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"Sie haben keine Wahl"
Strassers Wahlkampf am Rücken der Flüchtlinge.
Von Herbert Langthaler.
Im Frühjahr hatten die asylkoordination,
SOS-Mitmensch und das Integrationshaus mit der Kampagne "Existenzsicherung
für Flüchtlinge jetzt!" wieder einmal einen Anlauf unternommen,
die skandalösen Missstände bei der Unterbringung und Versorgung
von AsylwerberInnen zu verbessern. Schon seit Jahren wurden nicht
mehr als ein Drittel der Flüchtlinge während des Asylverfahrens
in die sogenannte "Bundesbetreuung" aufgenommen. Der Rest war auf
die Notquartiere humanitärer Organisationen oder private Quartiere
angewiesen. Wer kein Geld hatte und keinen Platz in den notorisch
überfüllten Heimen von Caritas und Co fand, mußte
im Freien nächtigen. Ein besonderes Problem war, dass die AsylwerberInnen,
die nicht in Bundesbetreuung aufgenommen wurden, keinerlei medizinische
Versorgung hatten.
Daran hat sich trotz breiter Unterstützung unserer Forderungen
nichts verändert. Mehr noch, seit 1. Oktober hat sich die Betreuungssituation
nochmals drastisch verschärft.
Diese neuerliche Eskalation kam überraschend. Eine im April
ausverhandelte EU-Richtlinie zur Aufnahme und Versorgung von AsylwerberInnen
so wie Verhandlungen zwischen Bund und Ländern für ein
neues Modell der Flüchtlingsbetreuung ließen auf eine
nachhaltige Verbesserung der Situation hoffen. Die EU-Richtlinie,
die bis 2004 von allen Mitgliedsländern umgesetzt sein muß,
sieht vor, dass alle AsylwerberInnen während des gesamten Verfahrens
ein Mindestmaß an staatlicher Unterstützung erfahren
müssen. Die österreichische Praxis, willkürlich bestimmte
Gruppen von Flüchtlingen von der staatlichen Betreuung auszuschließen
wäre bei Umsetzung dieser Richtlinie nicht mehr haltbar. Es
wurden auch tatsächlich Verhandlungen zwischen Bund und Ländern
aufgenommen mit dem Ziel, die Kosten und Kompetenzen für die
notwendigen Strukturen aufzuteilen. Diese Gespräche gestalteten
sich zäh. Kein Wunder, geht es doch vorwiegend ums Geld. Ein
Abschluss der Verhandlungen schien allerdings trotzdem in greifbarer
Nähe als die blauschwarze Regierung kollabierte.
Inzwischen drohten die Notquartiere der NGOs aus den Nähten
zu platzen, obwohl gleichzeitig mehr Flüchtlinge als in den
vergangenen Jahren in Bundesbetreuungen waren. Die Asylwerberzahlen
sind nämlich in den letzten beiden Jahren aus verschiedenen
Gründen erheblich angestiegen. So kamen zu den Flüchtlingen
aus Afghanistan, Irak und Iran, die schon in den vergangenen Jahren
die größten Gruppen darstellten, einerseits wieder verstärkt
Asylwerber aus der Türkei hinzu, andererseits kommen seit einiger
Zeit auch Flüchtlinge aus dem Kaukasus (Tschetschenen, Georgier,
Armenier). Diese gestiegenen AsylwerberInnenzahlen führten
dazu, dass die Asylbehörden endgültig völlig überlastet
sind.
Statt die Betreuungskapazitäten auszuweiten oder zumindest
die Zahl der Beamten in den Bundesasylämtern zu erhöhen
und damit die Dauer der Verfahren zu verkürzen, reagierte das
BMI mit einer unglaublichen Maßnahmen: es wurde eine Richtlinie
zur Aufnahme - oder vielmehr zur Nichtaufnahme - von bedürftigen
AsylwerberInnen erlassen. Erstmals wurde schriftlich festgehalten,
dass Flüchtlinge aus bestimmten Ländern (Pakistan, Armenien,
Indien, Nigeria) vom österreichischen Staat einfach auf die
Straße gesetzt werden. Den Protesten der NGOs begegnete Innenminister
Strasser mit kalten Zynismus, der selbst jene, die seinem liberalen
Image nie vertraut haben, erstaunte.
Neben massiver Proteste versuchten die Flüchtlings-NGOs im
Interesse ihrer obdachlosen KlientInnen mit dem Innenministerium
Verhandlungen über die Einrichtung von Notquartieren zu führen.
Der Staat sollte zumindest die Kosten für die von den NGOs
zusätzlich eingerichteten Behelfsunterkünfte übernehmen.
Als der Innenminister selbst die weltanschaulich seiner Partei durchaus
nahestehende Caritas und das Rote Kreuz öffentlich demütigte,
dämmerte es den Hilfsorganisationen was hier gespielt wurde:
Strasser versucht durch möglichst hartes Auftreten und demonstrative
Unnachgiebigkeit offensichtlich möglichst viele Stimmen aus
der Konkursmasse der FPÖ für die Schwarzen zu sichern.
Strasser ist es zudem gelungen, den Diskurs vom Skandal der Obdachlosen
hin zum "Problem" der "Wirtschaftsflüchtlinge" zu lenken. Als
Aufhänger dafür dienten ein paar hundert Kosovaren, die
einem in Pristina massiv verbreiteten Gerücht glauben geschenkt
hatten, dass man in Österreich, wenn man einen Asylantrag stellt,
Arbeit bekommt. In der verzweifelten Lage im Kosovo - achtzig Prozent
Arbeitslosigkeit, der Großteil der Hilfsorganisationen sind
nach Afghanistan weitergezogen, das organisierte Verbrechen kontrolliert
weite Teile des öffentlichen Lebens - greifen die Menschen
nach jedem Strohhalm. Viele mobilisierten die letzten finanziellen
Reserven und machten sich auf den Weg nach Österreich.
Woher das Gerücht kommt, ist unklar. Es ist allerdings durchaus
möglich, dass es auf einen wahren Kern beruht. Durch die Politik
der Null-Zuwanderung hat sich in den letzten Jahren ein Arbeitskräftebedarf
im Niedriglohnbereich entwickelt, der nun einerseits durch Saisoniers
andererseits (vor allem in West-Österreich) durch den Rückgriff
auf AsylwerberInnen begegnet wird. Hier wird klar, dass die Politik
der geschlossenen Grenzen dazu führt, dass nicht nur verhinderte
ArbeitsmigrantInnen auf die Asylschiene ausweichen, sondern auch
Arbeitgeber und AMS sich aus diesem Reservoir bedienen. Die verzweifelten
Kosovaren wurden von Strasser den Medien jedenfalls als die prototypischen
"Wirtschaftsflüchtlinge" vorgeführt.
Der Innenminister forderte von den NGOs sich von den Interessen
ihrer Klienten auf ein faires Asylverfahren - das nicht möglich
ist, wenn sie obdachlos sind - zu verabschieden. Stattdessen sollten
sie eine neue Form der Rückkehrberatung starten, an deren Ende
alle Beratenen ihre Asylanträge zurücklegen und mit einem
staatlichen Fahrgeld versehen, in ihre Herkunftsländer zurückfahren.
Tatsächlich führt die Caritas schon seit Jahren Rückkehrberatung
durch und bekommt auch Subventionen des BMI dafür. Allerdings
mit erheblicher Verspätung, die Caritas muss wegen der Säumigkeit
des BMI bei den Zahlungen das Projekt regelmäßig aus
eigener Tasche vorfinanzieren. Auch steht nicht am Ende jeder Beratung
unbedingt die Heimreise. Die NGOs lehnten die unsittlichen Angebote
des Ministers ab und beharrten darauf, dass es möglich sein
müsse, dass jede AsylwerberIn gemäß dem gültigen
Recht ein Verfahren durchläuft, um die Möglichkeit weitgehend
auszuschließen, dass Verfolgte an ihre Häscher ausgeliefert
werden. Es folgte der bisherige Höhepunkt des Strasserschen
Amoklaufes: Einer deutschen Privatfirma werden hunderttausend Euro
im Monat dafür gezahlt, dass sie Flüchtlinge davon überzeugen
"freiwillig" heimzukehren. Die Firma, die bisher in der BRD etliche
AsylwerberInnenunterkünfte im Auftrag von Ländern oder
Gemeinden betreibt, soll mit ihrer Arbeit in Traiskirchen schon
im November beginnen.
Die NGOs mühen sich inzwischen, in neu eingerichteten Notquartieren
wie im neunten Bezirk oder auf der Baumgartner Höhe den Obdachlosen
zumindest ein Bett und etwas zu essen zur Verfügung zu stellen.
Massive Protestaktionen wurden bislang unterlassen. Zu groß
ist die Angst, dass sich das Flüchtlingsthema zum Wahlkampfschlager
für Blauschwarz entwickelt. Man übersieht dabei, dass
dies schon geschehen ist und versäumt die Chance zumindest
von der SPÖ und den Grünen ein klares Bekenntnis zu einer
offenen und humanen Flüchtlingspolitik zu verlangen.
Herbert Langthaler ist Mitarbeiter von [asylkoordination
österreich].
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