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"Mach meinen Boss nicht an?"
Die Wirtschaftskammer versucht sich im nationalen
Schulterschluss. Und der geht selbst über die alte sozialpartnerschaftliche
Leier von "Wirtschaft sind wir alle" noch weit hinaus.
Von Markus Koza.
Lehrlinge sprechen Unternehmen ihren Dank dafür aus,
dass sie endlich einen Lehrplatz haben. ArbeitnehmerInnen erklären
stolz, dass es nur dann, wenn es unseren Unternehmen gut geht, auch
"uns allen" gut geht. In Inseraten warnen unselbständig
Beschäftigte: "Wer meinen Betrieb schikaniert, spielt
mit meinem Arbeitsplatz," schließlich kommen "sichere
Arbeitsplätze ... von erfolgreichen Unternehmen." Gehts
dem Herrl gut, hat auch das Hunderl was davon. Eigentlich recht
alt. Aber doch hat die neue Werbelinie eine neue Qualität:
Nicht mehr UnternehmerInnen werben für ihre Interessen, sondern
es werden ArbeitnehmerInnen für eine Kampagne für weitere
Unternehmensentlastungen eingesetzt. ArbeitnehmerInnen haben dankbar
zu sein, arbeiten zu dürfen. ArbeitnehmerInnen stellen sich
vor Angst um Verlust ihres Arbeitsplatzes vor ihr Unternehmen -
frei nach dem Motto, mach meinen Boss nicht an! ArbeitnehmerInnen
haben unternehmerisch zu denken. ArbeitnehmerInnen haben die neoliberale
Rhetorik im Kampf um den besten Wirtschaftsstandort zu übernehmen,
für Entlastungen "ihrer" Betriebe zu kämpfen.
Denn: Unternehmen dürfen eben nicht schikaniert werden. Und
die Schikanen sind ja bekannt: Steuern, "Lohnnebenkosten",
Regulierungen, unflexible ArbeitnehmerInnen, Umweltauflagen etc.
WKO.Wirtschaftsmotor.at
"Die Bundesregierung hat im Vorjahr wichtige Forderungen der
Wirtschaft erfüllt," heißt es auf der Homepage der
"Wirtschaftskammer Österreichs" (WKÖ), und wir
werden dieser Analyse sicher nicht widersprechen. Allerdings "muss
noch viel getan werden, um den Wirtschafts- und Arbeitsstandort
Österreich nachhaltig abzusichern." Und so präsentiert
uns die WKÖ im Rahmen ihrer Kampagne ihr Zwölf-Punkte-Programm,
das jede/n ArbeitnehmerIn nur so vor Freude jauchzen lässt.
Ists dann doch endlich mit den Schikanen gegenüber Betrieben
vorbei.
Nun, die WKÖ kann wirklich stolz sein. Allein mit dem Budgetbegleitgesetz
2003 wurden die österreichischen Unternehmen um rund 550 Millionen
Euro entlastet, so die Wirtschaftskammer. Die "Abfertigung
Neu" hat bereits unter Schwarz-Blau I im Bereich der "Lohnnebenkosten"
eine ebenso deutliche Entlastung für die Unternehmen gebracht,
wie der Entfall des Postensuchtages oder die Urlaubsaliquotierung.
Für 2005 ists nun auch mit der Schikane "Körperschaftssteuer"
endlich vorbei, soll doch der KÖSt-Satz von 34 auf 25 Prozent
gesenkt werden, soll es doch für Konzerne großzügige
Verlustabschreibungen geben, damit künftig noch weniger als
Null gezahlt wird. Aber: "Was erreicht wurde, reicht noch nicht,"
meint die Wirtschaftskammer. "Steuern, Abgaben und Lohnnebenkosten
senken - weniger ist mehr!" lautet die Devise. So will
die Wirtschaftskammer endlich den Dienstleistungsscheck verwirklicht
haben, um Kinderbetreuung und Pflege steuerlich absetzen zu können
und die Beiträge zum Insolvenz-Ausfallgeld-Fonds reduzieren.
Das heißt vor allem weniger für ArbeitnehmerInnen und
mehr für UnternehmerInnen und einkommensstarke Gruppen. Gehts
dem Herrl gut ....
Flexibler Arbeitsmarkt - sichere Arbeitsplätze
Schikane unflexible/r ArbeitnehmerIn: Würden die strikten
Arbeitsmarktgesetze liberalisiert, zitiert die WKÖ den Wirtschaftsausblick
des "Internationalen Währungsfonds", könnte
die Arbeitslosenrate um 3,5 Prozent gesenkt werden. "In Zeiten
höchster Arbeitslosenraten seit Jahren sind solche Liberalisierungsmaßnahmen
ein Gebot der Stunde". Ziel der Wirtschaftskammer: die tägliche
Normalarbeitszeit unter Beibehaltung der 40-Stunden-Woche auf 10
Stunden zu erhöhen, Verlagerung der Regelungskompetenz auf
Betriebs- und Einzelvereinbarungsebene. Das heißt im Klartext:
Die neunte und zehnte Stunde sind keine Überstunden mehr. Da
spart sich der Betrieb einiges. Und die Verlagerung auf Betriebs-
und Einzelvereinbarungsebene und damit die Flucht aus dem Kollektivvertrag
wäre natürlich eine deutliche Schwächung der kollektiven
Interessensvertretungen, der Gewerkschaften. Weiters sollen die
Zumutbarkeitsbestimmungen aufgeweicht werden - hier gibt es
ja bereits eine Vereinbarung mit dem ÖGB (die Alternative berichtete*).
Unter dem Deckmantel der Vereinbarkeit von Beruf und Familie schleicht
sich auch hier wieder die steuerliche Absetzbarkeit von Haushaltshilfen
(Dienstleistungsscheck) ein. Und - die "Kontraproduktive
Wirkung überzogener Kündigungsschutzbestimmungen bei Lehrlingen
und Behinderten" soll beseitigt werden. Da lohnt es sich doch
wirklich für jede/n ArbeitnehmerIn ein klares "Finger
weg von meinem Betrieb" zu fordern.
Ja, ja, die Umwelt
Natürlich, Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind uns schon
ganz, ganz wichtig. "Deshalb sind Alleingänge zu vermeiden,
die die Wettbewerbsposition Österreichs verschlechtern und
zur Verlagerung von Standorten und Arbeitsplätzen ins Ausland
führen." Sagt die WKÖ dazu. Das wars dann eigentlich
auch schon. Da verwunderts natürlich nicht, dass vor allem
Konzepte zur "Begrenzung der Gesamtbelastung der Wirtschaft
durch diverse Einzelmaßnahmen auf dem Gebiet der Umwelt- und
Energiepolitik" oder eine "standortverträgliche Gestaltung
des Emissionshandels für Industrie und Energiewirtschaft"
gefordert werden. Hier scheint sich die WKÖ im Verein mit der
Industriellenvereinigung ohnehin bereits durchgesetzt zu haben,
sieht doch der zwischen Bartenstein und dem Umweltminister Pröll
vereinbarte Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten bereits vor, dass
Unternehmen ihren Treibhausgasausstoß weiter erhöhen
dürfen. Ist der Handel mit Verschmutzungsrechten schon an und
für sich problematisch, wird er auch nicht dazu beitragen,
die Kyoto-Ziele zu erreichen. Zahlen die Unternehmen schon weniger
KÖSt, sollen sie zur Draufgabe auch gleich nichts für
Umweltverschmutzung zahlen. Ein hübschen Geschenkspaket, mit
einem "grünen" Mascherl, das ordentlich stinkt. "Eine
Bankrotterklärung für den Klimaschutz," wie Van der
Bellen anmerkte, ein "Kniefall vor der Industriellenvereinigung"
und eine weitere Umverteilung von den ArbeitnehmerInnen zu den Unternehmen.
Hätten doch nach dieser Regelung alleine die privaten Haushalte
und der Verkehr die gesamte Last der Reduktionen der Emissionen
zu tragen.
Wird schon nichts getan, soll zumindest der Eindruck erweckt werden,
bekennt sich doch die WKÖ im Rahmen ihrer Kampagne "Wirtschaftsmotor"
klar zur "Corporate Social Responsibility" (CSR), zu einem
"Leitbild für gesellschaftspolitische Verantwortung".
Dass es dabei vor allem darum geht, das Image der Unternehmen zu
verbessern, gibt selbst die Wirtschaftskammer zu. Und es liegen
auch handfeste ökonomische Interessen dahinter: Denn "CSR
soll nicht zu neuen Rechtsvorschriften führen." Bloß
nicht, bloß keine Veröffentlichung von Umwelt- und Sozialbilanzen.
Finger weg von meinem Betrieb, keine Schikanen. "Denn durch
Motivation und beispielsweise" - also nur beispielsweise,
man/frau wird ja noch Nachdenken dürfen - "steuerliche
Anreize wird das Ziel besser erreicht als durch neue Vorschriften
und Zwang." Schikanenabbau, schön nachhaltig verpackt.
Neoliberalen Diskurs durchbrechen
Für diese Inhalte dürfen jetzt ArbeitnehmerInnen die
Werbetrommel rühren. Und es ist zu befürchten, dass die
Botschaft ankommt. Ein zentrales Element des neoliberalen Diskurses
ist es, Unternehmensinteressen als allgemein gültige Interessen
zu definieren und Begrifflichkeiten umzudeuten. Und der neoliberale
Diskurs wirkt tief in das Bewusstsein der unselbständig Beschäftigten.
So werden auch von vielen ArbeitnehmerInnen Lohnnebenkosten nicht
mehr als Lohnbestandteil oder vorenthaltene Löhne wahrgenommen,
sondern als Belastung für Unternehmen, die Arbeitsplätze
und Existenzen gefährden und wettbewerbsschädigend wirken.
Es sind immer mehr Menschen davon überzeugt, in den letzten
Jahren "über die Verhältnisse" gelebt zu haben.
Die Regierungspropaganda, dass bei Sozialleistungen gespart werden
muss, dass der Gürtel enger zu schnallen ist und "alle"
ihren Beitrag zur Budgetsanierung zu leisten haben, fällt auf
fruchtbaren Boden. Das geht schließlich so weit, dass frau/man
heute dankbar sein muss, überhaupt einen Job zu haben, der
noch ein einigermaßen anständiges Leben zulässt.
Und ArbeitnehmerInnen zunehmend bereit sind, existenzielle Rechte
nicht mehr wahrzunehmen. Das führt dazu, dass die Lebensqualität
sinkt, dass Frust, Stress und berufsbedingte Krankheiten zunehmen.
Dass die Werbelosung "Gehts der Wirtschaft gut, gehts uns
allen gut" nicht stimmt, muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnt
werden. Die Armut steigt seit Jahrzehnten trotz beeindruckender
Wachstumsraten und steigender Gewinne. Die Arbeitslosigkeit ist
hoch wie nie zuvor, die Lohnschere zwischen Männern und Frauen
geht auseinander, die Reallöhne sinken, unsichere Beschäftigungsverhältnisse
boomen und, und, und .... Einfach schikanös. Einfach menschenunwürdig.
Die Werbekampagne der WKÖ, die Unverschämtheit mit der
hier gearbeitet wird, ist letztlich die Folge eines neoliberalen
Diskurses, der weitgehend unwidersprochen bleibt. Wir widersprechen.
Denn es ist nicht "die Wirtschaft", die produziert, es
ist der Mensch, der/die ArbeitnehmerIn. Ohne uns geht nichts, rein
gar nichts. Und wir haben es satt, schikaniert zu werden. Wir wollen
selbstbestimmt und angstfrei leben. Wir wollen, dass das Produkt
unserer Arbeit uns zugute kommt. Wir wollen die Produktion sozial
und ökologisch verträglich gestalten. Und wir werden,
um das durchzusetzen, die Unternehmen "schikanieren".
Damits uns gut geht.
*) Alternative 12/2003, Seite 18.
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