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Drittes Weltsozialforum in Porto Alegre
Eine andere Welt fängt an, Gestalt anzunehmen
Hunderttausend TeilnehmerInnen diskutierten,
wie konkret gegen Neoliberalismus und Krieg vorgegangen werden könnte.
Von Hermann Dworczak.
Natürlich gabs auch diesmal - ebenso wie auf dem Europäischen
Sozialforum (ESF) in Florenz - Megaveranstaltungen und Riesendemos.
Und sie hatten durchaus einen gewissen propagandistischen und emotionalen
Stellenwert. Darüber hinaus waren jedoch zwei Momente prägend:
Die Wahl Lulas zum brasilianischen Präsidenten und das Bemühen
angesichts des globalen Debakels des realen Kapitalismus, bündige
Alternativen anzudenken.
Ich hatte die wunderbare Möglichkeit bereits vor Porto Alegre,
im Rahmen einer von "Weltumspannend arbeiten "organisierten Reise
mit österreichischen GewerkschafterInnen das Land kennenzulernen.
In zahllosen Gesprächen mit GewerkschafterInnen der CUT, AktivistInnen
der Landlosenbewegung MST, Schwarzen, Indigenen und Mitgliedern
der "Arbeiterpartei" PT war immer wieder zu hören: "Super,
dass der Metallarbeiter Lula gewonnen hat. Das eröffnet in
Brasilien, in Lateinamerika, ja weltweit bessere Kampfbedingungen
für uns. Aber Regierung ist Regierung. Wir bleiben unabhängig.
"Der argumentative Dauerbrenner der AUGE "Autonomie der Gewerkschaften
und Bewegungen" - ich fand ihn hier in die Wirklichkeit umgesetzt.
Nicht am Gängelband der Regierung zu sein ist ein dringendes
Gebot der Stunde - angesichts des enormen Drucks des brasilianischen
und internationalen Kapitals, aber auch wegen deren innerer Zusammensetzung.
Schlüsselpositionen sind von Bürgerlichen und PT-"Marktwirtschaftlern"
besetzt. Auch die Zentralbank wird von einem Rechten geleitet, der
einen harten Sparkurs fahren will. Der Standardsatz von Joao Stedile,
dem Sprecher der MST, lautet demzufolge: "Wir müssen der Regierung
mit unseren Kämpfen und Landbesetzungen helfen" - unverholen
mit einem Grinsen bis zu den Ohren begleitet. Auch was Informationen
betrifft, verlässt er sich nicht auf "oben" und half mit, das
kritische Magazin "Brasil de Fato" (Das wirkliche Brasilien) herauszugeben.
Ich besuchte eine Reihe von mittleren und kleinen Veranstaltungen,
in denen zum Teil über das Motto "Eine andere Welt ist möglich
" hinausgegangen und Dinge bestimmt angegangen wurden. Die Spannweite
der Meetings reichte von "Wie gegen Gats kämpfen?" über
"Populismus in Lateinamerika und weltweit" bis "Wie könnte
ein neuer, pluralistischer Sozialismus aussehen?". Bei einem Erfahrungsaustausch
zwischen lateinamerikanischen und europäischen Linken, an der
auch Fausto Bertinotti von der italienischen Rifondazione Comunista
teilnahm, referierte ich über die ernüchternden Erfahrungen
der österreichischen Sozialdemokratie mit Regierungsverantwortung.
Für die über dreißig österreichischen Gewerkschafterinnen
war es nach dem Weltsozialforum klar, den "Geist von Porto Alegre
und Florenz" mitzunehmen und zum Gelingen des Austrian Social Forum
(ASF) beizutragen. Auch die AUGE sollte sich verstärkt einklinken,
ihre sehr beschränkten Kapazitäten umstrukturieren und
am Aufbau eines "kämpferischen Pols in der Gesellschaft" -
der sich nicht wie andere Initiativen weitgehend im Analysieren
erschöpft! - mitwirken.
Dass solch ein kämpferischer Pol unerlässlich ist, haben
zuletzt die Politverrenkungen des Großteils der grünen
Parteispitze gezeigt. Mit der ÖVP, der zentralen Partei des
Bürgertums, den Vorreitern des Neoliberalismus, mit Leuten,
die Haider salonfähig machten, wollte man koalieren! Die Totalkatastrophe
fand im letzten Moment nicht statt, ausgestanden ist die Sache noch
immer nicht. Nach wie vor heißt es "Diesmal (!) ist es leider
nicht gelungen, die ÖVP in die christlich-soziale Mitte zu
ziehen".
Obwohl das Schlimmste gerade noch abgewendet wurde, ist meiner
Meinung nach der Schaden unwiederbringlich. Daran ändert auch
nichts, dass die Wiener oder steirischen Grünen weiter einen
fortschrittlichen Kurs segeln werden. Die Grünen haben sich
als alternative gesellschaftliche Kraft bis in die Knochen blamiert.
Bei mir in Wien-Hernals würde man/frau sagen: "Die Luft ist
draussen aus dem Schlauch". Umso wichtiger, dass wir von der AUGE
vermehrt über Initiativen, die den Kapitalismus nicht behübschen,
sondern über ihn hinausgehen, nachdenken.
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