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Alternative April 2002

 

Gewerkschaftsfusion:

Prinzip Hoffnung

Das Bild, das derzeit von der Elefantenhochzeit der Gewerkschaften nach außen transportiert wird, lässt ja nicht viel Grund zur Hoffnung: Fünf eher ältere Herren, die daran gehen den Grundstein für eine neue, noch viel bessere Gewerkschaft zu legen. "Aha", denken sich Frauen und junge Menschen und wenden sich ab. Doch noch lebt die Hoffnung ....

Von Klaudia Paiha.

 

BetriebsrätInnen und Gewerkschaftsmitglieder fühlen sich gefrozzelt: "Ihr baut eine neue Gewerkschaft und fragt uns nicht einmal, was wir dazu meinen, was wir dazu beizutragen hätten. Keine Frage nach ‚findet ihr das ebenfalls gut?’, ‚was sind eurer Meinung nach unverzichtbare Eckpunkte einer neuen Gewerkschaft, welche Ideen und Vorschläge habt ihr einzubringen, welche Hoffnungen, Ängste, Befürchtungen verbindet ihr mit der Fusion ...’" - pardon, das Wort "Fusion" wird ja nicht mehr verwendet, denn da sind wir als ArbeitnehmerInnen aufgrund unserer betrieblichen Erfahrungen ja schon gebrannte Kinder. Das wissen wir ja schon, da gibt es immer Unterlegene. "Wir bauen eine neue Gewerkschaft", heißt es jetzt. Soll mir recht sein. Mir geht’s ja viel mehr um das Was und Wie.

Vorgeschichte

Kurz zur Erinnerung: vergangenen Oktober wurden ja sowohl Öffentlichkeit als auch GewerkschaferInnen - inkl. ÖGB-Präsident - mit den Fusionsabsichten (damals hieß das noch so) der Gewerkschaften GPA und Metall-Textil (GMT) überfallen. Die Folge war heftigstes Rumoren unter den anderen Gewerkschaften und die Herausbildung dreier Blocks: zu GPA und GMT gesellten sich die Gewerkschaften Agrar-Nahrung-Genuss (ANG), Chemie und Druck, Journalismus, Papier (DJP). Quasi als Gegengewicht schlossen sich die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, Bau-Holz, EisenbahnerInnen, Kunst, Medien, Sport und freie Berufe, etc. zusammen und die GÖD genügt sich nach wie vor selbst. Immerhin, es kam Bewegung in die seit zwölf Jahren am Platz tretende Organisationsreform des ÖGB.

Trotz Kritik an der Vorgangsweise gaben wir im Herbst dem Fusionsprojekt GPA-GMT unsere Zustimmung - schon alleine deshalb, um die anachronistische Trennung zwischen ArbeiterInnen und Angestellten endlich zu beseitigen. Allerdings unter der Bedingung, dass in der neuen Gewerkschaft die Rechte und Beteiligungsmöglichkeiten der Mitglieder substantiell erweitert würden. Vom Vorsitzenden Sallmutter höchstpersönlich wurde versprochen, sich um Aufnahme eines entsprechenden Passus in die Vereinbarung zwischen den Gewerkschaften zu bemühen. Ein Textvorschlag wurde von uns vorgelegt.

Aktuell

Und - siehe da - in der zur Kenntnis gebrachten Vereinbarung der nunmehr fünf Gewerkschaften findet sich tatsächlich die Überschrift "Stellenwert der Mitglieder". Allein, was danach an Ausführungen dazu folgt, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: "Wir wollen einen aktiven Beitrag zur Zukunft der österreichischen Gewerkschaftsbewegung leisten. Wir wollen Kräfte bündeln und das Leistungsangebot für unsere Mitglieder verbessern. In dieser neuen Gewerkschaft werden Menschen aus vielen, sehr unterschiedlichen Berufen vertreten sein .... Wir wollen eine neue, flexible Gewerkschaft bauen, die kompetent agieren und auf die jeweiligen Entwicklungen in der Wirtschaft schnell und angemessen reagieren kann. Die neue Gewerkschaft wird nicht von heute auf morgen gebaut sein. Sie soll mit Bedacht, aber auch mit der notwendigen Zielstrebigkeit gestaltet werden". Ja, hallo Mitglied - wo versteckst du dich denn? Ach ja, Leistungen wollen wir für dich. Schön von uns, nicht? Beteiligungsmöglichkeiten? Selbstorganisationsmöglichkeit für MigrantInnen und Atypische? Wozu denn, wir erledigen eh alles für euch. Haben wir ja bisher schon so toll gemacht.

Besonders ärgerlich wird’s, wenn man die ursprüngliche Fassung gegenüberstellt: genau der selbe Text, der damals als Einleitung diente, wurde nun einfach mit "Stellenwert der Mitglieder" überschrieben. War’s ein redaktionelles Versehen, ist ihnen der Textbaustein irgendwie ’rausgerutscht - oder ist es pure Verhöhnung?

Aber so leicht geben wir nicht auf.

Erste Schritte

Beim Bundesvorstand der GPA ebenso wie bei den Vorständen der anderen beteiligten Gewerkschaften im vergangenen März, lagen eine Liste erster gemeinsamer Projekte sowie ein Organigramm des Projektaufbaus vor.

Erster Schock: in der gesamten Projektleitungsstruktur kommen zwei Frauen vor - bei insgesamt neunzehn beteiligten Personen. Die Begründung ist ganz einfach: die politische Leitung obliegt den Vorsitzenden der Gewerkschaften, die inhaltliche den ZentralsekretärInnen. Pech, dass es da nur eine Frau gibt ... (die zweite Frau ist eine der beigezogenen BetriebsrätInnen).

Zweiter Eindruck: alles sehr technisch. Die vorgeschlagenen Projekte bewegen sich von der Planung des neuen Gewerkschaftshauses bis zur Organisation der Betriebsbetreuung in den Regionen. Von politischer Ausrichtung und Strategien ist nur im Projekt Kollektivvertrag die Rede.

Und drittens eben die Sache mit den Mitgliedern - oder, besser gesagt, die ohne Mitglieder.

Alles das verleitete uns zu einem eigenen Antrag: Bildung einer Projektgruppe "Identität - Solidarität", die sich mit der Rolle und den Mitbestimmungsrechten der ArbeitnehmerInnen am Arbeitsplatz einerseits und in der Gewerkschaft andererseits beschäftigen sollte.

Ende gut, alles gut?

In der Präsentation der ersten Schritte und der Diskussion wurde es klarer: eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Projekte muss erst noch erfolgen, weitere, wie etwa zu "Frauenorganisation in der neuen Gewerkschaft", "Mitbestimmung", ... sind bereits angedacht, Gender Mainstreaming ist Grundvoraussetzung in den Projektgruppen, das Strukturelement der Interessensgemeinschaften soll in die neue Gewerkschaft eingebracht werden, etc. Auch für unseren Antrag wurde eine Lösung gefunden: ersterer Teil soll in konkreten anderen Projektgruppen mit behandelt werden, zweiterer könnte - nicht sofort, aber im Laufe des Prozesses - ein eigenes Projekt werden.

Nun liegt es in den Händen der Projektleitung, ob aus dem künftigen Standort der Gewerkschaft, dem ehemaligen Mautner-Markhof-Kinderspital, eher ein Hospiz oder eine Geburtsstation wird.

Ich bin eine hoffnungslose Optimistin, so positiv denkend, dass es schon an Esoterik grenzt: Ich glaub’ dran und bin zuversichtlich.

 

Alternative April 2002