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Strassenhandel

Die Obdachlosenzahlen in Österreich sind bestürzend und es ist an der Zeit, brauchbare Konzepte zu entwickeln.

Von Sabine Hanisch.

 

Für Obdachlose ist es auf Grund der sozialen Bedingungen, in denen sie leben müssen, schwer möglich, eine fixe Arbeitsstelle anzunehmen. Man hat weder eine feste Schlafstelle, noch Wecker, Bad und WC, um einen geregelten Lebenslauf zu gewährleisten, der bei jeder Anstellung wichtig ist. Der hygienische Verfall ist bekannt und läßt sich schwer vermeiden. Für Duschen und Wäsche-Waschen braucht man durchschnittlich mehr Zeit, weil man die Wegzeiten zu den gegebenen Hilfsstellen miteinberechnen muß.

Viele Obdachlose leben von der Obdachlosenhilfe des Sozialamtes. Dies reicht aber für eine normale Lebensführung nicht aus. Wohnen ist in diesem Rahmen nicht möglich, da natürlich auch noch die Nahrungsmittel, Bekleidung und was sonst noch einem richtigen Hausstand zuzurechnen ist, mitbedacht werden müssen.

So preisen wir uns also seit Jahrzehnten als Sozialstaat und sind trotzdem nicht einmal fähig, der Obdachlosigkeit Herr und Frau zu werden. Es fehlen die sinnvollen Konzepte, die Obdachlosen eine reelle Chance geben, von der Straße wegzukommen, ohne in halbseidene Verbrecherorganisationen hineinzuschlittern oder zum Nichtstun verdammt zu werden. Der Selbsterhaltungstrieb wird gestört, Selbstachtung und Lebenssinn gehen verloren. Langjährige Obdachlose sind schwer wieder in den Arbeitsprozeß zu integrieren. Eine sinnvolle Variante, um diese Entwicklung von vornherein aufzuhalten, wäre es, soziale Obdachlosensysteme mit der Obdachlosenhilfe zu koppeln.

Im Straßenmilieu entwickeln sich häufig - zum Teil illegale - Systeme, die durchaus in eine legale Form gebracht werden könnten. Häufig sind diese Systeme mit Handel gekoppelt, also Veräußerung von gekauften, erzeugten, geschenkten (und mitunter auch gestohlenen) Waren. Es ist trotz allem ein erfreulicher Anblick, wenn Leute, die angesichts der politischen und wirtschaftlichen Lage in die Obdachlosigkeit geraten, unter dem Mantel heimlich herzeigen, daß sie bereits in den Schwarzmarkt eingestiegen sind und anfragen, ob man da nicht etwas machen kann.

Man könnte. Auch ältere Regierungen hatten Systeme, die Straßenmenschen unterstützten, von der Illegalität in die Legalität zu kommen und damit der Verbrechens- und Mordszene fernzubleiben.

Eine sinnvolle Variante in der Gesetzgebung hat Maria Theresia seinerzeit getroffen. Es war erlaubt, im öffentlichen Raum in jeder Stadt 3 Wochen lang einen Platz im Ausmaß von 1x2 Metern zu belegen, ohne dafür Steuern zahlen zu müssen und dort Handelsgut zu veräußern. Diese Gesetzesgebung eignet sich vor allem für Herumreisende, die auch heute noch zahlreich, vor allem in der jüngeren Generation, zu finden sind - speziell im Sommer.

Doch ist das keine Dauerlösung für Menschen, die seßhaft sind - oder sein sollten. Für solche Menschen würde sich vielmehr ein Freihandelsschein als entgeltlose Leistung der Gesellschaft zur Obdachlosenhilfe eignen, der das Veräußern von Waren aller Art auch über die Dauer von 3 Wochen hinaus erlaubt. Dieser könnte vom zuständigen Sozialamt als eine von mehreren Sozialleistungen an Obdachlose ausgegeben werden. Man könnte Freihandelsplätze definieren, um Marktgebiete wieder aufzuwerten oder um neue Märkte anzulegen. Solche Freihandelsplätze können auch eine willkommene Einkaufsalternative darstellen. Kleinkünstler hätten eine gute Möglichkeit für den Verkauf ihrer Produkte, ohne daß gleich große Vernissagen finanziert werden müssen. Auch Kinder könnten einmal Verkaufen praktisch spielen.

Lösungen dieser Art würden Menschen ohne festen Wohnsitz nicht zum Nichtstun verdammen, sondern diese könnten aktiv an der Problemlösung ihrer Situation mitarbeiten und trotz sozialem Absturz noch etwas machen. Ihr Leistungsbestreben würde erhalten bleiben und den psychischen Schäden könnte vorgebeugt werden. Sie könnten aus eigener Kraft wieder zu einem Zimmer oder zu einer anderen Behausung kommen und sich dann um einen Beruf umschauen, der ihnen geeigneter erscheint, oder den Freihandelsschein noch beanspruchen bis die finanzielle Lage gesichert ist, oder später eventuell in ein Maria-Theresia-Patent-Handel mit Waren aller Art umwandeln lassen. Denn es ist doch zu schade, daß dieses Patent immer mehr im Rücklauf ist.

Ein Sozialhilfekonzept mit dem Anspruch, auch sinnvolle Leistungen für Menschen zu bieten, deren Grundexistenz gefährdet ist, ist besser als eine finanzielle Abspeisung, die zum Nichtstun führt.

Der Freihandelsschein als Alternative, die das Obdachlosendasein sinnvoller macht, sollte öffentlich bedacht werden.