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"Globalisierung"

Ein neues Stadium im Prozeß der Kapitalverwertung und seine Folgen für die Arbeitskräfte in den Metropolen.

Von Karl Czasny.

 

Das Problem ...

Es ist ein altes "Naturgesetz" unseres Wirtschaftssystems, daß Kapital dorthin strömt, wo billige Arbeitskräfte und hohe Profitraten warten. Auch die im Zuge des Konzentrationsprozesses stattfindende Entstehung von riesigen, multinational agierenden Unternehmungen, ist eine bereits seit Jahrzehnten zu beobachtende Tendenz. Relativ neu ist jedoch die dramatische Intensivierung dieses Prozesses der Internationalisierung, welche zur Herausbildung eines universellen Verwertungszusammenhanges führt.

Die objektiven Voraussetzungen für diese Entwicklung sind mannigfaltig. Hier sollen stellvertretend für viele nur zwei Punkte stichwortartig benannt werden:

- Im Sog des Zusammenbruchs der kommunistischen Systeme findet sowohl in der ehemaligen sowjetischen Herrschaftszone als auch im fernöstlichen Einflußbereich Chinas ein Übergang zu kapitalistischem Wirtschaften statt. Massen billiger bis billigster Arbeitskräfte werden dadurch für die Kapitalverwertung verfügbar.
- Auf der Ebene der Produktivkräfte hebt die informationstechnische Revolution die bislang bestehenden zeitlichen und räumlichen Schranken für eine Globalisierung von Marktzusammenhängen und Organisationsstrukturen auf.

Die Globalisierung des Verwertungsprozesses bedeutet nicht bloß, daß dessen Produkte weltweit miteinander konkurrieren. Der universelle Wettbewerb erstreckt sich vielmehr auch auf die einzelnen Produktionsfaktoren, wie Kapital, Standortbedingungen - und natürlich auch Arbeitskräfte. Wo neue Podukte, Produktionsweisen und Lebensstile in bislang vom internationalen Kapital kaum berührte Regionen vordringen, zerstören sie die dort zuvor etablierten ökonomische Kreisläufe und Lebensgrundlagen, wecken Bedürfnisse bzw. Unzufriedenheiten und setzen dadurch das zweistufige System einer neuen, erstmals weltumspannenden "Völkerwanderung" in Gang. Der erste Schritt dieses globalen Migrationsprozesses führt die aus den traditionellen landwirtschaftlichen Produktionszusammenhängen herausgerissenen Opfer des Weltmarktes in die in den Großstädten der peripheren Staaten gelegenen Zentren der Kapitalverwertung. Der zweite treibt viele der dort überzähligen Arbeitskräfte weiter in die Metropolen selbst.

Beim Proletariat der hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften ruft die neue "Völkerwanderung" ein Bewußtsein der Fremdenfeindlichkeit hervor. Dieses ist nicht nur durch die von den Neuankömmlingen unmittelbar ausgehende Bedrohung (Stichworte: verschärfte Konkurrenz am Arbeits- und Wohnungsmarkt) verursacht. Ihren letzten, eigentlichen Grund haben die neuen xenophoben Tendenzen in der dumpfen, nie ins klare Bewußtsein gehobenen Ahnung von einer grundlegenden Verschiebung des eigenen Standorts im Prozeß der Ausbeutung von Arbeitskraft: Die Lohnabhängigen der Metropolen, die noch für Marx Sklaven waren, welche nichts zu verlieren hatten als ihre Ketten, sind in dem jetzt nicht mehr bloß als begriffliche Abstraktion sondern ganz real existierenden Universalsystem der Ausbeutung zur Elite des Weltproletariats aufgestiegen. Diese stellt hinsichtlich ihres Lebens- und Konsumstandards eine der privilegierten Mittelschichten des Globus dar, welche längst viel mehr als nur Ketten zu verlieren hat und sich nun einer riesigen, neuen Klasse von Parias gegenübersieht, die mit ihr gleichziehen wollen.

Die Angst der in den Metropolen beheimateten Arbeitskräfte vor dem Verlust ihrer privilegierten Position ist nur allzu begründet. Denn die durch die geänderten Verwertungsbedingungen verstärkte Tendenz der Unternehmen zur Abwanderung an die Peripherie schafft härtere Wettbewerbsbedingungen für das an den alten Standorten verbleibende Kapital und führt damit zu einer Beschleunigung des Rationalisierungsprozesses in den Metropolen selbst. Auch hier spielt wieder die explosive Entwicklung der Produktivkräfte, vor allem jene der Informationstechnologie eine entscheidende Rolle. Sie führt einerseits zu einer Fortsetzung des Siegeszuges der Automation in der Industrie und ermöglicht andererseits in immer größerem Ausmaß die Einsparung von menschlicher Arbeitskraft auch im Dienstleistungssektor, jenem Bereich, der bislang ein Auffangbecken für die durch industrielle Automation freigesetzten Arbeitskräfte gebildet hat.

Die scharfe Konkurrenz der jetzt neu in den nun universellen Ausbeutungszusammenhang eintretenden Massen von unorganisierten und daher billigen Arbeitkräften führt so im Bereich der Metropolen in Verbindung mit dem hier steigenden Rationalisierungsdruck zur Entstehung einer immer größeren strukturellen Arbeitslosigkeit. Wie die große Depression der dreißiger Jahre trägt auch diese Krise der menschlichen Arbeitskraft wieder vielfache Tendenzen zur Selbstverstärkung im Sinne einer nach unten gerichteten Spirale in sich. Ein Beispiel dafür sind die durch die Intensivierung der internationalen Konkurrenz motivierten Versuche zur Reduktion der unproduktiven Kosten staatlicher Verwaltung. Dabei wird mittels Privatisierung öffentlicher Leistungen und Einführung von privatwirtschaftlichen Organisationsmodellen im öffentlichen Dienst nicht nur ein zusätzlicher Abbau von Arbeitnehmern bewirkt, sondern zudem auch die zuvor sehr hohe Kapazität dieses Sektors zur Aufnahme von in der Privatwirtschaft freigesetzten Lohnabhängigen vermindert.

... und seine Lösung

Der durchschlagende Erfolg der Organisierung der Ware Arbeitskraft im Rahmen der Arbeiterbewegung der westlichen Industriestaaten hat also dazu geführt, daß die Arbeitskosten im Vergleich zu jenen der in den kapitalistischen Verwertungsprozeß eingetreten Peripheriegesellschaften nicht mehr konkurrenzfähig sind.

Die Reaktion der hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften auf diese Problematik besteht in der organisatorischen Aufspaltung der hier stattfindenden Produktion in einen Kernprozeß und eine künstlich erzeugte, innere Peripherie. Nun gab es zwar immer schon auch innerhalb der alten Industrienationen eine Ungleichzeitigkeit der Entwicklung einzelner Teilregionen. Das Neue an der derzeit stattfindenden Peripheriebildung ist der Umstand, daß es sich dabei nicht um einen in erster Linie räumlich, das heißt regional definierten Vorgang handelt, sondern um einen Differenzierungsprozeß, welcher in einem noch genauer zu erläuternden Sinn viel eher sozioökonomisch als geographisch zu verstehen ist.

Der makroökonomische Effekt dieser internen Peripheriebildung besteht in Folgendem: Durch die Aufspaltung der Produktion in einen privilegierten Kernbereich und eine immer größer werdende innere Peripherie mit wesentlich erhöhter Ausbeutungsrate steigt (unter Vermeidung von produktivitätsmindernden Arbeitskämpfen um betriebsinterne Maßnahmen der Lohnreduktion und des Sozialabbaues!) die durchschnittliche Rate des Mehrwerts in den Metropolen insgesamt an. Dadurch können die hier gelegenen Standorte wieder eher mit den neuen kapitalistischen Gesellschaften der dritten Welt konkurrieren.

Der erwähnte Aufspaltungsvorgang nimmt zwei Hauptformen an, von denen die eine als eine Art neues betriebswirtschaftliches "Diätideal" daher kommt. Es handelt sich dabei um die Tendenz zur Herausbildung von sogenannten "schlanken" Unternehmensstrukturen. Die Schlankheit der betrieblichen Organisation wird dadurch erreicht, daß so viele Management-, Verwaltungs- und Produktionsfunktionen wie möglich in kleinere Subunternehmen ausgelagert werden, wobei sich natürlich auch diese Subunternehmen selbst dem Schlankheitsideal unterwerfen und ebenfalls wieder so weit wie möglich die Politik der Auslagerung betreiben. Endpunkt dieser Entwicklung ist ein Konzern wie Adidas, welcher praktisch alle Leistungen zukauft und selbst nur mehr aus der leeren Hülle eines Markennamens besteht.

Die breitflächige Praktizierung dieser Strategie unterläuft jenen negativen Nebeneffekt des Prozesses der Kapitalkonzentration, welcher darin bestand, daß auch auf der Seite der Arbeitskräfte eine Konzentration (zu immer größere Belegschaften mit immer mächtigeren Betriebsräten) stattfand, zugunsten einer Renaissance von fast frühkapitalistisch anmutenden kleinbetrieblichen Organisationsformen. So weisen die neuen Subunternehmen nicht nur ein geringeres Lohnniveau als die Stammbetriebe auf, sondern sind auch in ihren sonstigen sozialen Leistungen für die Belegschaft wesentlich zurückhaltender. Das häufige Fehlen von Betriebsräten und die hier von vornherein sehr schwache Position der Gewerkschaften ermöglichen zudem nicht nur den Bruch des Arbeitsrechts auf allen Linien, sondern sind auch die Voraussetzung für das Einsickern von unangemeldeten, d.h. nicht sozialversicherten ausländischen Arbeitskräften in den Produktionsprozeß.

Nach der Beschreibung der ökonomischen Funktion des neuen betriebswirtschaftlichen Schlankheitsideals ist noch ein kurzer Blick auf die ideologischen Voraussetzungen seiner Entstehung zu werfen. Diese bestehen darin, daß sich in den Hirnen der Mitglieder der hochkapitalistischen Gesellschaftssysteme die Überzeugung von der überragenden Problemlösungskapazität des Steuerungsprinzips "Markt" immer fester verwurzelt hat. Dadurch ist der Markt bzw. das Warenverhältnis allmählich zum universellen Ordnungsmechanismus aufgestiegen, der nicht nur alle Lebensbereiche bis ins intimste Privatleben hinein dominiert, sondern natürlich auch im betriebswirtschaftlichen Denken seinen Niederschlag findet: Fungierte er die längste Zeit in erster Linie nur als Regelungsinstrument für die Außenbeziehungen zwischen den Produzenten und Konsumenten, so wird er nun auch als Steuerungsinstanz für die arbeitsteiligen Beziehungen innerhalb der einzelnen Produktionsvorgänge eingesetzt. Was vorher die Hierarchie einerseits und die unternehmensinterne Kostenrechnung andererseits zu leisten hatten, wird nun durch das Zukaufen von extern erbrachten Leistungen der Steuerungskapazität des Marktes anvertraut.

Modernste innerbetriebliche Managementmethoden sind dadurch natürlich nicht überflüssig geworden. Im Gegenteil: Sie werden konsequenter denn je bei den in den Stammbetrieben verbleibenden Produktionsvorgängen sowie im Bereich der Subunternehmen angewendet. Die kostensenkende Kraft dieser Rationalisierungtechniken verbindet sich aber nun mit dem Effekt der Konkurrenz zwischen den Zulieferern. Damit sind wir dem zweiten Erfolgsgeheimnis der neuen Schlankheitsdiät auf die Spur gekommen: Kosteneinsparend wirkt nicht nur die "ausbeutungsgerechte" kleinbetriebliche Struktur der Subunternehmen sondern ebenso der mörderische Wettkampf zwischen ihnen.

Neben der Auslagerung von Teilarbeiten an Zulieferbetriebe hat sich noch eine zweite Hauptform der Teilung der Produktion in Kernbereich und Peripherie herausgebildet. Es handelt sich dabei um die Tendenz zur Aufspaltung der Belegschaften in ein kontinuierlich beschäftigtes Stammpersonal und fallweise herangezogene freie Mitarbeiter. Ein Konzern wie Toyota, einst Garant für lebenslange Arbeitsverhältnisse, beschäftigt mittlerweile ganze 60 Prozent seiner Belegschaft als bloße Zeitarbeiter. Die neue Tendenz ist aber auch schon in Europa rasant im Vormarsch begriffen. In den Niederlanden etwa hat nur noch jeder dritte Arbeitnehmer eine Stelle im herkömmlichen Sinn mit geregelter Arbeitszeit, Sozial- und Pensionsversicherung sowie bezahltem Urlaub. Ein anderes Beispiel bietet das postthatcheristische Großbritannien, wo bloß 40 Prozent der Angestellten und Beamten noch in regulären Jobs arbeiten.

Der makroökonomische Effekt dieses Prozesses weist in die selbe Richtung wie die Tendenz zum Subunternehmertum: Auch hier wird in Teilbereichen der Produktion unter Vermeidung von produktivitätsfeindlichen Arbeitskämpfen mit den gut organisierten Stammbelegschaften die Ausbeutungsrate drastisch erhöht. Der Freelancer hat keinerlei Ansprüche auf Abfertigung, Urlaub, Krankenstand oder sonstige für die fixen Mitarbeiter selbstverständliche und nur unter schweren Auseinandersetzungen abbaubare Unternehmensleistungen. Er sorgt auf eigene Rechnung für seine Sozialversicherung sowie die laufende Weiterqualifizierung seiner Ware Arbeitskraft. Darüber hinaus ist er jederzeit abrufbar und kann ebenso schnell wieder fallen gelassen werden.

Im Zentrum der geschilderten Entwicklung steht die Tätigkeit der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz. Der Vorgang greift aber bereits mit Vehemenz auf andere Bereiche der gesellschaftlichen Arbeit über. Man denke nur an die in den letzten Jahren immer häufiger auftretenden Formen des Vertriebs von Produkten bzw. Dienstleistungen über sogenannte Franchisenehmer. Auch der Trend zur Leiharbeit, der sich bei weitem nicht nur auf Bürotätigkeiten erstreckt, sondern ebenso im Bereich von Fertigung und Montage einen Schwerpunkt besitzt, ist an dieser Stelle zu nennen. In der BRD etwa hat sich die Zahl der Leiharbeitskräfte seit 1983 verfünffacht. Bei dieser Form der Bereitstellung von Mitarbeitern handelt es sich um eine Art Zwitterwesen, das die ökonomischen Funktionen des Subunternehmertums und jene der Herausbildung einer Reservearmee von modernen Nomaden des Arbeitsmarktes in sich vereint.

In sprachlicher Anlehnung an den gleichzeitig ablaufenden Prozeß der Reprivatisierung ehemals staatlicher Leistungen könnte man bei der hier beschriebenen Tendenz des Umgangs mit der Lohnarbeit von einer Reindividualsierung der zuvor kollektiv organisierten Ware Arbeitskraft sprechen. Die sich für das Kapital ergebenden strategischen Vorteile der Aufspaltung des vormals auch in politischer Hinsicht eher kollektiv-solidarisch agierenden Klassengegners in atomisierte Individuen liegen so sehr auf der Hand, daß es müßig ist, sich hier ausführlich darüber zu verbreiten. Es ist jedoch der Frage nachzugehen, wieso diese Vereinzelung der Arbeitnehmer in einer Gesellschaft mit immer komplexeren Systemen der Arbeitsteilung überhaupt möglich ist?

Wenn wir dieses Problem betrachten, dann erkennen wir, daß die Reindividualisierung der Ware Arbeitskraft nur deshalb eine so gut funktionierende Strategie zur Erhöhung der Ausbeutungsrate darstellt, weil der gesellschaftliche Produktionsprozeß derzeit generell eine Phase der Reindividualisierung durchmacht, in welcher einige charakteristische Merkmale der vorindustriellen Arbeitsorganisation wieder an Bedeutung gewinnen. Es sind dafür vor allem zwei Entwicklungen verantwortlich:

- Automation und Informationstechnologie bieten die Voraussetzung für das tendenzielle Abgehen von der Massenproduktion in Richtung auf eine am individuellen Bedarf des jeweiligen Konsumenten zugeschneiderte Fertigung.
- Das bereits erwähnte Konzept des schlanken Unternehmens impliziert nicht nur die Auslagerung von Teilen der Organisation, sondern führt auch zu einer Enthierarchisierung der im Betrieb verbleibenden Organisationselemente. An die Stelle von vertikal gerichteten Steuerungs- und Kontrollstrukturen tritt zunehmend die an einzelne Arbeitskräfte bzw. Kleingruppen delegierte Entscheidungsautonomie bzw. Selbstkontrolle. Auch diese Entwicklung ist wieder eine unmittelbare Folge der bereits beschriebenen Verschärfung der Konkurrenzsituation: In dem Maß, in welchem immer rascher auf Veränderungen des Marktes und der Technologie reagiert werden muß, erweisen sich die herkömmlichen hierarchischen Kontroll- und Entscheidungsmuster ganz einfach als zu unflexibel.

Niederschlag der Problematik in der wirtschaftspolitischen Diskussion

Wir sind damit bei jenem Schlüsselbegriff angelangt, unter dem die im vorliegenden Artikel behandelten Strategien des Kapitals propagiert und in die Tat umgesetzt werden: Flexibilität, bzw. Flexibilisierung lauten die Schlagworte der Stunde. Denn die Starrheit, das altmodische Gegenstück zu der nun allseits beliebten Flexibilität, ist ja die Starrheit der in solidarischen Kämpfen errungenen Absicherungen, Regelungen und Begrenzungen, welche die Arbeitskosten in den Metropolen belasten. Starr ist auch das Kollektiv der durch sie abgesicherten Arbeitskräfte und dessen Organisation, die Gewerkschaft. Flexibel dagegen der freie Mitarbeiter, der alle Risiken und Zusatzkosten auf sich nimmt. Flexibel auch der kleine Subunternehmer, der dem Großbetrieb diese Risiken und Zusatzkosten abnimmt, indem er sie auf die Rücken der von ihm ausgebeuteten Lohnarbeiter überwälzt.

Flexibilität als neue Generaltugend des homo oeconomicus erstreckt sich zwar prinzipiell auf alle makroökonomischen, betriebswirtschaftlichen und individuellen Aspekte des Wirtschaftens, besitzt aber ihren zentralen Referenzpunkt bei den auf die Arbeitszeit bezogenen Einstellungs- und Verhaltensmustern. Hat sich das Proletariat seinerzeit in der Auseinandersetzung um eine geregelte Arbeitszeit als Kollektiv konstituiert, so bildet sich nun die Identität der reindividualisierten Arbeitskräfte in der Auflehnung gegen die Herrschaft genau dieser Normalarbeitszeit heraus.

Die klassische Auseinandersetzung um die Arbeitszeit war ja nicht nur eine um die Verkürzung des täglichen und wöchentlichen Ausbeutungspensums, sondern hatte ebenso die Angleichung der Lebensrhythmen aller Mitglieder der neuen Klasse an einen gemeinsamen Takt zum Ziel. Sie wurde damit zu einem ganz wichtigen Motor für die Herausbildung des kollektiven Charakters der traditionellen Arbeiterklasse. Und in einem komplementären Sinn dazu ist nun der Kampf der Arbeitskräfte neuen Typs um Zeitsouveränität Ausdruck des Ringens um ihre neue Individualität.

Es ist dies ein Ringen, in welchem eine seltsame Allianz mit den Unternehmern eingegangen wird. Beide Seiten rufen im Chor nach mehr Flexibilität. Während aber die einen damit den Abbau von Überstundenzuschlägen meinen, wünschen sich die anderen mehr Autonomie in der Gestaltung ihres Lebensalltags. Und genau in dieser Janusköpfigkeit liegt die ungeheure soziale Sprengkraft und Bedeutung des Begriffs der Flexibilität. Denn durch sie vermag er Koalitionen zu stiften zwischen an sich gegensätzlichen gesellschaftlichen Klassen - so wie es einst in der Zeit des Frühkapitalismus der Begriffe der "Freiheit" und "Gleichheit" bedurfte, um das Bürgertum und den Vierten Stand für kurze Zeit im Kampf gegen das ancien regime zu vereinen.

Und wie es damals galt, diese doppelbödigen Begriffe einer ideologiekritischen Analyse zu unterziehen, indem der ihnen anhaftende Schein eines allgemein menschlichen Fortschritts entlarvt wurde als Mäntelchen für die Durchsetzung der Sonderinteressen einer bestimmten Klasse, so gilt es auch heute wieder Kritik zu üben an dem neuen von der herrschenden ökonomischen Lehre gesponnenen Verschleierungszusammenhang.

Damit deutlich wird, wie sehr der hier aufgezeigte Problemraster den gesamten wirtschaftspolitischen Diskurs bestimmt, wie er als ein uneingestandenes, implizites Paradigma das Denken der Ökonomen leitet, sollen nun neben dem zentralen Begriff der Flexibilität noch in kurzer, beispielhafter Form zwei weitere Schlagworte aus der aktuellen Diskussion angesprochen werden, die ebenfalls im Kontext der beschriebenen Basisstrategie einer möglichst konfliktfreien Erhöhung der Ausbeutungsrate in den Metropolen stehen.

Beim ersten der beiden Themen handelt es sich um die landauf landab zur Sicherung der Konkurrenzfähigkeit des jeweiligen Standorts propagierte "Senkung der Lohnnebenkosten'. Diese sind im Gegensatz zum Lohn selbst, welcher der Arbeitskraft direkt ausbezahlt wird, zu einem wesentlichen Teil ein Tribut an die Klasse der Lohnabhängigen als Kollektiv (Kammerumlagen, Sozialversicherungsbeiträge, usw.). Mit der Vereinzelung der Arbeitnehmer und der Rückverlagerung von Kosten und Risiken auf das isolierte Individuum hat auch die Stunde der Lohnnebenkosten geschlagen. Die reindividualisierte Arbeitskraft hat das Bewußtsein von der Wichtigkeit dieser kollektiven Lohnbestandteile verloren und läßt sie sich relativ widerstandslos abknöpfen, so lange nur der in individuellen Konsum umsetzbare Lohn "noch halbwegs stimmt'.

An dieser Stelle ist wieder auf die ideologischen Voraussetzungen für die erfolgreiche Praktizierung dieser Strategie des Kapitals zu verweisen: In dem Maße wie durch den Aufstieg des Marktes zum universellen Problemlösungsmechanismus der individuelle Warenkonsum zur ausschließlichen Form der Befriedigung von Bedürfnissen wird, tritt die kollektive Aneignung von Lebensgütern (angefangen vom gemeinsamen Sozialversicherungsschutz bis hin zur Wohnbauförderung) in den Hintergrund. Damit wird der Lohn, als die materielle Basis dieser Form des Konsums subjektiv wichtiger als die auf die auf das kollektive Aneignungsmuster bezogenen Lohnnebenkosten.

Wie die Senkung der Lohnnebenkosten setzt auch eine zweite Lieblingsidee unserer Wirtschaftspolitiker am hier beschriebenen Strukturwandel der gesellschaftlichen Arbeit an, um ihn in weiterer Folge noch stärker zur Geltung zu bringen. Es handelt sich dabei um die hierzulande vorerst nur propagierte, andernorts längst in die Wege geleitete Förderung zur Selbständigmachung der von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeitnehmer. Die Kleinstbetriebe, welche so im Zuge der oft beschworenen "Gründungswellen" entstehen, können trotz Förderung zu einem sehr großen Teil nur durch schärfste Selbstausbeutung der neuen "Unternehmer" (bzw. ihres Personals) überleben und stellen damit letztlich bloß eine weitere Vergrößerung des Volumens der künstlich erzeugten inneren Peripherie dar.

Bevor abschließend einige Konsequenzen der aktuellen Situation für das politische System und die gewerkschaftliche Organisation der Lohnarbeit benannt werden, ist noch auf wichtige Rahmenbedingungen und Begleiterscheinungen der hier aufgezeigten Entwicklungen einzugehen.

Widerspruch zwischen den Rhythmen des Kapitals und jenen des Lebens

Es wurde bisher dargelegt, wie der Übergang zu neuen Formen der Flexibilität bei Arbeitsorganisation und Arbeitszeit die Aufgabe einer konfliktfreien Erhöhung der Ausbeutungsrate in den Metropolen bewältigt. Erfolgreiche gesellschaftliche Problemlösungsmechanismen haben aber zumeist die Eigenschaft, mehrere funktionale Notwendigkeiten der Systemstabilisierung gleichzeitig zu erfüllen. Und so ist es auch beim aktuellen Flexibilitätsboom. Um dies zu erläutern, ist es erforderlich, auf eines der wesentlichsten Systemprobleme hochindustrialisierter Gesellschaften etwas näher einzugehen. Es handelt sich dabei um den sich immer schärfer zuspitzenden Widerspruch zwischen den Zeitstrukturen des Kapitals und jenen des Lebens.

Man könnte die gesamte Entwicklung der modernen kapitalistischen Industrie- oder Dienstleistungsunternehmen als die Geschichte der Entstehung einer immer grausameren Diktatur der ökonomisch und technologisch determinierten Zeit über die biologisch, psychisch und sozial getakteten Lebensrhythmen der in diesen Betrieben arbeitenden und deren Produkte konsumierenden Menschen schreiben. Im Laufe dieser Geschichte wurden sämtliche Arbeitsabläufe, die in den Sog jenes unbarmherzigen Prozesses gerieten, zerrissen, oder in winzigste Teilstücke zerhackt und danach entsprechend den Erfordernissen des Kapitals wieder zusammengesetzt, um in rasendem Tempo, jederzeit und von jedermann beliebig wiederholbar, aufs neue abgespult werden zu können. Man hat dabei systematisch alle Zwischenräume und Nischen ausgemerzt, welche die in die betreffenden Abläufe eingebundenen Menschen ursprünglich vorgefunden oder sich zwischendurch geschaffen hatten, um dem immer rasenderen Pulsieren der Produktion wenigstens vorübergehend zu entkommen.

Die psychosozialen Folgen der permanenten Vergewaltigung der natürlichen Lebensrhythmen, allgemein bekannt als die Symptomatik des Streß, hatten bislang in erster Linie die betroffenen Individuen selbst und die gesamte Gesellschaft, nicht aber die den geschilderten Prozeß vorantreibenden und von ihm profitierenden Unternehmen zu tragen. Nun ist jedoch diese Entwicklung in den hochindustrialisierten Gesellschaften an einem Punkt angelangt, an dem zum einen die dem Gesundheitssystem, also der Allgemeinheit aufgeladenen Folgekosten der Streßerkrankungen keine vernachlässigbare Größe mehr sind, und an dem zum anderen auch in den Betrieben selbst zunehmend streßbedingte Reibungsverluste entstehen, welche die schönsten Rationalisierungseffekte zunichte machen.

Letzteres hängt nun wieder aufs engste mit der Tendenz zur Individualisierung des Produktionsprozesses zusammen: Durch Selbstkontrolle und autonome Entscheidungen von einzelnen oder Kleingruppen gelenkte Arbeitsabläufe sind ganz einfach anfälliger für die negativen kognitiven und emotionalen Effekte der Streßsymptomatik als hierarchisch gesteuerte Vorgänge, in denen die Arbeitskräfte nur als Marionetten funktionieren, die jederzeit ausgetauscht werden können, wenn sie ausgebrannt sind. In eine ähnliche Richtung wirkt übrigens auch die immer höhere Anlagenintensität vieler Produktionsprozesse. Sie führt dazu, daß die Folgen menschlicher Fehler immer teuer für die Unternehmen werden, wodurch ein weiterer Anreiz zum Abbau der streßauslösenden betrieblichen Organisations- und Zeitstrukturen entsteht.

Die eben angeführten Umstände tragen dazu bei, daß die Flexibilisierung der Arbeitszeit in der gegenwärtigen Situation weit mehr ist als ein Instrument zur möglichst konfliktfreien Erhöhung der Ausbeutungsrate. Sie stellt vielmehr neben der Erfüllung dieser Funktion zugleich auch eine der wichtigsten Antworten auf den zugespitzten Widerspruch zwischen den Rhythmen des Kapitals und jenen des Lebens dar. Und solche Antworten erscheinen um so dringlicher als die zeitlichen Erfordernisse der Produktionsprozesse nun nicht mehr bloß mit relativ einheitlichen sozialen und psychosozialen Ablaufmustern konkurrieren, sondern einer im Zuge der Individualisierung der Arbeitskräfte entstandenen, äußerst bunten Vielfalt von subkulturellen und personellen Rhythmen gegenüberstehen.

Ist aber die Flexibilisierung der Arbeitszeiten erst einmal als gesellschaftlich anerkannter Mechanismus zur Entschärfung der Gegensätze zwischen den Rhythmen des Kapitals und jenen des sozialen Lebens etabliert, wird sie selbst zu einem Motor für die noch vollständigere Aufsplitterung der gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozesse in ein immer unentwirrbareres Gestrüpp von asynchronen Abläufen. Dadurch verschärft sie das Problem, welches zu lösen sie vorgibt, nur noch weiter, was dann entsprechend der inneren Dynamik von Suchtverhalten (in diesem Fall: der Sucht nach immer mehr Flexibilität) zum allgemeinen Ruf nach noch weitergehenden Flexibilisierungsanstrengungen führt. Eindrucksvollstes Beispiel für diese Gesetzmäßigkeit ist die aktuelle Ladenschlußdebatte. Die besondere Dringlichkeit des Wunsches nach längeren Geschäftsöffnungszeiten ist allerdings nicht nur dem durch die allgemeine Flexibilisierung der Produktions- und Reproduktionsrhythmen erzeugten objektiven Druck auf eine parallele Deregulierung der Konsumzeiten geschuldet. Die bei unvoreingenommener Betrachtung zunächst unverständliche Hektik, mit welcher die gesamte Meute der Wirtschaftsjournalisten und Flexibilisierungstheoretiker nach Ladenschlußfreiheit schreit, wird erst nachvollziehbar durch Rekurs auf die Psychopathologie hochentwickelter kapitalistischer Gesellschaftssysteme.

Hier hat die bereits mehrfach erwähnte Verabsolutierung des Marktes als einzig anerkanntes Instrument zur Lösung individueller und sozialer Probleme zu einer so vollkommenen Internalisierung des Warenfetisch in die Psychostrukturen geführt, daß das auch nur stundenweise Fehlen von Konsummöglichkeiten Angst, und damit in weiterer Folge Aggression erzeugen muß. In dem nunmehr erreichten, nicht einmal von einem prophetischen Denker wie Marx geahnten, Stadium höchstmöglicher Selbstentfremdung, ist der Mensch nicht mehr bloß als Ware Arbeitskraft in den ökonomischen Kreislauf integriert, sondern kann sich auch in seinen privatesten Lebensäußerungen nur noch als Ware begreifen und Glück oder Befriedigung ausschließlich im Konsum von Waren erleben.

Ideologische Rahmenbedingungen und Folgen der Reindividualisierung der Arbeitskraft

Wenn wir uns nun schließlich den Folgen der neuen ökonomischen Situation für die politische und gewerkschaftliche Organisierung der Arbeitskräfte in den Metropolen zuwenden, so ist zunächst darauf hinzuweisen, daß der im Zentrum der geschilderten Veränderungen stehende Prozeß der Reindividualisierung der Arbeit das Produkt einer sich bereits seit mehreren Jahrzehnten anbahnenden Entwicklung darstellt.

Schon durch die in den sechziger Jahren von Goldthorpe und Lockwood durchgeführten industriesoziologischen Studien geistern die Vorläufer des modernen Arbeitnehmers als Exemplare eines damals noch unbekannten Typs "wohlhabender" und "geldorientierter" (money minded) Proletarier. Auf den Begriff gebracht wird der Wandel der Charaktermasken der Lohnarbeit dann in einer 1979 von Hack et.al. unter dem Titel "Leistung und Herrschaft" publizierten Studie, welche den ganzen Facettenreichtum unterschiedlicher Orientierungsmuster und Interessenbrennpunkte der sich aus kollektiv-solidarischen Bindungen lösenden Arbeitskräfte analysiert.

Die Tendenz zur Neudefinition der gesellschaftlichen Rolle des Arbeitnehmers verläuft natürlich nicht so linear wie es in der vorliegenden, überblicksartig gerafften Darstellung den Anschein haben mag. Und gänzlich verfehlt wäre die Vorstellung, daß das Kapital quasi auf Knopfdruck Prozesse in Gang setzen kann, die ihm gerade in den Kram passen. Was sich vor unseren Augen abspielt, hat vielmehr neben den bereits erwähnten Veränderungen auf der Ebene der Produktivkräfte und der betrieblichen Arbeitsorganisation auch das Totlaufen der althergebrachten Formen kollektiver Solidarität in erstarrter Betriebsratsmacht und abgehobener Funktionärshierarchie zur Voraussetzung. Darüber hinaus fußt es auf der sich erst im Zuge des steigenden Wohlstands und der Vervielfältigung des Konsumangebots allmählich herausbildenden ökonomischen Basis für die individuelle Entfaltung der Arbeitskraft im Bereich ihrer Reproduktion (d. h. als Konsument). Nur auf dem so von vielen Seiten her materiell und ideologisch aufbereiteten Boden kann das Konzept der Reindividualisierung jetzt so erfolgreich auch beim Verkauf der Ware Arbeitskraft durchgesetzt werden.

Trotz dieses sich auf vielen Ebenen parallel vollziehenden Wandels ist jedoch die zur Zeit stattfindende Reindividualisierung der Arbeitskraft natürlich nur eine partielle. In einem entscheidenden Punkt handelt es sich hier bloß um eine Spielform des schon von Marx in der Kritik der politischen Ökonomie aufgezeigten falschen Bewußtseins: Der Freelancer mag sich als Wiedergeburt des einfachen Warenproduzenten fühlen und auch dessen Stolz kultivieren ebenso wie seine neue Freiheit. Und doch ist er natürlich in Wahrheit weit davon entfernt, einfacher Warenproduzent zu sein, weil er ja seine Ware nicht mit anderen einfachen Warenproduzenten sondern mit dem Kapital bzw. innerhalb des Kreislaufes einer vom Kapital dominierten Wirtschaft tauscht. Er liebt seine Freiheit, es ist aber nur eine Freiheit von Sicherheit und Mitsprache. Er ist stolz auf seine Flexibilität, es ist aber nur eine im Dienste der von anderen dominierten Wirtschaftsabläufe, er vertraut auf die Kräfte des Marktes, ist aber in Wahrheit nur dessen erstes Opfer.

Im Rechtsgeschäft des "Werkvertrages', den der freie Mitarbeiter mit dem Unternehmen seiner Wahl eingeht, findet der hier aufgezeigte ideologische Schein seinen adäquaten Ausdruck. In dieser Form des Arbeitsvertrages wird eine Beziehung zwischen dem Lohn für die erbrachte Leistung und einem imaginären "Werk" konstituiert, das nicht zufällig Assoziationen an das Werkstück des Handwerksmeisters aus der Epoche der einfachen Warenproduktion weckt. Der reale ökonomische Gehalt der Werkvertrages besteht jedoch häufig in Wahrheit darin, als Stücklohn im Sinne des industriellen Akkords zu fungieren.

Die hier in ihren idealtypischen Konturen aufgezeigte Bewußtseinslage des Freelancers prägt das Verhalten der neuen Lohnarbeiter nicht nur in den Sphären der Produktion und Reproduktion, sondern ist zugleich die ideologische Basis für einige in jüngster Zeit entstandene politische Bewegungen. Während jene Arbeitskräfte, welche in der Umgruppierung der Arbeitnehmer zwischen gut organisierten Stammbelegschaften einerseits sowie dynamischen Freelancern andererseits auf der Strecke bleiben, und daher oft als die sogenannten "Modernisierungsverlierer" bezeichnet werden, einen guten Teil des Protestpotentials der rechtspopulistischen bis faschistoiden Bewegungen à la Haider bilden, finden die aktuellen Spielarten des Liberalismus (wie z. B. das "Liberale Forum" aber auch bestimmte Strömungen innerhalb der Grünbewegung) großen Anklang bei den aus traditionellen Klassenbezügen herausgefallen und von der Bindung an bestimmte Unternehmen "befreiten" Lohnabhängigen neuen Typs, welche die Herausforderung ihrer ungesicherten ökonomischen Lage offensiv und grundsätzlich bejahend aufgreifen.

Dabei stellen die autoritäre und die liberale Strömung, so paradox das auf den ersten Blick erscheinen mag, nur zwei Seiten ein und derselben Medaille dar. An beider Wiege steht die mit einer drastisch verschärften Arbeitsmarktkonkurrenz und dem gleichzeitigen Wegfall von bislang vorhandenen Schutzmechanismen konfrontierte Arbeitskraft. Diese antwortet auf die prekäre Situation mit Reaktionsmustern, welche von der Sozialpsychologie als verschiedene Formen regressiven Abwehrverhaltens in Konfrontation mit einem übermächtigen Gegner beschrieben worden sind.

Die Macht, vor der die Arbeitskraft kapituliert, ist in diesem Fall der Markt in seiner kapitalistischen Verfaßtheit als grundsätzlich von keiner der neuen politischen Formationen in Frage gestelltes System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Im Fall der faschistoiden Tendenzen wird die Aggression gegen die zerstörerische Kraft dieses Organisationsmusters, das man nicht direkt zu bekämpfen wagt, auf weniger bedrohliche, besiegbar erscheinende Gegner projiziert, denen man die Schuld für die eigene Misere gibt. Hier hat nicht nur die Hatz auf "Gewerkschaftsbonzen" und leistungsschwache "Sozialschmarotzer" ihre Wurzeln. Auch die zu Beginn dieser Zeilen mit der sich zuspitzenden Konkurrenzsituation auf den weltweiten Arbeitsmärkten in Verbindung gebrachte Fremdenfeindlichkeit erhält durch das projektive Geschehen, welches die Ausländer zu kriminellen und gewalttätigen Bedrohungsfiguren stempelt, zusätzliche Nahrung.

Im politischen Bewußtsein des neuen Liberalen ist kritische Distanz zum Markt und dessen Gesetzlichkeit ebenfalls ein absolutes Tabu. Er flüchtet sich jedoch nicht in Projektionsversuche, sondern stilisiert im Sinne einer Identifikation mit dem Aggressor die Destruktivität dieses gesellschaftlichen Steuerungsmechanismus zur reinigenden Kraft einer "invisible hand" hoch. Er geißelt feinsinnig die im grobschlächtig-autoritären Gehabe der rechten Populisten liegende Brutalität und Kulturlosigkeit, unterwirft sich selbst jedoch bedingungslos den Brutalitäten des freien Wohnungsmarktes bzw. der Kulturlosigkeit der vollkommerzialisierten Massenmedien und des vom Korsett des Ladenschlusses befreiten, vierundzwanzigstündigen Konsummarathons.

Die Schockwellen der aktuellen ökonomischen Umwälzungen zeigen sich aber nicht allein an der die Oberfläche des politischen Systems bildenden Parteienlandschaft, sondern auch in dessen Tiefenstrukturen. Abgesehen davon, daß die mit der inneren Peripheriebildung im Bereich der kapitalistischen Metropolen einhergehende, vielfache Spaltung der Klasse der Lohnabhängigen an sich schon eine Schwächung von deren gewerkschaftlicher und politischer Position bedeutet, hat die Reindividualisierung der Arbeitskraft weitgehende Folgen für die grundsätzliche Politisierbarkeit von Problemen und Bedürfnissen: der klassische, kollektiv-solidarisch orientierte Proletarier war wesentlich einfacher für bestimmte gemeinsame Anliegen zu organisieren als der individuell-erfolgsorientierte Arbeitnehmer neuen Typs.

Der Grund dafür liegt darin, daß die innere Logik bzw. Zeitstruktur von politischen und gewerkschaftlichen Handlungsmustern, wie z. B. von Streiks, mit jener des individuell erfolgsorientierten Agierens nicht kompatibel ist. Die Effizienz politisch-gewerkschaftlicher Aktionen bemißt sich nicht an individuell einholbarem Erfolg, da der Zeithorizont, der für die Beurteilung der Sinnhaftigkeit von solchen Aktivitäten maßgeblich ist, die Handlungsperspektive des einzelnen Individuums in den meisten Fällen übersteigt. Wie oft geht der politische Sieg über die Leichen derer, die ihn erkämpft haben! In diesem Sinne war es rückblickend aus der Sicht individuell erfolgsorientierten Handelns zur Zeit der Anfänge der Arbeiterbewegung sicherlich zumeist höchst irrational, sich an einem Streik zu beteiligen. Und doch leben wir alle von den reichen Früchten dieser Irrationalität unserer Vorfahren.

Die Folgen der Reindividualisierung der Arbeitskraft bleiben jedoch nicht auf die Schwächung der politischen und gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterklasse beschränkt, sondern drohen den gesamten Rahmen des aktuellen politischen Systems zu sprengen. Denn das Grundmuster individuell erfolgsorientierten Handelns steht nicht nur zu bestimmten politischen Aktionsformen in Widerspruch, sondern ist letztlich auch inkompatibel mit dem für die repräsentative Demokratie konstitutiven Wahlakt. Dieser ist nach den Maßstäben individueller Erfolgsrationalität nicht begründbar: Eindringlich führt uns das sich an jedem Wahltag wiederholende Hochrechnungswunder vor Augen, daß es völlig gleichgültig für das Wahlergebnis ist, ob die einzelne Person wählen geht oder nicht.

Der Strom der Wähler zu den Wahllokalen ist seinem Wesen nach den Massenphänomenen des sonntägigen Kirchgangs oder der Maiaufmärsche viel ähnlicher als den Pilgerzügen der Käufer zu den Konsumtempeln an den langen Samstagen. Hier werden keine individuellen Interessen verfolgt, die sich dann erst hinterrücks zu einer Optimierung des Allgemeininteresses aufaddieren. Nein, hier findet eine direkte, gleichsam kultische Beschwörung des Gemeinwohls, was immer dies auch sei, statt. Mit der immer absoluteren Dominanz individuell erfolgsorientierten Agierens verliert diese Form des unmittelbar gemeinschaftsbezogenen Handelns zusehends an Sinnhaftigkeit und Attraktivität. Wir sehen die Folgen davon an der allgemeinen Rückläufigkeit der Wahlbeteiligung und der damit brüchig werdenden Legitimitätsgrundlage der repräsentativen Demokratie.

Formen der basisnahen, in kleinen und daher überschaubaren Zusammenhängen praktizierten Demokratie passen besser zur Logik des an Individualinteressen orientierten Handelns der neuen Arbeitnehmer und werden daher auf vielen Ebenen mit wachsendem Erfolg praktiziert. Können mit ihrer Hilfe aber auch die grundlegenden Steuerungsfragen hochkomplexer Gesellschaftssysteme bewältigt werden? Oder werden wir das Rationalitätsdefizit, das dem unmittelbar auf das Gemeinwohl bezogenen Agieren aus der Sicht der individueller Erfolgsrationalität anhaftet, schon sehr bald dadurch bewältigen, daß wir die Sorge um das Ganze wieder einem Führer anvertrauen?