| |
Für und Wider einer Idee
Grundeinkommen - Befriedung oder Befreiung?
Nicht neu, aber immer wieder auf's Neue
heftig umstritten ist die Idee eines Grundeinkommens für alle.
Auf den ersten Blick überrascht, daß gerade die (Wirtschafts-)Liberalen
sich dafür stark machen und die der Sozialpolitik verschriebenen
Linken und Alternativen sich durch höfliches Schweigen oder
gar Ablehnung auszeichnen. Aber gerade das sollte uns veranlassen,
die Sache genauer zu betrachten.
Von Klaudia Paiha.
Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, daß
seit der Industrialisierung die Idee eines Grundeinkommens in unregelmäßigen
Abständen immer wieder auftaucht, mit besonderer Vehemenz in
(wirtschaftlichen) Krisenzeiten. Und interessanterweise war es immer
schon besonders die liberal-konservative Seite, die diese Idee propagierte
und zum Teil sogar umsetzte. So gab es bereits 1795 in England ein
"Einkommen für Arme": Nach dem "Speenhamland-Gesetz" erhielt
jeder Arbeiter, dessen Lohn ein bestimmtes Minimum unterschritt,
einen staatlichen Zuschuß. 1834 wurde diese Regelung wegen
der darin eingebauten Armutsfalle wieder aufgehoben: für die
Industriellen gab es keine Notwendigkeit, die Löhne zu heben,
für die ArbeiterInnen gab es keinen Anreiz, zu versuchen, ihr
Einkommen zu vergrößern, solange es unter dem Minimum
blieb.
Und damit sind wir auch schon mitten in der Problematik der Sache,
die es uns - und gerade auch uns als alternativen GewerkschafterInnen
- so schwer macht, uns zu positionieren.
Ruhigstellung einer "Reservearmee" ...
Wenn gerade in Zeiten hoher Erwerbslosigkeit ein Grundeinkommen
für alle diskutiert wird, so kann dies aus zweierlei Motivationen
geschehen: einerseits in ernsthafter Sorge um die Existenzsicherung
aller, andererseits als Ablenkungsmanöver von den wahren Ursachen
der Lohnarbeitslosigkeit.
Immer wieder wird die hohe Erwerbslosigkeit dem verlangsamten
Wirtschaftswachstum zugeschrieben und daher die Förderung des
"Wirtschaftsstandortes Österreich" gefordert. Außer Betracht
gelassen wird dabei, daß sich durch den technischen Fortschritt
die Produktivität laufend erhöht, in Österreich und
der BRD alle 20 Jahre um 100 Prozent. Das heißt, heute kann
in Österreich in der gleichen Zeit doppelt so viel produziert
werden, wie vor etwa 20 Jahren. In logischer Konsequenz müßte
also die Arbeitszeit halbiert werden, um gleich vielen Menschen
Lohnarbeit anbieten zu können. Die Unternehmerseite aber spricht
von Arbeitszeitverlängerung, was implizit eine hohe Erwerbslosigkeit
bedeutet.
Eine hohe Erwerbslosigkeit hat für die Unternehmer mehrere
Vorteile:
- eine große Auswahl an potentiellen Arbeitskräften
- ein Druckmittel gegenüber den (noch) lohnabhängig Beschäftigten
- nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage die Möglichkeit,
die Löhne niedrig zu halten.
Neben den "Vorteilen" birgt aber hohe Erwerbslosigkeit auch eine
"Gefahr" für die Unternehmenseite: die um ihre Existenz bangenden
Menschen könnten "aufständisch" werden und - mehr oder
weniger vehement - Arbeitsplätze einfordern. Ein Grundeinkommen
könnte - frei nach dem Motto "gib, solange du dir noch aussuchen
kannst, wieviel" - diese "Gefahr" bannen.
... oder Befreiung aus der Lohnsklaverei?
Andererseits ist aber die Frage zu erheben, ob es - unter gegebenen
Rahmenbedingungen - überhaupt erstrebenswert ist, einen Arbeitsplatz
zu haben. Wir wissen, daß unendlich viele sinnlose, sprich:
zerstörerische Produkte erzeugt werden, von der Kosmetikindustrie
bis hin zur Rüstung. Und wir wissen auch, daß die lohnabhängig
Beschäftigten praktisch keine Möglichkeit haben, darauf
Einfluß zu nehmen, was wie und für wen produziert wird.
Die Demokratie endet vor den Werkstoren.
Ein garantiertes, ausreichend hohes, emanzipatorisches Grundeinkommen
würde zumindest jenen, die es sich leisten können, auf
einen solchen Arbeitsplatz zu verzichten und jenen, die bereits
jetzt - unter schwierigsten existenziellen Bedingungen - solche
Arbeitsplätze verweigern eine finanzielle Absicherung bieten.
Es würde uns dem Recht auf individuell akzeptable Arbeit zumindest
einen Schritt näher bringen.
Ein weiteres Argument für ein Grundeinkommen (immer vorausgesetzt,
es handelt sich um die emanzipatorische Variante, d.h. ohne Arbeitsverpflichtung
und in entsprechender Höhe) ist der mögliche Druck auf
die Unternehmen, "schlechte" Arbeitsplätze, d.h. mit niedriger
Entlohnung, schlechten Arbeitsbedingungen, monotoner Arbeit, etc.
entweder verbessern oder aber wegrationalisieren zu müssen.
Denn schließlich habe ich die Wahl zwischen einem schlecht
bezahlten Arbeitsplatz und dem garantierten Grundeinkommen.
Allerdings müssen wir uns darüber im Klaren sein, daß
in unserer Gesellschaft einen Arbeitsplatz zu haben weit mehr bedeutet,
als regelmäßig Geld heimzubringen. Am Arbeitsplatz mißt
sich auch der gesellschaftliche Stellenwert. Am deutlichsten wird
das an der beim Kennenlernen gerne gestellten Frage: "Was bist du?",
wobei darauf mit ziemlicher Sicherheit nicht die Antwort "groß",
"reich" oder "glücklich" erwartet wird. In der Status-Hierarchieleiter
nehmen jene, die keinen Arbeitsplatz vorzuweisen haben, die unterste
Stufe ein. So manch eine/einer von uns mag darüber erhaben
sein, doch erstens ist das nicht jederfraus/jedermanns Sache und
zweitens haben die Status-Zuweisungen auch wieder Auswirkungen darauf,
wie du beispielsweise auf der Bank, bei der Wohnungssuche, etc.
behandelt wirst.
Was ist Arbeit?
Wobei wir auch schon beim Problem der Definition von Arbeit gelandet
sind. Unter Arbeit wird gemeinhin nur das verstanden, wofür's
auch Geld gibt. Was zu dem Paradoxon führt, daß z. B.
Hausfrauen nicht "arbeiten", sondern nur "etwas zu tun" haben, während
der Großindustrielle, der das Geschäft von seinen Angestellten
führen läßt und nur noch ab und an aus dem Liegestuhl
zum Handy greift, "arbeitet".
Wenn nun - wie vielfach gefordert - dazu übergegangen würde,
Hausarbeit zu bezahlen, stellt sich immer noch die Frage, was mit
anderen gesellschaftlich wichtigen und sinnvollen Tätigkeiten,
etwa der Arbeit in diversen Initiativen, passiert. Der Münchner
Soziologe Ulrich Beck bezeichnet solche Tätigkeiten als "öffentliche
Arbeit" und meint, sie würde nicht nur mehr Wirtschaftlichkeit,
sondern auch einen Zugewinn an Demokratie bedeuten und müßten
daher von wirklichen DemokratInnen nicht nur erwünscht, sondern
auch gefördert werden.
Könnte ein Grundeinkommen das leisten? Es bliebe immer noch
die ungleiche Wertigkeit der Tätigkeiten. So würde beispielsweise
die Herstellung von Waffen - weil Lohnarbeit - gesellschaftlich
mehr Respekt erfahren als die Initiative, die sich mit der Entwicklung
und Verbreitung von gewaltfreien Konfliktlösungsmodellen beschäftigt.
Rollenfalle für Frauen?
Frauen werden aufgrund der Tatsache, daß es immer noch sie
sind, die die Betreuungs- und Pflegearbeiten im Familienverband
übernehmen (müssen) oder ihnen dieses von potentiellen
Arbeitgebern zugeschrieben wird, am Arbeitsmarkt benachteiligt.
Sie werden weniger gerne aufgenommen und sind dafür die ersten,
die gehen müssen. Die Gefahr besteht, daß ein Grundeinkommen,
das immerhin eine minimale Existenzsicherung bedeutet, diese Dynamik
noch verstärken würde.
Besonders im Hinblick auf die bestehenden großen Einkommensunterschiede
zwischen Männern und Frauen erscheint das Verfangen in der
Rollenfalle real: bereits jetzt ist der unterschiedlich hohe Einkommensausfall
häufig entscheidend dafür, daß die Mütter,
und nicht die Väter, den Karenzurlaub in Anspruch nehmen. Umso
mehr und umso länger wäre dies bei einem von Erwerbstätigkeit
unabhängigen Grundeinkommen möglich. Zusätzlich hätten
jene Männer, denen es kein brennendes Anliegen ist, auch Hausarbeit
verrichten zu dürfen, das Argument, die Frau würde ohnehin
für "ihre" Arbeit entlohnt, hätte sie also vollständig
und ohne zu Murren zu verrichten.
Doch was ist die Alternative? Die Rollenzuteilung passiert bereits.
Sie wird sich vermutlich erst ändern, wenn die Männer
die Hälfte der Macht abgeben, wofür wir weiterhin kämpfen
müssen.
Schon jetzt haben knapp 40 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen
Alter keinen Arbeitsplatz, ihr mittleres Arbeitslosengeld liegt
unter dem Existenzminimum, ganz zu schweigen vom Notstandshilfe-Bezug.
Diesen Frauen wäre geholfen, wenn die derzeitigen Sozialleistungen
auf existenzsichernde Höhe aufgestockt würden. Doch was
ist mit jenen (und das gilt nicht nur für Frauen), die nie
einen Anspruch erworben haben, weil sie gar keinen Zugang zum Arbeitsmarkt
bekommen (Stichwort: Jugendarbeitslosigkeit) oder auf diesem nicht
bestanden haben? Das betrifft immerhin 10 Prozent der vorgemerkten
Arbeitslosen (also etwa 30.000 Personen), und eine Dunkelziffer
an jenen, die sich erst gar nicht beim Arbeitsamt melden. Es wäre
zynisch, würden wir unsere Konzepte der Basisversorgung nur
auf die abstellen, die in der Lage oder willens sind, sich auf diesem
Arbeitsmarkt mit diesen Rahmenbedingungen zu behaupten.
Wer zahlt's?
Im Gegensatz zu einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung,
deren Kosten eindeutig die Unternehmen zu zahlen hätten, ist
beim Grundeinkommen nicht so klar, woher das Geld kommen soll. Nach
den Vorstellungen des LIF sollte es wohl zu einer (neuerlichen)
Umverteilung innerhalb der lohnabhängig Beschäftigten
kommen, die dann mit niedrigeren Löhnen zu rechnen hätten.
Die UnternehmerInnen, deren offiziellen Gewinne im gleichen Zeitraum,
in dem sich die Löhne und Gehälter nur knapp verdoppelt
haben (1980-1994), auf das 3,2-fache gestiegen sind - Steuerentzug
durch legale Gestaltungsmöglichkeiten noch nicht mit eingerechnet
-, wären aus ihrer Pflicht entlassen. So geht's natürlich
nicht. Mit oder ohne Grundeinkommen - das Steuersystem gehört
dahin geändert, daß auch die selbständig Erwerbstätigen
ihren entsprechenden Beitrag leisten.
Erforderliche Rahmenbedingungen
Um ein Grundeinkommen nicht kontraproduktiv wirken zu lassen,
muß
- die emanzipatorische Variante vertreten werden, d.h. ein Rechtsanspruch
auf ein ausreichendes, existenzsicherndes, personenbezogenes, geschlechtsneutrales,
allgemeines Grundeinkommen ohne Verpflichtung zu Lohnarbeit,
- ein gesetzlicher Mindestlohn für Erwerbsarbeit durchgesetzt
werden, um die Subventionierung von niedrig entlohnten Tätigkeiten
durch das Grundeinkommen zu verhindern,
- eine radikale Arbeitszeitverkürzung angestrebt werden, um
allen, die einen Arbeitsplatz wollen, einen bieten zu können,
- aktive frauenspezifische Maßnahmen zur schrittweisen Überwindung
der Vergeschlechtlichung der Lohnarbeit gesetzt werden.
Unter diesen Voraussetzungen könnte es funktionieren. Die
Hänschenfrage ist nur: Funktionieren diese Voraussetzungen?
|
|