reaktion aller Interessenvertreter
in Österreich einmalig.
Unbestritten scheint in der österreichischen Debatte die
Tatsache, daß aufgrund von Internationalisierung und Globalisierung
national ohnehin (fast) nichts mehr getan werden kann. Fast jedes
Interview eines Politikers, Experten oder Journalisten enthält
mehrfach die Begründung, daß unter dem Druck von Internationalisierung
irgendetwas nicht getan werden könne. Egal aus welcher Partei
der oder (was weit seltener ist) die Befragte kommt, egal aus welcher
Kammer er oder (was beinahe ans Unmögliche grenzt) sie kommt,
die Argumente sind beinahe ident. Es ist die Ohnmachtsstimmung der
Fünfzigjährigen, die in der österreichischen Debatte
so deutlich wird.
Da in sozialpartnerschaftlichen Arrangements Intransparenz herrscht,
eine gewisse Autonomie der Verbandspitze von den Mitgliedern bestehen
muß, um autonom verhandeln zu können, also auch wenig
basisdemokratische Elemente enthalten sind, da wenig Diskurserfahrung
besteht und keine Konfliktbereitschaft, mußte der institutionelle
Schock der EU-Mitgliedschaftsdebatte und Internationalisierung so
unauffällig wie möglich verarbeitet werden. Die Tatsache,
daß es in Österreich öffentlich keine Gegenposition
zur EU von seiten der Arbeitnehmer gab, keine Befürchtung von
Reallohnsenkungen oder der Auflösung traditioneller Kollektivvertragsbereiche,
keine Information der Bevölkerung über etwaige Nachteile
der EU, also einen perfekten EU-Monolog der Großparteien und
Interessenverbände gab, ist im internationalen Vergleich einmalig.
Die akzeptierten "Sachzwänge" wurden den Wissenschaftlern,
Betriebsräten, Mitgliedern, Medien, usw. vorgegeben: Wir sind
ein kleines Land das nicht hinter Ungarn zurückbleiben will.
Gegenpositionen wurden nicht zur Kenntnis genommen, Berichte über
die sozialen Auswirkungen unter Verschluß gehalten, EU-Gegner
wurden nicht mehr zur Diskussion eingeladen. Der institutionelle
Schock der Vorbereitung auf die Folgen des EU-Beitritts wurde mustergültig
absorbiert: innerhalb der Sozialpartner einstimmig, einhellig, stabil,
fast konfliktfrei, so als wäre nichts geschehen. Globalisierung
wurde als gegebener Sachzwang anerkannt.
Es wurde meines Wissens nicht untersucht, wie sehr Globalisierung
und Internationalisierung sich von früheren Jahren unterscheiden.
Daß mit der einhelligen Zustimmung zur EU und zur Währungsunion
grundsätzliche Veränderungen in der Balance der Kräfte
erfolgen, wurde hingegen nicht anerkannt oder thematisiert. Mit
dem Thema Internationalisierung und Globalisierung wurde auch die
Sprache des Kapitals nach Österreich importiert: Effizienz
statt Solidarität, Wirtschaftsstandort statt Wohlfahrtstaat,
Ineffizienz des öffentlichen Sektors statt wichtiger Arbeitgeber
und Zulieferer für die Privatwirtschaft, Sparpaket schnüren
statt Arbeitslosigkeit bekämpfen. Es handelt sich daher um
eine Ideologie und nicht um Sachzwänge, die sich in den neunziger
Jahren breit machen.
Ich behaupte, daß die Sachzwänge bezüglich Internationalisierung
und Globalisierung überschätzt werden. Dadurch werden
aber nationale Handlungsmöglichkeiten nicht mehr wahrgenommen.
Es handelt sich um ein Politikwahrnehmungsdefizit der Sozialpartner.
Die Gefahr ist, daß Österreich sich damit in einen Teufelskreis
der Globalisierungsideologie begibt. Aus der Ohnmachtsperzeption
des "wir können ohnehin nichts tun", definieren sich die Arbeitnehmervertretungen
vorauseilend gehorsam tatsächlich weg, was die Globalisierungsthese
bestätigt.
Einige Fakten gegen die Globalisierungsthese
Globalisierung erfolgt nicht in eine Richtung, sondern in Wellen.
Globalisierungstendenzen werden von Gegentendenzen begleitet. Es
ist ein Irrtum zu glauben, daß der internationale Handel immer
mehr wird, die Arbeit immer schneller und öfter zwischen Ländern
pendelt, die Wirtschaftspolitik immer ohnmächtiger wird, und
die sozialen Errungenschaften immer weniger werden und den Wohlfahrtstaat
auflösen. Ich möchte nicht leugnen, daß es Tendenzen
in diese Richtung gibt, vor allem derzeit. Ich möchte schon
gar nicht den derzeitigen Sozialabbau verharmlosen. Ich möchte
auch nicht die immense Bedeutung der internationalen Finanzmärkte
verharmlosen (s. Mooslechner 1995 für eine drastische Darstellung
gestiegener Kapitalmobilität). Aber es gibt immer wieder auch
Gegentendenzen, die das System erhalten und aus einem Abwärts
wieder ein Aufwärts machen. Die lineare Fortschreibung ist
nicht zulässig. Historisch lassen sich Konvergenz- und Divergenzbestrebungen
in Wellen beobachten.
Wie die Internationalisierungsdebatte seit den 50er Jahren zeigt,
schwankt der Glaube an die Konvergenz der sozialen, politischen
und ökonomischen Bedingungen zwischen Harmonsierungseuphorie
und Divergenzprognosen (für einen detaillierten Überblick
s. Unger 1996 b). Boyer (1993) zeigt, wie die Konvergenztheorie
in Zyklen verläuft. Der starke Technikglaube der Nachkriegszeit
ging einher mit der Konvergenzthese, daß die Verwendung derselben
Technologie auch zu mehr Gleichheit führen wird. Daniel Bell
weissagte das "Ende der Ideologie" zu Beginn der sechziger Jahre.
In der Ökonomie glaubte man an "catching up", also dem Aufholen
der armen Länder. Das neoklassische Faktorpreisausgleichstheorem
der Außenwirtschaftstheorie besagte noch ergänzend, daß
Löhne, Preise, Zinsen etc. durch Arbitrage sich international
angleichen werden. In den 70er Jahren herrschte mehr Skepsis bezüglich
des harmonisierenden Effekts der Technik. Kern und Schumann (1976)
zeigten empirisch, daß Technik die Arbeitnehmer in mehr höher
qualifizierte und mehr minderqualifizierte spaltet. Daß also
unterschiedliche Sektoren und Länder sich verschieden entwickeln
werden. In den späten achtziger Jahren und neunziger Jahren
dominierte wiederum ein Harmonieglaube. Fukuyama sagte in Anlehnung
an Daniel Bell das "Ende der Geschichte" (Fukuyama 1992) voraus.
In der Ökonomie spalten sich die Meinungen. Während
um die Maastricht-Debatte herum ein großer Harmonieglaube
entsteht, werden Kritiker in Wachstums- und Außenwirtschaftstheorie
tätig. Abramovitz, einer der großen Väter der modernen
Wachstumstheorie warnt vor "catching up, forging ahead und falling
behind" (1986). Dehesa und Krugman (1992) warnen vor einem Europa
der Agglomeration.
Von Mailand bis Kopenhagen schaue Europa nachts vom Flugzeug aus
gesehen eher wie eine blaue Banane als wie gleichmäßig
verstreute Industriestandorte aus. Der verzweifelte Versuch Konvergenz
über politische Vereinbarungen von Maastricht statt über
Markt und ökonomische Anpassungsmechanismen zwischen den EU
Ländern zu erzielen, zeugt davon, daß selbst Delors nicht
an ökonomische Konvergenztheorien glaubte. Harmonisierungs-
und Zerfallstendenzen bestehen gleichzeitig und wechseln einander
in ihrem Dominieren ab.
Migrationsströme erfolgen in Wellen
Wie Sassen (1995) zeigt, ist Migration nicht ein vorgegebenes
Faktum, sondern kulturell, sozial und politisch bedingt. Sie verläuft
in historischen Zyklen, sowohl was ihre Höhe als ihre Bestimmungsorte
anbelangt und nicht linear ansteigend. Auch bezüglich Arbeitsmobilität
lassen sich solche Muster feststellen. Selbst innerhalb desselben
Sprachgebietes wie in den USA lassen sich verlagernde Migrationsströme
beobachten. Die Arbeitsmobilität ist in den USA rund dreimal
so hoch wie in Europa, trotzdem ist sie nicht unendlich und schwankt
im Zeitablauf. Auch für Österreich lassen sich Schwankungen
in der Migration und Mobilität der Arbeit feststellen. Seit
1983 weist die OECD Einwanderströme ausländischer Arbeiter
nach einzelnen OECD Ländern aus. Daraus geht auch hervor, welch
großem internationalen Migrationsschock Österreich in
den neunziger Jahren zu verkraften hatte.
Es läßt sich zeigen, daß die Wanderbewegungen
in Europa nicht systematisch ansteigen. Selbst der große institutionelle
Schock der Öffnung des Ostens wird wieder absorbiert werden.
Auslandskapital kommt und geht in Wellen
Internationaler Handel und Wettbewerb sind ein altes Phänomen.
Internationalen Wettbewerb in Form von Auslandsdirektinvestitionen
(FDI) durch multinationale Unternehmungen hat es schon vor dem ersten
Weltkrieg gegeben. Es wechseln Phasen von "Liebe und Haß"
zwischen nationalen Regierungen und multinationalen Konzernen. Der
Grad der Internationalisierung (d.h. der Anteil des internationalen
Investmentstocks am inländischen Output) hat das Ausmaß,
das er um die Jahrhundertwende hatte, bis in die neunziger Jahre
nie wieder erreicht (vgl. Roth 1984 und Bellak 1995). Während
um 1913 dieser Grad der Internationalisierung 9 Prozent betrug, war
er in den 60er, 70er und 80er Jahren rund die Hälfte und stieg
erst wieder in den späten 80er und in den 90er Jahren wieder
deutlich an.Die Liberalisierung der Kapitalmärkte (1987) hat
zu einem gewaltigen Ansteigen der Kapitalströme geführt,
die aber ebenfalls in Wellen erfolgen:
Die Kapitalströme von Auslandsdirektinvestitionen sind seit
der Liberalisierung der Kapitalmärkte plötzlich mehr als
fünfmal so groß wie Handelsströme. Dies bedeutet
massive Veränderungen im Vergleich zu früher und ist sicher
die einschneidendste Veränderung. Trotzdem ist auch die Dynamik
des internationalen Kapitalverkehrs nicht unendlich.
Dem drastischen Anwachsen der FDI Ende der achtziger Jahre folgt
wieder eine Dämpfung im Wachstum.
Obgleich wir uns derzeit in einer Ära der "Konvergenzsympathie",
des "Harmonisierungsglaubens" und der zunehmenden Integration befinden,
so läßt sich daraus nicht schließen, daß
nationale Handlungsspielräume plötzlich verschwinden.
Gegentendenzen der "Divergenz" und "Regionalisieung" sind ebenfalls
am Werk und können zu einem Ausschlagen des Pendels in die
Gegenrichtung führen. Es hieße daher das Kind mit dem
Bade auszuschütten, wenn plötzlich aufgrund der Internationalisierung
auf nationaler Ebene "nichts mehr getan werden kann".
In Fragen des Sozialbereichs, der nationalen Autonomie von Steuer-
und Ausgabenstrukturen des Budgets bleiben nationale Spielräume
selbst innerhalb einer Währungsunion erhalten. Solange perfekte
Kapital- und Arbeitsmärkte nicht existieren, solange wir eine
Ökonomie der Imperfektionen und Anpassungsverzögerungen
haben, verbleiben auch Spielräume für eine soziale Wirtschaftspolitik.
EU-Beitritt, Währungsunion, Nato und die Zukunft bedeuten
massive institutionelle Schocks. Es stimmt nicht, daß sich
nichts geändert hat, wie uns manche "Visionäre" der Sozialpartnerschaft
glauben machen. Und es stimmt auch nicht, daß nichts mehr
getan werden kann. Es gilt, das "Problemwahrnehmungsdefizit der
Sozialpartner" in Zukunft zu verringern und ihre Handlungsspielräume
dadurch wieder zu vergrößern.
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