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Der Standort der Zukunft
Wohin zieht die neue Zeit? In einer Reihe von
Veranstaltungen versucht der ÖGB unter dem Motto "Startschuss
Zukunft" eine Standortbestimmung.
Von Wolfgang Kainrath.
Was sind die Bedingungen der Arbeitsgesellschaft
in der Ära des neoliberalen Spätkapitalismus, was
kann und muss die Gewerkschaft unter diesen Umständen von der
Politik verlangen? Das Thema ist interessant, gemeinsam mit Kurt
Lang und Markus Koza besuchte ich also als AUGE-Vertreter am 22.
März 02 die ÖGB-Konferenz: "Sicherung des Wirtschaftsstandortes"
in Stoob.
Unter den Unterlagen, die den Delegierten zugesandt worden waren,
befand sich auch ein Papier mit "Zehn Argumenten für den Standort
Österreich" des ÖGB. Der erste Punkt lautete, dass die
Standortdebatte von Unternehmerseite für die Fortführung
des Sozialabbaus missbraucht würde. Mit diesem Gedanken geht
die Gewerkschaft aber der Unternehmerseite bereits in die Falle:
Es ist kein Missbrauch, aus Unternehmersicht zählt zur Standortqualität
eben die billige, aber trotzdem leistungsfähige Arbeitskraft.
Wenn wir uns auf dieser Ebene auf die Debatte einlassen, wenn wir
Standortqualität in erster Linie aus Unternehmersicht sehen,
können wir besten Falls mit den Versäumnissen der Gewerkschaft
(niedrige Lohnstückkosten, geringe Streikdichte etc.) um Verständnis
bei der Gegenseite werben. Charakteristischerweise begann Stefan
Schulmeister seinen Vortrag mit den Worten: "man versetze sich in
die Situation des einzelnen Unternehmers". Selbst in Gewerkschafterkreisen
wird also Wirtschaftspolitik aus der Sichtweise des Unternehmers
betrachtet. Wo bleiben die Interessen der Beschäftigten, wenn
selbst unsere Vertreter sich die Köpfe für die Interessen
der Unternehmer zerbrechen? In der wirtschaftspolitischen Debatte
verlange ich von meiner Gewerkschaft, dass sie die Interessen der
unselbständig Beschäftigten vertritt und nicht, dass sie
den Unternehmern erklärt, warum es für sie eventuell auch
ganz gut wäre, wenn sie die Löhne ein wenig anheben. Subjekt
dieser Debatte müssen die Beschäftigten sein und nicht
die Unternehmen, deren Interessen von Wirtschaftskammer, Regierung
und Boulevardpresse bestens vertreten sind!
Natürlich kann sich Wirtschaftspolitik nicht in der Forderung
nach adäquater Artikulation der Interessen der Beschäftigten
allein erschöpfen, trotzdem hätte ich auch gerne die Frage
erörtert, was Standortqualität aus Sicht der Beschäftigten
bedeutet. Hier muss der Fokus wohl auf infrastrukturellen Möglichkeiten,
z. B. geeignete Kinderbetreuung, sowie passenden rechtlichen und
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen liegen.
Inhaltlich wurden auf der Tagung die wirtschaftspolitischen Grundsätze
des ÖGB jedoch recht deutlich gemacht, vor allem in den Referaten
der Wifo-Experten Markus Marterbauer und Stefan Schulmeister und
der daran anschließenden Diskussion. Nach der Begrüßung
durch Fritz Verzetnitsch sprach Markus Marterbauer zum Thema "Österreich
im internationalen Vergleich". Er zeichnete ein wesentlich freundlicheres
Bild des Wirtschaftsstandortes Österreich, als es dem üblichen
Gejammer von Wirtschaftskammer und Konsorten entspricht.
Im Vergleich zum Rest der EU hat unser Land seit den siebziger
Jahren eine wirtschaftliche Erfolgsstory hingelegt. Der Wachstumsvorsprung
ist in den neunziger Jahren jedoch zu einem Rückstand geworden,
dessen Ursache im Ende der antizyklischen Wirtschaftspolitik und
den rigorosen öffentlichen Sparprogrammen gesehen wird. Bei
den Investitionen, deren Niveau gemessen am BIP in Österreich
erfreulich hoch ist, empfiehlt er eine qualitative Neuorientierung
auf Forschung und Entwicklung etwa im Bereich der Telekommunikation,
die derzeitige Fixierung auf die wenig arbeitsplatzintensive und
wenig zukunftsträchtige Bauwirtschaft sollte gelöst werden.
Die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft
sei hoch, im Vergleich zu den wichtigsten Handelspartnern seien
die Lohnstückkosten in den letzten elf Jahren um vierzehn Prozent
zurück gegangen. Im Durchschnitt liegen die Preise, die österreichische
Firmen für ihre Produkte am Weltmarkt erzielen, unter denen
der anderen Industrieländer. Um die Wettbewerbsfähigkeit
weiter zu verbessern, empfiehlt Markus Marterbauer einen vollen
Einstieg in die EU-Osterweiterung, von der Österreich wirtschaftlich
am meisten profitieren würde. Von der EU wünscht er sich,
die einseitige Fixierung der Wirtschaftspolitik an der Geldpolitik
abzulegen. In Österreich müsste eine ausgewogene Lohn-
und Sozialpolitik die Inlandsnachfrage sichern, gleichzeitig sollten
am Arbeitsmarkt Weiterbildungsmaßnahmen wieder mehr gefördert
werden. In diesem Zusammenhang kritisierte er die für Beschäftigte
fehlende Möglichkeit zur steuerlichen Absetzbarkeit von Weiterbildungsmaßnahmen,
die für Unternehmen gegeben ist.
Auf dem Arbeitsmarkt, dessen Daten im internationalen Vergleich
gut sind, sieht Markus Marterbauer die größten Herausforderungen.
Ein wichtiger Punkt ist die geringe Erwerbsquote älterer Beschäftigter,
die die österreichische Abart der Arbeitszeitverkürzung
darstellt. Dabei werden die Kosten der Arbeitszeitverkürzung
von den Sozialversicherungen getragen und nicht von den Unternehmen.
Die gebotene Erhöhung der Beschäftigungsquote älterer
KollegInnen ist meines Erachtens nicht zu trennen vom Thema Arbeitszeitverkürzung!
Auch die Erhöhung der Frauenerwerbsquote sieht Markus Marterbauer
als Herausforderung. Bei diesem Thema müssen gesellschaftspolitische
Voraussetzungen erst geschaffen werden, die zu erwartenden Folgen
für die österreichische Gesellschaft werden viele, vor
allem konservative, Akteure abschrecken. Fast wichtiger als die
Quote sehe ich bei der Frauenbeschäftigung die Qualität.
Bekanntlich öffnet sich die Gehaltsschere zwischen Frauen und
Männern - außer bei den BeamtInnen - immer weiter, der
Frauenanteil bei den "atypischen" ist überproportional hoch,
in den höheren Einkommensschichten sehr niedrig. Bevor diese
qualitative Lücke bei der Frauenbeschäftigung nicht geschlossen
ist, kann die Erhöhung der Quote nicht gefordert werden. Nicht
zuletzt sieht Markus Marterbauer auch für den Arbeitsmarkt
die Förderung der Weiterbildung als Crux.
Sicher ist es wichtig, dem Gejammer der Unternehmer über die
angeblich geringe internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen
Wirtschaft mit Zahlen und Fakten entgegen zu treten. Leider sind
die Faktoren, die zu dieser hohen Wettbewerbsfähigkeit führen,
zu einem guten Teil auf die Schwäche der Gewerkschaft zurück
zu führen, wie zum Beispiel die niedrigen Lohnstückkosten.
Die gute Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Unternehmen
im internationalen Vergleich beruht auf dem Umstand, dass die Rationalisierungsmarge
im letzten Jahrzehnt beinahe ausschließlich der Kapitalseite
zugefallen ist. Dass gerade die Gewerkschaft mit diesem Umstand
hausieren geht, ist peinlich.
Der zweite Vortragende, Stefan Schulmeister, einer der Mitinitiatoren
des Sozialstaatsvolksbegehrens, behauptete an Hand einiger Zusammenhänge
die Vereinbarkeit von Sozialstaat und Wettbewerbsfähigkeit.
Leider wird auch hier unter Wettbewerbsfähigkeit nur diejenige
der Unternehmen im internationalen Vergleich verstanden. Doch nimmt
Stefan Schulmeister einen Standpunkt ein, der die Massennachfrage
als wesentlichen Motor wirtschaftlicher Entwicklung in den Mittelpunkt
stellt und daher eine Neuordnung der Verteilungspolitik zu Gunsten
der Beschäftigten auch als im Interesse der Unternehmer darstellt.
Unter anderem pries Stefan Schulmeister die hohe Motivation österreichischer
ArbeitnehmerInnen als positiven Standortfaktor. Gute Beispiele für
die hohe Identifikation mit dem Betrieb waren dann die beiden Referate
des Nachmittags, gehalten von den BR-Vorsitzenden von BMW-Motoren-Steyr
und OMV, Herbert Pühringer und Leopold Abraham. Ihre Vorträge
hätten, abgesehen von den eingestreuten Forderungen nach Entlastungen
für die ArbeitnehmerInnen und Stopp des Sozialabbaus, auch
von den Marketing-Direktoren der betreffenden Konzerne gehalten
werden können. Durch die sehr betriebsspezifische Sichtweise
waren die beiden Referate für die Entwicklung des Themas meiner
Ansicht nach nicht so förderlich.
Interessant waren auch die Diskussionen. Gleich zu Anfang warnte
ein Funktionär vor den negativen Folgen der EU-Osterweiterung
für den österreichischen Arbeitsmarkt. Die Angst vor den
"Billigarbeitern im Osten" sitzt vielen Gewerkschaftern in den Knochen,
scheint es. Wir haben dieser Meinung widersprochen, schließlich
darf unsere Solidarität nicht an der Grenze enden! Offensichtlich
hat der ÖGB es aber jetzt schwer, die teilweise selbst geschürten
Ressentiments der Werktätigen gegen die KollegInnen in den
Reformländern abzubauen. Leider ist mir auch aufgefallen, dass
selbst die Funktionäre im ÖGB Worte wie "Lohnnebenkosten"
oder "Schwarzarbeit" - wir sollten von Schwarzunternehmertum sprechen
- ziemlich unreflektiert verwenden. Unter diesen Umständen
frage ich mich, warum der ÖGB die Debatte nicht auf das ebenfalls
von der Wirtschaftskammer betriebene Thema "Lohnnebenkosten" verlegt,
wo begrifflich leichter zu argumentieren wäre. Bei einer Standortdebatte
aus Unternehmersicht, wo die niedrigen Wegekosten für die Unternehmen
eine nahezu mühelose Entkopplung von Produktion und Absatz
erlauben, kann die Gewerkschaft nur mit internationaler Solidarität
ihre Stärke gegen die Unternehmerseite behaupten. Wie verlässlich
diese ist, wird EGB-Präsident Fritz Verzetnitsch wohl wissen
....
Fazit ist, dass wirtschaftspolitische Perspektiven aus Sicht der
Beschäftigten noch im Entwicklungsstadium sind. Der Standpunkt
der Beschäftigten als wirtschaftspolitisches Subjekt ist noch
weit gehend unbestimmt, selbst eine gemeinsame Sprache müssen
wir erst finden. Nur Erfolge von Unternehmungen werden als wirtschaftliche
Erfolge betrachtet, die Verteilungsproblematik, andere soziale und
ökologische Effekte bleiben in der summarischen Darstellung
wirtschaftlicher Vorgänge unberücksichtigt. Die Entwicklung
ist jedoch gerade zu diesem Zeitpunkt ungemein spannend.
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