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Der Mega-Gipfel der vertanen Chancen:
Das war Johannesburg
Zehn Jahre nach dem Weltgipfel in Rio trafen
sich Ende August die Regierungschefs der Welt in Johannesburg, um
Lösungen für Umweltzerstörung und Armut zu finden.
Die Bilanz ist ernüchternd.
Von Corinna Milborn.
Am Anfang stand ein hehres Ziel: Als
sich vor zehn Jahren in Rio die UNO-Mitgliedsstaaten zum ersten
Weltgipfel zu Nachhaltiger Entwicklung trafen, stand nicht weniger
als die Rettung der Welt im Raum. Die Zerstörung der Natur
und Lebensräume schritt in Windeseile voran, die Zahl der in
Armut und Hunger lebenden Menschen vergrößerte sich jährlich,
und so hob man einen Begriff auf die Welt-Agenda, der schon seit
den siebziger Jahren in Zukunftsprognosen und Politikberatungen
herumgeisterte: Die Nachhaltige Entwicklung - auf englisch treffender
"Sustainable Development". Wirtschaft, Natur und menschliche Entwicklung
sollten im Einklang miteinander gebracht werden, der Artenrückgang
gestoppt, die Armut ausgerottet. Die Agenda 21, in Rio verabschiedet
(aber nicht bindend), listet ganze zweitausend Handlungs-Empfehlungen
dafür auf. Die Industrieländer verpflichteten sich, 0,7
Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe
zu verwenden. Eine Reihe von Umweltkonventionen wurde in Rio auf
den Weg geschickt: Die Biodiversitätskonvention etwa oder die
Klimakonvention, die inzwischen als Kyotoprotokoll hart um das Inkraft-Treten
kämpft.
Zehn Jahre später, Zeit für eine Zwischenbilanz: Johannesburg.
Ende August versammelten sich die UNO-Mitgliedstaaten, um Fortschritte
zu messen und weitere Schritte zu überlegen.
Freihandel statt Weltrettung
Doch seit Rio hatte sich einiges geändert: Nachhaltigkeit
ist von der Lösung aller Probleme der Erde zu einem Allerweltsbegriff
geworden, der in jedem Geschäftsbericht steht - leider ohne
Konsequenzen. Die beschleunigte Globalisierung der Wirtschaft hat
Maßnahmen für Umwelt und soziale Standards zu lästigen
Kostenfaktoren werden lassen, die man sich im globalen Wettbewerb
nicht mehr leisten kann. Und vor allem: Der UNO, 1992 noch unumstritten
wichtigste internationale Organisation, wurde der Rang abgelaufen
von einer Organisation, die nicht die Rettung der Welt, sondern
die Expansion des Freihandels auf ihre Fahnen geschrieben hat: Die
Welthandelsorganisation (WTO), gegründet 1995, verfügt
im Gegensatz zur UNO über weitreichende Sanktionsmechanismen,
um ihre Verträge durchzusetzen. Und hat dabei nur ein einziges
Ziel: Barrieren für den weltweiten Handel mit Gütern und
Dienstleistungen zu beseitigen - auch auf Kosten von Naturschutzgesetzen,
Umweltregelungen und sozialen Standards. Die internationale Agenda
wird heute von der WTO bestimmt. Die UNO-Abkommen, die aus Rio hervorgegangen
sind, werden von ihr nicht respektiert.
800 Millionen Menschen hungern
Nicht geändert haben sich die Probleme. Denn nicht einmal
ein Bruchteil der Empfehlungen von Rio wurde umgesetzt. Beispiel
Entwicklungshilfe: Statt der versprochenen 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes
steht Österreich bei beschämenden 0,23 Prozent. Achthundert
Millionen Menschen hungern. Die Zahl der Menschen, die von unter
einem Dollar pro Tag leben müssen, ist auf 1,2 Milliarden gestiegen.
Im Jahr 2000 sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 4,7 Millionen
Kinder aus Mangel an medizinischer Betreuung an vermeidbaren Krankheiten
gestorben. Die biologische Vielfalt der Erde ist laut Living Plant
Report des WWF, der den Zustand Tausender Arten untersucht, seit
1970 um ein Drittel zurückgegangen - die Vielfalts-Kurve zeigt
exponentiell nach unten. Und die Klimaveränderung führt
zu immer folgenreicheren Naturkatastrophen: Im Jahr 2000 waren erstmals
weltweit mehr Menschen vor Naturkatastrophen als vor Kriegen auf
der Flucht.
Konferenzluxus neben Elendsviertel
Ein Szenario, das einen Kraftakt erfordert. Dass der Weltgipfel
von Johannesburg kein solcher werden würde, zeichnete sich
schon vor der Konferenz ab. Trotzdem sammelten unglaubliche sechzigtausend
Delegierte aus fast allen Ländern der Welt in einem luxuriösen
Konferenzzentrum und feilschten nur fünf Autominuten vom Elendsviertel
Alexandria entfernt um Umweltstandards und Entwicklungshilfegelder.
Viele kamen, um sich selbst zu präsentieren - darunter auch
Österreich: "Die österreichischen Schwerpunkte Tourismus,
Berge, Energie und Wasser lassen eher darauf schließen, dass
Österreich Johannesburg mit einer Präsentationsmesse verwechselt
hat. Dabei sollten hier Lösungen für dringende Probleme
wie Armut und Hunger gefunden werden", kritisiert Judith Zimmermann,
die die österreichischen Entwicklungsorganisationen in Johannesburg
vertrat. Gemeinsam mit drei anderen NGO-VertreterInnen aus Österreich
von WWF, Global 2000 und der Frauenorganisation WIDE - und Tausenden
weiteren NGO-VertreterInnen aus der ganzen Welt - versuchte sie,
die schleppenden Verhandlungen in die richtige Richtung zu bringen.
Zu Mitte der Konferenz war die Moral unter den NGOs und Parlamentariern
am Boden. Es schien, als ob nicht nur keine Fortschritte gemacht
werden, sondern vor zehn Jahren beschlossenen Grundsätze von
Rio in Frage gestellt würden: Das Vorsorgeprinzip, einer der
Säulen der Verträge von Rio (erlaubt Staaten, eventuell
gesundheits- oder umweltgefährdenden Produkte nicht zu importieren)
war schon aus dem Schlusstext verschwunden. Dafür fand sich
eine Passage, die vorschrieb, alle Umsetzungsschritte müssten
WTO-kompatibel sein - was WTO-Recht sogar auf Nicht-Mitgliedsstaaten
ausgedehnt hätte.
Weltmeere retten - "wo möglich"
"Das Schlimmste konnten wir verhindern", freut sich Iris Strutzmann,
die für Global 2000 in Johannesburg war. "Zumindest eine Gleichstellung
von internationalen Umweltabkommen und WTO ist herausgekommen, und
das Vorsorgeprinzip wurde schließlich nicht in Frage gestellt."
Weitere kleine Erfolge auf dem Gebiet der Umwelt: Gefährdete
Fischarten sollen bis 2015 - falls es sie dann noch gibt - nicht
mehr überfischt werden. "Wo möglich." Und eine Sanitärabkommen
soll den Zugang zu sauberem Trinkwasser, der immer noch 1,1 Milliarden
Menschen fehlt, verbessern.
"Wie auf einem WTO-Gipfel"
Auf dem Gebiet der Armutsbekämpfung und Entwicklung brachte
der Gipfel, noch vor einem Jahr als Gipfel gegen die Armut gehandelt,
allerdings null und nichts. "Es wurden nur die Ergebnisse vergangener
Konferenzen wir der letztjährigen WTO-Konferenz in Doha und
der Konferenz zu Entwicklungsfinanzierung in Monterrey bestätigt
- kein Zentimeter Fortschritt, kein Cent mehr für Entwicklungshilfe.
Ich bin mir oft vorgekommen wie auf einem WTO-Gipfel, so oft wurde
auf deren Regeln verwiesen"; beklagt Judith Zimmermann. Die indische
Öko-Feministin Vandana Shiva benannte den als "Rio+10" bezeichneten
Gipfel daher kurzerhand in "Doha+10" um - zehn Monate nach der WTO-Konferenz.
Buhmann USA
Eine negativ herausragende Rolle spielten wieder die USA, die jeglichen
Lösungsansatz blockierten und sich so - wörtlich - zum
Buhmann der Konferenz machten. Die US-Regierung setzte dem noch
den Gipfel auf, als sie wenige Stunden nach Konferenzende verkündete,
sie betrachte die Ergebnisse des Gipfels nicht als völkerrechtlich
bindend. "World Summit of Shameful Deals - formerly known as World
Summit on Sustainable Development"" benannte der WWF den Gipfel
zum Abschluss.
Letzte Chance?
Als "letzte Chance für die Nachhaltigkeit" wurde Johannesburg
im Vorfeld gesehen. Diese letzte Chance scheint vertan - man wird
sich für die Zukunft andere Lösungsmöglichkeiten
für die Probleme der Welt überlegen müssen. Vielleicht
hätte die eine oder andere absurde Intervention die Grotesken
des Mammut-Gipfels aufzeigen können. Eine hätte die Chance
dazu gehabt: Die Grüne Abgeordnete Gabi Moser wurde beim Einchecken
verwechselt - und bekam den Zugangspass des australischen Delegationsleiters.
Leider übernahm sie damit nur das Recht auf Übergepäck
- und nicht die Ministerrede im Plenum. Sie hätte sicher erstaunt.
Corinna Milborn ist freie Journalistin in Wien.
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