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Nur eine Pensions"reform"?
Pensionsreformen sind nichts Neues. Die geplante
Pensionsreform ist allerdings besonders brutal. Und das aus guten
Gründen. Kann sie doch nicht isoliert von einer Konzeption
gesehen werden, die letztlich auf einen radikalen Umbau von Wohlfahrtsstaatlichkeit
abzielt. Die Schwarz-Blaue Politik kann dabei nicht isoliert von
einer gesamteuropäischen Entwicklung betrachtet werden.
Von Markus Koza.
Von Lissabon ...
Im März 2000 fand in Lissabon ein Treffen der EU-Staaten
statt, das unter dem Motto "Beschäftigung, Wirtschaftsreformen
und sozialer Zusammenhalt - auf dem Weg zu einem Europa der Innovation
und des Wissens" stand und das ehrgeizige Ziel formulierte, die
EU bis 2010 zur "wettbewerbfähigsten und dynamischsten wissensbasierten
Ökonomie der Welt" zu machen. Die wirtschafts- und sozialpolitische
Strategie der EU bis 2010 fußt seit damals auf fünf Pfeilern:
der erste Pfeiler umfasst den Aufbau einer europäischen Internetindustrie.
Der zweite den Ausbau der EU-Finanzmärkte sowie die stärkere
Börsennotierung europäischer Unternehmen und damit verbunden
die Liberalisierung des elektronischen Handels. Von den ersten beiden
Pfeilern erhofft sich die EU ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum
von drei Prozent, das gemeinsam mit den anderen Maßnahmen
zu Vollbeschäftigung führen soll. Der dritte Pfeiler stellt
den weiteren Ausbau des Dienstleistungssektors dar: "ModernisierungsverliererInnen"
sollen so schnell wie möglich wieder in den Arbeitsmarkt integriert
werden und dem Dienstleistungssektor als Arbeitskräfte - vor
allem im Niedriglohnbereich - zugeführt werden. Den vierten
Pfeiler bildet die Stabilitätspolitik für den Euro: Die
Inflationsrate soll im Euroraum nur bei null bis zwei Prozent schwanken,
die Sanierung der Budgets weiterbetrieben werden, die Mitgliedsstaaten
mittelfristig Überschüsse produzieren. Und schließlich
soll die fünfte Säule - in engem Zusammenhang zur vierten
Säule - die Modernisierung der Sozialsysteme, die eine nachhaltige
Entlastung der öffentlichen Finanzen garantieren soll, ein
weiteres Kernprojekt europäischer Modernisierung darstellen:
bisher überwiegend öffentlich organisierte Pensionssysteme
sollen durch den Aufbau europaweit agierenden Pensionsfonds "entlastet"
werden, im Gesundheitssystem wettbewerbliche Elemente zu Kostenreduktion
und Erhöhung der Qualität führen. Die europäische
Zusammenarbeit in den Bereichen der Sozial- und der Beschäftigungspolitik
soll künftig forciert werden, die Umsetzungsschritte der Lissabon-Strategie
regelmäßig überprüft werden. Wurde auch die
Vollbeschäftigung - und mit ihr die Erhöhung der Erwerbsquote
von Frauen - erstmals seit langem wieder als Ziel einer wirtschaftspolitischen
Agenda vorgegeben, folgt die EU den altbekannten Mustern neoliberaler
Politik: Flexibilisierung der Arbeits"märkte", weitere Liberalisierung
der Güter- und Finanzmärkte, sowie die Privatisierung
privater Risken.
... nach Wien
Drei Jahre ists nun her, seit damals ist viel Wasser die
Donau hinuntergeflossen. Inzwischen ist die New-Economy-Blase geplatzt,
befinden sich die Börsen regelmäßig im Sturzflug,
ist der Euro-Raum von einem drei Prozent Wachstum meilenweit entfernt,
befinden sich die europäischen Staaten und die Weltwirtschaft
in einer veritablen Wirtschaftskrise, erreicht die Arbeitslosigkeit
Rekordhöhen. Bislang heilige, unantastbare Kühe - wie
etwa das vielgepriesene Nulldefizit der KHG-Ich-Aktie - sind inzwischen
ebenfalls geschlachtet worden. Hat dies allerdings zu einem prinzipiellen
Umdenken hinsichtlich der wirtschafts- und sozialpolitischen Vorgaben,
die in Lissabon beschlossen wurden, geführt? Keineswegs. Wie
am Regierungsprogramm der ÖVP-FPÖ Koalition leicht zu
erkennen ist.
Pensionsreform
Da ist einmal die geplante Pensionsreform - pardon "Pensionssicherungsreform"
natürlich. Die Eckdaten sind bekannt: Stufenweise Erhöhung
der Durchrechnungszeiträume von fünf- bzw. achtzehn Jahren
auf vierzig Jahre bis 2028, die Abschaffung der vorzeitigen Alterspension
wegen langer Versicherungsdauer durch schrittweise Anhebung des
Antrittsalters bis 2009 (ab 2010 Regelpensionsalter fünfundsechzig
Jahre Männer, sechzig Jahre Frauen), die Abschaffung der Alterspension
wegen Arbeitslosigkeit ab 2004, die Kürzung des Steigerungsprozentsatzes
von zwei auf 1,78 Prozent ab 2004, sowie die Erhöhung des Abschlages
im Falle des vorzeitigen Pensionsantritts von drei auf 4,2 Prozent
und noch einiges mehr. Kürzungen bis zu vierzig Prozent und
mehr sind da drinnen. Treffen wirds am massivsten die Frauen,
aber für die hatte diese Regierung ohnehin nie besonders viel
übrig. Dafür soll die zweite und dritte Pensionssäule
weiter ausgebaut werden. Der Ausbau dieser beiden Säulen hat
einen angenehmen Nebeneffekt: er schafft Finanzmarktakteure, nämlich
Pensionsfonds, ob privat oder betrieblich, sowie Mitarbeitervorsorgekassen,
die den Kapitalmarkt beleben. Und das ist auch dringend notwendig,
sollen doch jene Betriebe mit staatlichem Anteil totalprivatisiert
werden. Die ÖVP gibt dies in ihrer "Wirtschaftspolitischen
Agenda 2010" - in der sie sich übrigens unmittelbar auf den
Lissabon-Prozess beruft - (vergleiche Alternative 1-2/2003) auch
unumwunden zu: "Länder mit einem ausgebauten Mehrsäulensystem
in der Altersvorsorge verfügen über einen starken Kapitalmarkt,
da Einrichtungen, die gemäß Kapitaldeckungssystem veranlagen,
eine gewisse home bias aufweisen, also eine Tendenz,
in einem höheren Ausmaß am Heimmarkt veranlagen, als
es dem Anteil des Heimmarktes an der Weltmarktkapitalisierung entspricht.
Mit der Abfertigung neu haben die Sozialpartner und die Regierung
ein Konzept zur Modernisierung des Abfertigungssystems vorgelegt,
damit sollte auch eine Stärkung der zweiten Säule verbunden
sein. Ergänzend muss die private Altersvorsorge stärker
forciert werden. So sieht dann also die vielbeschworene österreichische
Lösung für die angestrebten Totalprivatisierungen der
ÖIAG-Betriebe aus: institutionelle Anleger, rein Shareholder-Value-orientiert.
Moderne Industrie-, Sozial- und Standortpolitik zur nachhaltigen
Entlastung der öffentlichen Finanzen würden das die schwarz-blauen
Propheten nennen. Wir nennen das wirtschafts- und sozialpolitischen
Wahnsinn. Entspricht aber dem allgemein vorherrschenden europäischen
Geist: "Modernisierung" der Sozialsysteme, Ausbau der EU-Finanzmärkte,
stärkere Börsenkapitalisierung europäischer - in
diesem Falle österreichischer - Unternehmen, Weiterführung
der Budgetsanierungspolitik.
Sozialhilfe "neu"
Die Bundesregierung will prüfen, die "Notstandshilfe von
der Zuständigkeit des AMS in die Sozialhilfe der Länder
zu verlagern" (Regierungsprogramm). Um diese "Sozialhilfe neu" bestehen
derzeit nur Rätsel. Gutes ist von ihr allerdings nicht zu erwarten
- insbesondere bei diesen Regierungsakteuren. Sozialhilfe ist eine
von den einzelnen Bundesländern zu leistende Hilfe, die in
einer gegenwärtigen Notlage zur Deckung eines konkreten individuellen
Bedarfs zuerkannt wird, wenn die Hilfesuchenden weder über
Einkommen noch Vermögen verfügen. Von Hilfesuchenden wird
allerdings verlangt, dass sie zunächst verwertbares eigenes
Vermögen zur Abdeckung der Notlage einsetzen. Es kann also
eine Verwertung von Ersparnissen, Schmuck, KFZ etc. vor der Gewährung
der Sozialhilfe verlangt werden. Zusätzlich sind in den meisten
Bundesländern empfangene Hilfen zurückzuerstatten, wobei
auch Regressverpflichtungen von Eltern und Kindern bestehen. MigrantInnen
bekommen überhaupt keine Sozialhilfe, Ansprüche auf Trainings-
und Unterstützungsprogramme seitens des AMS gehen ebenso verloren.
Weiters gibt es bei Bezug der Sozialhilfe keine Anrechnung von Pensionszeiten.
Wäre also die "Sozialhilfe neu" nichts anderes als die Sozialhilfe
alt, so bedeutet dies für zirka hundertzwanzigtausend NotstandshilfebezieherInnen
nichts anderes als eine Aussteuerung. Eine Versicherungsleistung
wird zu einer Fürsorgeleistung. Natürlich würden
sich einige Probleme gesetzlich beheben lassen. Doch will das diese
Regierung überhaupt? Modelle einer bedarfsorientierten Grundsicherung
mit gesichertem Rechtsanspruch in ausreichender Höhe mit garantiertem
Sozialversicherungsschutz wurden seitens der ÖVP - geschweige
denn von der FPÖ - mehrmals deutlich abgelehnt. Das AMS würde
sich allerdings einiges ersparen, liegt die Sozialhilfe doch deutlich
unter der Notstandshilfe. Dem AMS würde das allerdings eher
wenig bringen, vielmehr dafür KHG, der wieder einmal einen
Fonds zum Abschöpfen hätte. Zur nachhaltigen Sanierung
der öffentlichen Finanzen.
Der flexible Mensch
Was dafür die Bundesregierung plant, ist eine weitere Flexibilisierung
der Zumutbarkeitsbestimmungen, womit der Druck auf Arbeitssuchende
irgendwelche McJobs (Förderung des Niedriglohnsektors!) anzunehmen
wohl steigen würde, sowie eine weitere Flexibilisierung der
Arbeitszeit. Im Text zum Regierungsprogramm heißt es dazu:
"Das Arbeitszeitgesetz soll im Lichte der EU-Arbeitszeitrichtlinie
vereinfacht und modernisiert werden." Und da bekannt ist, dass wenn
Konservative von Modernisierung reden, diese in der Regel sozialen
Rückschritt meinen, sei kurz erwähnt was das - so die
EU-Richtlinie - bedeuten kann: eine tägliche Ausdehnung der
Normalarbeitszeit auf zwölf oder dreizehn Stunden. Nach GPA-Schätzungen
würden sich die ArbeitgeberInnen - würde diese Änderung
tatsächlich kommen - an die fünfhundertfünfzig Millionen
Euro Überstundenzuschläge ersparen. Ebenfalls auf der
Tagesordnung: die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten:
Künftig sollen die Geschäfte in der Zeit von Montag 5
Uhr bis Samstag 21 Uhr maximal zweiundsiebzig Wochenstunden geöffnet
haben dürfen. Maximale tägliche Öffnungsdauer: 5
Uhr früh bis 21 Uhr abends. Landeshauptleute dürfen auch
anderes - etwa noch spätere Schließungszeiten - gewähren,
die Regelung, dass nur jeden zweiten Samstag gearbeitet werden darf,
soll ebenfalls fallen. Der österreichische Arbeitsmarkt - jährlich
werden an die achthunderttausend Unselbständige einmal arbeitslos
- ohnehin sehr flexibel, soll also noch weiter flexibilisiert werden,
Arbeitszeiten ausgedehnt, vielleicht sogar verlängert werden!
Die Austronationale zerschlägt das Arbeitsrecht ...
Dieser Auszug aus den geplanten Maßnahmen der Bundesregierung
macht klar: diese Pensionsreform ist nur ein - wenn auch bedeutendes
und besonders dramatisches - Puzzlestück eines wirtschafts-
und sozialpolitischen Kataloges, der den vollständigen Umbau
der Gesellschaft in eine autoritäre, liberale Marktwirtschaft
auf allen Ebenen zum Ziel hat. Bisher öffentlich organisierte
Aufgaben - von der sozialen Sicherung im Alter oder im Falle von
Erwerbsarbeitslosigkeit - sollen auf ein unerträgliches Mindestmaß
reduziert werden. Dramatisch wirds für das zu erwartende
zusätzliche Heer an Arbeitslosen: das WIFO schätzt für
den Zeitraum von 2004 bis 2008, dass als Resultat der Abschaffung
der vorzeitigen Alterspension an die hunderttausend Menschen zusätzlich
von Arbeitslosigkeit betroffen sein werden: an die achtzigtausend,
denen der Weg in die vorzeitige Alterspension verunmöglicht
werden wird und an die achtzehntausend Junge, die nicht in Jobs
nachrücken. Viel einfallen lässt sich die Regierung zur
Bekämpfung der Altersarbeitslosigkeit allerdings nicht: außer
eine Lohnnebenkostensenkung für ältere ArbeitnehmerInnen.
Bringt zwar hinsichtlich der Beschäftigung mit hoher Wahrscheinlichkeit
nichts (ein ähnliches Modell gab es zur Erhöhung der Jugendbeschäftigung
- auch das brachte nichts), dafür bringts den Unternehmen
finanziell deutlich mehr. Dafür kommts eben zu weiteren
Deregulierungen am Arbeitsmarkt und dem zunehmenden Verlust von
sozial- und arbeitsrechtlichen Schutzbestimmungen, die das Leben
im Kapitalismus noch einigermaßen erträglich gestalteten.
Schließlich geht es nicht um Qualität sondern Quantität
in der Beschäftigung. Soll die Atypisierung der Beschäftigung
nur wachsen, so lange die Arbeitslosenraten dadurch sinken. So ist
dann das Ziel "Vollbeschäftigung" vielleicht doch noch erreichbar
- um einen hohen Preis für die voll Beschäftigten. Die
österreichische Regierung befindet sich dabei in bester europäischer
Gesellschaft, auch wenn die Wege einzelner Regierungen unterschiedlich
sind, einmal etwas sozial verträglicher, einmal eher österreichisch.
Doch es regt sich inzwischen auch immer mehr Widerstand - ob sich
dieser nun in Form der sich gerade bildenden Sozialforen auf europäischer
Ebene, oder auch dem steigenden Widerstandswillen der Gewerkschaften
(in Spanien, Griechenland, Deutschland, Frankreich und nun auch
in Österreich) äußert. Schließlich gehts
ans Eingemachte. Wer sich jetzt nicht wehrt, lebt verkehrt. Regierungen
kommen und gehen. Je schneller diese geht, umso besser.
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