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Kapitalismus frisst Öffentlichen Dienst
Historisch gesehen hat der Kapitalismus mehrere
Krisen gekannt, es gibt immer wieder Schwierigkeiten beim Absatz
der Waren und neue Absatzmärkte müssen gefunden werden.
Von Susanne Haydvogel.
So wurden zum Beispiel Afrika, Asien u.s.w. kolonialisiert.
Heute wird die Antwort auf die Krise - höchst relative Krise,
wenn man die ständige Erhöhung der Profite bedenkt - unter
anderem in der Verkommerzialisierung aller öffentlichen Dienste
gesucht. War es im letzten Jahrhundert die Warenproduktion, die
große Gewinne brachte, so soll in diesem Jahrhundert die Daseinsvorsorge
die Profite bringen. Keine Luxusware, sondern das, was jeder Mensch
zum (Über)Leben braucht.
Private bemächtigen sich nach und nach der öffentlichen
Dienste, die seit dem zweiten Weltkrieg stark gewachsen sind, während
die Unternehmen mit anderen stark wachsenden Sektoren wie zum Beispiel
der Industrie beschäftigt waren.
In den letzten zwanzig Jahren hat die Privatisierung der öffentlichen
Dienste stark an Terrain gewonnen. Massive wirtschaftliche Interessen
und eine ideologische neoliberale Offensive haben bereits in hohem
Maße öffentliches Eigentum an Private ausgeliefert. Zur
geographischen Ausbreitung kam noch der immer tiefere Eingriff auf
die öffentlichen Dienste, für zahlreiche transnationale
Firmen ist die Akquisition in diesem Bereich bereits wichtigstes
Mittel geworden, den Markt zu erobern. Die öffentlichen Dienste
waren als Wirtschaftssektor bisher vom Markt verschont geblieben
und im letzten Jahrhundert zumindest teil- oder ansatzweise unter
demokratischer Leitung. Nun werden sie zum Profit großer Konzerne
immer weiter reduziert.
Neben dem allgemeinen ideologischen Druck kann man zwei hauptsächliche
Faktoren identifiziert, die in der EU während der letzten fünfzehn
Jahre zu vermehrten Privatisierungen beigetragen haben: Der erste
Faktor war die Schaffung des gemeinsamen Marktes, der ab 1986 eine
bestimmte Anzahl an Direktiven betreffend der Deregulierung ausgab
- da wurden bereits ein institutioneller Rahmen und ein politisches
Projekt zu Gunsten der Privatisierungen geschaffen.
Der zweite Faktor war 1992 der Vertrag von Maastricht, der hinsichtlich
der Privatisierungen Druck auf die Mitgliedsstaaten machen sollte,
sie zwingen sollte, sich den "sehr strikten Konvergenzkriterien"
anzupassen, mit einem Budgetdefizit-Maximum von drei Prozent und
einem Schuldenstand unter sechzig Prozent des Bruttonationalprodukts.
So werden Marktliberalisierung und Steuerzwänge benutzt, um
die Mitgliedsstaaten zur Privatisierung der öffentlichen Dienste
zu zwingen.
Großbritannien unter der Ära Thatcher spielte eine
Hauptrolle in der globalen neoliberalen "Revolution" und war an
der Spitze der Deregulierungen und Privatisierungen in Europa: Zuerst
wurde die gesamte staatliche Industrie privatisiert, dann die Telekommunikation,
der öffentliche Autobusverkehr, das Gas, das Wasser, Strom,
die Eisenbahnen und die Atomindustrie. Diese Politik wurde unter
der Regierung von Tony Blair fortgesetzt - "New Labour/Old Policy".
Es gab zahlreiche Privatisierungen auf dem Gesundheitssektor und
der sozialen Dienste, Gefängnisse wurden privatisiert, mehr
als die Hälfte der gemeindeeigenen Aufgaben wurde an Private
vergeben. Heute bleiben nur noch wenige öffentliche Güter
zum privatisieren. Parallel mit den Privatisierungen wurden auch
zahlreiche Gesetze und Verordnungen abgeschafft, was eine Rücknahme
der Dienste in öffentliche Hand nicht einfacher macht.
Die Methoden der Privatisierung sind überall ähnlich,
in der Regel kann man dabei drei Phasen beobachten:
In der ersten Phase werden die staatliche Industrie, Banken und
Versicherungen privatisiert, sie sind schon vor der Privatisierung
in die Marktwirtschaft integriert und nach einer Zeit der politischen
Einflussnahme hat eine liberale Politik alle Argumente, gewisse
Branchen im Staatseigentum zu behalten, hinweggefegt.
Phase Zwei besteht darin, öffentliche Dienste zu privatisieren,
den Kern der Infrastruktur der Gesellschaft. Das betrifft die Energie,
Wasser, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen. Viele europäische
Länder befinden sich zur Zeit in dieser Phase. Dieses Stadium
der Privatisierung ruft meist mehr Diskussionen und Konfrontationen
hervor und Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften und Regierungen
als der Verkauf staatlicher Industrie. Diese Privatisierungen finden
unter jeglicher Art von Regierung statt: Von Rechts bis sozialdemokratisch
etc., da sind auch die Gewerkschaften meist in der Defensive.
Die dritte Phase hat in Westeuropa gerade begonnen: Gesundheit,
Bildung, soziale Dienste, Pensionen, etc - die letzten Elemente
eines Sozialstaates werden von Konzern- und Regierungsinteressen
attackiert. Die EU spielt dabei eine Schlüsselrolle: Die von
ihr diktierten Bedingungen zur Harmonisierung der sozialen Bedingungen,
der professionellen Qualifikation und der Sozialleistungen und -
um die freie Zirkulation der Arbeit zwischen den Mitgliedstaaten
zu fördern - die Schaffung vieler flexibler ArbeitnehmerInnen,
damit wird für die Deregulierung und die Privatisierung der
noch verbliebenen öffentlichen Dienste argumentiert. Parallel
zu den verschiedenen Privatisierungsphasen gibt es Bemühungen,
ein Maximum an kommunalen Diensten an Private zu übertragen.
Bei der Privatisierung der öffentlichen Dienste kann man
auch drei Etappen erkennen:
- Die erste betrifft die Liberalisierung und Deregulierung des
Marktes - jeder Privatisierungsprozess beginnt auf diese Weise.
- Die zweite Etappe ist die Umwandlung der öffentlichen Dienste
in Gesellschaften, deren Aktien der Staat besitzt und in der
- in der dritten Etappe verkauft dann der Staat seine Anteile an
Private.
In vielen Ländern versuchen die Regierungen bei jeder neuen
Etappe die Gewerkschaften zu besänftigen, sie sagen: "Wir gehen
nur bis hierher, nicht weiter." Den gleichen Satz bekommen dann
zumeist die Gewerkschaftsmitglieder von ihrer Führung zu hören.
Ein Hauptmerkmal der Entwicklung, global und auf europäischer
Ebene, ist die enorme Konzentration von Macht und Ressourcen in
der Hand transnationaler Konzerne, die immer mehr und schneller
die globale Wirtschaft kontrollieren. Mehr und mehr Riesenkonzerne
entstehen durch Megafusionen. In jedem Winkel der Erde nehmen sie
Besitz von den öffentlichen Diensten.
Unter den aggressivsten Konzernen, die. sich auf die Eroberung
öffentlicher Dienste spezialisiert haben, findet man viele
europäische Firmen.
Im Wasserbereich dominieren zwei französische Firmen, Suez-Lyonnaise
und Veolia (früher Vivendi). Sie stehen in Konkurrenz mit SAUR,
Anglian Water, Thames Water/RWE und International Water. Die Konzern
kooperieren aber eifrig. Wird die Wasserversorgung einer großen
Stadt privatisiert, entsteht oft ein Kartell von mehreren Firmen,
das die gesamte Versorgung aufkauft. Die Allianzen wechseln von
Stadt zu Stadt. Da kann man sich gut vorstellen, dass es keine wilde
Konkurrenz gibt und dabei eine Krähe einer anderen kein Auge
aushackt.
Im Abfallbereich läuft es ähnlich, da gibt es auch nur
mehr vier mächtige Firmen: Die RWE, Rethman und zwei Ableger
der Suez und der Veolia: Sita und Onyx.
Auf dem Energiesektor werden wahrscheinlich nur die RWE übrigbleiben,
Tractebel/Suez und die (noch) staatliche Atomriese "Energie de France"
(EDF), in Kooperation mit Veolia.
Die Strategie der Marktriesen besteht darin, die Preis zu brechen,
Preise anzubieten, die nicht einmal die Herstellungskosten decken.
Sind die Konkurrenten ausgeschalten, werden Preise und Gewinne rapid
angehoben. Gutes Beispiel ist da Onyx (Vivendi/Aeolia) in Großbritannien:
Nach jahrelangem Defizit im Abfallbereich überlebte die Firma
nur durch Zuwendungen aus der französischen Mutterfirma - bis
sie den wesentlichsten Konkurrenten auf dem britischen Markt ausgeschaltet
hatte. Denn das Ergebnis eines auf Konkurrenz aufgebauten Wirtschaftssystems
ist nicht eine größere Konkurrenz sondern mehr Monopolisierung.
Im Bereich des Transportwesens agierten in Schweden Anfang der
achtziger Jahre auf dem Markt noch an die dreihundert Autobusunternehmen.
Nach Restrukturierung dieses Sektors dauerte es keine sieben Jahre
bis der heutige Zustand erreicht war: Drei Firmen teilen sich zwei
Drittel des Marktes, zwei davon wurden von großen Konzernen
aufgekauft: Swebus und Linjebus (jetzt Connex = Veolia).
Das Verschwinden des öffentlichen Dienstes heißt das
Ende des Lastenausgleichs, des Umverteilungsprinzips von oben nach
unten. Eine Idee, auf der ein wahrer öffentlicher Dienst aufgebaut
ist und die eigentlich Kernstück einer Gesellschaft nach kommunistischen
Prinzip ist: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen
Bedürfnissen." So zum Beispiel finanzieren alle das Schulsystem,
welchen Gebrauch auch jeder davon machen kann, man zahlt nicht in
Funktion der Anzahl eigenen Kinder. Bei der Bahn war es bisher auch
klar: Die Reisenden Graz-Wien finanzieren teilweise die Reise von
Graz nach Feldbach. Die vorgesehenen Veränderungen bei den
ÖBB, eine Aufsplitterung in mehrere Betriebe, entfernen uns
noch mehr dem Prinzip der Solidarität der öffentlichen
Dienste, von denen allerdings viele bereits ausgelagert worden sind
und nach den selben Prinzipien funktionieren wie eine private Firma.
Wichtig ist die Entkoppelung zwischen der Benutzung und der Finanzierung
der öffentlichen Dienste. Die Kontrolle und die Führung
dieser Dienste sollte durch organisierte VerbraucherInnen gesichert
werden und nicht stellvertretend für BürgerInnen durch
Technokraten.
Die Revolution frisst zwar manchmal ihre Kinder, der Kapitalismus
frisst aber definitiv die öffentlichen Dienste auf. Widerstand
gibt es. Ehrliches Engagement darf auch nicht blind machen für
Ursache und Verursacher der Misere. Den Kapitalismus zu reformieren,
der selber die Armut erzeugt und fortpflanzt, wird höchstwahrscheinlich
ein frommer Wunsch bleiben. Lösungen werden wohl weit über
eine Kontrolle der Finanzmärkte hinausgehen müssen.
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