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Privatisierung mit Wiener Schmäh
Am 1.1.2004 soll es nach den Plänen der
absolut regierenden Wiener SPÖ eine neue Welle von Privatisierungen
im Sozial- und Gesundheitsbereich geben.
Thomas Kerschbaum. >> Info
zum Autor
Der bereits am 1.1.2001 installierte Fonds Soziales Wien
(FSW), ein zu 100 Prozent im Besitz der Stadt Wien befindlicher
Verein, steht im Zentrum der Auslagerungen, Ausgliederungen und
Privatisierungen im Bereich der Magistratsabteilungen 12 (wien sozial),
47 (Betreuung zu Hause) und 15 (Gesundheitswesen). In einer Presseaussendung
der SPÖ-Stadträtin Laska liest sich das im Zusammenhang
mit dem Budgetdefizit im Sozialbereich so:
"Damit ist Wien in der Lage, die sozialen Standards auf Basis der
gesetzlichen Regelungen und vertraglichen Vereinbarungen sicher
zu stellen".
Effizienz bedeutet im Jargon des New Public Managements, der auch
von der SPÖ-Wien gepflegt wird, eine Ökonomisierung der
kommunalen Dienstleistungen. Das Diktat des knappen öffentlichen
Budget wird von der Politik als Motor für die Verwaltungsreformen
eingesetzt und die Methoden des New Public Management dienen als
Instrumente, um die Ökonomisierung umzusetzen. Ökonomisierung
geht aber über den Einsatz von Betriebswirtschaft weit hinaus,
angestrebt wird von der SPÖ-Wien eine "Entpolitisierung" der
kommunalen Dienstleistungen. Die Politik soll nur mehr die Ziele
und die Rahmenbedingungen vorgeben, aber Management und Verwaltung
haben freie Hand bei wirtschaftlichen Maßnahmen.
Und die Politik setzt recht enge Rahmenbedingungen: Die Abteilungen,
ausgegliederte Unternehmen und Vereine erhalten ein Globalbudget,
in dem Personal und Sachbudget gemeinsam erfasst werden. Über
Kontrakte mit den StadträtInnen, der Magistratsdirektion, BereichsleiterInnen
und -direktorInnen der Stadt Wien erhalten die sogenannten operativen
Bereiche der Kommune oder die ausgegliederten, privatisierten Unternehmen
und Vereine einen Auftrag. Wie aber der Auftrag bei zu knapp bemessenen
Budgets oder Personalknappheit erfüllt wird, soll nicht mehr
das Problem der Politik sein.
Die Privatisierung von kommunalen Dienstleistungen soll helfen,
die Ausgaben der Stadt Wien zu reduzieren. Die Methode Privatisierung
wird aber noch verfeinert: In allen Bereichen, in denen eine soziale
Dienstleistung erbracht wird, soll das Management von der Verwaltung
und diese wiederum von den operativen Teilen getrennt werden. Wobei
die operativen Teile eines Bereichs all jene Beschäftigten
sind, die die soziale Dienstleistung tatsächlich erbringen.
Den ersten Schritt hat die Stadtregierung bereits getan mit der
Errichtung des Vereins "Fonds Soziales Wien", eine sogenannte marktadäquate
Organisationsform. Wobei die SPÖ-Wien und auch der SPÖ-Politiker
und Vorsitzende des Wiener Gemeinderats, Rudolf Hundstorfer nicht
müde werden zu erklären, dass dies ja keine Privatisierung
wäre, weil 100 Prozent der Gemeinde selbst gehören würde.
Nun, Privatisierung ist aber kein technischer Vorgang, die Auslagerungen
und Ausgliederungen im Sozialbereich - die letztendlich alle die
Funktion von Privatisierungen haben - werden weitreichende und nachhaltige
Auswirkungen auf die soziale Situation in der Stadt haben. Nur ein
Aspekt ist die Schwächung der Personalvertretung und der Gewerkschaft,
wenn ein großer Betrieb wie die Stadt Wien aufgegliedert wird.
In Folge werden sich die Arbeitsbedingungen und die Einkommen der
Beschäftigten verschlechtern. Die Privatisierung verschiedener
Aufgaben der bisherigen Magistratsabteilungen 12, 15 und 47 wird
nicht beim Fonds Soziales Wien enden, wahrscheinlich ist eine weitere
Privatisierung der operativen Bereiche in Vereinen, GmbHs
oder die Auslagerungen in bestehende Vereine wie Volkshilfe oder
Caritas. Die Beschäftigten der Stadt Wien, egal ob BeamtInnen
oder Vertragsbedienstete werden dem Fonds Soziales Wien zugeordnet,
neue Beschäftigte werden nur mehr von der neuen privatrechtlichen
Organisationsform FSW angestellt.
Seit Gründung des FSW vor zwei Jahren gibt es immer noch keine
Betriebsvereinbarung über die Bezahlung der privatrechtlich
Beschäftigten und tendenziell ist der Verdienst auch geringer
als jener bei den Gemeinde-Beschäftigten. Warum sollte denn
auch die Gemeinde Privatisierungen durchführen, wenn nicht
der "Vorteil" von billigeren Arbeitskräften wäre? Ein
Prozess, den die Politik auch bewusst anstrebt. Denn bei der Erbringung
von sozialen Dienstleistungen sind die Personalkosten entscheidend
und diese zu reduzieren, ist eine wichtige politische Aufgabe für
den Geschäftsführer des FSW. Dieses Ziel kann er durch
Personalabbau, Gehaltsreduzierung, Verlängerung und Flexibilisierung
der Arbeitszeiten oder durch Rationalisierung und Intensivierung
der Arbeit erreichen. Bei der Gemeinde Wien mit der überall
präsenten Personalvertretung kann zwar auch kräftig eingespart
werden, aber so richtig umstrukturiert kann nur mittels Privatisierung
werden. In diesem Zusammenhang sollte ich auf einen weiteren Aspekt
der Privatisierung hinweisen, nämlich die Funktion der Disziplinierung
der noch bei der Gemeinde Wien angestellten Menschen. Mit der Drohung
Privatisierung lässt sich vortrefflich Politik machen, die
Beschäftigten und die Gewerkschaft einschüchtern, doch
schlechtere Entlohnung und Arbeitsbedingungen zu akzeptieren.
Der Wiener Schmäh der SPÖ und des angeblich volksnahen
Bürgermeisters ist die Verschleierung der tatsächlich
ablaufenden Prozesse der Privatisierung und die Rückendeckung
durch die Gewerkschaftsführung. Die GdG-Führung und ihr
Vorsitzender Hundstorfer bemühen sich redlich, jede weitere
Ausgliederung und Privatisierung (wie schon bei den Wiener Stadtwerken,
den Wiener Museen oder beim Krankenanstaltenverbund) politisch zu
begleiten, damit sich ja kein Protest aus der Belegschaft entwickeln
kann. Es sei der Sachzwang, die Liberalisierung, die Globalisierung,
die Auslagerung und Ausgliederung auch im Sozialbereich notwendig
machen. Skurrilerweise führt GdG-Vorsitzender Hundstorfer sogar
das drohende GATS als Grund für die Privatisierungen an, die
erst eine marktadäquate Form der wirtschaftlichen Gegenwehr
gegen eine Privatisierung sein soll. Eine in solch argumentative
Sackgassen eingebundene Gewerkschaftsführung kann keinen Widerstand
leisten.
Der politische Nutzen der SPÖ-Wien besteht darin, dass in
den privaten Organisationsformen wie im FSW ein Geschäftsführer
eingesetzt wird, der ohne Kontrolle und Diskussion politischer Gremien
die Vorgaben der Politik durchführen kann. Also ist die Überführung
in privatrechtliche Organisationsformen erst die Bedingung, um eine
großangelegte Welle der Rationalisierung, Rationierung und
Abbaus von sozialen Leistungen der Kommune einzuläuten. Das
Geld stammt zwar noch immer aus dem öffentlichen Budgets, also
aus Steuermitteln, aber die Leistungserbringung erfolgt über
private Unternehmen und Vereine, in Eigenverantwortung über
die Zuteilung von Subventionen und Aufträge durch die Stadt
Wien.
Es ist eine tragische Situation für die bei der Stadt Wien
Beschäftigten, dass die Gewerkschaftsführung mit der Politik
an einem Strang zieht - gegen die Interessen der Beschäftigten
und der Bevölkerung, die ja auch durch die Sparmaßnahmen
bei den Beschäftigten indirekt getroffen wird. Der Wiener Schmäh
sorgt dafür, dass das nächste Donauinsel-Fest noch größer
ist und dass noch mehr Events im Rathaus stattfinden. Die Politik
"Spiele statt Brot" hat die SPÖ-Wien so perfekt kultiviert,
dass die Privatisierung von kommunalen Einrichtungen und Dienstleistungen
sogar als Maßnahme gegen die Privatisierung durch GATS dargestellt
werden.
Aber wenigstens eine Wirtschaftsbranche kann jubeln, die Unternehmensberatungsfirmen.
Die Stadt Wien leistet sich um zig Millionen Euro bei jeder sogenannten
Umstrukturierung eine externe Unternehmensberatung. Der FSW wird
eine Unternehmensberatungsfirma beauftragen, die Privatisierung
vorzubereiten, dafür gibt es Geld. Überhaupt entstehen
mit Einführung des New Public Management immer neue Verwaltungseinheiten,
so zum Beispiel Bereichsdirektoren, -leiter, GeschäftsführerInnen,
DirektorInnen, für die offensichtlich genügend finanzielle
Mittel vorhanden sind. Im Bereich der tatsächlichen Leistungserbringung
wird gespart, gekürzt und zugesperrt.
Die Form der Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen, die
Form der Finanzierung und der Abrechnung, die Form der Anstellung
der Beschäftigten und die Form der Beauftragung und Kontrolle
durch die Kommune und der politischen Gremien haben eine grundsätzliche
politische Bedeutung. Sprechen wir einmal nicht über Geld,
sondern zuerst von Verteilungsgerechtigkeit, menschlicher Würde,
soziale Bedürfnisse und Defizite sowie über soziale Sicherheit
und Gerechtigkeit. Über all die Begriffe, die offensichtlich
mit dem kapitalistischen System nicht vereinbar sind. Die SPÖ-Wien
hat vollständig akzeptiert, dass das Sozial- und Gesundheitssystem
sich diesem System unterordnen muss und damit alle sozial fortschrittlichen
und emanzipatorischen Aspekte zu teuer geworden sind. Die Privatisierung
sozialer Dienstleistungen als Element des New Public Management
ist keine unpolitische Sache, dient nicht nur der Effizienzsteigerung,
sondern ist ein notwendiger Teil der neoliberalen Offensive, die
Rechte und soziale Sicherheit der lohnabhängigen Bevölkerung
zu beschneiden. Die Sozialdemokratie glaubt, im betriebswirtschaftlichen
Management den Schlüssel gefunden zu haben, wie die Verwaltung
und die kommunalen Dienste effizienter gestaltet und die kommunalen
Finanzen saniert werden können, ohne dass auf radikalen Sozialabbau
zurückgegriffen werden muss. Es gibt aber keine unpolitischen
Reformen - das hat wenigstens der reale Sozialabbau á la
Vienne bereits bewiesen.
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