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Topthema Pragmatisierung
Es ist evidente Absicht, den Versetzungsschutz
der Lehrerinnen zu eliminieren.
Von Gabriele Bogdan.
Zur Erläuterung sei gesagt, dass
seit ungefäher zehn Jahren ein starker (von der Behörde
gelenkter) Trend von beamteten LehrerInnen hin zu vertraglichen
PädagogInnen festzustellen ist. Wurden noch Mitte der achtziger
Jahre alle NeueinsteigerInnen sofort provisorisch pragmatisiert,
so werden nunmehr Junglehrerinnen nur mehr mit befristeten Verträgen
eingestellt. Vor zehn Jahren kämpften wir noch dagegen, dass
Kolleginnen nicht zwei Jahre hindurch vertraglich blieben. Mittlerweilen
sind einige Dienstrechtsnovellen - wieder ohne Gegenwehr der Gewerkschaft
- beschlossen worden und eine Wartezeit auf einen sicheren Arbeitsplatz
von sieben Jahren festgesetzt worden.
Angemerkt muss aber auf jeden Fall werden, dass die Pragmatisierung
allein bei den Landeslehrerinnen keinesfalls vor de facto Versetzungen
von einer Schule in die andere schützt. Die Länder sind
nämlich in sogenannte Inspektionsbezirke (IB) eingeteilt und
diese gelten als Dienststelle, nicht der tatsächliche Dienstort
Schule (in Wien sind kleinere Bezirke zu einem IB zusammengefasst).
Als (fast) echten Versetzungsschutz hat man deshalb im Dienstrecht
sogenannte "schulfeste Stellen" vorgesehen. Das heißt von
den pragmatisierten KollegInnen können ein bestimmter Prozentsatz
um solche Stellen ansuchen. Fast echter Versetzungsschutz deshalb,
weil selbst für pragmatisierte KollegInnen eine vorübergehende
Dienstzuteilung ohne Zustimmung möglich ist, solange diese
nicht drei Monate übersteigt. In den Bundesländern werden
aus Mangel an Vertragslehrerinnen (weitgehender Aufnahmestopp) pragmatisierte
KollegInnen in die Springerreserve versetzt. So sieht also der "Versetzungsschutz"
aus.
Scheibchenweise Demontage
Zu Beginn des vorigen Schuljahres wurde von der Wiener Stadtregierung
guter Wille gezeigt. Es sollte ein Sparsignal an die blauschwarze
Y2K-Regierung sein. Stadträtin Brauner gab für den Statdschulrat
die Parole aus, dass sie weiter pragmatisieren würde, wenn
im Gegenzug die schulfesten Stellen nicht mehr ausgeschrieben werden
müssten. Der Zentralausschuss (ZA) der Personalvertretung wurde
um Stellungnahme ersucht. apflug stellte sich dagegen. Begründung
war, dass dies der erste Schritt zur Abschaffung der Pragmatisierung
sei. Die freiwillige Aufgabe des unmittelbaren Versetzungsschutzes
zu Gunsten des relativen Kündigungsschutzes schafft eine schlechte
Ausgangsposition gegenüber dem Dienstgeber. Man musste kein
Prophet sein um die Salamitaktik zu durchschauen. Trotzdem wurden
wir belächelt und als ewige Nein-Sager hingestellt. Der Deal
wurde natürlich perfekt.
Jetzt ist es also soweit
Aus Regierungskreisen (Riess-Passer) kam nun der Vorstoß,
es sei als Ziel die Entpragmatisierung der LehrerInnen angepeilt
. Das übliche Verwirrspiel setzte ein. Der Herr Bundeskanzler
versuchte zu beruhigen. GÖD-Chef Neugebauer meinte dazu, die
Frau Vizekanzlerin träume nur so vor sich hin. Und auch Landeshauptleute
durften träumen.
So äußerte der ehemalige Religionslehrer und jetzige
Oberösterreichische Landeshauptmann Pühringer, dass nur
dort pragmatisiert werden sollte, wo ein öffentliches Schutzbedürfnis
bestehe. Außerdem solle die Pragmatisierung nicht die einzige
Möglichkeit sein, befördert zu werden. Es müssten
allerdings andere Anreize geschaffen werden, die die Entpragmatisierung
schmackhaft machen. Er strapaziert das sattsam bekannte Argument
wenn wohl erworbene Rechte für obsolet erklärt werden:
"Der ursprüngliche Grund für die Pragmatisierung sei nicht
mehr zeitgemäß." Als ob die Pragmatisierung eine Modeerscheinung
gewesen wäre. Er meint, "die LehrerInnen vor der Ungnade der
Herrschenden zu schützen sei in einer Demokratie nicht mehr
angebracht."
Abkaufen trotz Nullsummenspiels
Im Ländle sei die Pragmatisierung bereits seit eineinhalb
Jahren abgeschafft. Landeshauptmann Sausgruber kann sich vorstellen,
die Gewerkschaft für eine bundesweite Abschaffung begeistern
zu können. Bei gleichbleibender Lebensverdienstsumme (!) könne
man den jüngeren KollegInnen ja höhere Bezüge auszahlen.
Das würde zwar einiges kosten, wäre aber langfristig eine
Einsparung. Schließlich bestätigt Klubobmann Khol das
Regierungsziel und den Willen zur "Aufgabenreform". Diese sieht
die Deregulierung und Privatisierung bisher öffentlicher Dienste
unter Einbeziehung des Schulwesens vor. Die so genannte "Raschauer-Studie"
ist dafür die Grundlage (Zerschlagung des öffentlichen
und unentgeltlichen Schulwesens). Aufschreie der Gewerkschaftsbasis
waren beim Gewerkschaftstag im Oktober 2001 lauthals zu vernehmen.
Beschlüsse dagegen wurden gefasst. Die Gewerkschaftsspitze
wiegelte ab: "Kommt ja alles sowieso nicht." Und was ist jetzt?
Nur ein halbes Jahr nach dem Gewerkschaftstag verkündet die
Regierung genau die Ziele des Raschauer-Papiers als Voraussetzung
zur Erreichung ihrer Aufgabenreform.
Entpragmatisierung - eine neue Erfindung?
Nicht erst seit unserer Zugehörigkeit zur EU wollen die Stimmen
gegen die Pragmatisierungen von Beamten nicht verstummen. Es ist
ein Streit der unterschiedlichen Interessen. Diametral entgegengesetzte
Interessen. Der Idee des Miteinander gegen die Idee Jeder gegen
Jeden. Ein Streit des Sozialstaats gegen das Diktat der "freien"
Wirtschaftsinteressen. Ein Dorn im Auge der privaten Wirtschaftstreibenden
war von jeher der staatliche Betrieb und seine BeamtInnen. Sowohl
die verstaatlichte Industrie, als auch der Dienstleistungssektor
wurde in der Öffentlichkeit immer als Klotz am Bein dargestellt.
Aufgeblähte Verwaltungsapparate und träge ablaufende Verwaltungsverfahren
verstellten vielfach den Blick auf die sinnvolle und vor allem gesellschaftlich
notwendige Arbeit und arbeiteten so den AnhängerInnen vom lean
government in die Hand.
Profitorientierter Sozialstaat?
Außer Acht gelassen wird dabei, dass ein Staat weitgehend
auch eine "Non Profit Organisation" ist. War diese Grundidee beim
Aufbau des Sozialstaates noch ein wesentlicher Faktor (stark gemildert
durch die Verstaatlichten Wirtschaftsbereiche), ist dies für
die VertreterInnen der Idee "Mehr Privat, weniger Staat" kein Thema
mehr. Die gemeinnützigen Aufgaben des Staates werden damit
zur Spielwiese des Profitdenkens. Resultate dieser Einstellung sind
Auslagerungen von Aufgaben beziehungsweise deren Privatisierung.
Vorgegaukelt wird, dass dadurch der Staat entlastet wird, was sich
logischerweise in der Steuerlast auswirken müsste.
Tut es aber nicht, wie hinlänglich bewiesen wird. Ausgelagert
werden die Bereiche, die privaten Unternehmer gewinnbringend erscheinen.
Was bleibt ist defizitär und muss durch erhöhtes Steueraufkommen
finanziert werden. In der Logik der "UmverteilerInnen nach oben"
im vorher erwähnten Verhältnis (wie kurzsichtig diese
Position ist zeigen die schon laut werdenden Klagen des Handels
über Verkaufsrückgänge).
Ein großer Dorn im Auge ist das Personal des Dienstgebers
Staat. Was noch in den siebziger und achtziger Jahren von den damaligen
Regierungen propagiert wurde, nämlich dass ein Mehr an Staatsschulden
weniger tragisch ist als Arbeitslosigkeit, hatte seine positive
Auswirkungen. Der Staat und halbstaatliche Bereiche stellten vermehrt
Personal an und nahm so eine soziale Aufgabe wahr, die in den letzten
Jahren unter dem Druck konservativer Wirtschaftskräfte umgekehrt
wird. Der Staat, heißt die verantwortliche Vizekanzlerin,
verfährt mit dem Personal in einer Weise, wie kaum ein privates
Unternehmen. Da werden Entlassungen angekündigt, Ultimaten
gestellt, Gehaltskürzungen und Arbeitszeitverlängerungen
etc. eingeführt, kurzum Arbeitsverhältnisse und damit
Lebensverhältnisse drastisch verschlechtert., wobei oftmals
einmal abgeschlossene Verträge mir nix dir nix einseitig abgeändert
werden.
Gabriele Bogdan ist Lehrerin in Wien und Aktivistin der APFL/UG.
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