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Die ganz normale Pleite
Der Bankrott eines europäischen IT-Konzerns
aus der Sicht eines einfachen Betriebsrats
Von Thomas König.
Als Teil des internationalen Konzerns KPNQwest
hatte die österreichische Tochter KPNQwest-Austria zu
Hochzeiten über hundertsechzig Angestellte. Trotz tiefgehender
"Restrukturierungsmaßnahmen" konnten die sogenannten Anleger
(also Banken und Eigentümerinnen) keinen Ausweg aus der Finanzmisere
mehr erkennen und drehten der Mutterfirma mit Sitz in Holland den
Geldhahn zu. Richtigerweise: wer um die vielen Millionen Euro weiß,
die zu Zeiten des "New Economy Booms" in nie verwirklichte Projektpläne,
in Contractors und Consultants und aufwendige Werbekampagnen verpulvert
wurden, und dagegen hält, wie wenig Auslastung die großgeplanten
Glasfasernetze und die damit verknüpften Hosting Points erreichten,
kann einem Unternehmen, das zur Aufrechterhaltung des laufenden
Betriebs täglich mehr als eine Million Euro Zuschuss (also
effektiv: Neuverschuldung) benötigt, nur noch die Mittel streichen
und - Konkursantrag stellen.
Dass es damit ausgerechnet ein Flaggschiff der europäischen
"New Economy" erwischte, war über die IT-Welt hinaus auch in
allgemeinen Wirtschaftsnachrichten Topthema. Tatsächlich legte
der Konzern, ein deutlicher Beweis für seine ernste Bemühung
um Seriosität, etwa viel Wert auf geregelte Arbeitsverhältnisse.
Während andere Unternehmen dieser Branche ArbeitnehmerInnenrechte
als antiquiert brandmarkten und so über intensivierte Arbeitsleistung
den Profit zu erhöhen trachteten, ging bei KPNQwest alles mit
rechtlich einwandfreien Dingen zu. Die Installierung und Wahl eines
Betriebsrats wurde explizit gutgeheißen. Trotzdem bleibt im
Rückblick auf meine Tätigkeit als Betriebsrat kein erfreuliches
Bild, im Gegenteil.
Denn Seriosität und Verantwortungsbewusstsein sind eben nicht
schon mit dem bloßen Anspruch darauf hergestellt. Dem Konzern,
gezimmert aus verschiedensten nationalen und internationalen Unternehmen,
fehlte in Wahrheit jegliche strukturelle Balance und eine vernünftige
Zielrichtung. Diese Schwäche war zu Zeiten, da die Branche
boomte, durch viel Geld zuzudecken. Doch schon damals, als das gesamte
Unternehmen noch siegesgewiss war (weil für resistent gegenüber
der allgemeinen New Economy-Krise gehalten), konnte der Betriebsrat
in der österreichischen Dependance nicht erreichen, etwa über
die neuesten Entwicklungen im Headquarter informiert zu werden.
Das hatte einen Verlust an Vertrauen seitens der MitarbeiterInnen
zur Folge.
In der Regel gab es unzählige Gerüchte, was denn gerade
die neueste Konzernausrichtung sei. Qualifizierte Äußerungen
gab es dazu - wenn überhaupt - nur im Nachhinein. Die wirtschaftliche
Wende kam schnell und sie kam unerwartet. Die Restrukturierung des
Konzerns - im Nachhinein ein lächerliches Unterfangen - begann
mit einer generalstabsmäßig geplanten Kündigungswelle.
Zuerst waren, von Montag bis Donnerstag, die einzelnen Country Departments
dran, am Freitag dann die (natürlich längst informierten)
KollegInnen im Headquarter. In Österreich, wo es insgesamt
64 MitarbeiterInnen (also ein Drittel der Beschäftigten) traf,
wurde etwa an einem Dienstag-Vormittag ein so genanntes Staff Meeting
abgehalten, in dem über die geplanten Kündigungen informiert
wurde und danach die Betroffenen in Einzelgesprächen abgefertigt.
Hätte irgendetwas anderes in dieser Firma so reibungslos funktioniert
wie der Ablauf dieses Vorgangs, vielleicht hätte es nicht ganz
so bitter enden müssen.
Mit diesen Entwicklungen war der Betriebsrat klarerweise überfordert.
Das Anliegen unseres Teams war am ehesten als "passiv bestimmt"
zu skizzieren, darunter verstanden wir, immer vermittelnd einzugreifen
und die Rechte der DienstnehmerInnen unbedingt zu schützen.
Allerdings: einerseits war das Vertrauen der Belegschaft in bestimmten
Belangen geschwunden. Andererseits wurde nach wie vor keine Information
rechtzeitig ausgegeben. Die Schritte, die nun gesetzt wurden, waren
aber sehr wohl von arbeitsrechtlichem Belang. Mit allen unsauberen
Mitteln, die eine Firma unter Druck nun mal anwendet, wurden Auszahlungen
willkürlich beschnitten, Überstunden nicht abgegolten,
und andere Unrechtsmäßigkeiten durchgeführt. Zwei
Grundprobleme wurden dabei für den Betriebsrat offenbar:
- Unklar blieb die Stellung des betriebsrätlichen Einspruchvermögens
für eine österreichische Tochterfirma, wenn die Entscheidungen
und arbeitsrechtlich illegalen Maßnahmen im Headquarter, also
in Amsterdam, getroffen wurden. So wie es keine Informationsweitergabe
gegeben hatte, so wurde auch hier keine Rücksprache gehalten.
Zusammenarbeit mit anderen Betriebsräten in anderen Länderabteilungen
konnte aufgrund der immer verschiedenen rechtlichen Lage nicht erzielt
werden.
- Für ein auf ein Klein- und Mittelunternehmen ausgelegtes
Team von fünf nicht freigestellten BetriebsrätInnen war
es unmöglich, neben der Betreuungstätigkeit und Vertretungsarbeit
für die MitarbeiterInnen auch noch die rechtlichen Fragen,
die sowohl national als auch international aufgeworfen wurden, befriedigend
zu klären. Ein größeres Team wäre allerdings
nicht gerechtfertigt gewesen: So lief der Betriebsrat den Ereignissen
immer hinterher, anstatt sie - um bei dem Bild zu bleiben - zu begleiten.
Subjektiv ergab sich daraus - trotz vielfältiger gewerkschaftlicher
Unterstützung - ein Gefühl von Überforderung, auch
von Frustration, wenn man sich vergegenwärtigte, in einem undurchschaubaren
Gestrüpp von lokalen, von allgemeinen Managementinteressen,
von strukturellen und hierarchischen Unzulänglichkeiten, von
schlichten Stillständen infolge der radikalen Einsparungsmaßnahmen
zu stecken. Komplettiert wurde die Misere durch ständige Übergriffe
auf die rechtlichen Standards der MitarbeiterInnen und die bange
Frage, welche negativen Überraschungen noch auf uns warteten.
Im Ganzen ist ein substantielles Strukturproblem für europäische
Konzerne zu konstatieren. Es ist bei allen über nationale Grenzen
gehende Firmengründungen nach wie vor eine weit über bloße
Vernetzung hinausgehende Aufgabe, eine einheitliche, tragfähige
und belastbare Firmenstruktur herzustellen. Sie verlangt, über
rechtliche, wirtschaftspolitische, und nicht zuletzt sprachliche
Unterschiede Bescheid zu wissen. Auch wenn Betriebsräte hier
eine vermittelnde Funktion haben können, ist das vor allem
eine kostenintensive Angelegenheit. Und sind diese Kosten einmal
nicht mehr zu tragen, zerfällt nicht nur das Unternehmen in
beeindruckender Rasanz - erste Leidtragende sind dann jedenfalls
die MitarbeiterInnen, deren Ansprüche und Rechte zu Staub zerfallen.
Im Gewirr verschiedener rechtlicher Standards ist es für einfache
Betriebsräte schwer bis unmöglich, Überblick zu behalten
und handelnd einzugreifen.
Thomas König war Betriebsrat bei KPNQwest-Austria.
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