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Den Schwung aus Paris mitnehmen
Mit über fünfzigtausend TeilnehmerInnen
wurde das zweite europäische Sozialforum ein voller Erfolg.
Von Hermann Dworczak.
Welche Partei in Frankreich wäre heute
instande, durch fünf Tage hindurch fünfzigtausend Personen
zu versammeln?" Le Monde, die führende Zeitung des Landes,
bringt es mit einer rhetorischen Frage auf den Punkt. Niemand außer
den - mittlerweilen weltweiten - Sozialforen hätte solch ein
Meeting organisieren können.
Von 12. bis 16.November wurden in Paris beziehungsweise in St.
Denis, Bobigny und Ivry-sur-Seine die zentralen Fragen, die sich
heute für Europa kontinentweit - also in West und Ost - ergeben,
diskutiert: Die neoliberale Offensive, die Zerschlagung des Sozialstaats,
die Versuche die Gewerkschaften zu marginalisieren, das imperiale
Aufrüstungsprogramm der EU. Kaum eine RednerIn, die nicht den
rein marktwirtschaftlichen und abgehobenen, undemokratischen EU-Verfassungsentwurf
aufs Korn nahm.
Stand auf dem ersten Europäischen Sozialforum (ESF) der anstehende
Krieg gegen den Irak im Mittelpunkt, war es diesmal eindeutig die
soziale Frage. Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) war
in die Vorbereitung voll involviert und war mit so prominenten Sprechern
wie dem Vorsitzenden der deutschen Dienstleistungsgewerkschaft "ver.di",
Frank Bsirske, vertreten. Das Austrian Social Forum (ASF) hatte
Wilhelm Haberzettl, den Chef der Gewerkschaft der Eisenbahner (GdE),
zu einem seiner vier SprecherInnen auf den Großkonferenzen
des ESF nominiert. Infolge der Streiks bei den ÖBB sprang Bernd
Brandstetter, ebenfalls von der GdE, für Haberzettl ein.
Ein wichtiges Thema, dem eine Konferenz und drei Seminare gewidmet
waren, war das verstärkte Aufkommen von Rechtsextremismus und
Rechtspopulismus. Parallel mit dem Neoliberalismus schießen
gänzlich rechte Positionen ins Kraut - gleichsam die Kehrseite
seines Medusenhaupts. Nach spannenden Berichten und Debatten wurde
ein internationales Netzwerk - ein "reseau" - aus der Taufe gehoben.
Wahrscheinlich im Feber wird es eine Tagung in Paris geben, die
der theoretischen Vertiefung dient. Rund um die Europa-Wahlen soll
verstärkt in die öffentliche Debatte eingegriffen und
auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden, die von den Haiders,
Le Pens & Co. ausgeht.
Zum Teil umstritten war das Konzept, das Sozialforum nicht nur
an einem Ort, sondern gleich in vier Städten abzuwickeln. Dadurch
gelang es allerdings, beträchtlich an sozialer und politischer
Breite zu gewinnen und zum Teil die lokale Bevölkerung anzusprechen.
Selbst in der Kathedrale von St. Denis, in der bis zur Revolution
1789 die französischen Könige begraben wurden, fand eine
Ausstellung im Zusammenhang mit Globalisierung über den brasilianischen
Befreiungstheologen Dom Helder de Camara und seinen Einsatz für
die "Ärmsten der Armen" statt.
Die Breite und Buntheit zeigte sich auch auf der abschließenden
Demonstration in Paris. Vier Stunden lang marschierten hunderttausend
Personen. Das mit fünfhundert TeilnehmerInnen vertretene ASF
bekam vom dichten Spalier für sein zentrales Transparent "Ein
anderes Österreich in einem sozialen Europa" immer wieder Applaus.
Es gab jedoch nicht nur anregende und produktive Debatten. Am
letzten Tag, dem "Tag der sozialen Bewegungen", wurde eine Reihe
konkreter Beschlüsse gefaßt. Deren wichtigste sind: Nahezu
gleichlautend wie der Beschluß des ÖGB-Bundeskongresses
wird ein internationaler Aktionstag auf gesamteuropäischer
Ebene anvisiert, der die sozialen Kämpfe und gewerkschaftlichen
Abwehrmaßnahmen in den verschiedenen Ländern synchronisieren
und auf ein höheres Niveau heben soll. Horst Schmitthenner,
Vorstandsmitglied der IG Metall, unterstrich in einer begeistert
akklamierten Rede die absolute Unerlässlichkeit solch einer
internationalen Vorgangsweise. Am ehesten bietet sich der 15. Feber
2004 an - ein Datum von hohem symbolischen Wert, ein Jahr nach den
weltweiten Demonstrationen anläßlich des Kriegs gegen
den Irak. In Wien hat sich bereits eine Aktionseinheit gebildet,
die (wie "Aktionseinheit 13. Mai" im Kampf gegen die Pensions"reform"
von Schwarz-Blau) auf breiter Grundlage mobilisieren soll. In der
Bundesrepublik Deutschland gibt es unter starker Beteiligung der
IG Metall und von ver.di eine ähnliche Initiative.
Am 20. März wird die Frage der Besetzung des Irak und Palästinas
im Mittelpunkt stehen. Und Anfang Mai wird das "Europa der Monopole
und Konzernherrn" thematisiert, ihr EU-Verfassungsentwurf und alternativ
dazu, wie ein Europa "von unten", eines der Arbeitnehmer, der sozialen
Rechte, der Frauen, der Asylsuchenden und des Umweltschutzes aussehen
könnte.
Die TeilnehmerInnen aus Österreich haben sich vorgenommen,
den "Schwung von Paris" hierher mitzunehmen: ASF-Strukturen flächendekkend
einzurichten, die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften zu intensivieren
und für ein fesselndes 2. Austrian Social Forum in Linz vom
4. bis 6.Juni zu sorgen. Gerade an uns alternativen GewerkschafterInnen
liegt es, daß die Beschlüsse nicht auf dem Papier bleiben,
sondern voll umgesetzt werden. Daher ist es unerlässlich, sie
mit unserem "Tageskampf" zu verbinden. Je mehr wir uns bei ihnen
engagieren, umso besser werden wir auch andernorts abschneiden -
einschließlich der Arbeiterkammerwahlen.
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