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Nationalrats-Wahl 2002
Vom Traum zum Albtraum
Die ärgsten Befürchtungen sind nun
tatsächlich wahr geworden. Am 24. November feierte die ÖVP
einen historischen Sieg.
Von Markus Koza.
Schüssel wird uns nun wohl die nächsten
Jahre erhalten bleiben. Der Ausgang der Wahl ist für die Linke
ein Desaster. Darüber können auch die Stimmengewinne für
rot und grün nicht hinwegtäuschen.
Dass die ÖVP den ersten Platz erreichen würde, war zu
erwarten. Dass die SozialdemokratInnen gleich sechs Prozent hinter
der ÖVP liegen würden nicht. Dass die FPÖ ein Debakel
erleiden würde war ebenfalls klar, dass die Grünen die
zehn Prozent Hürde nicht überspringen würden war
zu befürchten, hoffen durfte frau/man jedoch. Immerhin ist
das Rennen um den dritten Platz knapp geworden: die Grünen
überrundeten die FPÖ in Vorarlberg (hier mit einem besonders
akzentuierten Wahlkampf gegen die ÖVP), Tirol und (nach Auszählung
der Wahlkarten) Niederösterreich. Eine historische Niederlage
erlitt die FPÖ in Wien, wo der Sieg der Grünen besonders
deutlich ausfiel: kamen die Freiheitlichen gerade noch auf 7,97
Prozent, haben die Grünen hier den Sprung über die Fünfzehn-Prozent-Marke
geschafft. In allen Landeshauptstädten - mit Ausnahme Klagenfurts
- erreichten die Grünen Platz Drei, zerbröselten die Freiheitlichen
regelrecht.
Nur - was bringts? Das zentrale Wahlziel der rot-grünen
Opposition, das Brechen der blau-schwarzen Mehrheit und damit das
Ende des "Wendeprojekts" mit rechtsextremer Regierungsbeteiligung
herbeizuführen wurde klar verfehlt. Über drei Prozent
gewann die SPÖ, knapp zwei Prozent die Grünen. Angesichts
eines Gewinns von über fünfzehn Prozent für die ÖVP
kann der 24. November allerdings nur als "schwarzer Sonntag" für
die österreichische Linke bezeichnet werden. Schwarz-Blau hat
über zweiundfünfzig Prozent der Stimmen erreicht, lediglich
sechs bis sieben Mandate (hängt von den Wahlkarten ab) sind
zur rot-grünen Opposition gewandert. Zu wenig. Der Traum von
Rot-Grün ist ausgeträumt. Ob wieder der schwarz-blaue
Albtraum über uns hereinbricht ist noch nicht ausgemacht. Jedenfalls
ist es schlimm genug, dass Schüssel, Rauch-Kallat, Khol und
wie sie alle heißen nach wie vor Tag für Tag aus den
Bildschirmen grinsen, dass eine Asylpolitik à la Strasser
fortgesetzt werden wird, dass alles was reaktionär ist nach
wie vor tonangebend die Politik in Österreich gestaltet. Kein
Ende der Wende also, kein Tschüssel für Schüssel,
kein befreites Aufatmen nach zweieinhalb Jahren konservativen Miefs.
Die blau-schwarze Politik ist bestätigt worden, auch wenn einer
blauen Regierungsbeteiligung eine deutliche Abfuhr erteilt wurde.
Nur wirds Schüssel wurscht sein, solange er nur Kanzler
bleibt.
Wahlniederlage - ein Erklärungsversuch ...
Wien ist anders. Hier erreichten SPÖ und Grüne fast sechzig
Prozent der Stimmen, legten die Grünen im Vergleich zur erfolgreichen
Gemeinderatswahl noch einmal zwei Prozent zu. Die Wiener Grünen
führen den Erfolg insbesondere auch auf den stark inhaltlich
geführten Wahlkampf zurück. Bildungs-, Migrations- und
Frauenpolitik standen im Vordergrund. In der letzten Woche errichteten
die Grünen neben der Oper etwa ein "Grünes Frauenministerium",
in das hunderte BesucherInnen kamen, und Veranstaltungen zu den
Themen Globalisierung, atypische Beschäftigung, oder Migration
aus frauenspezifischer Sicht angeboten wurden. Der gute Besuch und
das rege Interesse an gesellschaftspolitischen Diskussionen schlugen
sich in einem guten Wahlergebnis nieder. Die grüninterne Kritik
macht sich vor allem an der mangelnden inhaltlichen Präsenz
im Wahlkampf fest: zu sehr sei es darum gegangen, ein "Image" zu
transportieren, zu wenig seien klare Inhalte im Vordergrund gestanden.
Zentrale Aussagen zum grünen Wahlziel waren von einem rein
quantitativen Charakter geprägt: die Grünen wollen Europameister
unter den europäischen Ökoparteien werden, ein zweistelliges
Ergebnis erreichen, blau überholen, die schwarz-blaue Mehrheit
brechen (gut, das ist durchaus eine politische Aussage und inhaltliche
Kampfansage). Warum denn grün zu wählen sei und wo jetzt
die zentralen Unterschiede zur SP liegen, blieb eher im Hintergrund.
Grün setzte vor allem auf den Van der Bellen-Effekt. Das Wahlprogramm
war zwar nicht unbedingt schlecht, blieb jedoch unkonkret und ließ
Fragen nach der Finanzierbarkeit so mancher guter Forderungen offen.
Wer allerdings grüne Positionen zu Wirtschafts-, Beschäftigungs-
und Budgetpolitik jenseits der öko-sozialen Steuerreform suchte,
wurde enttäuscht. Diese Mankos konnte auch die hervorragende
Performance der grünen Listenzweiten, Eva Glawischnig nicht
wettmachen. In den Medien wurde bereits über grüne MinisterInnenlisten
spekuliert, Inhalte gerieten in den Hintergrund. Die blau-schwarze
Proporzpolitik war im grünen Wahlkampf überhaupt kein
Thema. Und das angesichts dramatischer Umfärbungen von rot
zu schwarz mit blauen Tüpfelchen. Und zur Privatisierungspolitik
der Konservativen verloren die Grünen überhaupt kein Wort.
Voggenhubers Wortspenden zur österreichischen Neutralität
mit Ablaufdatum kurz vor dem 24. November waren ebenso wenig hilfreich,
wie das Herumlavieren in Fragen wie Studiengebühren oder möglichen
Koalitionen mit einer "ÖVP neu". Auch wurde dem Negativkampagning
der ÖVP gegen Rot-Grün wenig entgegengesetzt. Besonders
in den ländlichen Gebieten führte dies zu starken Abwanderungsbewegungen
potentieller GrünwählerInnen zur ÖVP. Keine Schublade
war den Konservativen zu tief: Ob vor einer Zwangsvegetarisierung
Österreichs im Fall einer grünen Regierungsbeteiligung
gewarnt wurde, vor den zu jeder Wahl wieder einmal ausgegrabenen
drohenden dramatischen Benzinpreiserhöhungen oder Drogentrafiken
an jedem Eck. Auch wären die Hasstiraden auf das rot-grüne
Deutschland leicht zu entkräften gewesen - bloß es wurde
nur sehr halbherzig getan oder überhaupt versäumt. Tatsächlich
waren die Grünen von dieser Negativkampagne überrascht
und auf derartiges Schmutzkübeln unvorbereitet. Zu schwach
waren dementsprechend die Angriffe auf die ÖVP, die letztlich
das blau-schwarze Chaos zu verantworten hatte. Und so konnte sich
Schüssel - wieder einmal - als komplett Unbeteiligter an der
von im verursachten Regierungskrise präsentieren, als wahrer
Hort der Stabilität. Wieder einmal nirgends dabei gewesen,
nicht an blau-schwarz - und wie schon im Laufe der letzten zweieinhalb
Jahre - natürlich auch nie an rot-schwarz. Dass plötzlich
für so manche Konservativen schwarz-grün eine "interessante"
Variante darstellt kann wohl nur noch als schlechter Witz bezeichnet
werden. Warum bisher gewaltbereite ChaotInnen, die Drogen nur zu
überhöhten Benzinpreisen in Haschtrafiken abgeben um mit
diesen Geldern das TATblatt und brandschatzende GlobalisierungsgegnerInnen
zu finanzieren, wenn sich nicht gerade dabei sind die Familien zu
ruinieren, indem sie lesbischen Priesterinnenehepaaren die Adoption
von Kindern aufzwingen, nachdem diese in Einheitsschulen einer radikalmarxistischen
Gehirnwäsche unterzogen worden sind oder den österreichischen
Bauern die Zuchtviehhaltung per Androhung von vegetarischen Umerziehungslagern
verbieten, plötzlich nach dem 24. November seriöse RegierungspartnerInnen
für die ÖVP darstellen ("eine interessante Variante"),
bleibt Nichtkonservativen ein unerklärbares Rätsel. Gottes
Wege sind nun mal unergründlich und die Wahrheit eben eine
Tochter der Zeit.
Schlimmer noch als die Grünen, die immerhin deutlich über
neun Prozent erreichten, hats jedenfalls die Roten erwischt.
Rangen sich die Grünen im Laufe des Wahlkampfs doch zu einer
klaren Koalitionsabsage gegenüber der ÖVP durch, waren
die Roten dazu nicht bereit. Die Anbiederung an die ÖVP ging
letztlich sogar so weit, dass sogar eine Koalition mit dem blauen
Grasser nicht per se ausgeschlossen wurde. Primäres Ziel der
SPÖ war, so schien es zumindest, weniger blau-schwarz zu verhindern,
als Platz eins zu erobern. So gelang es zwar, den Grünen mit
der berüchtigten Oppositionsaussage im Falle des zweiten Platzes
oder durch QuereinsteigerInnen wie Gertraud Knoll Stimmen abspenstig
zu machen, nur - was hats gebracht? Die SPÖ ist weder
erster geworden, noch in der Position sich einen Koalitionspartner
auszusuchen. Sie liegt deutlich hinter der ÖVP, verlor in Niederösterreich,
Oberösterreich, Salzburg und Niederösterreich den ersten
Platz bei Nationalratswahlen, den sie bis dahin inne hatte. Die
Schwäche der parlamentarischen Linken ist nicht zuletzt eine
dramatische Schwäche der Sozialdemokratie. Für sie kamen
die Neuwahlen ebenso überstürzt wie für die Grünen
- nur mit noch dramatischeren Folgen. Ein in weiten Teilen der SPÖ
ungeliebter Spitzenkandidat der bis dahin vor allem mit skurrilen
Ideen (Nulldefizit in Verfassung, Mehrheitswahlrecht zur Verhinderung
des Rechtspopulismus, solidarische Hochleistungsgesellschaft und
Dienstleistungsscheck) auf sich aufmerksam gemacht hatte musste
nun den Kanzlerkandidaten stellen. Zu früh, rechnete die rote
Opposition doch mit Wahlen im Frühjahr. Und er musste es GroßkoalitionärInnen
und AnhängerInnen von rot-grün recht machen. Ein kaum
zu schaffender Spagat. Sein Programm: Steuersenkungen ohne Gegenfinanzierung,
Sicherung der Pensionen, Beschäftigungsoffensive, die Rücknahme
blau-schwarzer Belastungen (forderte auch grün). Verzichteten
die Grünen auf Steuergeschenke (Steuersenkungen für einkommensschwache
Gruppen sollten durch Ökosteuern gegenfinanziert werden), war
die Finanzierungslücke, die das rote Paket verursachen würde,
offensichtlich. Antworten darauf gabs keine. Dazu kamen Attacken
auf rot-grün in Deutschland und eine verunglückte Pressekonferenz
mit Hannes Androsch, der so ziemlich das Gegenteil von dem sagte,
was Gusenbauers Programm war: dass nämlich weitere Einschnitte
ins Sozialsystem auch unter einer roten Regierung zu erwarten seien,
Ambulanzgebühren, Unfallrentenbesteuerung und Studiengebühren
bleiben würden - aber immerhin etwas sozial verträglicher.
Ein Signal an die Wirtschaft hätte es sein sollen, ein verheerendes
Signal an die WählerInnenschaft ist es geworden. Wesentliche
ideologische Versatzstücke der blau-schwarzen Koalition wurden
plötzlich ins SP-Programm übernommen: lautete die Losung
unter blau-schwarz "Zukunft ohne Schulden", präsentierten die
Hellroten ihr Konjunkturprogramm unter dem Titel "Wachstum ohne
Schulden". Die SPÖ entschuldigte sich fürs "Schulden machen"
der letzten Jahrzehnte und legitimierte damit den rein ideologisch
motivierten Sparkurs der FPÖ-ÖVP Koalition. Von einem
gesellschaftlichen Gegenentwurf zum reaktionären blau-schwarzen
Modell war kaum etwas zu erkennen. Und mit einer möglichen
Regierungsbeteiligung der Schwarzen wurde jene Partei, die einst
die FPÖ regierungsfähig machte nun plötzlich zum
potentiellen Partner, sollten die Roten nur vorne bleiben. Das Herumlavieren
wurde nicht gedankt. Dem Negativkampagning der ÖVP gegen rot-grün
setzten auch die Roten nichts entgegen. Vielmehr wurde so getan,
als ginge das die SPÖ gar nichts an, war ja rot-grün schließlich
nur eine mögliche Option. Nun ist sie gar keine mehr. Da helfen
auch vier Mandate mehr rein gar nichts. Nun steht die SP vor der
Alternative in eine Regierung als Juniorpartner zu gehen, oder in
Opposition zu bleiben. Klestil und Dichand machen schon Druck auf
die Regierungsbeteiligung, die SPÖ steht vor einer Zerreißprobe.
Während viele SozialdemokratInnen vor schwarz-rot warnen und
am liebsten in Opposition gehen würden, sehen andere die Chance,
Regierungskompetenz durch MinisterInnen zu gewinnen und Schlimmstes
zu verhindern. Dass eine schwarz-rote Koalition besonders lange
halten würde, darf bezweifelt werden: tief sitzen die Demütigungen
die Rote seitens der Konservativen erlitten haben und zweite zu
sein, ist selbst für geeichte Großkoalitionäre nur
schwer verkraftbar. Aber, lassen wir uns überraschen.
... gepaart mit Selbstkritik
Nun, nachher ist frau/man immer gscheiter. Es sollte sich
allerdings auch niemand einer gewissen Verantwortung für dieses
Wahlergebnis entziehen. Aus linker, alternativgewerkschaftlicher
Sicht stellte blau-schwarz stets eine Katastrophe dar, ein reaktionäres,
arbeitnehmerInnenfeindliches Projekt, ideologisch neoliberal, entsolidarisierend,
autoritär und fremdenfeindlich. Rot-Schwarz bedeutete für
uns stets einen Rückfall in die alten Formen der Sozialpartnerschaft,
mit all ihren Übeln. Unsere Begeisterung für rot-grün
hielt sich - angesichts der Erfahrungen in Deutschland und so mancher
Aussagen grüner PolitikerInnen in Österreich - ebenfalls
in Grenzen, wurde allerdings als erträglichste aller Regierungsformen
empfunden. Durchaus bestanden gewisse Hoffnungen, dass sich zumindest
einiges zum Besseren wenden würde. Gerade als "Unabhängige
GewerkschafterInnen" ist uns eine kritische Distanz zu den politischen
Parteien auch der Linken besonders wichtig und das ist auch gut
so. Allerdings müssen wir uns selbstkritisch die Frage stellen,
ob nicht auch bei uns schon ein gewisser Gewöhnungseffekt hinsichtlich
der blau-schwarzen Regierungskonstellation eingetreten ist. Natürlich,
wir alle freuten uns einmal über den Zerfall der FP/VP-Koalition,
wir diskutierten die Chancen und Risken von Rot-Grün, einige
von uns wurden auch im Wahlkampf aktiv. Für mich bleibt jedoch
die Frage offen, ob wir uns nicht zu sehr mit einer möglichen
rot-grünen Zukunft statt mit der blau-schwarzen Gegenwart kritisch
auseinandergesetzt haben. Wir werden uns künftig auch intensiver
fragen müssen, was auch wir, als linke Gewerkschaftsgruppierung
dazu beitragen können, die rechte Hegemonie in diesem Land
zu brechen. Dazu muss auch die rechte Mehrheit im Parlament gebrochen
werden. Als "unabhängige" BeobachterInnen und GewerkschafterInnen
außen zu stehen und zu tun als ob uns Parlamentswahlen nicht
besonders viel angingen, wird wohl zu wenig sein. Es ist unerträglich,
dass schwarz und blau immer noch zweiundfünfzig Prozent der
Stimmen halten. An diese Unerträglichkeit dürfen gerade
wir uns nicht gewöhnen.
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