Alternative-Logo (1kb)
 
     
 
Alternative Mai 2003

 

"..., wie wir auch denen vergeben, die bei uns Schulden haben"

Dr. Kuno Füssel, deutscher Theologe aus der Schule der politischen Theologie, weilte am 28. Feber 2003 als Gast der Betriebsseelsorge, des SPÖ Bezirksbildungsforums und der AUGE in Kapfenberg. Als aktives Mitglied der DKP hielt er einen Vortrag zum Thema: "Woran hängt unser Herz? Die modernen Götzen des totalen Marktes".

 

In der Religionssoziologie ist es seit zwei Jahrzehnten üblich, den Kapitalismus als Religion und nicht als Religionsersatz zu bezeichnen. Wenn man diesem Gedanken folgen will, dann muss es klar erkennbare Ersetzungen ehemals christlicher religiöser Inhalte und Kulte durch den Kapitalismus geben. Und tatsächlich lassen sich anhand wichtiger Einzelheiten einer Religion diese Ersetzungen beschreiben.

Die früher stets behauptete und der Erfahrung nie voll einleuchtende Allgegenwart Gottes ist durch die unzweideutige Allgegenwart des Geldes ersetzt worden. Die Bewegungen der ungeheuren Geldströme, die den Erdball umkreisen, sind auch den Eingeweihten undurchschaubar und unkalkulierbar geworden. Echte Transzendenz liegt hier vor (Insofern Transzendenz das bezeichnet, was über unsere Erkenntnis- und Einflussmöglichkeit hinausgeht.)

Menschen versuchen in schamanistischer Weise mit dieser Macht zu handeln und sie für sich zu nutzen; immer in der Gefahr, ihre vernichtende Gewalt zu spüren zu bekommen (Börsenspekulanten). Der tiefen Verehrung, die dem Geld entgegengebracht wird entspricht der Fatalismus, mit dem die Verelendung immer weiterer Bevölkerungsgruppen im Süden wie im Norden und die unaufhaltsame Zerstörung der Natur hingenommen werden. Ganz so, wie früher das Unglück als Strafe der Götter aufgefasst wurde. Stellte ehemals der eine Gott die Ordnung der Welt in seiner Schöpfungstat her, so ist es nun das Geld, das die Ordnung und Übersichtlichkeit der Welt herstellt. War in der "alten" Religion die Schöpfung selbst nicht mehr hinterfragbar, so ist heute allen Beteiligten klar, dass, wer Geld hat, mit von der Partie ist und wer keines hat, bleibt draußen. Es verbietet sich weitgehend die Frage nach dem Grund der ungerechten Verteilung des Geldes.

Nach dem höchsten Wert bemisst sich auch der Wert der übrigen Dinge. Stand früher die Theologie im Zentrum der Universität, sind es heute die Wirtschaftswissenschaften. Bildete früher die Kirche die Mitte des Dorfes, so wird, wenn heute eine neue Siedlung entsteht, sicher eine Bank dort untergebracht. Diese sind kirchenähnlich strukturiert. Marmor und Messing lassen Ehrfurcht aufkommen; die Stimmen sind gedämpft; geschultes Personal empfängt der Bittsteller und an den Schaltern kann man, getrennt von den übrigen Besuchern, seine Schuld beichten. Diese allerdings wird einem nicht genommen sondern vielleicht umgeschuldet oder der Kreditrahmen erhöht.

Längst sind auch Bereiche wie die Liebe der Waren- und Tauschlogik des Geldes unterworfen. Viele Konsumhandlungen haben eindeutig einen rituellen Charakter. Die Teilnahme am Kult steht keineswegs frei: Weitgehend werden wir gezwungen, am ungebremsten Konsum teilzunehmen. Kaum irgendwelche Produkte werden hergestellt, die wirklich noch ein Leben lang halten sollen. Je gezielter die Nutzungsdauer eines Produktes durch Schwachstellen eingeschränkt werden kann, desto mehr Umsatz ist sicher. Auch Opfer fordert dieses System: So werden zum Beispiel dem Verkehr (einem der Hauptgötter dieser Religion) Menschenopfer dargebracht, die tatsächlich auch als solche bezeichnet werden. Das ganze erinnert an alte Märchen, in denen Jungfrauen dem Drachen zum Opfer vorgeworfen werden. Nach diesem Blick auf die heutige Weltordnung (oder Weltunordnung) stellt sich die Frage, was denn die messianische Religion des Jesus dem entgegenzusetzen hat. Die zwei wichtigsten Stellen in den Evangelien diesbezüglich sind wohl der Vergleich Reicher/Himmel mit Kamel und Nadelöhr und die Stelle Matthäus 6, 24. Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.

Ein kleiner Exkurs zu "Mammon" ist angebracht. Voller Vergnügen hat schon Sigmund Freud auf die Herkunft des Wortes verwiesen. Es stammt von einem in der babylonischen Umwelt bekannten Dämon der Unterwelt. Dieser sitzt am Feuer und entledigt sich seines Darminhaltes und das Ergebnis ist dann der Mammon. Schon etwas verschönernd gesprochen könnte man sagen, es handelt sich dabei um Teufelsdreck. Womit die Unterscheidung Jesu noch einmal mehr Gefälle bekommt. Aber es ist auch zu sagen: Mammon ist nicht gleich Geld. Mammon ist der zentrale Begriff der Kapitalismuskritik. Als Götze wird dieser Mammon produziert, gemacht, und ist nicht einfach von selber da. Die Prophetenbücher des Alten Testamentes und die Psalmen beschreiben verschiedentlich die "Produktion" von Götzen. Diese "Produkte" sind dann, wenn wir sie mit Leben erfüllen, unsere Beherrscher.

Karl Marx hat in seiner Fetischanalyse diese Kritik nachvollzogen: Wir geben den Produkten unserer Hände die Würde von Personen und werden selbst zu Objekten und Dingen gemacht. Das ist die eigentliche und tragische Vertauschung. Und die Macht, die diese Dinge über uns gewinnen, minimieren uns und wir werden Opfer dieser Götzen. Das geschieht etwa auch, wenn wir uns so genannten Sachzwängen ausgeliefert sehen. Auch diese sind produziert und nicht einfach so da. (vergleiche "Rationalisierung - Einsparung von Arbeitsplätzen - Arbeitslosigkeit").

Martin Luther hat in diesem Zusammenhang in seinem großen Katechismus bei der Interpretation des ersten Gebotes ungefähr Folgendes kurz und bündig benannt: "Das Trauen und Glauben des Herzens macht beide: Gott und Götzen. Worauf du nun dein Herz hängest und verlässt, das ist eigentlich dein Gott." Heute stehen sich nach dieser kurzen Formel wohl Gott und Geld gegenüber.

Entscheidend auch, um das Verständnis Jesu von Mammon genauer zu klären, ist, dass Jesus seine Predigten auf die hebräische Bibel, unser Altes Testament, gründet. Da gibt es die Geschichte mit dem goldenen Kalb und der Reaktion des Moses darauf. Dann gibt es die Warnungen des Propheten Jeremia an seine Landsleute im babylonischen Exil, sich nicht vom wahren Gott abzuwenden.

Wichtig für unser Nachdenken ist jene Stelle im Buch Daniel, wo König Nebukadnezar eine sechzig Ellen hohe Säule aus purem Gold verfertigen lässt, und alle auffordert, sich vor diesem Goldgötzen niederzuwerfen. Es handelt sich dabei um eine klare Machtdemonstration. Der König lässt seine Macht, dargestellt durch eine beeindruckende Säule aus Gold, für sich sprechen. Drei junge Männer, Israeliten im babylonischen Exil, beugen ihre Knie nicht und werden zur Strafe in den Feuerofen geworfen. Entscheidend ist diese Stelle auch deswegen, weil sie zu politischem Widerstand auffordert, aus Gottglauben heraus oder auch aus Atheismus heraus: Die Männer meinen nämlich, auch wenn Gott sie nicht retten sollte (das Heil also nicht von Gott kommt), werden sie das Standbild des Königs nicht anbeten. Die letzte Würde des Menschen besteht darin, sich anders zu verhalten als vor den Götzen die Knie zu beugen (wer den Ausgang der Geschichte nicht kennt: Die drei Jünglinge werden gerettet).

Zahlreiche ökonomische Gesetze in der Tora (hier sind die Grundgebote des jüdischen Volkes enthalten) machen anschaulich, worum es bei der gottgewollten Wirtschaft geht:

- Die Armen, Witwen und Waisen müssen ein Auskommen haben;
- zumindest alle fünfzig Jahre ist die wirtschaftliche Ausgangslage wieder her zu stellen (Jubeljahr/Erlassjahr);
- Zinsverbot für Kredite an In-Not-Geratene.

Die Grundintention des israelitischen Gottesrechts ist der ungehinderte Zugang aller Menschen zu den lebensnotwendigen Gütern. Wo dies durch den Markt verhindert wird, muss zugunsten der Benachteiligten eingegriffen werden. Und zwar strukturell und nicht bloß durch persönliches Ermahnen und Predigen. Ein freies gewähren lassen Gewinn orientierten Wirtschaftens zerstört nach biblischer Erfahrung die Gerechtigkeit, die den Kern des Bundes zwischen Gott und den Menschen bildet. Dabei muss nochmals festgehalten werden: Nicht das Geld selbst ist es, das diese widergöttliche Dynamik in sich selber trägt. Es ist der Mensch, der das Geld zu seinem Gott/Götzen macht und damit zum Herrn über sein Leben. Dort, wo die Wirtschaft um des höheren Gewinns willen Arbeitsplätze vernichtet, dort herrscht das System des Mammon. Der Gegensatz heißt nicht: Staatswirtschaft gegen Marktwirtschaft, der Gegensatz heißt: Versorgungswirtschaft gegen Akkumulationswirtschaft.

Zusammengefasst kann gesagt werden: Gotteslehre ist Kapitalismuskritik. Und bei aller Ähnlichkeit von Gott und Geld kann ein Unterscheidungsmerkmal genannt werden: Es ist dies die Lehre von der Schuldvergebung. Der Kapitalismus ist eine Religion, in der die Schuld nicht vergeben wird, sondern die dauerhaft verschuldet. Die Botschaft von der Vergebung der Schuld ist dieser Religion unbekannt: Schulden müssen bezahlt werden bis in alle Ewigkeit. Deshalb ist die Religion der Erlösung, wie immer diese auch aussieht, in der Lage, den wirklichen Unterscheidungsgrund zur Religion des Kapitalismus (Gott oder Geld) zu nennen: Den Umgang mit der Schuld. Und damit scheint diese Botschaft und der Glaube an diesen Gott des Jesus von Nazaret hoch aktuell.

Es ist ein Zeichen der Veränderung, wenn die Gegner der rein kapitalistischen Globalisierung sich nicht in Davos, beim Weltwirtschaftsgipfel, als Opfer für die Knüppel der Schweizer Polizei anbieten, sondern sich zu einem alternativen Gipfel in Porto Alegre treffen. Da wird schon das neue System geprobt und ausgefeilt. Entscheidend ist, dass die Alternativen angedacht und umgesetzt werden. Nicht sich blutige Köpfe holen, indem man gegen die "Kapitalverbrecher" Sturm läuft, sondern neues Handeln als Wirklichkeit in die Welt setzen. Dann kann man vielleicht in Zukunft bald einmal gemeinsam ein schönes altes Kirchenlied anstimmen und als zweite Strophe auch die Internationale einfügen.

Nichtautorisierte Zusammenfassung des Vortrages durch Mag. Sepp Riedl, Betriebsseelsorger.

 

Alternative Mai 2003