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Die Näherinnen von Hermannstadt
In Rumänien arbeiten tausende Frauen für
Westeuropas Boutiquen - zum Preis einer guten Hose.
Von Keno Verseck, Sibiu-Hermannstadt.
Eugenia Ban näht Hosen zusammen. Das macht sie seit
fünf Jahren. Sie hat nicht richtig Zeit für ein Gespräch.
Die Norm: Hundertfünfundzwanzig Hosen am Tag. "Hier ist die
Arbeitskraft billig", sagt sie, "deshalb kommen die Ausländer
ja her." Noch eine Naht. Und noch eine. Und wieder eine. Sie hasst
diese Näherei, sagt sie. Die Ausländer, das sind zum Beispiel
deutsche Textil- und Modeunternehmen wie Brax/Leineweber, Basler
oder Digel. Hier, in der Textilfabrik Mondostar im siebenbürgischen
Sibiu-Hermannstadt lassen sie Herren- und Damenbekleidung fertigen.
Eintausendeinhundert Menschen arbeiten bei Mondostar. Die Stoffe
werden aus Italien angeliefert.
Rohstoff rein, Ware raus: Ähnlich wie Brax/Leineweber, Basler
oder Digel verfahren viele westliche Modeunternehmen, egal ob Billig-
und Mittelklassefirmen oder Edelmarken. Tausende kleinere und grössere
Textilfabriken in Rumänien produzieren für sie. Textilien
sind seit einigen Jahren der Hauptexportartikel des Landes. Rumänien
ist der "Schneider Europas". Die Näherinnen bei Mondostar verdienen
im Schnitt neunzig Euro monatlich - so viel wie die billigste Hose,
die sie für Brax/Leineweber nähen, im deutschen Handel
kostet. Einen Herrenanzug gibt es ab hundertachtzig Euro aufwärts.
Eugenia Ban ist vierzig Jahre alt. Sie ist geschieden und wohnt
mit ihrem vierzehnjährigen Sohn Nelu in einem einzigen, sechzehn
Quadratmeter großen Zimmer. Sie trägt verwaschene, alte
Jeanshosen und in die Jahre gekommene Schuhe. Ihr dunkles Haar ist
kurz und nicht besonders ordentlich geschnitten. Außer Fernseher
und Kühlschrank besitzt sie ein großes Bett, zwei Stühle
und einen Tisch. Ein paar Gläser stehen in einer altmodischen
Vitrine. Es gibt eine kleine Küche, aber kein Badezimmer. "So
ist es eben, was soll man machen?", sagt Eugenia Ban. Sie sagt das
nach fast jedem Satz.
Sie kommt aus einer kinderreichen Familie und ist in einem Dorf
bei Sibiu-Hermannstadt aufgewachsen, zusammen mit dreizehn Geschwistern.
Die Schule hat sie in der zehnten Klasse abgebrochen, dann in einer
Bleistiftfabrik gearbeitet, sechzehn Jahre lang. Die Fabrik ging
vor einigen Jahren Pleite. Eugenia Ban war ein paar Monate arbeitslos,
dann begann sie als ungelernte Näherin zu arbeiten. Sie bereut,
dass sie die Schule abgebrochen hat. Knapp hundert Euro verdient
sie monatlich. Außerdem bekommt sie noch 5,80 Euro Kindergeld.
Für Miete, Heizung, Wasser, Strom, Gas und Telefon zahlt Eugenia
Ban im Monat etwa fünfundfünfzig Euro. "Nur ich allein
weiß, wie mein Sohn und ich klarkommen", sagt sie mit rauher
Stimme. "Was soll man machen?"
Ähnlich wie Eugenia Ban leben die meisten Textilarbeiterinnen
in Rumänien. Dabei ist Rumänien nicht einfach nur das
Niedriglohnland Europas. Die Arbeiterinnen - denn in der Textilindustrie
sind fast ausnahmslos Frauen beschäftigt - werden auch im innerrumänischen
Branchenvergleich schlecht bezahlt. Ihr Durchschnittslohn liegt
laut den halbjährlichen Erhebungen des Nationalen Statistikamtes
mit derzeit umgerechnet achtundsiebzig Euro im Monat nur knapp über
dem gesetzlichen Minimallohn.
Mondostar und Roter Stern
Bezahlung ist das Stichwort für Doina Vasilescu. Sie sitzt
bei Mondostar im Chefbüro. "Mehr als zwei Drittel unserer Ausgaben
sind Lohnkosten", sagt Doina Vasilescu. "Zuerst muss in diesem Land
überhaupt etwas aufgebaut werden, dann können wir uns
auch um Sozialleistungen kümmern." Doina Vasilescu, 45, und
ihr Mann Dorin, 46, besitzen Mondostar zu neunzig Prozent. Sie managen
die Fabrik. Früher war Mondostar ein Teil vom "Roten Stern".
Dorin Vasilescu arbeitete dort als Chefmechaniker. Nach dem Sturz
Nicolae Ceausescus im Dezember 1989 wurde die Fabrik in drei selbständige
Einheiten aufgeteilt. Eine war Mondostar. Die Vasilescus kauften
sich Stück für Stück als Eigentümer ein. Wie
und von welchem Geld? "Mebo", sagt Dorin Vasilescu knapp. "Management
and employee buy-out", eine in Rumänien verbreitete Privatisierungsmethode,
mit der viele ehemalige Führungskräfte in Staatsbetrieben
zu deren Eigentümern wurden. Weitere diesbezügliche Fragen
seien zwecklos, bedeutet Vasilescu mit einem unwilligen Lächeln.
Doina Vasilescu zählt die gesammelten rumänischen Unternehmerleiden
auf: die Verkommenheit der politischen Elite, ihr Desinteresse an
der rechtsstaatlichen und marktwirtschaftlichen Entwicklung des
Landes, die ständig ändernden Gesetze, Korruption, Bürokratie
und Willkür in rumänischen Behörden, das erstickend
hohe Steuerniveau, die mangelnde Arbeitsmoral der Angestellten.
"Von zweiundzwanzig Millionen Leuten im Land sind drei Millionen
beschäftigt, davon 1,5 Millionen beim Staat." Sie scheint empört.
"Also erhalten die 1,5 Millionen Leute im Privatsektor diesen Staat
aufrecht." Die Fabrik Mondostar liegt im Zentrum von Hermannstadt,
auf dem Boulevard des Sieges. Im Empfangsraum hängt eingerahmt
das "Leistungszertifikat mi (markt intern)". Darauf steht in deutscher
Sprache, dass die Firma Priess von hundert Damenoberbekleidungslieferanten
in Deutschland im Jahre 2002 den ersten Platz belegte, und zwar
für das Preis-Leistungs-Verhältnis, die Lieferpünktlichkeit
und das Verhalten bei Reklamationen. Mondostar ist Lieferant von
Priess. Die Urkunde hängt in einer Ecke.
Der Druck seiner westlichen Auftraggeber sei groß, sagt Dorin
Vasilescu nach einigem Zögern. Ja, sie verlangten exzellente
Qualität, Ausschussanteil null und pünktliche Lieferungen
zu möglichst niedrigen Preisen. Vor allem die Konkurrenz aus
Asien macht den Vasilescus hart zu schaffen. "Es gibt westliche
Firmen, die sich massiv in Richtung Asien orientieren", sagt Dorin
Vasilescu. "Immer mehr Waren kommen dorther. Die Lohnfertigung in
Rumänien geht vielleicht noch zehn Jahre so weiter, dann ist
Schluss, und zwar abrupt. Bei Mondostar versuchen wir schon seit
einiger Zeit, eigene Marken und Artikel zu entwickeln. Aber sich
auf dem Markt gegen etablierte Namen zu behaupten, ist sehr schwer."
Hat es der Chef erlaubt?
Und wegen dieses Drucks kann Mondostar, kann die rumänische
Textilindustrie keine höheren Löhne zahlen? Vasilescu
schwitzt. Es ist zu warm für Schlips und Kragen. Trotz Klimaanlage
im Büro. "Wir würden gerne, glauben Sie mir", sagt er.
"Aber schon die jetzigen Löhne zu zahlen, ist sehr schwer.
Unsere Produktivität hier in der Fabrik ist sehr viel niedriger
als normalerweise im Westen, obwohl das technische Niveau genau
dasselbe ist wie im Westen. Aber dort arbeiten die Leute anders,
sie reagieren anders auf die Anforderungen eines Chefs und arbeiten
disziplinierter."
Der Personalchef hat die Vorsitzende der Betriebsgewerkschaft
von Mondostar, Aurora Muntean, in den Empfangsraum geführt.
Eine kleine 46-jährige Frau mit den grauen Haaren im Arbeitskittel.
Sie kommt gerade von ihrem Arbeitsplatz. Auch sie näht Hosen.
"Hat der Chef erlaubt, dass ich spreche?", fragt sie vorsichtig.
Er hat es. "Die Arbeitsbedingungen sind gut", sagt Muntean, "besser
als anderswo. Wir haben neue Maschinen, gute Toiletten und Waschräume.
Wissen Sie, der Rumäne ist nie richtig zufrieden, aber uns
geht es ganz gut. Die Gehälter könnten besser sein. Es
gibt manchmal Probleme, etwas hitzige Diskussionen." Sie überlegt
plötzlich, ob sie zu viel gesagt hat. Probleme? "Probleme,
wie überall eben." Sie lacht. Mehr möchte sie dazu nicht
sagen. "Wir sind froh, dass wir Arbeit haben."
Eugenia Diaconescu ist seit 1996 Vorsitzende der landesweiten
Textilgewerkschaft Pelcontex, die der Gewerkschaftsföderation
Cartel Alfa angeschlossen ist. Sie arbeitet in Sibiu-Hermannstadt
selbst in einer Textilfabrik - bei Mondex, wo Strümpfe aller
Art für den westlichen Markt hergestellt werden. "In vielen
Fabriken wollen die Aktionäre nur schnellen Profit machen",
klagt Diaconescu. "Sie investieren weder in moderne Maschinen, noch
verbessern sie die Arbeitsbedingungen. Außerdem halten die
Chefs die Rechte der Arbeiter oft nicht ein, sie lassen zu viele
Überstunden machen und bezahlen die dann nicht. Sie brüllen
die Arbeiter an." Im April ist in Rumänien ein neues Arbeitsgesetz
in Kraft getreten, mit Regelungen, die ArbeiterInnen besser vor
Unternehmerwillkür schützen sollen. "Solange die Arbeitsinspektoren
die Einhaltung vor Ort nicht nachprüfen, wird das Gesetz sowieso
nicht eingehalten", sagt Eugenia Diaconescu.
Zuckerln von der Gewerkschaft
Rumäniens Gewerkschaften sind keine gute Lobby für Arbeiter
und Arbeiterinnen im Land. Unter der Diktatur Ceausescus gab es
eine einzige große Gewerkschaft, die faktisch keine war. Heute
sind die FunktionärInnen in den oberen Etagen der Gewerkschaften
meistens korrupt und mit der jeweils regierenden Staatspartei verbandelt.
Und die Leute an der Basis zersplittert, unorganisiert, machtlos.
Wie sechzig Prozent der Näherinnen bei Mondostar spart auch
Eugenia Ban ihren Mitgliedsbeitrag lieber. Sie sitzt auf dem Stuhl
in ihrem kleinen Zimmer, beugt sich vor und schlägt mit der
Hand auf den Tisch. "Hatten wir irgendeinen Vorteil von der Gewerkschaft?",
fragt sie. "Zu Weihnachten gabs eine Tüte mit billigen Bonbons.
Das wars. Da bin ich ausgetreten. Ich kann meine Angelegenheiten
selbst besser regeln." Sie ist halbwegs zufrieden mit ihrem Arbeitsplatz.
Sie hat schon in anderen Textilfabriken gearbeitet. Dort gab es
ständig Zwölf-Stunden-Schichten, und der Chef hat sie
bei der Lohnzahlung betrogen. "Bei Mondostar haben wir wenigstens
ein geregeltes Programm und arbeiten acht Stunden ohne Schichtdienst."
Aus [WOZ
- Die Wochenzeitung], Schweiz, Nr. 33 vom 14. August 2003.
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