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Die Krise als Wendepunkt?
Die Wahl Lulas zum brasilianischen Präsidenten
bedeutet eine Absage an das liberale Wirtschaftsmodell. Sie hat
Signalwirkung für den gesamten Subkontinent. Die Reaktion auf
die Krise in den einzelnen lateinamerikanischen Ländern ist
sehr verschieden, wie der Vergleich Brasiliens mit Argentinien und
Uruguay zeigt.
Von Joachim Becker.
Im vierten Anlauf wurde Luiz Inácio
Lula da Silva zum brasilianischen Staatspräsidenten gewählt,
wie vor zweiundzwanzig Jahren der Sozialist Salvador Allende Gossens
in Chile. Er wird der erste linke Staatspräsident Brasiliens
sein und der erste Arbeiter auf dem Präsidentensessel. In Brasilien
mit seiner starren sozialen Hierarchie kommt das einer Kulturrevolution
gleich. Höchste Staatsämter waren nämlich bisher
der Oberschicht vorbehalten.
Lula ist auch Repräsentant einer Partei, der Partido dos Trabalhadores
(PT), die mit dem üblichen Politikmodell bricht. Die PT ist
Anfang der Achtziger-Jahre aus basisorientierten Gewerkschaften,
Basisgemeinden und anderen sozialen Bewegungen hervorgegangen. Auch
Ex-Guerilleros und AktivistInnen linker Kaderparteien schlossen
sich der PT an. Damit ist die PT eine linke Massenpartei mit verschiedenen
Strömungen. Seit Ende der Achtziger-Jahre hat die PT in verschiedenen
Großstädten von São Paulo bis Porto Alegre und
in verschiedenen Bundesstaaten auch die Regierung gestellt. Zum
Teil hat sie dort neue Formen der Staatlichkeit, wie das Partizipative
Budget in Porto Alegre und später im Bundesstaat Rio Grande
do Sul, entwickelt. Aber auch ihr Verhältnis zu den sozialen
Bewegungen hat sich verändert. So wurden beispielsweise in
Rio Grande do Sul Projekte der Landlosenbewegung MST in die Praxis
umgesetzt, das Verhältnis von Gewerkschaften zu amtierenden
PT-Landes- und Stadtregierung war jedoch nicht immer konfliktfrei.
Die PT-Stadt- und Landesregierungen stellten eine reale Alternative
zum auf Bundesebene herrschenden Liberalismus dar.
Brasilien: Votum gegen das liberale Modell
"Es gibt keinen Zweifel, dass die Mehrheit der Gesellschaft für
ein anderes Ideal des Landes votierte, in dem die Grundrechte aller
gesichert wären", erklärte Lula am Tag nach seiner Wahl.
"Die Mehrheit der brasilianischen Gesellschaft votierte für
die Schaffung eines anderen Wirtschafts- und Sozialmodells, das
in der Lage wäre, die Reaktivierung des Wachstums, der Wirtschaftsentwicklung
mit der Schaffung von Arbeitsplätzen und einer Einkommensverteilung
sicherzustellen."
Das (sozial-)liberale Wirtschaftsmodell der Regierung Fernando
Henrique Cardoso war durch das Primat der Finanzinteressen gekennzeichnet.
Von 1994 bis Anfang 1999 war der Real eng an den US-Dollar gekoppelt.
Über eine Überbewertung der nationalen Währung sollte
die Inflation gebrochen werden. Darin war die Politik Cardosos erfolgreich,
und das Ende der Hyperinflation trug ihm anfänglich auch breite
Sympathien ein. Doch die Kehrseite waren eine Verschlechterung der
Leistungsbilanz, eine innerhalb von vier Jahren um ca. hundert Milliarden
US-Dollar steigende Auslandsschuld, eine Schwächung der industriellen
Struktur und eine Informalisierung der Beschäftigungsverhältnisse.
Die Abwertung des Real Anfang 1999 führte zwar zu einer Verbesserung
der Handelsbilanz und einem Nachlassen des Konkurrenzdrucks auf
die brasilianische Ökonomie. Doch blieben als Erbe ein weit
höheres Gewicht des Auslandskapitals in der brasilianischen
Wirtschaft und eine extrem hohe Auslandsschuld von 243,2 Milliarden
US-Dollar (1998). Beides zieht einen ständigen Aderlass an
Devisen für Gewinn- und Zinsüberweisung ins Ausland und
ein beträchtliches Maß äußerer Abhängigkeit
nach sich. Die soziale Situation blieb weiterhin äußerst
prekär. Mit der Wirtschaftsstrategie zeigten sich zuletzt nicht
nur breite Sektoren der ärmeren Bevölkerung und der lohnabhängigen
Mittelklasse, sondern auch Teile des Kapitals unzufrieden.
Lula steht unter einem gewissen Druck von unten, obgleich die sozialen
Bewegungen in der Tendenz schwächer geworden sind und die Gewerkschaften
durch die hohe Arbeitslosigkeit und die offen gewerkschaftsfeindliche
Politik Cardosos geschwächt sind. Gegenüber einer wirtschaftspolitischen
Korrektur, welche die produktiven Sektoren stärken würde,
sind Teile des (vor allem nationalen) Kapitals aufgeschlossen. Gleichzeitig
sind die Auslandsunternehmen, die brasilianischen Finanzinteressen
und die westlichen Regierungen wie die internationalen Finanzinstitutionen
bestrebt, möglichst viel des Alten in die Amtszeit Lulas herüberzuretten.
Über die brasilianische Abhängigkeit bei der Verlängerung
von Auslandskrediten ist die Regierungstätigkeit konditionierbar.
Weiters haben die bisherigen Regierungskräfte über die
Gesetzgebung Vorkehrungen getroffen, um die Spielräume einer
absehbaren künftigen Linksregierung einzuschränken. So
wurden die Möglichkeiten des Präsidenten, per Dekret am
Kongress vorbeizuregieren, von denen Cardoso in demokratiepolitisch
bedenklicherweise Gebrauch gemacht hatte, eingeschränkt. Auch
die budgetpolitischen Spielräume sind durch das "Budgetverantwortungsgesetz"
eingeengt worden. Von einer eigenen Mehrheit im Kongress ist die
PT, trotz deutlichen Zuwachses an Abgeordneten, weit entfernt. Weiters
gibt es eine lange Übergangsperiode zwischen der Wahl Lulas
am 27. Oktober 2002 und seiner Amtseinführung 2003, die potentiell
zur Destabilisierung genutzt werden könnte.
Damit steht die PT unter deutlichem Druck zu Bündnisbildung.
Im Kongress könnten die zentristischen Kräfte um die PMDB
(Partido do Movimento Democrático Brasileiro) einen wichtigen
Bündnispartner abgeben. Die PMDB ist als breite Omnibus-Partei
- alles unter einem Dach - angelegt. Inhaltlich ist die sie nach
verschiedenen Seiten offen, im Politikstil allerdings klientelistisch
und damit wenig emanzipativ angelegt. Eine profilierte nationale
Führungspersönlichkeit hat die PMDB nicht, so dass sie
auf diesem Feld mit Lula nicht konkurriert. Eine Kooperation könnte
sich für beide Seiten - Lula mit der PT wie die PMDB - als
vorteilhaft erweisen. Dies würde faktisch auf eine Stärkung
des Parlaments hinauslaufen. Vermutlich dürften diverse Kommission
im Rahmen eines Sozialpakts zur Stärkung eines produktiv orientierten
Wirtschaftsmodells hinauslaufen. In diesen Pakt wären außer
Regierung und Parlament auch die Kapitalseite und die Gewerkschaften
sowie, je nach Materie, eventuell auch andere Interessengruppen
eingebunden. Die Etablierung neuer Formen der Partizipation auf
Bundesebene ist nicht zu erwarten. Wen der Sozialpakt tatsächlich
inkludieren wird, bleibt abzuwarten.
Kern des Sozialpakts ist die Stärkung der produktiven Sektoren
der brasilianischen Ökonomie. Hierbei sollen auch Kleinunternehmen,
Genossenschaften und die sogenannte "solidarische Ökonomie"
eine Stärkung erfahren. Lula strebt, laut seiner ersten Erklärung
nach der Wahl, eine Stärkung sowohl der Exportkraft als auch
eine Erweiterung des Binnenmarktes an. Die Binnenmarkterweiterung
soll nachfrageseitig durch eine Stärkung der Massenkraft getragen
werden. Dies würde auch ein gewisses Maß der Umverteilung
bedeuten. Als eine zentrale Regierungspriorität benannte Lula
auch die Bekämpfung des Hungers.
Die Frage ist, inwieweit die bisherige Form der Einbindung in die
internationale Wirtschaft eine solche Umorientierung zulassen beziehungsweise
die Regierung in die Außenwirtschaftsbeziehungen eingreifen
wird. Eine Schlüsselfrage ist hierbei das Projekt einer Gesamtamerikanischen
Freihandelszone (ALCA). Dies wird speziell von den USA betrieben,
um die lateinamerikanischen Staaten in einer untergeordneten Position
an die USA zu binden. Bei ALCA geht es um vielmehr als nur Freihandel.
Die bisherigen Vorschläge würden die Möglichkeiten
einer eigenständigen Industrie- und Sozialpolitik extrem beschneiden.
Daher zeigt sich die PT, wenn auch nicht ohne Ambivalenzen gegenüber
ALCA reserviert. Ein breites soziales Bündnis hat vor einigen
Wochen eine ablehnendes Referendum gegen ALCA organisiert. ALCA
stellt die absehbare Sollbruchstelle im Verhältnis mit den
USA dar. Will eine Regierung Lula das Projekt ALCA unterlaufen,
wäre es günstig, sie hätte Verbündete. Als solche
kämen potentiell die Partner im 1991 gegründeten Mercado
Común del Sur (Mercosur) - Argentinien, Uruguay und Paraguay
- dar. Auch diese sind von der Krise des liberalen Modells erfasst,
allerdings in noch weit schwererer Form als Brasilien und auch mit
anderen politischen Konsequenzen.
Argentinien: Mercosur- oder US-Orientierung
Die argentinischen Regierungen haben die liberale Politik der Dollarbindung
und Außenöffnung in den Neunziger-Jahren noch viel radikaler
und langanhaltender verfolgt als Brasilien. Produktionsinteressen
spielen in Argentinien politisch keine Rolle mehr, parteipolitisch
ist die Linke eine Randerscheinung.
Die rentiersfreundliche Wirtschaftspolitik mündete in Argentinien
vorerst in einer noch weit tieferen Krise als in Brasilien. Die
Abwertung des Peso wurde solange aufgeschoben, bis nichts mehr ging.
Das hatte seinen Grund in der hochgradigen Dollarisierung der argentinischen
Ökonomie, welche die Ausstiegskosten aus der Hochwährungspolitik
weit höher schraubte als in Brasilien mit seiner Bewahrung
eines nationalen Währungsraums. Die Dollarisierung bedeutete,
dass viele Schuldner Pesos verdienten, aber in Dollars verschuldet
waren. Die Dollarisierung bedeutete auch, dass die argentinische
Zentralbank im Fall einer Bankenkrise die Banken nicht liquide würde
halten können. Denn als letzte Liquiditätsquelle kann
eine Zentralbank nur mit einer nationalen Währung dienen. Als
eine Abwertung und eine Schieflage der Banken absehbar wurde, kam
es zum massiven Abzug von Einlagen bei den Banken und Kapitalflucht
ins Ausland. Ende 2001, Anfang 2002 zog der langjährige IWF-Musterschüler
die Notbremse: Die argentinische Regierung fror einen Großteil
der Depositen ein und unterwarf den Zahlungsverkehr mit dem Ausland
scharfen Beschränkungen. Faktisch bedeutete dies ein Teilmoratorium
bei der Bedienung der Auslandsschuld. Dies führte zu unmittelbaren
Sanktionen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Verhandlungen
mit dem IWF ziehen sich seit Monaten hin. Argentinien ist international
nicht mehr kreditwürdig.
Die Beschränkungen des Zahlungsverkehrs zogen einen Liquiditätsmangel
der argentinischen Ökonomie und eine scharfe Rezession nach
sich. Ein Rückgang des BIP um mehr als fünfzehn Prozent
im Jahr 2002 scheint äußerst wahrscheinlich. Während
die Höhe der Exporte in etwa gehalten werden konnte, sind die
Importe stark eingebrochen. Argentinien hat in den ersten neun Monaten
des Jahres 2002 einen Handelsüberschuss von etwa zwölf
Milliarden US-Dollar erzielt. Diesen will die argentinische Regierung
zunächst zur Währungsstabilisierung einsetzen.
Einen besonders hohen Außenhandelsüberschuss erzielte
Argentinien in den ersten Monaten des Jahres 2002 vor allem gegenüber
dem Mercosur. Die argentinischen Exporte in den Mercosur gingen
leicht, die Importe hingegen in den ersten beiden Monaten 2002 gegenüber
dem selben Zeitraum des Vorjahres hingegen um Zweidrittel zurück.
Die Mercosur-Partner, vor allem Brasilien, hielten relativ still.
Das war für die argentinische Regierung ökonomisch von
beträchtlicher Bedeutung. Die Mercosur-Regierungen stärkten
der Regierung Duhalde gegenüber den Gläubigern auch politisch
den Rücken.
Das hieß, dass sie Stützungskredite für Argentinien
forderten. Ziel des argentinischen Establishments ist nicht der
Bruch mit den Gläubigern und deren politischer Vertretung,
dem IWF, sondern ein Abkommen mit dem IWF. Und das bedeutet, sich
mit der US-Regierung ins Einvernehmen zu setzen. Wie schon bei den
Umschuldungsverhandlungen in den Neunziger-Jahren des 19. Jahrhunderts
geht es den Gläubigern auch heuer darum, die Verhandlungsmacht
der Zentralregierung gegenüber Querschüssen aus den Provinzen
zu stärken und dauerhafte Vorteile für das Auslandskapital
- damals das britische, heute das US-amerikanische Kapital - auszuhandeln.
Über eine drastische Austrocknung des Binnenmarkts und entsprechende
Rückgänge bei den Einfuhren soll Argentinien einen Handelsbilanzüberschuss
erzielen, den es dann zum Schuldendienst einsetzen kann. Auf diesem
Weg ist Argentinien - um den Preis von Massenverarmung - schon weit
vorangeschritten. Der IWF, der maßgeblich US-amerikanischen
Einfluss unterliegt, scheint austesten zu wollen, wie weit er mit
einer solchen Politik gehen kann. Er weiß, dass er mit der
Regierung Duhalde letztlich einen relativ willfährigen Verhandlungspartner
hat. Argentinien wird als wirtschaftlich so unwichtig eingeschätzt,
dass von dessen Krise keine größeren Wirkungen auf die
internationale Wirtschaft ausgehen können. Und die Paralyse
der argentinischen Binnenwirtschaft trifft vor allem europäische,
weit weniger aber US-amerikanische Konzerne. Diese könnten
durch das lange Zuwarten vielleicht noch mürbe für einen
billigen Abkauf von Infrastrukturmonopolen an das US-Kapital gemacht
werden.
Es gibt zwar Proteste gegen die Verarmungspolitik der peronistischen
Regierung. Diese Proteste sind jedoch sozial wie politisch fragmentiert.
Die Mittelklasse will an ihre eingefrorenen Dollarguthaben. Die
ArbeiterInnen und zahlreichen Arbeitslosen wollen Mittel zum Lebensunterhalt.
Die Gewerkschaften sind durch die hohe Arbeitslosigkeit - offen
mehr als zwanzig Prozent Arbeitslose sowie mindestens weitere zwanzig
Prozent Unterbeschäftigte - geschwächt. Die beiden peronistischen
Gewerkschaften halten gegenüber der peronistischen Regierung
still. Die weiter links stehende CTA (Central de los Trabajadores
Argentinos), die vor allem im öffentlichen Dienst verankert
ist, setzt hingegen eher auf Mobilisierung und kooperiert auch mit
Arbeitslosengruppen. Es gibt diverse Initiativen zur Sicherung der
materiellen Überlebens, wie Tauschmärkte und einige von
der Belegschaft übernommen Betriebe. Das politische Establishment
scheint dennoch gegen sozialen Protest letztlich gut abgeschirmt.
Es setzt nur taktisch auf eine Kooperation mit Brasilien und dem
Mercosur, doch strategisch bleiben die dominanten Kräfte in
Argentinien auf die USA ausgerichtet.
Gespaltenes Uruguay
Die Ausrichtung der dominanten Kräfte auf die USA ist auch
in Uruguay zu beobachten. Auch ihnen geht es um die Bewahrung dessen,
was vom rentiersorientierten Wirtschaftsmodell noch geblieben ist.
Dieser Priorität hat die Regierung Batlle auch ihre Außenpolitik
untergeordnet. Sie brach nicht nur im April 2002 die diplomatischen
Beziehungen mit Kuba ab, sondern kündigte im Februar auch an,
separat, d.h. ohne Abstimmung im Mercosur, mit den USA über
ein Handelsabkommen verhandeln zu wollen. Für diese Willfährigkeit
ist die Regierung Batlle während der sich verschärfenden
Finanzkrise durch US-Unterstützung und IWF-Kredite belohnt
worden.
Sowohl die einseitige Orientierung der Regierung auf den Finanzsektor
wie auch die Außenpolitik sind auf scharfe Kritik gestoßen.
Im Gegensatz zu Argentinien findet die Kritik auch parlamentarische
Resonanz. Dies gilt vor allem für den Encuentro Progresista-Frente
Amplio, in dessen Reihen allerdings auch eine Ausdifferenzierung
zwischen radikaleren Kräften und ParteigängerInnen eines
sachten Umbaus zu finden sind. Eine Ausdifferenzierung ist allerdings
auch in der Regierungskoalition zwischen Colorados und Blancos erkennbar.
Risse treten vor allem bei den Blancos auf, die eine eher ländliche
Basis haben, die von der Krise schwer betroffen ist. Am Tag nach
der Wahl Lulas zum brasilianischen Präsidenten zogen sich die
Blancos aus der Koalition zurück.
Im Bereich der sozialen Bewegungen wird die Kritik im Gegensatz
zu Argentinien von bereits etablierten Kräften artikuliert.
Neu sind hingegen die Bündnisbildungen. So finden Gewerkschaften
und Vertretungen von Kleingewerbetreibenden sich zu - zumindest
taktischen - Bündnissen zusammen. Ihr gemeinsamer Nenner ist
die Forderung nach einer Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik zugunsten
einer Stärkung der produktiven Sektoren. Auf Kundgebungen zum
1. Mai traten erstmals GewerkschafterInnen und Kleingewerbetreibende
gemeinsam auf. Auch Plakate zugunsten des Mercosur wurden auf Kundgebungen
schon mitgeführt. Die produktiven Sektoren Uruguays sind wegen
der Kleinstaatlichkeit weit stärker auf die Nachbarländer
ausgerichtet, als dies bei Brasilien oder Argentinien der Fall ist.
Von daher ist Uruguay auch besonders stark von den Abwertungen und
der Krise seiner Nachbarn betroffen. Der Anteil des Mercosur an
Uruguays Exporten nahm von 55,3 Prozent im Jahr 1998 auf nur 33,3
Prozent im ersten Quartal von 2002 ab. Eine Wiederbelebung des Handels
würde von einer Reaktivierung der jeweiligen Binnenwirtschaften
abhängen. In diese Richtung weisen die Forderungen sowohl der
oppositionellen Kräfte in Uruguay als auch die programmatischen
Äußerungen der künftigen Regierungsparteien in Brasilien.
Auch in Argentinien gibt es derartige Forderungen, jedoch ist dort
eine wirtschaftspolitische Wende in diese Richtung nicht wahrscheinlich,
da die Gegenbewegung zu zersplittert ist und ihr ein parteipolitischer
Transmissionsriemen fehlt.
Von daher scheint sich die unterschiedliche Orientierung zwischen
Brasilien und Argentinien innerhalb des Mercosur fortzusetzen. Der
derzeit herrschende Machtblock in Uruguay steht strukturell Argentinien
(und damit den USA) näher als Brasilien. In Uruguay ist jedoch
ein Umschwung nicht auszuschließen. Von daher ist fraglich,
inwieweit der Mercosur ein wirkliches Gegengewicht zu ALCA darstellen
kann. Eine PT-Regierung müsste sich wohl nach anderen regionalen
Verbündeten, wie Venezuela, umschauen.
Noch urwahrscheinlicher scheint, dass der Mercosur sich zu einer
Verweigerungsfront in der Schuldenfrage entwickelt. Ein Moratorium
der Auslandsschuld ist wie auch Kapitalverkehrskontrollen eine notwendige
Voraussetzung für einen tiefgreifenden wirtschaftspolitischen
Kurswechsel. Nur so kann die Außenabhängigkeit wirksam
vermindert werden und könnten Ressourcen für eine Belebung
der Binnenwirtschaft aktiviert werden. Doch hierfür scheinen
sich die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse noch nicht
weit genug verschoben zu haben.
Joachim Becker ist ao. Professor am Institut für
Volkswirtschaftstheorie und -politik der Wirtschaftsuniversität
Wien und hat 1999 und 2001 an der Universidad de Buenos Aires unterrichtet.
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