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"..., wie wir auch denen vergeben, die bei uns Schulden haben"
Dr. Kuno Füssel, deutscher Theologe aus
der Schule der politischen Theologie, weilte am 28. Feber 2003 als
Gast der Betriebsseelsorge, des SPÖ Bezirksbildungsforums und
der AUGE in Kapfenberg. Als aktives Mitglied der DKP hielt er einen
Vortrag zum Thema: "Woran hängt unser Herz? Die modernen Götzen
des totalen Marktes".
In der Religionssoziologie ist es seit
zwei Jahrzehnten üblich, den Kapitalismus als Religion und
nicht als Religionsersatz zu bezeichnen. Wenn man diesem Gedanken
folgen will, dann muss es klar erkennbare Ersetzungen ehemals christlicher
religiöser Inhalte und Kulte durch den Kapitalismus geben.
Und tatsächlich lassen sich anhand wichtiger Einzelheiten einer
Religion diese Ersetzungen beschreiben.
Die früher stets behauptete und der Erfahrung nie voll einleuchtende
Allgegenwart Gottes ist durch die unzweideutige Allgegenwart des
Geldes ersetzt worden. Die Bewegungen der ungeheuren Geldströme,
die den Erdball umkreisen, sind auch den Eingeweihten undurchschaubar
und unkalkulierbar geworden. Echte Transzendenz liegt hier vor (Insofern
Transzendenz das bezeichnet, was über unsere Erkenntnis- und
Einflussmöglichkeit hinausgeht.)
Menschen versuchen in schamanistischer Weise mit dieser Macht
zu handeln und sie für sich zu nutzen; immer in der Gefahr,
ihre vernichtende Gewalt zu spüren zu bekommen (Börsenspekulanten).
Der tiefen Verehrung, die dem Geld entgegengebracht wird entspricht
der Fatalismus, mit dem die Verelendung immer weiterer Bevölkerungsgruppen
im Süden wie im Norden und die unaufhaltsame Zerstörung
der Natur hingenommen werden. Ganz so, wie früher das Unglück
als Strafe der Götter aufgefasst wurde. Stellte ehemals der
eine Gott die Ordnung der Welt in seiner Schöpfungstat her,
so ist es nun das Geld, das die Ordnung und Übersichtlichkeit
der Welt herstellt. War in der "alten" Religion die Schöpfung
selbst nicht mehr hinterfragbar, so ist heute allen Beteiligten
klar, dass, wer Geld hat, mit von der Partie ist und wer keines
hat, bleibt draußen. Es verbietet sich weitgehend die Frage
nach dem Grund der ungerechten Verteilung des Geldes.
Nach dem höchsten Wert bemisst sich auch der Wert der übrigen
Dinge. Stand früher die Theologie im Zentrum der Universität,
sind es heute die Wirtschaftswissenschaften. Bildete früher
die Kirche die Mitte des Dorfes, so wird, wenn heute eine neue Siedlung
entsteht, sicher eine Bank dort untergebracht. Diese sind kirchenähnlich
strukturiert. Marmor und Messing lassen Ehrfurcht aufkommen; die
Stimmen sind gedämpft; geschultes Personal empfängt der
Bittsteller und an den Schaltern kann man, getrennt von den übrigen
Besuchern, seine Schuld beichten. Diese allerdings wird einem nicht
genommen sondern vielleicht umgeschuldet oder der Kreditrahmen erhöht.
Längst sind auch Bereiche wie die Liebe der Waren- und Tauschlogik
des Geldes unterworfen. Viele Konsumhandlungen haben eindeutig einen
rituellen Charakter. Die Teilnahme am Kult steht keineswegs frei:
Weitgehend werden wir gezwungen, am ungebremsten Konsum teilzunehmen.
Kaum irgendwelche Produkte werden hergestellt, die wirklich noch
ein Leben lang halten sollen. Je gezielter die Nutzungsdauer eines
Produktes durch Schwachstellen eingeschränkt werden kann, desto
mehr Umsatz ist sicher. Auch Opfer fordert dieses System: So werden
zum Beispiel dem Verkehr (einem der Hauptgötter dieser Religion)
Menschenopfer dargebracht, die tatsächlich auch als solche
bezeichnet werden. Das ganze erinnert an alte Märchen, in denen
Jungfrauen dem Drachen zum Opfer vorgeworfen werden. Nach diesem
Blick auf die heutige Weltordnung (oder Weltunordnung) stellt sich
die Frage, was denn die messianische Religion des Jesus dem entgegenzusetzen
hat. Die zwei wichtigsten Stellen in den Evangelien diesbezüglich
sind wohl der Vergleich Reicher/Himmel mit Kamel und Nadelöhr
und die Stelle Matthäus 6, 24. Niemand kann zwei Herren dienen;
er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er
wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt
nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.
Ein kleiner Exkurs zu "Mammon" ist angebracht. Voller Vergnügen
hat schon Sigmund Freud auf die Herkunft des Wortes verwiesen. Es
stammt von einem in der babylonischen Umwelt bekannten Dämon
der Unterwelt. Dieser sitzt am Feuer und entledigt sich seines Darminhaltes
und das Ergebnis ist dann der Mammon. Schon etwas verschönernd
gesprochen könnte man sagen, es handelt sich dabei um Teufelsdreck.
Womit die Unterscheidung Jesu noch einmal mehr Gefälle bekommt.
Aber es ist auch zu sagen: Mammon ist nicht gleich Geld. Mammon
ist der zentrale Begriff der Kapitalismuskritik. Als Götze
wird dieser Mammon produziert, gemacht, und ist nicht einfach von
selber da. Die Prophetenbücher des Alten Testamentes und die
Psalmen beschreiben verschiedentlich die "Produktion" von Götzen.
Diese "Produkte" sind dann, wenn wir sie mit Leben erfüllen,
unsere Beherrscher.
Karl Marx hat in seiner Fetischanalyse diese Kritik nachvollzogen:
Wir geben den Produkten unserer Hände die Würde von Personen
und werden selbst zu Objekten und Dingen gemacht. Das ist die eigentliche
und tragische Vertauschung. Und die Macht, die diese Dinge über
uns gewinnen, minimieren uns und wir werden Opfer dieser Götzen.
Das geschieht etwa auch, wenn wir uns so genannten Sachzwängen
ausgeliefert sehen. Auch diese sind produziert und nicht einfach
so da. (vergleiche "Rationalisierung - Einsparung von Arbeitsplätzen
- Arbeitslosigkeit").
Martin Luther hat in diesem Zusammenhang in seinem großen
Katechismus bei der Interpretation des ersten Gebotes ungefähr
Folgendes kurz und bündig benannt: "Das Trauen und Glauben
des Herzens macht beide: Gott und Götzen. Worauf du nun dein
Herz hängest und verlässt, das ist eigentlich dein Gott."
Heute stehen sich nach dieser kurzen Formel wohl Gott und Geld gegenüber.
Entscheidend auch, um das Verständnis Jesu von Mammon genauer
zu klären, ist, dass Jesus seine Predigten auf die hebräische
Bibel, unser Altes Testament, gründet. Da gibt es die Geschichte
mit dem goldenen Kalb und der Reaktion des Moses darauf. Dann gibt
es die Warnungen des Propheten Jeremia an seine Landsleute im babylonischen
Exil, sich nicht vom wahren Gott abzuwenden.
Wichtig für unser Nachdenken ist jene Stelle im Buch Daniel,
wo König Nebukadnezar eine sechzig Ellen hohe Säule aus
purem Gold verfertigen lässt, und alle auffordert, sich vor
diesem Goldgötzen niederzuwerfen. Es handelt sich dabei um
eine klare Machtdemonstration. Der König lässt seine Macht,
dargestellt durch eine beeindruckende Säule aus Gold, für
sich sprechen. Drei junge Männer, Israeliten im babylonischen
Exil, beugen ihre Knie nicht und werden zur Strafe in den Feuerofen
geworfen. Entscheidend ist diese Stelle auch deswegen, weil sie
zu politischem Widerstand auffordert, aus Gottglauben heraus oder
auch aus Atheismus heraus: Die Männer meinen nämlich,
auch wenn Gott sie nicht retten sollte (das Heil also nicht von
Gott kommt), werden sie das Standbild des Königs nicht anbeten.
Die letzte Würde des Menschen besteht darin, sich anders zu
verhalten als vor den Götzen die Knie zu beugen (wer den Ausgang
der Geschichte nicht kennt: Die drei Jünglinge werden gerettet).
Zahlreiche ökonomische Gesetze in der Tora (hier sind die
Grundgebote des jüdischen Volkes enthalten) machen anschaulich,
worum es bei der gottgewollten Wirtschaft geht:
- Die Armen, Witwen und Waisen müssen ein Auskommen haben;
- zumindest alle fünfzig Jahre ist die wirtschaftliche Ausgangslage
wieder her zu stellen (Jubeljahr/Erlassjahr);
- Zinsverbot für Kredite an In-Not-Geratene.
Die Grundintention des israelitischen Gottesrechts ist der ungehinderte
Zugang aller Menschen zu den lebensnotwendigen Gütern. Wo dies
durch den Markt verhindert wird, muss zugunsten der Benachteiligten
eingegriffen werden. Und zwar strukturell und nicht bloß durch
persönliches Ermahnen und Predigen. Ein freies gewähren
lassen Gewinn orientierten Wirtschaftens zerstört nach biblischer
Erfahrung die Gerechtigkeit, die den Kern des Bundes zwischen Gott
und den Menschen bildet. Dabei muss nochmals festgehalten werden:
Nicht das Geld selbst ist es, das diese widergöttliche Dynamik
in sich selber trägt. Es ist der Mensch, der das Geld zu seinem
Gott/Götzen macht und damit zum Herrn über sein Leben.
Dort, wo die Wirtschaft um des höheren Gewinns willen Arbeitsplätze
vernichtet, dort herrscht das System des Mammon. Der Gegensatz heißt
nicht: Staatswirtschaft gegen Marktwirtschaft, der Gegensatz heißt:
Versorgungswirtschaft gegen Akkumulationswirtschaft.
Zusammengefasst kann gesagt werden: Gotteslehre ist Kapitalismuskritik.
Und bei aller Ähnlichkeit von Gott und Geld kann ein Unterscheidungsmerkmal
genannt werden: Es ist dies die Lehre von der Schuldvergebung. Der
Kapitalismus ist eine Religion, in der die Schuld nicht vergeben
wird, sondern die dauerhaft verschuldet. Die Botschaft von der Vergebung
der Schuld ist dieser Religion unbekannt: Schulden müssen bezahlt
werden bis in alle Ewigkeit. Deshalb ist die Religion der Erlösung,
wie immer diese auch aussieht, in der Lage, den wirklichen Unterscheidungsgrund
zur Religion des Kapitalismus (Gott oder Geld) zu nennen: Den Umgang
mit der Schuld. Und damit scheint diese Botschaft und der Glaube
an diesen Gott des Jesus von Nazaret hoch aktuell.
Es ist ein Zeichen der Veränderung, wenn die Gegner der rein
kapitalistischen Globalisierung sich nicht in Davos, beim Weltwirtschaftsgipfel,
als Opfer für die Knüppel der Schweizer Polizei anbieten,
sondern sich zu einem alternativen Gipfel in Porto Alegre treffen.
Da wird schon das neue System geprobt und ausgefeilt. Entscheidend
ist, dass die Alternativen angedacht und umgesetzt werden. Nicht
sich blutige Köpfe holen, indem man gegen die "Kapitalverbrecher"
Sturm läuft, sondern neues Handeln als Wirklichkeit in die
Welt setzen. Dann kann man vielleicht in Zukunft bald einmal gemeinsam
ein schönes altes Kirchenlied anstimmen und als zweite Strophe
auch die Internationale einfügen.
Nichtautorisierte Zusammenfassung des Vortrages
durch Mag. Sepp Riedl, Betriebsseelsorger.
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