Denn sie wissen nicht, was wir tun
Unter diesem Motto fand das 2. Forum Jägermayrhof
vom 4. bis zum 6. September dieses Jahres in Linz statt. Titel:
"Provokationen zur Zukunft der Gewerkschaftsbewegung" - mensch durfte
gespannt sein.
Von Lisa Langbein. >> Info
zur Autorin
Schon die ersten Vorstellungsrunden ergaben, daß
die meisten der Anwesenden hauptamtlich im ÖGB oder in der
AK tätig waren. Die Arbeitsform waren Arbeitsgruppen ("Foren"),
die allabendlich von einer "Elefantenrunde" zusammengefaßt
wurden. Der erste Tag wurde von Josef Achleitner moderiert, der
in den Oberösterreichischen Nachrichten die Ergebnisse folgendermaßen
zusammenfaßte:
"ÖGB: Mehr Demokratie statt Fürstenherrschaft
Im 51. Jahr seines Bestehens steht der ÖGB nicht gut da.
Alte Mitglieder treten aus, die Jugend interessiert sich wenig bis
gar nicht für die Gewerkschaft, es sei denn, man braucht ihre
Dienstleistung. Im Linzer Jägermayrhof machen sich Experten,
Betriebsräte und Funktionäre drei Tage lang Gedanken,
wie diese auf Dauer für den Bestand gefährlich Entwicklung
gestoppt werden kann. Eine der Kernthesen: Mehr Demokratie statt
Fürstenherrschaft.
Wie fast immer ist die Zustandsbeschreibung leichter als die Konsequenzen
daraus. Dennoch, selten hat man so vielfältig und zugleich
verwirrend offen gehört, warum die Gewerkschaft so ist, wie
sie ist.
Der auch in Organisationsfragen bewanderte Psychoanalytiker Karl
Purzner spricht im Zusammenhang mit den ÖGB-Strukturen von
Fürstentümern, Stellvertretern und Mitgliedern. Diese
stellvertretende Fürsorge für die Mitglieder hat zwar
den Vorteil, daß sie effektiv ist, also über die Methoden
des Verhandelns, des Drohens und des Bindens lange Zeit den Arbeitnehmern
materiellen und rechtlichen Aufschwung brachte.
Gleichzeitig, so konstatierte Purzner vor teils erstaunten Funktionären,
hindert die nicht hinterfragte Vertretung von oben die Vertretenen
am Erwachsenwerden, ja verkindlicht sie sogar. Daß die da
oben schon machen werden, fördert nicht die Solidarität
untereinander und die Beteiligung, sondern das Zweckdenken und den
Egoismus (Was habe ich davon?). Daß das gesamte gesellschaftliche
Denken in diese Richtung geht, fördert diese Tendenz zusätzlich.
Für den Managementberater Karl Prammer ist diese Entwicklung
nicht verwunderlich, denn eine "Veränderung hat sich nicht
gerechnet", Erfolge konnten die "Fürsten" effektiver in der
strengen Hierarchie erreichen, und schließlich galt straffer
Zentralismus im marxistischen Sinne immer als Stärke. Die Tatsache,
daß der ÖGB ohne Konkurrenz im geschützten Bereich
agieren konnte, hat sich nach Meinung Prammers auch nicht gerade
veränderungsfreundlich ausgewirkt.
"Die Gewerkschaft war noch nie so schwach", meinte der Politikwissenschafter
Emmerich Talos und nannte als jüngsten Beweis dafür deren
Hilflosigkeit gegenüber den Sparpaketen der Regierung. Weil
ihre Spitze lange vor der Basis organisiert war, weil sie konkurrenzlos
arbeiten konnte, hat sich die Vertreterpolitik von oben bis heute
gehalten. Gipfel dieser "ademokratischen" Struktur ist für
Talos die Sozialpartnerschaft, die durch ihre Kompromisse auf höchster
Ebene ohne Rücksprache nach unten, die Politisierung und Demokratisierung
blockiere.
"Die Gewerkschaft ist keine Bewegung mehr, und sie hat, weil unter
anderem durch die Globalisierung der Wirtschaft in die Defensive
gedrängt, keine Gestaltungskraft mehr" beklagte der Linzer
Gesellschaftswissenschafter Josef Weidenholzer.
Doch wie all das ändern? Die langgediente Betriebsrätin
und jetzige ÖGB-Vizepräsidentin Irmgard Schmidleithner,
die der Männerherrschaft im ÖGB nicht die Erkenntnisfähigkeit,
aber die Umsetzungswilligkeit abspricht, meinte: "Zuhören lernen
und von den Frauen die Solidarität untereinander abschauen".
Weidenholzers Rezept: "Offnen, Luft hereinlassen, mehr Konkurrenz
und Angebot, wenn es um Funktionen geht". Weidenholzers Wissenschafterkollege
Talos rät den Fürsten, sich nicht gegenseitig in Funktionen
zu bestellen, sondern wählen zu lassen und die Mitglieder auch
zu Inhalten zu befragen."
Im Forum Sozialpartnerschaft zeigte Franz Bittner von der Gewerkschaft
Druck und Papier sein Dilemma etwa folgendermaßen auf: Wegen
der durch die strukturellen Veränderungen zunehmenden Arbeitslosigkeit
wäre die Sozialpartnerschaft jetzt für die Gewerkschaft
besonders wichtig. Da sich aber die Machtverhältnisse verschoben
haben und die Sozialpartnerschaft ein ein Spiel der Kräfte
ist, wird sie für die Unternehmerseite immer unwichtiger. Das
bringt die Gewerkschafter in eine neue, schwierige Situation. Die
nächste KV-Runde in seinem Bereich wird hart, und er überlegt
schon, wie die Mitglieder einbezogen werden können, denn ohne
Rückhalt von der Basis wird gar nichts mehr gehen ...
Allgemein ist der Tenor, daß Betriebsräte Solisten
seien und bei allen übrigen Mitgliedern ein absolutes Informationsdefizit
besteht.
Emmerich Talos forderte zumindest drei Dinge:
- Transparenz gewerkschaftlicher Tätigkeit, was auch ein
Publikmachen kontroversieller Meinungen beinhaltet
- Option auf Repräsentanz von Frauen, Arbeitslosen, atypisch
Beschäftigten und AusländerInnen
- Mitgliederbefragungen als Ansatz zur Klärung wichtiger Fragen.
Seiner Meinung nach hat der ÖGB Schwierigkeiten mit der Demokratie
weil er 1945 vor der Basis gegründet wurde und konkurrenzlos
ist. Dazu kommt, daß das System der Sozialpartnerschaft schon
per definitionem undemokratisch ist und eine Blockade bildet. Chakakteristisch
erscheint ihm, daß es ihm bis jetzt nicht möglich war
die Wahlergebnisse von Betriebsratswahlen zu bekommen, nicht einmal
die Wahlbeteiligung sei zu erfahren, geschweige denn, die Ergebnisse.
Betriebsratswahlen - die Basis der Zusammensetzung des ÖGB
- scheinen Geheimsache zu sein. (Später wurde in einem Arbeitskreis
erwähnt, daß zunehmend mehr und mehr Betriebsratslisten
parteiunabhängig seien ...)
Das Forum "Also sprach der Zentralist" kam erst gegen Ende der
Zeit drauf, daß der ÖGB ein Strategiekonzept nicht nur
dringend braucht, sondern schon eines hat.
Im Forum "Die Frau gehöre unters Dach, das Kämpfen das
ist Männersach" waren nur Frauen. Das veranlaßte diese
im letzten Teil ein anderes Forum aufzusuchen, um auch mit Männern
zu reden (individuelle Befriedungsversuche gab es noch am übernächsten
Tag).
Der zweite Tag galt den neuen Wegen, das Spektrum reichte von
internationalen Vergleichen über neue Methoden bei Kampagnen
zu den beiden Fragen, ob die Jugend im ÖGB eine aussterbende
Art sei und ob die Frauen zur Durchsetzung ihrer Interessen eine
eigene Struktur brauchen.
Ferdinand Karlhofer von Institut für Politikwissenschaften
in Innsbruck erläuterte im Arbeitskreis: "Proletarier aller
Länder, lernt zumindest voneinander" seine Einteilungen der
verschiedenen Arten von Gewerkschaft in Europa. Auf der einen Seite
trifft er Unterscheidungen zwischen dem aktionistischen, politischen
"südeuropäischen" Typ, dem informellen, nicht gesetzlich
festgeschriebenen "britischen" Typ und den "nordeuropäischen",
der durch Verträge charakterisiert ist. Als andere Form der
Unterscheidung bietet er Gewerkschaft als "Zunft" (berufsgruppenorientiert),
als Versicherungsverein (serviceorientiert), als Unternehmensgewerkschaft
(Produktivitätskoalitionen), soziale Bewegung (mobilisiert
zu Fragestellungen) oder sozialpartnerschaftlich orientiert an.
Wobei wenige Gewerkschaften eindeutig zuordenbar seien.
So ist in Schweden die Sozialpartnerschaft anders als bei uns,
was bei uns die Institutionalisierung des Konsens ist in Schweden
die Institutionalisierung des Konfliktes (bei hohen Streikraten).
Schweden betreibt solidarische Lohnpolitik, Arbeitgeber und Arbeitnehmer
verstehen sich als Konfliktparteien, die einen Kompromiß suchen.
Als Ausfluß seines Referates entstanden die Diagramme: der
ÖGB, wie er ist, und der ÖGB, wie er sein sollte.
Willy Buschak, Sekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes
sieht die Richtungsunterschiede der Gewerkschaften in Europa zunehmend
geringer werden. Selbst in Italien wird schon zusammengearbeitet.
In Belgien haben christliche und sozialistische Gewerkschaften gemeinsam
durch den ersten Generalstreik seit 1936 die Sparpläne der
Regierung verändert. Auch sage der Unterschied im Grad der
gewerkschaftlichen Organisierung der verschiedenen Länder (Island
96 Prozent, Spanien 10 Prozent) nicht allzuviel über die Aktionsfähigkeit.
Gemeinsam seien allen Europäischen Gewerkschaften
- eine Tendenz zu Zusammenlegungen und Fusionen
- eine Tendenz zu Dezentralisierung von Tarif- und KV-Verhandlungen
(dazu drängen die Unternehmer)
- und Finanzprobleme. Bei den letzteren ortet er ein häufig
sehr phantasieloses Umgehen mit Sparsamkeit.
Überall gibt es Bestrebungen die Mitglieder partizipieren
zu lassen, diese sind generell auch bereit dazu. Die Versuche reichen
von der Errichtung wohnnaher Lokale über Computer-Vernetzungsversuche
(dabei ist Großbritannien führend) bis hin zu offenen
Arbeitskreisen.
Seiner Meinung nach sind all diese Versuche zwar sehr gut, aber
in Hinblick auf die Massenarbeitslosigkeit ungenügend. Tarifverhandlungen
national zu führen wird nicht mehr genügen, eine europäische
Koordination ware dringend vonnöten. Tatsache ist aber, daß
auch bei der Tarifpolitik eine Dezentralisierung gängig ist.
Übrigens hat der Europäische Gewerkschaftsbund bereits
eine Homepage im Internet, diese soll weiter ausgebaut werden, alle
Abteilungen sollen ihren Platz haben, um zum Beispiel auch Resolutionen
hineinstellen zu können.
Harry Coenen von der Universität Utrecht sieht einen Hauptunterschied
in den gewerkschaftlichen Strukturen der beiden Länder darin,
daß in Österreich der ÖGB ein Monopol hat. Wer ein
solches hat, muß aber freie Diskussion zulassen, sonst ist
er nur mit der eigenen Organisation beschäftigt. In Holland
gibt es Funktionäre auf Zeit (z. B. für bestimmte
Projekte) und vor allen Beschlußkonferenzen 2 Vorbereitungskonferenzen.
Nur wer auch dort war, der darf dann mitstimmen.
In Dänemark gibt es seit 1902 eine Frauengewerkschaft für
an- und ungelernte Frauen. Das kommt daher, daß damals keine
Gewerkschaft sich um diese Frauen kümmern wollte. Diese Gewerkschaft
funktioniert einwandfrei und hat damit bewiesen: An- und ungelernte
Frauen können sehr wohl eine Gewerkschaft führen.
Am dritten Tag war der Plenarsaal voller Plakate. Alle waren aufgefordert,
das zu notieren, was in den zwei Seminartagen besonders wichtig
und umsetzungsbedürftig war.
Ich habe kaum eine Forderung, die ich in den letzten 20 Jahren
an den ÖGB gerichtet habe, vermißt. Alles war da, von
der Einbeziehung von Frauen (Quoten!), Jugendlichen, AusländerInnen
und Arbeitslosen über die Mitbestimmung der Mitglieder zu Urabstimmungen
nach Kollektivvertragsverhandlungen, Informationsverbesserung, Demokratisierung,
Strukturdebatte von unten nach oben, Funktionäre auf Zeit,
Projektarbeiten ... alle Wände waren zugepflastert.
Es herrschte der Verdacht, daß der ständige Organisationsausschuß,
der sich mit den Reformen des ÖGB beschäftigt, nicht sehr
viel mit Demokratisierung im Sinn hat, da sich selbst die hauptamtlichen
FunktionärInnen nur sehr mangelhaft informiert fühlen.
Trotz dem versöhnlichen Ende, in dem sogar Franz Rippl von
der MBE der Demokratisierung ein Loblied sang, war die Stimmung
an meinem Mittagstisch enttäuscht. So viele Inhalte und keine
Chancen zur Verwirklichung, lautete der Tenor.
Ich war vor allem verwirrt: Bei so einer großen Zahl von
Menschen, die zu den gleichen Schlüssen gekommen sind wie ich,
und die alle hauptberuflich im Gewerkschaftsbund arbeiten - wie
kann das sein, daß der ÖGB so ist, wie er ist?
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