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Alternative September 2003

 

Die Näherinnen von Hermannstadt

In Rumänien arbeiten tausende Frauen für Westeuropas Boutiquen - zum Preis einer guten Hose.

Von Keno Verseck, Sibiu-Hermannstadt.
 

Eugenia Ban näht Hosen zusammen. Das macht sie seit fünf Jahren. Sie hat nicht richtig Zeit für ein Gespräch. Die Norm: Hundertfünfundzwanzig Hosen am Tag. "Hier ist die Arbeitskraft billig", sagt sie, "deshalb kommen die Ausländer ja her." Noch eine Naht. Und noch eine. Und wieder eine. Sie hasst diese Näherei, sagt sie. Die Ausländer, das sind zum Beispiel deutsche Textil- und Modeunternehmen wie Brax/Leineweber, Basler oder Digel. Hier, in der Textilfabrik Mondostar im siebenbürgischen Sibiu-Hermannstadt lassen sie Herren- und Damenbekleidung fertigen. Eintausendeinhundert Menschen arbeiten bei Mondostar. Die Stoffe werden aus Italien angeliefert.

Rohstoff rein, Ware raus: Ähnlich wie Brax/Leineweber, Basler oder Digel verfahren viele westliche Modeunternehmen, egal ob Billig- und Mittelklassefirmen oder Edelmarken. Tausende kleinere und grössere Textilfabriken in Rumänien produzieren für sie. Textilien sind seit einigen Jahren der Hauptexportartikel des Landes. Rumänien ist der "Schneider Europas". Die Näherinnen bei Mondostar verdienen im Schnitt neunzig Euro monatlich - so viel wie die billigste Hose, die sie für Brax/Leineweber nähen, im deutschen Handel kostet. Einen Herrenanzug gibt es ab hundertachtzig Euro aufwärts.

Eugenia Ban ist vierzig Jahre alt. Sie ist geschieden und wohnt mit ihrem vierzehnjährigen Sohn Nelu in einem einzigen, sechzehn Quadratmeter großen Zimmer. Sie trägt verwaschene, alte Jeanshosen und in die Jahre gekommene Schuhe. Ihr dunkles Haar ist kurz und nicht besonders ordentlich geschnitten. Außer Fernseher und Kühlschrank besitzt sie ein großes Bett, zwei Stühle und einen Tisch. Ein paar Gläser stehen in einer altmodischen Vitrine. Es gibt eine kleine Küche, aber kein Badezimmer. "So ist es eben, was soll man machen?", sagt Eugenia Ban. Sie sagt das nach fast jedem Satz.

Sie kommt aus einer kinderreichen Familie und ist in einem Dorf bei Sibiu-Hermannstadt aufgewachsen, zusammen mit dreizehn Geschwistern. Die Schule hat sie in der zehnten Klasse abgebrochen, dann in einer Bleistiftfabrik gearbeitet, sechzehn Jahre lang. Die Fabrik ging vor einigen Jahren Pleite. Eugenia Ban war ein paar Monate arbeitslos, dann begann sie als ungelernte Näherin zu arbeiten. Sie bereut, dass sie die Schule abgebrochen hat. Knapp hundert Euro verdient sie monatlich. Außerdem bekommt sie noch 5,80 Euro Kindergeld. Für Miete, Heizung, Wasser, Strom, Gas und Telefon zahlt Eugenia Ban im Monat etwa fünfundfünfzig Euro. "Nur ich allein weiß, wie mein Sohn und ich klarkommen", sagt sie mit rauher Stimme. "Was soll man machen?"

Ähnlich wie Eugenia Ban leben die meisten Textilarbeiterinnen in Rumänien. Dabei ist Rumänien nicht einfach nur das Niedriglohnland Europas. Die Arbeiterinnen - denn in der Textilindustrie sind fast ausnahmslos Frauen beschäftigt - werden auch im innerrumänischen Branchenvergleich schlecht bezahlt. Ihr Durchschnittslohn liegt laut den halbjährlichen Erhebungen des Nationalen Statistikamtes mit derzeit umgerechnet achtundsiebzig Euro im Monat nur knapp über dem gesetzlichen Minimallohn.

Mondostar und Roter Stern

Bezahlung ist das Stichwort für Doina Vasilescu. Sie sitzt bei Mondostar im Chefbüro. "Mehr als zwei Drittel unserer Ausgaben sind Lohnkosten", sagt Doina Vasilescu. "Zuerst muss in diesem Land überhaupt etwas aufgebaut werden, dann können wir uns auch um Sozialleistungen kümmern." Doina Vasilescu, 45, und ihr Mann Dorin, 46, besitzen Mondostar zu neunzig Prozent. Sie managen die Fabrik. Früher war Mondostar ein Teil vom "Roten Stern". Dorin Vasilescu arbeitete dort als Chefmechaniker. Nach dem Sturz Nicolae Ceausescus im Dezember 1989 wurde die Fabrik in drei selbständige Einheiten aufgeteilt. Eine war Mondostar. Die Vasilescus kauften sich Stück für Stück als Eigentümer ein. Wie und von welchem Geld? "Mebo", sagt Dorin Vasilescu knapp. "Management and employee buy-out", eine in Rumänien verbreitete Privatisierungsmethode, mit der viele ehemalige Führungskräfte in Staatsbetrieben zu deren Eigentümern wurden. Weitere diesbezügliche Fragen seien zwecklos, bedeutet Vasilescu mit einem unwilligen Lächeln.

Doina Vasilescu zählt die gesammelten rumänischen Unternehmerleiden auf: die Verkommenheit der politischen Elite, ihr Desinteresse an der rechtsstaatlichen und marktwirtschaftlichen Entwicklung des Landes, die ständig ändernden Gesetze, Korruption, Bürokratie und Willkür in rumänischen Behörden, das erstickend hohe Steuerniveau, die mangelnde Arbeitsmoral der Angestellten. "Von zweiundzwanzig Millionen Leuten im Land sind drei Millionen beschäftigt, davon 1,5 Millionen beim Staat." Sie scheint empört. "Also erhalten die 1,5 Millionen Leute im Privatsektor diesen Staat aufrecht." Die Fabrik Mondostar liegt im Zentrum von Hermannstadt, auf dem Boulevard des Sieges. Im Empfangsraum hängt eingerahmt das "Leistungszertifikat mi (markt intern)". Darauf steht in deutscher Sprache, dass die Firma Priess von hundert Damenoberbekleidungslieferanten in Deutschland im Jahre 2002 den ersten Platz belegte, und zwar für das Preis-Leistungs-Verhältnis, die Lieferpünktlichkeit und das Verhalten bei Reklamationen. Mondostar ist Lieferant von Priess. Die Urkunde hängt in einer Ecke.

Der Druck seiner westlichen Auftraggeber sei groß, sagt Dorin Vasilescu nach einigem Zögern. Ja, sie verlangten exzellente Qualität, Ausschussanteil null und pünktliche Lieferungen zu möglichst niedrigen Preisen. Vor allem die Konkurrenz aus Asien macht den Vasilescus hart zu schaffen. "Es gibt westliche Firmen, die sich massiv in Richtung Asien orientieren", sagt Dorin Vasilescu. "Immer mehr Waren kommen dorther. Die Lohnfertigung in Rumänien geht vielleicht noch zehn Jahre so weiter, dann ist Schluss, und zwar abrupt. Bei Mondostar versuchen wir schon seit einiger Zeit, eigene Marken und Artikel zu entwickeln. Aber sich auf dem Markt gegen etablierte Namen zu behaupten, ist sehr schwer."

Hat es der Chef erlaubt?

Und wegen dieses Drucks kann Mondostar, kann die rumänische Textilindustrie keine höheren Löhne zahlen? Vasilescu schwitzt. Es ist zu warm für Schlips und Kragen. Trotz Klimaanlage im Büro. "Wir würden gerne, glauben Sie mir", sagt er. "Aber schon die jetzigen Löhne zu zahlen, ist sehr schwer. Unsere Produktivität hier in der Fabrik ist sehr viel niedriger als normalerweise im Westen, obwohl das technische Niveau genau dasselbe ist wie im Westen. Aber dort arbeiten die Leute anders, sie reagieren anders auf die Anforderungen eines Chefs und arbeiten disziplinierter."

Der Personalchef hat die Vorsitzende der Betriebsgewerkschaft von Mondostar, Aurora Muntean, in den Empfangsraum geführt. Eine kleine 46-jährige Frau mit den grauen Haaren im Arbeitskittel. Sie kommt gerade von ihrem Arbeitsplatz. Auch sie näht Hosen. "Hat der Chef erlaubt, dass ich spreche?", fragt sie vorsichtig. Er hat es. "Die Arbeitsbedingungen sind gut", sagt Muntean, "besser als anderswo. Wir haben neue Maschinen, gute Toiletten und Waschräume. Wissen Sie, der Rumäne ist nie richtig zufrieden, aber uns geht es ganz gut. Die Gehälter könnten besser sein. Es gibt manchmal Probleme, etwas hitzige Diskussionen." Sie überlegt plötzlich, ob sie zu viel gesagt hat. Probleme? "Probleme, wie überall eben." Sie lacht. Mehr möchte sie dazu nicht sagen. "Wir sind froh, dass wir Arbeit haben."

Eugenia Diaconescu ist seit 1996 Vorsitzende der landesweiten Textilgewerkschaft Pelcontex, die der Gewerkschaftsföderation Cartel Alfa angeschlossen ist. Sie arbeitet in Sibiu-Hermannstadt selbst in einer Textilfabrik - bei Mondex, wo Strümpfe aller Art für den westlichen Markt hergestellt werden. "In vielen Fabriken wollen die Aktionäre nur schnellen Profit machen", klagt Diaconescu. "Sie investieren weder in moderne Maschinen, noch verbessern sie die Arbeitsbedingungen. Außerdem halten die Chefs die Rechte der Arbeiter oft nicht ein, sie lassen zu viele Überstunden machen und bezahlen die dann nicht. Sie brüllen die Arbeiter an." Im April ist in Rumänien ein neues Arbeitsgesetz in Kraft getreten, mit Regelungen, die ArbeiterInnen besser vor Unternehmerwillkür schützen sollen. "Solange die Arbeitsinspektoren die Einhaltung vor Ort nicht nachprüfen, wird das Gesetz sowieso nicht eingehalten", sagt Eugenia Diaconescu.

Zuckerln von der Gewerkschaft

Rumäniens Gewerkschaften sind keine gute Lobby für Arbeiter und Arbeiterinnen im Land. Unter der Diktatur Ceausescus gab es eine einzige große Gewerkschaft, die faktisch keine war. Heute sind die FunktionärInnen in den oberen Etagen der Gewerkschaften meistens korrupt und mit der jeweils regierenden Staatspartei verbandelt. Und die Leute an der Basis zersplittert, unorganisiert, machtlos.

Wie sechzig Prozent der Näherinnen bei Mondostar spart auch Eugenia Ban ihren Mitgliedsbeitrag lieber. Sie sitzt auf dem Stuhl in ihrem kleinen Zimmer, beugt sich vor und schlägt mit der Hand auf den Tisch. "Hatten wir irgendeinen Vorteil von der Gewerkschaft?", fragt sie. "Zu Weihnachten gabs eine Tüte mit billigen Bonbons. Das wars. Da bin ich ausgetreten. Ich kann meine Angelegenheiten selbst besser regeln." Sie ist halbwegs zufrieden mit ihrem Arbeitsplatz. Sie hat schon in anderen Textilfabriken gearbeitet. Dort gab es ständig Zwölf-Stunden-Schichten, und der Chef hat sie bei der Lohnzahlung betrogen. "Bei Mondostar haben wir wenigstens ein geregeltes Programm und arbeiten acht Stunden ohne Schichtdienst."

Aus [WOZ - Die Wochenzeitung], Schweiz, Nr. 33 vom 14. August 2003.

 

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